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Ausgabe:

1896 Nr. 3

Spalte:

75-79

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhardt, Eugen

Titel/Untertitel:

Der Grundcharakter der Ethik Jesu im Verhältnis zu den messianischen Hoffnungen seines Volkes und zu seinem eigenen Messiasbewußtsein 1896

Rezensent:

Wrede, William

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75 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 3. 76

und Indos, füdlich von Coloffae, mit feinen Städten, I nicht das Diesfeits wird entwerthet. Als Gefchichtsgröfse
Cap. IX (S. 275—340) die Städte an der Grenze von , aber geht das Heil das Individuum nur in zweiter Linie
Pifidien. I an. Der letzte Grund: es fehlt die neue, rein innerliche

Den meiften Capiteln (nämlich allen aufser I und III) Gotteserfahrung, die allein dem Heilsgut wahre Ueber-
ift eine Anzahl Appendices beigegeben, in welchen theils weltlichkeit ,im religiöfen Sinne' fichern könnte. So
einzelne Punkte erörtert werden, theils aber und nament- , fchwankt denn die Sittlichkeit haltlos zwifchen Himmel
lieh zahlreiche von Ramfay felbft copirte Infchriften mit- und Erde. Die Eschatologie entwerthet die Gemein-
getheilt werden. R. hat dabei das Princip verfolgt, nur j fchaftsintereffen der Gegenwart, daher fehlt ein prak-
folche aufzunehmen, welche entweder noch nicht oder tifches Ziel. Wiederum aber auch keine energiche Welt-
nicht in correcten Texten veröffentlicht find. Wenn fich 1 flucht wegen der Diesfeitigkeit des Jenfeits.
darunter auch nicht viele befinden, die an fich von Jefu Ethik zeigt zunächft auch ein Doppelgeficht.

grofser Wichtigkeit find, fo find fie doch in ihrer Ge- j Entfprechend dem — ftreng eschatologifch zu faffenden —
fammtheit durch den Reichthum des Materiales, das fie ! Reichsbegriffe hier die ernfte Forderung der Weltflucht,
bieten, von hervorragendem Werthe. Möchte am Schluffe I dort die Werthfehätzung des Gemeinfchaftslebens, in
des Werkes durch möglichft vollftändige Indices dafür beidem jedoch eine Energie, die das Judenthum nicht
geforgt werden, dafs diefes Material zu bequemer Be- kennt. Das Zufammen beider fcheinbar entgegengefetzter
nützung erfchloffen werde. Anfchauungen ift pfychologifch zu begreifen — aus Jefu

Ueber das Judenthum in Phrygien bietet diefer Band, Gotteserfahrung, die eine durchaus neue Art religiöfen
fo viel ich gefehen habe, kein neues Material. Seine Lebens bedeutet. Jefu Verhältnifs zu Gott ruht auf
Hauptfitze waren hier Laodicea und Apamea. Die Be- unmittelbarer Berührung feiner Seele durch Gott, ift
fchreibung der letzteren bedeutenden Stadt foll erft der J nicht bedingt durch Irdifches, ift zeitlos, gefchichtslos.
folgende Band bringen. In diefem ift dann auch, nach : An Stelle des Harrens auf Gott tritt damit ein gegen-
einer von Ramfay im Expositor gegebenen Andeutung, wärtiger Gottesgenufs. Jefus trägt ein fchon wirkliches,
die Mittheilung einiger jüdifchen Infchriften zu erwarten. 1 rein innerliches Jenfeits in fich. Die Confequenzen diefer

Göttingen. E. Schürer.

Gotteserfahrung find nun der Haltung des Meffianismus
durchaus entgegengefetzt. Nichts Weltliches im Heilsgut,
fein Träger nur der Einzelne, kein Verdienen, vielmehr
Ehrhardt, Doc. Lic. Eug., Der Grundcharakter der Ethik Befitz des Heils als einer Gabe und Handeln auf Grund
Jesu im Verhältniss zu den messianischen Hoffnungen seines ! des Befitzes; die Spannung auf das Jenfeits fällt weg,
Volkes und ZU seinem eigenen Messiasbewusstsein. Frei- ! gerade darum kann das Intereffe für Arbeff und relative
._ n /tti n onivt Guter des Diesfeits wieder zum Rechte kommen. Aber

bürg i/B., J. C. B. Mohr, 1895. (VI, 119 S. gr. 8.) M. 2.- nun redet jefus doch eben überall die Sprache des

Der Verfaffer greift mit feiner Arbeit in die neueften I Meffianismus? ,Offenbar find fich in Jefu zwei Strömungen
Verhandlungen über die Predigt und das Selbftbewufst- j begegnet: diejenige, die ihre Quelle hat in feinem Gefein
Jefu ein, wie fie von Baldenfperger, J.Weifs, Bouffet u.A. j fühle eines gegenwärtigen Genuffes Gottes und feines
geführt worden find. Indeffen will er nicht eine ge- Heils, und die meffianifche, die der Gegenwart enteilen
fchichtliche Unterfuchung im gewöhnlichen Sinne liefern, | möchte, um Gott zu finden' (90). Wie können fie zu-
er will mehr Gefchichte deuten, die Grundmotive der ! fammentreffen? Als blofser Reformator hätte fich Jefus
Ethik Jefu aus dem Detail herausheben und fie neben j bald von der Eschatologie losgefagt. Aber er war auch
die fpätjüdifche Ethik ftellen. Sein letztes Intereffe ift [ Heiland, wollte Seelen retten für das überweltliche Gut
ein fyftematifches, es gilt der Frage nach dem Werthe der der innern Gottesgemeinfchaft. Dann galt es die Seelen
Ethik Jefu; aber ftreng gefchichtlich will er verfahren. aufzurütteln aus dem Weltfinn. Hier wird nun Jefu tiefes
E. kennt die fchwebenden Fragen und hat fie mit Intereffe an der Eschatologie verftändlich. Seelenauf-
Ernft und zum guten Theile felbftändig durchdacht. Mit I rüttelnd war die meffianifche Predigt vom baldigen Ende,
Vertiefung ift namentlich die pfychologifche (nicht ebenfo folglich bot fie Jefus eine wirkungsvolle Verkündigungs-

die exegetifch-kritifche) Seite der Sache behandelt, überall
fpürt man das ernfte Bemühen, durch die Begriffe zu
den Grundempfindungen durchzudringen. Die Erörterungen
find nicht ohne Geift und Feinheit und bekunden
Sinn für das Grofse des Gegenftandes und für das
Wefentliche. Uebrigens habe ich trotz der Kürze der

form. Das Gut der Gottesgemeinfchaft ,nahm für ihn alfo
die Geftalt des zukünftigen meffianifchen Heiles an' (92).

E.'s Schrift ift fomit ein Verfuch, die meffianifchen
Elemente der Predigt Jefu ebenfo formell in ihrem
ftrengen hiftorifchen Sinne zur Geltung zu bringen, wie
fachlich zur leicht entfernbaren Schale zu ftcmpeln.

Schrift und trotz der i. G. recht gewandten Ausdrucks- Zunächft eine Frage der Methode. Trotz gegenweife
nicht geringe Mühe gehabt, ein klares Bild ihres theiliger Anfätze (25, 45, 58f., 68f.) fpürt man auch bei E.
Inhalts in mich aufzunehmen. Ich fchiebe das zum Theil eine Einfeitigheit, die m. E. fchon bei Forfchern wie
darauf, dafs E. die fcharfen Striche nicht liebt, nament- ; Baldenfperger und Bouffet — fo oder fo — zu Fehlern
lieh durch ftarke Wiederholungen die Linien verwifcht, geführt hat. In recht verfchiedenern Sinne kann man
zum gröfseren Theile auf die etwas fchwankende und 1 Jefus mit dem Judenthume vergleichen. Meift wird man
zugleich ziemlich abftracte Art der Charakteriftik fowie i aber an einen gefchichtlich realen, wenn auch grofsen-
auf die Künftlichkeit mancher Ausführungen. theils unbewufsten, Zufammenhang — oder Gegenfatz —
Die Schrift zerfällt in 2 Abfchnitte: I. Das durch denken. Dann kommt es auf das Judenthum an, mit
die Entwicklung des Spätjudenthums geftellte dem Jefus fich irgendwie wirklich berührt hat. Nun ver-
ethifche Problem (1—42). II. Die Löfung des fleht man unter ,dem' Spätjudenthum einfach die Apo

Problems durch Jefus (43—119). Nach diefen Ueber
fchriften fürchtet man fogleich, dafs E. conftruirt, der
Gefchichte Formeln aufzwängt. Doch überblicken wir
zunächft die Grundgedanken

kalyptik. Die Apokalypfen erfcheinen als Durchfchnitts-
fchriften. Sie entflammen jedoch Kreifen, mit denen Jefus
eine intimere Fühlung kaum gehabt hat. Bedeuten fie
dann einfach für folchen Vergleich das Judenthum?

Das .Problem' bildet der innere Widerfpruch in Gewifs, fie find ein charakteriftifcher Ausdruck einer

den fittlichen Idealen, der die jüdifche Ethik lahmlegte
Mit der Apokalyptik treten allerdings zwei neue Gröfsen
in die Gedankenwelt Israels ein, das Jenfeits und das
individuelle Heil, jedoch ohne wahre Wirkung. Die jen

allgemeinen Zeitftrömung, aber doch ein fehr extremer,
fie ftellen das Judenthum der Zeit dar, aber wie Mr. 13,
Apok. Joh. und Petr. das Urchriftenthum. Wer neben
diefen Urkunden den 1. Korintherbrief oder I. Klemens-

feitige Welt, nur als Abfchlufs der Gefchichte gedacht, | brief nicht für entbehrlich hält, wird a priori behaupten,
wird im Grunde felbft diesfeitig; nur die Gegenwart, | dafs es im damaligen Judenthume vieles gegeben hat,