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Ausgabe:

1896 Nr. 4

Spalte:

124

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Evangelisation unter den Entkirchlichten. Nach Beobachtungen und Erfahrungen 1896

Rezensent:

Stromberger, Christian Wilhelm

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Seite 1

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123 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 4. 124

Wurster, Stadtpfr. Dr. Paul, Die Lehre von der Innern !

Mission. [Sammlung v. Lehrbüchern der prakt. Theol.,
hrsg. v. H. Hering, VI. Bd.] Berlin, Reuther & Reichard
, 1895. (X, 413 S. gr. 8.) M. 7. —; geb. M. 8. —
Wir haben ein überaus reichhaltiges Buch vor uns,
das fowohl nach der Seite der theoret. Behandlung des
Gegenftandes, als auch nach der gefchichtlichen Darflellung
grofse Vorzüge aufweift. Das Werk ift zu rechter Zeit
erfchienen, — die Begriffsbeftimmungen fchwanken hin
und her — und es wird die mit Schäfer getheilte Auf-
faffung, dafs die i. M. als eine kirchengefchichtliche Er-
fcheinung anzufehen ift, zu weiterer Klärung verhelfen.
Mit anzuerkennender Objectivität werden die einzelnen
Stadien der begrifflichen Entwicklung der i. M. — Lücke,
Wichern, Fliedner, Löhe, Schäfer — vorgeführt und der
Verf. ift bemüht, für diefe Disciplin die rechte Stellung
in der Theologie zu bezeichnen. — Die gefchichtlichen
Darftellungen der einflufsreichften Vertreter der i. M.
bringen das Wefentlichfte und erwärmen für die Vertreter
wie für die Sache. Berufsarbeitern der i. M. ift das Buch
ein hochzufchätzendes Handbuch, das in die Aufgaben
der Gegenwart hineinführt, Geiftlichen eine Fundgrube
für ihr Wirken in der Gemeinde, Gelehrten und Laien
ein Zeugnifs von der Glaubens- und Liebeskraft, die das
Evangelium durch treffliche Männer und Frauen, An-
ftalten und Vereine im Volke erweckt hat und wirken
läfst. Mit Nüchternheit wird von der Betheiligung an
den focialen Fragen geredet und zwar aus der Gefchichte
der i. M. heraus.

Der Hauptinhalt ift im Nachftehenden hervorgehoben.
Auf die Einleitung — Namen, Stoff, Methode, Literatur,
— folgt der I. allgemeine Theil. 1. Abth.: Die i. M.
als Gefammterfcheinung in ihrer gefchichtlichen Entwicklung
. 1. Periode: Vereinzelte Anfänge 1780—1833; I
2. Per.: Erfaffung der i. M. als eines Ganzen und plan-
mäfsige Sammlung und Ausbildung von Kräften 1833—
1848 (Wichern, Fliedner, die kirchl. Verforgung der
Diaspora]; 3. Per.: Die Ausdehnung des Betriebs der
i. M. auf das Volksganze 1848—71 (Wittenberger Kirchentag
, Programm, Centralausfchufs, die Gegnerfchaft und
confeffionelle Sonderftellung [Löhe], neue Anfätze und
Anregungen); 4. Per.: Die charakterift. Merkmale des
neueften Betriebes d. i. M. (Arbeit d. i. M. für fich, Ver-
hältnifs zu Kirche und Staat, Ergebnifs). 2. Abth.: Der
normative Begriff der i. M. II. fpecieller Theil. Die
einzelnen Werke der i. M. und Diakonie nach Beftand,
Zeit und Arbeitsmethode. I. Abth.: Der Kampf gegen
vorwiegend phyfifche Nothftände(Pflege der Gebrechlichen,
Kranken, Siechenpflege). 2. Abth. Der Kampf gegen 1
vorwiegend fociale Nothftände. L Die Linderung beftehen-
der focialer Mifsverhältnifse durch Einzelpflege (Armenpflege
, fpecielle Armenfürforge). II. Die Schaffung und
Anbahnung neuer focialer Verhältnifse (Organifation der
Arbeiterwelt, das Gen offen fchaftswefen, Sitte und Gefetz-
gebung zum Zwecke befferer Arbeits- und Exiftenzbe-
dingungen). 3. Abth. Der Kampf gegen vorwiegend
fittliche Nothftände (Bewahrung der Gefährdeten, Rettung
der Verlorenen, Kampf gegen die Volkslafter der Unzucht
und Trunkfucht.) 4. Abth. Die gleichartige Ausdehnung
der kirchlichen Wortverkündigung auf Gebiete,
welche von dem geordneten Amt nicht erreicht werden.
A. im Blicke auf die Arbeitsgebiete (Verforgung der
Diaspora, der fluctuirenden Bevölkerung, die Maffen-
bevölkerung, Kindergottesdienfte). B. die Erweiterung
des kirchlichen Gottesdienftes und der kirchl. Seelforge
im Blicke auf die Mittel (das gedruckte Wort, Bibelverbreitung
, erbaul. Literatur). 2. Die qualitative Ergän- j
zung der kirchl. Wortverkündigung. A. Erhaltung des I
chriftl. evangel. Charakters unferer Volksbildung. B. die I
chriftl. Gemeinfchaftspflege. C. die Evangelifation als [
befondere erweckliche Wortverkündigung.

Zwingenberg bei Darmftadt. Stromberger.

Müller, Dr. Jobs., Die Evangelisation unter den Entkirch-
lichten. Nach Beobachtungen und Erfahrungen. Leipzig
, Hinrichs, 1895. (VI, 110 S. gr. 8.) M. 1.80

Dr. J. Müller hält zur Zeit Vorträge über Zeitfragen
und zwar in grofsen und kleinen Städten im Grofsher-
zogthum Helfen. Wir nennen: Darmftadt, Mainz, Offenbach
, Worms, Alzey, Bensheim u. A. Diefe Vorträge
werden gut befucht und zwar ift in den meiften Fällen
eine Zunahme in der Betheiligung zu conftatiren. Die
Themata, die angekündigt werden, locken zum Befuche,
z. B. die Themata: Mofes und Darwin, Humanität und
Chriftenthum, Bibel und Kritik, wer war Jefus von Na-
zareth? Müller fucht die Bedenken, welche die Zeit-
genoffen theils gegen die Religion überhaupt, theils gegen
einzelne Dogmen haben, in ihren Wurzeln blofszulegen,
die einzelnen Wiffensgebiete zu fcheiden und in die gebührenden
Grenzen zu verweifen und dem gegenüber
die chriftliche Weltanfchauung in ihrer Berechtigung vorzuführen
. Dr. Müller verfteht es mit bezwingender Logik,
dafs die Hörer den Entwicklungen folgen müffen, und
weifs die Behauptungen fchlagend für das Verftändnifs
zu illuftriren. — Was feine Grundanfchauungen über die
Evangelifation find, hat er in dem vorgenannten Büchlein
niedergelegt, das in 3 Abtheilungen zerfällt.

Er befpricht 1. die Evangelifation als befondere
Aufgabe; 2. das Wefen der Evangelifation; 3. den
zeitgemäfsen Charakter der Evangelifation. Ift
der Eine oder Andere mit etlichen Ausführungen nicht
einverftanden —wie denn allzeit eine grofse Maffe bleiben
wird, die nicht in die Tiefen des Evangeliums eindringt,
aber doch nicht von der Kirche ab- oder auszuftofsen
ift, weil Volkskirche bleiben foll — fo wird doch jedem
Lefer das Nachfinnen über diefe Ausführungen eine heil-
fame Anregung geben und auffordern, darüber nachzudenken
, wie man den Entkirchlichten im eigenen Kreife
nachgehen und näher treten follte, um fie in den vollen
Befitz des Evangeliums zu bringen.

Zwingenberg bei Darmftadt. Stromberger.

Berichtigung.

Das von Herrn Prof. Schürer in Nr. 2 diefes Jahrgangs der Theol.
Lit.-Ztg. über mein Buch Juden und Griechen vor der makkabäifchen
Erhebung' gegebene Referat enthält einige teils unrichtige teils fchiefe
Angaben, welche notwendig eine falfche Auffaffung hervorrufen müffen.

I. Herr Prof. Schürer fchreibt auf Col. 35 : ,In Wirklichkeit beginnt
nach W. die ägyptifche Diafpora erft mit dem Hohenpriefter Onias'.
Dazu weiter unten ,weil nun einmal die Juden nicht fchon im dritten
Jahrhundert nach Aegypten gekommen fein follen, was doch an fich
recht plaufibel ift'. Wer dies lieft, mufs annehmen, dafs ich, weil ich
den Bericht des Pf. Hekataios für erdichtet halte, darum überhaupt die
Exiftenz einer Diafpora in Aegypten vor Onias leugne. Dem gegenüber
weife ich auf den Anfang des Kapitel III, pag. 126: ,Die üblichen Vor-
ftellungen von der jüdifchen Diafpora in Aegypten leiden an drei Hauptmängeln
. Erdens fetzt man ihre Bedeutung in der Zeit vor Philometor
viel zu hoch an; wir haben gefehen, dafs dazumal nur wenige Juden,
die teils unter dem Regiment der Ptolemaier, teils in den harten Zeiten,
als Antiochos der Grofse mit Ptolemaios Philopator um Koilefyrien ftritt,
aus der Heimat gewandert fein dürften, in Aegypten lebten, dafs erft
durch Onias und feinen Anhang das Judentum dort eine Bedeutung
erlangte'.

II. Meine Anficht, dafs Pf. Hekataios die Behauptung von der
frühen Anfiedelung der Juden in Aegypten erdichtete, foll fich nach
Herrn Prof. Schürer darauf gründen, dafs manches in diefem Buch erdichtet
war. Ich mufs es zurückweifen, dafs mir folche Beweisführung
nachgefagt wird; weshalb ich jene Angaben für erfunden halte, ift bei
mir auf pag. 24—29 mit gänzlich andern Gründen auseinandergefetzt.

III. Herr Prof. Schürer nennt unter den nicht .ernfthaft' zu nehmenden
Behauptungen meines Buches die von der Bearbeitung des I Makk.
in der letzten Zeit des Herodes, er fchreibt auf Col. 36: ,dafs die grie-
chifche Bearbeitung des I. Makkabäerbuches in die Zeit des Herodes
fallen foll, weil im Hinblick auf den Spartaner Eurykles eine Verwandt-
fchaft zwifchen Juden und Spartanern erdichtet fei'.

Darin liegt wieder die Unterfchiebung, ich hätte eine wichtige
Sache mit gänzlich ungenügendem Grunde für bewiefen gehalten. Dafs
es hierin anders fteht, ergiebt fich fchon aus Col. 34, wo aus meiner
pag. 69—75 gegebenen Argumentirung kurz referirt wird. Die Hervorhebung
der ganz beiläufig am Schlufs meiner Beweisführung zur Beftä-
tigung der gewonnenen Refultate angeführten Eurykles-Gefchichte mufs