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Ausgabe:

1897

Spalte:

193-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kleis, J.A.

Titel/Untertitel:

Luthers ‚heiliges‘ Leben und ‚heiliger‘ Tod 1897

Rezensent:

Bossert, Gustav

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der I. Auflage von Krumbachers Gefchichte der byzan- I
tinifchen Litteratur erhoffen zu dürfen glaubte, nämlich
Befeitigung, bezw. Berichtigung der bisher üblichen Ein-
feitigkeit des Urtheils über das byzantinifche Schriftthum |
und die ganze byzantinifche Kulturwelt, Eröffnung eines j
weiten, lohnenden Arbeitsfeldes für alle in den alten,
ausgetretenen Geleifen philologifcher Forfchung müde
gewordenen wiffenfchaftlichen Arbeiter, und Förderung
und Belebung eben diefer byzantinifchen Studien, durch
die 2. Auflage des Werkes in noch viel höherem Mafse j
geleiftet werden wird.

Wandsbeck. Johannes Dräfeke.

Kleis, Miffionsprieft. J. A. Luthers .heiliges' Leben und

.heiliger Tod. Aus dem Norwegifchen überfetzt von
J. Olaf. Mainz, F. Kirchheim, 1896 (VIII, 248 S. gr. 8.)

M. 3 — geb. M. 4 —

,Adversarionun antesignani e grege sacrificulorum et
monaehoriim, dici non potest, quantis 110s mettdaciis con-
spuant, nova cottidie comniiniscentes, quae, licet non ab-
surda, sed impossibilia sint, inveniunt tarnen ex omnium
ordiiubus, qui ea credant et aliis iure iurando ita se
habere affinnen?, fchrieb Butzer am 27. Juli 1526 an die
Brüder in Italien im vierten Band feiner lateinifchen
Ueberfetzung von Luthers Kirchenpoftille. Treffender
kann man das Schmähbuch von Kleis nicht characteri-
firen. Beim erften Durchblättern wollte es dem Ref.
faft fcheinen, als ob irgend ein Schelm fleh mit der Leichtgläubigkeit
des Ultramontanismus hier einen ähnlichen
graufamen Scherzerlaubt hätte, wie mitMifsDianaVaughan.
Denn die Farben find hier fo ftark aufgetragen, die Behauptungen
fo kühn, dafs man fie kaum ernft nehmen
kann. Aber der Verfaffer (47.Julil895)warMiffionspriefterin
Chriftiania, der mit dem Buche krebfen wollte, und wendete
fleh gegen die Schrift von Profeffor Dr. Nieifen in Kopenhagen
.Römifch-katholifche Angriffe auf die Perfon
Luthers'. Ihm war es alfo ficher blutiger Ernft, Luther
als ein wahres Scheufal moralifcher Verkommenheit dar-
zuftellen und gleich Majunke ihn zuletzt am Strick durch
eigene Hand enden zu laffen, während daneben das
katholifche Prieftertum im höchften Glorienfchein von
Vollkommenheit glänzt. Vgl. S. 25. 55, wo fchüchtern
zugeftanden wird, dafs der .katholifche Priefterftand mitunter
Mitglieder von zweifelhafter Sittlichkeit gehabt.'
Luther ift ein .alter Heuchler' S. 65, befitzt eine ,cyni-
fche und lüftern fchmutzige Beredsamkeit' S. 59, ,litt
am morbus Franciae1 S.74, bes. Anm., redet, ,wie es nur j
ein vollkommener Pornograph thun kann' S. 81, ift der
,Trunkfucht' verfallen S. 44. 108, wurde am Abend vor
feinem Tod .betrunken zu Bett gebracht.' S. 247.

Er hat in der Predigt vom ehlichen Leben der Haus- |
frau das ,Recht' zugeftanden, Ehebruch zu begehen, ,dem
Hausherrn räth er geradezu an, in beftimmten Verhält-
niffen ein unfchuldiges Dienftmädchen zu mifsbrauchen
und das arme Kind für fein ganzes Leben mit Schande
zu bedecken.'S. 51. .Katharina von Bora genas 14 Tage
nach der Hochzeit eines Knaben.' S. 75. Erasmus hat
es ja am 6. Oktober 1525 an Daniel Mauch und am 21.
December an Everard berichtet, feinen Widerruf aber
am 13. März 1526 hat der Nachtreter Weislingers, Engelhard
, für unächt erklärt. Seinen .Freund und Hauptmitarbeiter
'Melanchthon hat er ,öfters' mit.höchft eigener
Hand beohrfeigt.' S. 66, 104, 143 Anm., wofür Wilhelm
Meinhold als Zeuge genannt wird, deffen Bibliothek Ma- j
junke geerbt hat, der in ihr die Quellen für feine hervorragende
Leiftung über Luthers Selbftmord fand. S. 161.

Wer in diefer Weife eine moralifche Hinrichtung
vollziehen will, mufs genügend wiffenfehaftlich gebildet
fein, Luther aus feinen Originalfchriften genau kennen,
das ganze in Betracht kommende Material beherrfchen
und fleh der äufserften Genauigkeit in der Anführung
und Benützung feiner Quellen befleifsen.

Die Wafifenrüftung des Verfaffers befteht neben einem
ftarken Mut im Behaupten, einer rabuliftifchen Gewand-
heit und einer ziemlichen Federfertigkeit in einer fehr
oberflächlichen Kenntnifs der Wirklichkeit und der Gefchichte
, wie er fie im Jefuitenkollegium in Turnhout
erworben. Nur einige kleine Proben: ,Der deutfehe
Kaifer Heinrich IV. wollte mit allen Mitteln die Priefter-
ehe einführen'. S. 54. ,Auf Tetzel kann die katholifche
Kirche ftolz fein.' S. 16. ,Ohne Philipp Melanchthon
würde man keines der urfprünglichen fymbolifchen
Bücher, weder die Hypotypofen, noch die Augs-
burgifche Confeffion, noch die Apologie haben' S. 69.
S. 143 ift Melanchthon zum Doktor, Barth. Feldkirchen
S. 31 zum Abt in Kemberg avancirt. .Eine
Reform eines ganzen Ordens oder auch nur eines
Klofters in Bezug auf die Keufchheit brauchte nie ftatt-
zufinden' S. 52, wozu man nur z. B. die Gefchichte des
Barfüfserklofters in Ulm und des Söflinger Clariffenklofters
vergleichen darf. Württb. Kirchengefchichte (Stuttg. u.
Calw 1893) S. 204. Der Mann kennt weder den jüngften
Band von Paftors Gefchichte der Päpfte noch das Tagebuch
Aleanders, des päpftlichen Nuntius in Worms, fonft
könnte er unmöglich S. 55 f° vom Priefterftand ge-
fchrieben haben, wie er es gethan hat. Oder will er auch
Aleander und infallible Päpfte zu jenen Ausnahmen rechnen,
,welche ohne inneren Beruf und aus irdifchen Rückfichten
in den Priefterftand treten'? Seine Kirche kennt der Mann
nicht, ebenfowenig das grofse Werk Theiners über die
Ehelofigkeit, noch die Schriften Caroves und Chiniquys,
wenn er S. 25 fchreibt: ,Der katholifche Priefter legt das
Gelübde der Ehelofigkeit aus Liebe zu Gott erft in einem
Alter und nach fo ernftlichen Prüfungen ab, dafs man
moralifch ficher fein kann, dafs er die Gabe der
Keufchheit hat' und S. 56: ,der ehelofeStand .. wird notwendig
die Grundlage und der Anlafs zu einer Menge anderer
Tugenden. So wird der, welcher die Keufchheit liebt, fchon
aus diefem Grunde fich vor Trunkfucht hüten.' Man beachte
die fchöne Logik, die den ehelofen Stand und die
Liebe zur Keufchheit ohne Weiteres zufammennimmt.
Als Nachtreter Gottliebs behauptet Kleis, dafs Plautus,
Virgil, Ovid und der ,unfittliche' Terentius in Erfurt
Luthers Lieblingslektüre bildeten. Und Roswitha von
Gandersheim, die fromme Nonne, kannte Terenz nicht
und bildete fich nicht an ihm? Hat der Verfaffer auch nur
den erften Band von Janffen gelefen, um die Rolle zu
kennen, welche Terenz am Ausgang des Mittelalters im
Unterricht fpielte? Der alte Pfarrer Maier von Rottenburg
liest mit feinem Neffen Eck in der Knabenzeit den ,unfitt-
lichen' Terenz, Luther liest ihn erft als Jüngling. Aber
bei Eck ift das etwas Anderes. Und woher wiffen denn
Gottlieb und fein Abfchreiber, dafs gerade Terenz seine
Lieblingslektüre bildete? Vgl. Luthers Urtheil über
Terenz Erl.-A. 162, 537. Man fleht, Kleis befitzt eine
fehr mangelhafte Kenntnifs der Gefchichte. Die Gefchichte
ift für ihn fchon nach dem Dogma korrigirt (Vgl. oben
Heinrich IV.).

Luther kennt er erft recht nicht. Wer auch nur eine
einzige der gröfseren Schriften Luthers gelefen, kann
nicht fo über ihn urtheilen, wie Kl. Ein Heuchler, ein
Mann ,mit cynifcher und lüftern fchmutziger Beredfam-
keit' fchreibt kein Buch, wie z. B. die Kirchenpoftille, die
von einer Freude an der göttlichen Wahrheit des Evangeliums
zeugt, wie fie kein Heuchler, kein unfittlicher Menfch
erdichten kann. Kleis thut fich viel auf die unzweifelhafte
Thatfache' zu gut, dafs nicht ein Procent Proteftanten
die Werke Luthers in ihren Originalausgaben auch nur
theilweife gelefen hat' (S. 5), als ob wir Luthers Schriften
als Evangelium behandelten. Es tritt hier derfelbe Wahn
zu Tage, der durch das ganze Buch geht, als liefse fich
der Proteftantismus überwinden, indem man Luther ab-
fchlachtet. Seine dicla probantia aus Luthers Schriften
hat Kl. nicht aus den Originalfchriften entnommen,
fondern fie aus anderen gefinnungstüchtigen Büchlein ab-