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Ausgabe:

1896 Nr. 6

Spalte:

164-166

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keller, Ludwig

Titel/Untertitel:

Comenius und die Akademien der Naturphilosophen des 17. Jahrhunderts 1896

Rezensent:

Knoke, Karl

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fÖ3

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 6.

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nahmen, mit denen damals die Reformirten im Intereffe
der Lutheraner in ihren Rechten verkürzt wurden. Von
auswärtigen Mitarbeitern begegnen wir dem Luther-
forfcher L. Enders, der aus einer nach Kopenhagen
gewanderten Brieffammlung eine Reihe von Briefen mittheilt
, die zur Correfpondenz des Mag. Cafp. Löner
gehören, der in ihnen als Paftor inOelsnitz (c. 1532—1541),
Naumburg (1541 — I543)und Nördlingen (1544 ff.) erfcheint.
Das bisher Mitgetheilte — der 2. Bd. foll die Fortfetzung
bringen — ift für die kirchlichen Verhältnifse in Naumburg
von befonderem Intereffe. Befondere Erwähnung
verdienen auch O. Rieder's bibliographifche Zufammen-
ftellungen über Kirchengefchichtliches in den Zeitfchriften
der hiftorifchen Vereine in Bayern. — Die Mehrzahl der
Artikel behandelt die Kirchengefchichte des 16. Jahrh.'s,
nur ein Artikel führt ins 17., zwei Beiträge ins 18. Jahrh.
Die mittelalterliche Zeit, die nach dem Titel der neuen
Zeitfchrift nicht ausgefchloffen ift, findet in diefem 1. Bde.
noch gar keine Berückfichtigung. Zwei Auffätze find
der Cultusgefchichte gewidmet: der von Herold, der aus
den Offenheimer Decanatsacten ein intereffantes Bild
der Gottesdienfte vor c. 150 Jahren aufweift und in zahlreichen
Zügen erkennen läfst, welche Verkürzungen an
der traditionellen Gottesdienftordnung fchon der Pietismus
vorgenommen hatte, und der von J. Hans, der die evg.
Agenden Augsburg's aus dem 16. Jahrh. befchreibt, ein
Gegenftück zu den fchönen Auffätzen des Verf.'s in der
Zeitfchr. f. prakt. Theol. über die Augsburger Katechismen.
Ich befchränke mich in diefer Anzeige darauf, zu diefem
letztgenannten Auffatz über die Augsb. Agenden von
l537> L545 u- 1555 einige Bemerkungen, refp. Ergänzungen
hier zu liefern. Ich wundere mich, dafs der in litnrgicis
fo wohl bewanderte Verf. S. 145 fchreibt, die alten
Augsb. Agenden fchienen nahezu unbekannt zu fein; in
den einfchlägigen liturgifchen Werken mit einziger Ausnahme
der Schrift von Althaus über die luth. Taufliturgie
feien fie nirgends erwähnt. Denn Joh. Melch.
Krafft, Vom Exorcismo Hamb. 1750, kennt alle 3 Ausgaben
, Joh. Georg Schelhorn in feinen Ergötzlichkeiten II
(1763) S. 63 ff. befchreibt die Agende von 1555 und
liefert wichtige Actenftücke zu ihrer Vorgefchichte;
F. Höfling in feinem monumentalen Werk über die
Taufe II (1848) S. 132—140 druckt die Taufliturgie der
Agende s. a., d. h. der von 1545, nicht, wie er vermuthet,
der von 1537, vollftändig ab. Althaus aber kennt die
Augsb. Agende einfach aus Höfling, wie feine Anm. auf
S. 36 dem Kundigen fofort verräth. Aber ich mache
auch ferner darauf aufmerkfam, dafs Melanchthon's Brief-
wechfel im Corp. Ref. gerade für Augsburg's Agenden
höchft intereffantes Material liefert: 1553 CR 8, 32 u. 41;
'555 8> 528 (und dazu das voraufgehende Schreiben der
Augsburger an Mel. bei Schelhorn /. c. S. 67 ff.), endlich
1556 8, 680. Es ergiebt fich aus diefen Briefen, dafs
die Vorrede der Agende von 1555 von Mel. felbft flammt
und dafs die Ausgabe derfelben erft 1556 erfolgte. —
In dem Auffatz von Geyer über Graf Ladisl. v. Fraunberg
wird S. 202 ein Gutachten Melanchthon's erwähnt, das
im Corp. Ref. nicht aufzufinden ift; der Verf. hat auch
nicht angegeben, wo er dasfelbe gelefen hat. Es ifl zu
wünfchen, dafs in diefer Beziehung genauer auf das
Intereffe der Lefer, die gern nachprüfen wollen, Bedacht
genommen wird. — Mit befonderem Intereffe habe ich
den Auffatz von Gümbel gelefen, der in anfprechender
Weife die Beziehungen beleuchtet, die zwifchen der Pfalz
und England unter den Wechfelfällen der englifchen
Reformationsgefchichte von den Tagen Heinrich'« VIII
bis zu Elifabeth beftanden haben. — Dem jungen Unternehmen
, das mit fo erfreulichen Erftlingsgaben feinen
Lauf beginnt, und den Beiträgen-zur fächf. KGefch. alsbald
würdig an die Seite tritt, ähnlichen periodifchen
Publicationen zur württembergifchen und zur fchlefifchen
KGefch. aber an Zahl und Bedeutung der Mitarbeiter
wie an Mannigfaltigkeit und Gediegenheit des Inhalts

überlegen ift, fei ein glücklicher weiterer Fortgang
gewünfcht!

Breslau. G. Kawerau.

Keller, Ludw., Comenius und die Akademien der Naturphilosophen
des 17. Jahrhunderts. [Vorträge u. Auffätze
aus der Comenius-Gefellfchaft. 3. Jahrg. 1. Stück.] Berlin,
1895. [Münfter, J. Bredt] (IV, 108 S. gr. 8.) M. 2. 25

Der Titel diefer Schrift ift geeignet, den Lefer in
j feiner Erwartung über ihren Inhalt einigermafsen irre
zu leiten. Die ,Akademien der Naturphilofophen', von
denen fie handelt, find die zahlreichen, für das verborgene
Culturleben des 17. Jahrh. höchft bedeutungsvoll
gewefenen ,Societates seil fratemitates', die wir bisher
unter dem Gattungsnamen der ,deutfchen Sprachgefell-
fchaften' zufammenzufaffen pflegten. Ueber fie wird uns
hier eine gründliche hiftorifche Unterfuchung geboten,
von der hernach noch die Rede fein foll. Wenn nun
in der vorliegenden Schrift der Name des Comenius mit
jenen Gefellfchaften in der Weife, wie hier gefchieht,
verbunden wird, fo darf man fich gewifs zunächft zu
der Vermuthung berechtigt halten, dafs die Forfchungen
des Verf.'s zu dem Nachweife eines hervorragenden Ein-
| fluffes des grofsen Didaktikers auf die Gründung, Orga-
nifation und Entwicklung derfelben geführt haben; diele
Vermuthung erfüllt fich aber nicht. Was die Schrift
Keller's über das Verhältnifs des Comenius zu den ,Akademien
' zu berichten weifs, reducirt fich im Wefent-
lichen auf die wenigen Thatfachen, dafs jener ,im Jahre
1628 den (Joh. Val.) Andreä in aller Form um die Aufnahme
in die Societät erfucht hatte, an deren Spitze
j diefer damals ftand, und dafs diefe Aufnahme in dem-
I felben Jahre wirklich ftattfand' S. 91, — dafs er ferner
im Jahre 1641 in feiner Schrift Via Incis den Vorfchlag
gemacht, ,dafs eine höhere und einheitliche Organifation
der in vielen Ländern vorhandenen Akademien unter
neuem Namen verfucht werden folle und dafs die englifchen
Brüder fich an die Spitze diefes grofsen Unternehmens
ftellen möchten' S. 78, ein Vorfchlag, welcher
unverwirklicht geblieben ifl, — und dafs der Sohn des
Didaktikers, Daniel Comenius, um 1670 noch zu Lebzeiten
des Vaters und nicht ohne Vorwiffen desfelben
,der Akademie der Drei Rofen beitrat' S. 33. Es will
mir fcheinen, als ob diefe wenigen Thatfachen doch
wohl nicht genügen möchten, die gefchichtliche Bedeutung
, welche Comenius ja auf pädagogifchem Gebiete
unbeliritten gehabt hat, aus Hochachtung für den Mann
auch auf das hier in Betracht kommende Gebiet in einer
Weife auszudehnen, wie fie der Wirklichkeit fchwerlich
entfprechen dürfte. Dafs Comenius als Sohn feiner Zeit
fich im Uebrigen hinfichtlich feiner geiftigen Intereffen
mehrfach mit den Anfchauungen berührt, welche in den
Akademien in Geltung ftanden, bleibt dabei vollkommen
beftehen.

Mag nun auch der Titel der Keller'fchen Schrift
etwas Irreführendes an fich haben, wie er mich denn
verleitet hat, die Anzeige derfelben in d. Bl. zu übernehmen
, die ich nach Kenntnifsnahme ihres Inhaltes lieber
einem Hiftoriker oder Germaniften übertragen gefehen
| hätte, fo wird der Lefer doch von den hier mitgetheilten
Forfchungen des Verfaffers einen reichen Gewinn für
die richtigere Erkenntnifs einer eigenthümlichen Erfchei-
nung im geiftigen und gefellfchaftlichen Leben des
17. Jahrhunderts haben, als wir fie bisher befeffen. Wir
erhalten hier nämlich zum erften Male eine auf gründlichen
Studien fufsende gefchichtliche Darfteilung jener
heimlichen Gefellfchaften in dem Jahrhundert nach der
Reformation, über deren Zweck, Verfaffung und ceremo-
nielles Gebahren im Verkehre unter einander die Unein-
1 geweihten geftiffentlich im Unklaren gehalten wurden,
[ weshalb diefe die Mitglieder jener Gefellfchaften als