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Ausgabe:

1896

Spalte:

129-130

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Perles, Felix

Titel/Untertitel:

Analekten zur Textkritik des Alten Testaments 1896

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

NP- 5. 29. Februar 1896. 21. Jahrgang.

Perles, Analekten zur Textkritik des Alten

Teftaments (Neftle).
Grunwald, Die Eigennamen des Alten Tefta-

mentes in ihrer Bedeutung für die Kenntnis

des hebräifchen Volksglaubens (Neftle).
Minocchi, I Salmi (Neftle).
Gall, v., Die Einheitlichkeit des Buches Daniel

(Baentfch).

Harnack, Das Edict des Antoninus Pius u. f. w.
[Texte und Unterfuchungen XIII, 4] (Grützmacher
).

Servet's Wiederherftellung des Chriftentums,
2. u. 3. Bd. überf. und herausg. von Spiefs
(Kawerau).

Strümpell, Abhandlungen aus dem Gebiete

der Ethik, der Staatswiffenfchaft, der Aefthetik

und der Theologie (Wendt).
Gevaert, La Melopee antique dans le chant

de l'eglise latine (Köftlin).
Smend, Feierftunden, 2. Aufl. (Baffermann).
Simons, Freikirche, Volkskirche, Landeskirche

(Hans).

Fabri, Im Lenze der Liebe (Kühn).

Perles, Dr. Felix, Analekten zur Textkritik des Alten Testaments
. München, Th. Ackermann, 1895. (VI. 95 S.
gr. 8.) M. 2. 40

Eine Erftlingsarbeit, die von entfchiedener Begabung
ihres Verfaffers, weniger aber von deffen methodifcher
Schulung zeugt. Sie ift von ihm dem Andenken feines
Vaters und Lehrers, des bekannten Münchner Rabbiners,
gewidmet und befpricht in den 7 Abfchnitten: 1) Abbreviaturen
im vormaforetifchen Bibeltext, 2) Wortabtheilung
, 3) Althebräifche und Quadratfchrift, 4) Falfche
Vocalifation, 5) lautliche Verwechslungen, 6) Gramma-
tifches und Lexikalifches, 7) Verfchiedenes, allerlei inter-
effante Fragen der altteftamentlichen Textkritik. An
300 Stellen weift das Regifter auf, das von allen Erklärern
altteftamentlicher Schriften, namentlich aber von
denen zu Rath zu ziehen ift, die am Haupt'fchen Bibelwerk
mitarbeiten. Nur zu 7 Büchern (Lev. Nu. Jof. Joel.
Zeph. Ob. u. Dan.) fehlen Bemerkungen; die meiften
werden zu Jes. Jer. Ps. u. Hiob gemacht. Die erfte Abtheilung
ift die ausführlichfte. Unter anderen hat ja
fchon Lagarde die von Bleek-Wellhaufen und Cornill
gar nicht geftreifte Annahme von Abkürzungen zur Erklärung
textlicher Schwierigkeiten im A.T. benützt (Anmerkungen
zu den Proverbien; wieder abgedruckt, was von
Perleshätte angeführtwerden follen: Mittheilungen 1,190°.).
Von diefer Annahme macht nun der Verf. den ausge-
dehnteften Gebrauch; wie unmethodifch er aber dabei
zu Werke geht, foll nur an einem Beifpiel gezeigt werden.
Den rpniöün in 2 Kon. 23, 13, über welchen zuletzt
Refch, Texte u. Unterf. 13,2,370". handelte, erklärt fchon
das Targum vom Oelberg. ,Offenbar, fagt alfo Perles, ftand
n©ün TT! und wurde irrig aufgelöft ninüari "VT. Ein
methodifcher Forfcher wäre auf die ältefte erreichbare
Form zurückgegangen und hätte gefunden, dafs die
LXX MOCCAOlas —daraus MOCOAO.MOCOAOetc.;
dadurch ift das n als zur älteften Ueberlieferung gehörig
gefichert; fpäter wurde es mit i vocalifirt, während es
die alte Femininendung at ftatt d (j-j J gewefen fein wird.
Aehnlich unmethodifch find des Verf.'s Erklärungen in
einer ganzen Reihe von Fällen. Nicht blofs Endungen,
fondern auch Stammbuchftaben follen der Verkürzung
zum Opfer gefallen fein, namentlich oft X, nicht feiten
auch J. Insbefondere foll Pefiq und Maqqef oft ein verkannter
Abkürzungsftrich fein, z. B. 2 Sam. 14, 19 Pefiq
|©X = 3l»X. Mit dem Anfangsbuchftaben feien nur häufig
vorkommende Wörter abgekürzt worden, wie 1 =*= rTHT
Aus dem Abkürzungsftrich fei ein zweites 1 geworden;
durch müfsige Weiterbildung ein drittes dazu gekommen.
Zu den Stellen, an welchen man ein 1 im A.T. fo deuten
könnte, gehören die vom Verf. nicht angeführten 1X32,35,
Jud 15, 13 Vj ='ib. Eine unzweideutige Spur' der jetzt

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gebräuchlichen Abkürzung durch ü findet der Verfaffer
fchon in der LXX von Prov. 24, 7 inifi. Aber wie oft
wird in Ueberfetzungen ftatt des Pronomens das Nomen
gefetzt, namentlich wo es fich um ,Ihn' = Gott handelt,
vgl. Prov. 3, 34. 10, 6.17, 11. 23, 11. 24, 12! Sehr geiftreich
ift dagegen die Erklärung von Thren. 3, 50. 51. Auch
darin könnte der Verf. recht haben, dafs das bisher nicht
gedeutete doppelte X auf einer karthagifchen Infchrift =
Amen, Amen fei.

Im Abfchnitt über die Wortabtheilung wird das
hebr. Lexikon zu Hiob 36, 33 mit Recht durch fibiyby =
,Sturm' bereichert; aus Reifmann und Grätz (S. 92) hätten
es unfere Lexikographen längft buchen follen; am erfreu-
lichften ift die S. 92 nach Lambert mitgetheilte Correctur
von Jud. 5, 8 Di"l3» DFlb in tHT3 «ünb = ,in 5 Städten'.
Aber was foll man zu dem Satze fagen: dafs eine Abbreviatur
vor dem Aufkommen des erft fpäter eingeführten
Abkürzungsftrichs zunächft nur daran erkannt wurde,
dafs der übliche Trennungspunkt am Ende des Wortes
wegblieb? Die mangelnde Schulung zeigt fich in diefem
wie dem folgenden Abfchnitt auch daran, dafs Driver's
Notes on Samuel nicht benützt find.

Dafs die Quadratfchrift fchon vor der LXX in Gebrauch
war, follen wir an Esra 6, 1 lernen; denn unglaublich
fei, dafs man eine Urkunde in einem Schatzhaus
aufbewahrt habe; ftatt XifD5i müffe es mit einer
nur in der Quadratfchrift möglichen Verwechslung XiBS'3
geheifsen haben ,Urkundenhaus'. Hätte der Verf. Yich,
ftatt affyrifch-babylonifche Belehrung von Prof. Hommel
zu erbitten, ein wenig umgefehen, hätte erBeifpiele genug
für die Identität von Schatzhaus und Archiv finden
können. Barhebräus erklärt Archiv i3"ix'2 geradezu durch
Schatzhaus Xtt'3. — Geiftreiche Emendationen begegnen
uns wieder in den folgenden Abfchnitten Pf. 22, 17 sfflsO
ftatt 13X3, 24, 7 öblX ftatt DbV 48- 11 T*J»?. Jef- 8. r4
TtfTptib, Hiob 19,22 b*X3, 15,30 lyoi ftatt 1101; aber
nicht in Folge graphifcher Verwechslung. Ganz ebenfo
fteht im Evangeliarum Hierosolymitamim Lc. 8, 28 hW,
ftatt 1331, was ich fchon zu Refch (T. u. U. 13) 3, 138
hätte bemerken follen. Aus dem grammatikalifchen und
lexikalifchen Abfchnitt fei die Zufammenftellung von
Fällen erwähnt, in welchen die alten Verfionen 1 tompdgi-
nis fanden — vorausgefetzt, dafs es in ihrem Texte ftand
— Dt 32, 43. 33, 2, Prov. 13, 4, Mal. 3, 1 und die Deutung
von -pan als 1152311. Ref. mufs es bei diefen Beifpielen
bewenden laffen; fie werden genügen, den Scharffinn, aber
auch die mangelnde Methode des Verf.'s zu bezeugen;
feltfam, dafs fo viele jüdifche Gelehrte fich noch immer
nicht an wirklich wiffenfchaftliche Arbeitsweile gewöhnen
können.

Ulm. E. Neftle.