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Ausgabe:

1896 Nr. 3

Spalte:

87-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hartel, Guil. de (Ed.)

Titel/Untertitel:

Paulini Nolani, Sancti Pontii Meropii, opera. Pars I 1896

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 3.

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ficherlich mit Liebe gefchrieben und, in der Hauptfache, j
mit gutem hiftorifchen Blicke. Die vollfte Anerkennung j
verdient, dafs Stofch fich überall bemüht, die Lefer in
das Verftändnifs der religions- und culturgefchichtlichen
Situation des apoftolifchen Zeitalters einzuführen. Er
zeichnet, im Widerfpruche zu dem ,St. Paulus' im Titel, j
nicht die der Wirklichkeit entrückteHeiligengeftalt,fondern
den grofsen Menfchen und den grofsen Apoflel des erflen
chriftlichen Jahrhunderts. Das ift ihm, trotz mancher
falfchen Striche im einzelnen, zumeift gelungen. Alles in
Allem, als den gröfsten Mifsgriff des Buches könnte man
feinen unglücklichen Titel bezeichnen. Würde eine folgende
Auflage etwa unter dem anfpruchsloferen Titel ,Das
Leben des Apoftels Paulus, der Gemeinde erzählt von
Georg Stofch1 erfcheinen, fo wäre damit der Kritik der
rechte Mafsftab in die Hand gegeben. Möchte Stofch
fich dann auch entfchliefsen, die zur Nachprüfung nicht
aufgelegte und nicht berufene Gemeinde mit feinen
Special- und Privathypothefen zu verfchonen. Fühlt er
den Beruf in fich, als wiffenfchaftlicher Apologet eines I
beftimmten Paulusbildes aufzutreten, fo möge er mit I
einer befonderen Studie in die wiffenfchaftliche Debatte
eingreifen.

Herborn. A. Deifsmann.

Paulini Nolani, Sancti Pontii Meropii, opera. Pars I.
Epistulae, recensuit et commentario critico instruxit
Guil. de Härtel. [Corpus scriptorum ecclesiasticorum
latinorum, vol. XXIX.] Wien, Tempsky, 1894. (XXVIII,
462 S. gr. 8.) M. 15. 50

In diefem erflen Bande erhalten wir die Briefe, die j
passio S. Genesii Arelatcnsis, fowie in der Appendix die
unechten Briefe ad Marcellam, ad Celanciam, fowie die
Excerpta Bobiensia. Zum erften Male werden wir in den j
Stand gefetzt, die handfchriftliche Ueberlieferung zu
überfehen, zum erften Male erhalten wir einen Apparat,
der uns die Möglichkeit giebt, die von dem Herausgeber
befolgten textkritifchen Grundfätze zu prüfen, zum erften i
Male einen Text, der unter fparfamer und faft nirgends
unberechtigter Anwendung der Conjecturalkritik die
Schäden der Ueberlieferung zu heilen fucht.

Die handfchriftliche Ueberlieferung der Briefe, über
die p. V—XXII der Vorrede handeln, ift ziemlich com- j
plicirt. Sie ift es befonders dadurch, dafs nur ein Theil
der Briefe zu einem Corpus vereinigt worden ift, das
feinerfeits in den verfchiedenen Hff. einen verfchiedenen
Umfang und eine veränderte Anordnung aufweift. Die !
Briefe an Rufin fowie einer der Briefe an Auguftin find
nur unter den Schriften der Adreffaten überliefert, einer
findet fich ifolirt in einer Münchener und einer Salzburger
Hf. Eine tabellarifche Ueberficht über die aufser
dem Corpus noch anderweitig überlieferten Briefe findet
fich p. XXI. Eine genauere Unterfuchung über das Ver-
hältnifs der Hff. zu einander hat der Herausgeber nur i
für die das Corpus Paulinianum enthaltenden Hff. ange- |
ftellt. Bezüglich der anderen Hff. mufs man fich ge- |
dulden, bis die betr. Bände von Auguftin und Rufin
vorliegen.

Die Befchreibung der Hff., nicht blofs der letztgenannten
, bei denen ein anderes Verfahren nicht möglich
war, ift gar zu kurz ausgefallen. Freilich hat der
Herausgeber nur einen kleinen Theil felbft vergleichen
können — wie es fcheint nur zwei Wiener und den Cod.
Paris. 5271; wer die Hieronymushff., die p. XIX aufgezählt
werden, verglichen hat, wird nicht gefagt. Aber
war es nicht möglich, den adulescentuli, die die Ver-
gleichung beforgten, beftimmte Inftructionen für die Befchreibung
der Hff. in die Hand zu geben, ein Verfahren,
das auch bei den anderen Bänden feine Früchte getragen
hätte? So fieht fich der Benutzer in der unangenehmen
Lage, fich felbft aus dem Apparate das Nothwendige

zufammenfuchen zu müffen, und er findet fich dabei, wie
natürlich, nicht feiten von aller Hülfe verlaffen. Dafs
an der dem Text in erfter Linie zu Grunde gelegten Hf.
Paris. 2122 sc. X(O) zwei Hände gearbeitet haben, erfährt
man beiläufig aus dem Apparate (z. B. O1 p. 54,, 63,,
io86. 8 u. f. w., O2 p. n622, 117,6 u- f w0- Aehnlich ift es
bei F, P, L u. a. Der Benutzer hat aber doch das Recht,
irgendwie darüber Aufklärung zu verlangen, wie fich die
beiden Hände zu einander verhalten, ob fie gleichzeitig
oder ob die zweite erheblich jünger ift, als die erfte u. f. w.
Nur dann wird man wiffen, wie man fich gegenüber den
Lesarten von m. 2 zu verhalten hat. Vollends rathlos ift
man ohne folche Belehrung, wenn gar drei Hände zu
unterfcheiden find, wie bei Monac. 26303 sc. XIII (M),
zumal wenn fich Correcturen über der Zeile auf die drei
Hände vertheilen. Die Lesarten, die durch ein vorgefetztes
/, al oder s. empfohlen werden, find zahllos. Hat
nun wirklich bereits der Schreiber der Hf. damit begonnen
, in diefer Weife feine Vorlage zu corrigiren? War
der zweite Corrector vielleicht annähernd gleichzeitig,
dafs feine Hand von der des Schreibers nicht leicht
unterfchieden werden kann, fodafs diefe Correcturen mit
Unrecht auf zwei Hände vertheilt werden? Ferner: lag
dem Corrector vielleicht eine zweite Handfchrift vor,
nach der er änderte, oder beruhen feine Emendationen
insgefammt auf Conjectur? Angefichts von Stellen, wie
p. 19124 kann man diefe Frage fehr wohl aufwerfen.
Leider kann man fie aber fich nicht felbft beantworten.

Die textkritifchen Grundfätze erörtert und begründet
der Herausgeber auf p. XIV—XVI. Die ältefte der vorhandenen
Hff. des Corpus Paulinianum 0 bietet danach
den relativ reinften Text. Diefe Hf. hat den allen Hff.
gemeinfamen Archetypus am betten bewahrt. Die Codd.
FPU bilden eine zweite Gruppe, die durch ein gemein-
fames Mittelglied (x) vom Archetypus abhängt; ebenfo
LM, deren Stammvater y den Text des Archetypus vielfach
willkürlich entftellt hat. Als Betätigung für die
Vortrefflichkeit des Textes von 0 führt der Herausgeber
die Thatfache an (p. XII), dafs feine Lesarten durch die
htxcerpte aus mehreren Briefen unterftützt würden, die
der Mönch Dungal von St. Denis, am Ende feines Lebens
in Bobbio, feiner Schrift gegen Claudius von Turin einverleibte
. Dungal lebte am Anfange des 9. Jahrh.'s, feine
Schrift gegen Claudius ift um 827 gefchrieben (f. Gammack
im Dict. of Christ. Biogr. I, 911 f.) und noch im Autograph
[Cod. Ambros. 102 sup.) erhalten (f. Becker, Catalogi
biblioth. antiqui p. 71 § 32, Nr. 507). 0 flammt aus dem 10.,
nachChatelain aus dem Ende des9.Jahrh.,ift alfo von Dungal
kaum um 100 Jahre getrennt. Unter diefen Umftänden
würde das Zeugnifs Dungal's nicht allzuviel wiegen, auch
wenn jene Behauptung des Herausgebers zu Recht beftünde.
Allein das ift nicht der Fall. Dungal excerpirte, wenn ich
nichts überfehen habe, 13 Stellen aus Briefen des Paulinus
(ep. 29 p. 24910__,5, ep. 31 p. 273, 274,, und ep. 32
p. 28724 -28 und °ei der Aufzählung p. XII vergeffen
worden), unter ihnen mehrere von wenig Linien, die überhaupt
nichts abwerfen. Nur an 5 Stellen ftimmt Dungal
mit 0 gegen alle anderen überein, wozu noch p. 2Ö713
(pr'nnuliacum 0, primoliacum Dung., prirniliacum cctt.)
kommt. Diefen wenigen Uebereinftimmungen ftehen die
weit zahlreicheren Fälle gegenüber, wo Dungal mit allen
(wie p. 26o0, 2827) oder einem Theile der anderen Hff.
geht. Wo er mit 0 lieft, ift dazu in der Regel der Text
nichts werth. Weit wichtiger als diefes Zeugnifs Dungal's
fcheint mir folgender, vom Herausgeber überfehene Ura-
ftand zu fein. Mit 0 ftimmt im Wefentlichen die m. W.
ältefte, nachweisbare Hf., der jetzt verfchollene Lorfcher
Codex 564 (mindeftens sc. IX) überein, deffen genaue
Inhaltsangabe fich im Katalog der Lorfcher Hff. findet
(jetzt Becker, Catalogi Biblioth. antiq. p. 116—118). Diefe
Hf. enthielt wie 0 den in allen anderer. Hff. verlorenen
Anfang von ep. XIII. Sie bot die Briefe in derfelben
Reihenfolge, wie 0, doch ohne deffen Fehler; d.h. ep.XIII