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Ausgabe:

1896 Nr. 6

Spalte:

160-162

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters. Texte und Untersuchungen. I. Bd., 3. u. 4. II. Bd.

Titel/Untertitel:

1 u. 2 1896

Rezensent:

Siebeck, Hermann

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159

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 6.

160

Z/iese lectures were not primarily designed for publication
(p. V); das Buch ift ein Abdruck eines vom Autor felbft
genau ausgearbeiteten Collegienheftes; der Herausgeber
hat nur eine Recapitulation geftrichen, welche die zwei
hier vereinigten Vorlefungen verknüpfte, hat einige Erweiterungen
aus den Anmerkungen in den Text genommen
und ift verantwortlich für die Unterabtheilungen
und für die Titel der einzelnen Abfchnitte. Bedenkt
man dies und die Kürze der englifchem ,/erms'} fo wird
man weit davon entfernt fein, die Befchränkung in der
Erörterung controverfer Fragen, die fchlichte Einfachheit
und Durchfichtigkeit der Ausführungen anders zu beur-
theilen, denn aus dem praktifchen Zweck, den diefe Vorlefungen
hatten. Sie werden auch gedruckt vielen eng-
lifchen Studenten den gleichen Dienft thun, den fie
gehalten erwiefen. Für Deutfchland und für die deutfch-
theologifche Wiffenfchaft haben fie nicht die Bedeutung,
welche dem Rufe entfpricht, den ihr Verfaffer mit Recht
bei uns geniefst. Wohl bleibt es lehrreich, zu fehen,
welch hohes Mafs von Confervativismus wie Lightfoot,
fo auch Hort trotz hervorragendfter kritifcher Schulung
für wiffenfchaftlich möglich hielt — nur der 2. Petrusbrief
ift nicht erwähnt, felbft die Paftoralbriefe find in
ihrer Totalität als echte Paulinen behandelt (S. 130 ff.) —;
die Luft, in der wir leben, beeinflufst den einzelnen trotz
der Gleichheit der wiffenfchaftlichen Bildung bei uns
anders als drüben. Allein viel mehr als diefe in vielen
Einzelheiten fich ausprägende Lehre ift für die deutfche
Wiffenfchaft aus diefem Buche nicht zu entnehmen.
Seine Hauptmaffe behandelt das biblifche Quellenmaterial
, erft von S. 164 ab kommen Stoffe des nach-
biblifchen Quellengebiets zur Sprache. Wenn ich fage,
dafs in dem erftern gröfsern Abfchnitte jede, auch
die interlineare, Auseinanderfetzung mit Weizfäcker fehlt,
dafs auf den vier Seiten über die Apokalypfe (160—164)
nur Eingangs kurz auf tlie drastic criticism, which this
difficult book has lately been receiving hingewiefen wird,
fo wird damit die Haltung diefer an die Angaben der
Schrift fchlicht fich anfchliefsenden Ausführungen hinreichend
charakterifirt fein. Auch die Abfchnitte über
die Stoffe des aufserbiblifchen Quellenmaterials find den
eigentlich gelehrten Fragen gegenüber zurückhaltend,
wenn auch nicht in fo hohem Mafse. Dafs innerhalb
der durch diefe Selbltbefchränkung des Verf.'s
bezeichneten Grenzen manche Behauptung aufgeftellt
wird, die, wenn auch nicht als neu, fo doch als eine
Behauptung, die auch Hort's Beifall fand, unfer Intereffe
zu wecken vermag, ift felbftverftändlich. So tritt Hort
z. B. dafür ein, dafs die Irrlehrer der Ignatianen theils
Judaiften, theils Doketen, nicht eine judenchriftlich-
doketifche Gruppe gewefen feien, und dafs die Irrlehrer
im Colofferbrief und in den Paftoralbriefen noch nichts
,Gnoftifches' an fich hatten. Einen Beweis, der den Gegner
überzeugen könnte, kann man jedoch m. E. in diefen
Vorlefungs-Ausführungen nicht finden. — Ein wirklicher
Mangel fcheint mir zu fein, dafs der Begriff des Juden-
chriftlichen nirgends erörtert wird. Die Folge davon ift,
dafs die Ausführungen trotz ihrer meifterhaften rheto-
rifchen Klarheit, fachlich nicht ftets ebenfo klar find.
Was S. 200 fchliefslich über den ,Urfprung' des eigentlichen
Judenchriftenthums gefagt wird: they came to
existence through tlie scattering of /he old Jerusalem c/iurc/i
by Pladrian's edict, say a tliird through that Century.
Besides nten of the same mind and position as Hege-
sippus . . . ., it was likely enough that others would be
driven into antagonism to the Gentile church of Asia, and
become Judaistic in principle as well as practice, das
wird fammt feinen Vorausfetzungen über die Urgemeinde
und über Hegefipp vielen deutfchen Fachgenoffen zum
minderten fchief erfcheinen.

Halle a. S. Loofs.

zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters. Texte
und Unterfuchungen. Hrsg. von Prof. Dr. Clemens
Baeumker. I. Bd., 3. u. 4. Hft, u. II. Bd., 1. u. 2. Hft.
Münfter i/W., Afchendorff. (gr. 8.) M. 20. 75

I, 3. 4. Avencebrolis (Ibn Gebirol) Fons vitae, ex arabico in
latinum translatus ab Johanne Hispano et Dominico Gundissalino.
Ex codicibus Parisinis, Amploniano, Columbino primum edidit Clemens
Baeumker. Fase.II et III. (XXIII u. S. 73—558). 1892 u. 95. M. 15.25.—
II, 1. Die Erkenntnislehre des Wilhelm von Auvergne. Dargeftellt
von Dr. Matthias Baumgartner. (VIII, 102 S.) 1893. M. 3. 50. —
2. Die Philolbphie des Jofef (Ibn) Zaddik, nach ihren Quellen, ins-
befondere nach ihren Beziehungen zu den Lauteren Brüdern und zu
Gabirol unterfucht von Dr. Max Doctor. (VII, 52 S.) 1895. M- 2- —
1. Ueber den Charakter und die Bedeutung des hier
bezeichneten Unternehmens ift bereits im 17. Jahrgange
d. Ztfchr. (1892) S. 379 f. vorläufig berichtet worden. Mit
dem umfangreichen vierten Heft des erften Bandes kommt
die erfte vollftändige Veröffentlichung der lateinifchen
Ueberfetzung des Fons vitae von Joh. Hifpanus und
Dom. Gundifalvi, die einftweilen immer noch zum Erfatze
des Originals zu dienen hat, zum Abfchlufs. Aufser
dem Refte des Textes und kritifchen Apparates bietet
es die fchon in Ausficht geftellten Prolegomena. Die
Ausgabe gründet fich laut diefen auf zwei Parifer Hand-
fchriften aus dem Ende des 13. und dem 14., eine Sevilla'er
aus dem 14., und eine Erfurter aus dem Anfange des
15. Jahrh., die fich für die Feftftellung der Lesarten und
Ausfüllung der Lücken in wünfehenswerther Weife ergänzen
. Weitere Beihülfe gewährte die Falaqera'fche,
bereits vonMunk herausgegebene hebräifcheUeberfetzung
eines arabifchen auf den Fons vitae bezüglichen Flori-
legiums. Die Parifer und der Erfurter Codex haben dem
Herausgeber im Original vorgelegen; der fpanifche, aus
der Bibliothek des Ferd. Columbus (Sohn des Entdeckers)
flammende dagegen in einem Facfimile, das er fich
durch Vermittelung des Fürftbifchofs Kopp unter materieller
Beihülfe der Görresgefellfchatt verfchaffen konnte.
Weniger dem Intereffe der 'Textgeftaltung als dem der
überfichtlichen Kenntnifsnahme vom Inhalte des Werkes
dient die angefügte Epitomc Campililiensis, ein wahr-
fcheinlich im 13. Jahrh. angefertigter Auszug aus der hier
veröffentlichten lateinifchen Ueberfetzung, von dem eine
aus dem Anfange des 14. Jahrh. flammende Handfchrift
im Ciftercienfer-Klofter Lilienfeld in Oefterreich vorhanden
ift. Der Text desfelben ift in dem Vorliegenden voll-
ftändig mit zum Abdruck gebracht. Manches Einzelne
endlich ergab fich der Sorgfalt des Herausgebers für
die Recenfion des Textes aus den Schriften des Gundifalvi
felbft, foweit diefe zufammenhängende Citate aus der
von ihrem Verfaffer hergeftellten Ueberfetzung enthalten.
Zu dem Texte felbft find am Fufs jeder Seite aufser den
Parallelen aus Falaqera die handfehriftlichen Belege zu
den in Betracht kommenden Einzelheiten durchgeführt.
Als die authentifche Schreibung des lateinifchen Autornamens
wird aus der jüngeren Parifer Handfchrift die
Form Avencebrol, als der vollftändige Titel des Ganzen
aus der älteften die Bezeichnung: ,Liber fontis vitae de
prima parte sapientiae id est scientia demateria et forma
universali' feftgcftellt.

Für die Erkenntnifs der inneren Zufammenhänge in
der Entwickelung des mittelalterlichen Denkens ift die
nunmehr abgefchloffene Veröffentlichung des Fons vitae
in feinem ganzen Beftande, zumal bei fo forgfamer und
fachkundiger Bearbeitung, von hervorragender Bedeutung.
Hat fich doch gerade in den letzten Jahrzehnten immer
deutlicher herausgeftellt, in wie tiefgreifender Weife der
neuplatonifche Gedankenkreis in der durch Ibn Gabirol
erhaltenen Faffung und Darftellung namentlich in der
chriftlichen Scholaftik gewirkt hat. Es ift fehr zu wünfehen,
dafs die darauf bezüglichen Forfchungen und Ergebnifse
nun auf Grund des vollftändigen Inhalts revidirt und
weitergeführt werden. Für gefonderte Kenntnifsnahme