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Ausgabe:

1896 Nr. 3

Spalte:

71-73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Veckenstedt, Edmund

Titel/Untertitel:

Das Paradies und die Bäume des Paradieses. sowie ihre angeblichen Ebenbilder bei den Chaldäern, Persern, Indern, Griechen, Nordgermanen und Norddeutschen 1896

Rezensent:

Schürer, Emil

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71 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 3. 72

ift, des Herrn des Weltmeers, Dumuzi-Tammüz, der
Gott der Frühlingsvegetation, vielleicht nach einer alten
Vorftellung ein Sprofs des Weltmeers war, fo gut wie
Mar(ii)duk, der Gott der Frühlingsfonne. Aber ein Text
aus jüngerer Zeit lehrt Anderes. Das Paar Aläla und Bttili
hat zum Vater und zur Mutter Ann, den Himmelsherrn.
Nach der Höllenfahrtlegende ift Btiili die Schwerter des
Tammüz. Alälu heifst jauchzen', und ,fpielen', z. B. auf
der Flöte. Tammüz ift der Gott der Frühlingsvegetation,
der Frühlingslebeluft, er fpielt daher auch auf der Flöte,
mit der er den Todten Luft und Drang zum Leben erregen
kann. Es liegt daher nahe, unter Aläla diefelbe
Naturkraft zu verftehen, die in Tammnz perfonificirt wird.
Sie geht nach dem fpäteren Text aus Ann hervor, nach
dem älteren vermuthlich aus dem Weltmeer. Alfo
wiederum vermuthlich Spuren einer Entwicklung.

Wir haben eben einen Fall aufgewiefen, in dem zufällig
einmal, wie Infein, die von einem untergegangenen
Lande übrig geblieben find, weit von einander entfernte
Bruchftücke der gefchichtlichen Entwicklung erhalten
geblieben find. Zufällig einmal, und fie zeigen uns, wie
alles im Fluffe ift! Das wird nicht nur mit diefem
Mythus, fondern an allen Ecken und Enden der Fall
gewefen fein, obwohl die erhaltenen Texte wenig davon
wiffen und erkennen laffen. Da wird man keine Gefchichte
der affyr.-babylonifchen Religion fchreiben können.

Unter folchen Umftänden möchte ich es auch nicht
mit TlELE riskiren, ein Urtheil über den Grad ihrer Entwicklung
zu liefern. Wir wiffen, dafs die affyrifch-baby-
lonifche Religion zu irgend einer Zeit eine hohe Stufe
erfliegen hat: Das in den affyrifchen Bufspfalmen fich
offenbarende religiöfe Gefühl ift kaum verfchieden von
dem in den Pfalmen zu Tage tretenden, ein Affyrer z. M.
hat zu einer Zeit, wo der Begriff eines göttlichen Schaffens
den Juden wohl noch fremd war, den ungeheuren Gedanken
erzeugt, dafs ein Gott — Ansar-Assur — fich
felbft gefchaffen habe (K54i3a), einem Affyrer z. M. war
die Ueberzeugung aufgegangen, dafs die frommen Werke
nicht nothwendiger Weile Gottes Wohlgefallen erwerben
(IV R26o*ß.Obv.23—33). Aber wann fich diefe religiöfen
Ideen und Gefühle losgerungen haben, wann fie Gemeingut
geworden find, davon wiffen wir nichts.

TlELE hat zu meiner lebhaften Freude meinen Arbeiten
eine befondere Berückfichtigung widerfahren laffen
und unterläfst es nicht anzuerkennen, dafs er fie fchätzt.
Ich erwähne dies deshalb, weil mich das in den Augen
derer, die im Hintergrunde einer tadelnden Kritik als
deren Motiv gerne, und nur allzu oft mit Recht, gekränkte
menfchliche Eitelkeit fehen, vor dem Verdachte fchützen
wird, meine Kritik habe perfönliche Motive. Je höher ich
TlELE als Menfchen fchätze, und je mehr ich daran
denke, wie verdient er fich fonft als Gelehrter gemacht hat,
um fo mehr fchmerzt es mich, dafs ich über fein neueftes
Buch ein fo hartes Urtheil fällen mufs. Aber Freund ift
mir Plato, jedoch die Wahrheit mehr noch Freund.

Die Ueberfetzung Gehrich's ift in lesbarem Deutfch
verfafst, doch nicht fehlerlos. Auf p. 155 z. B. findet
fich verfchiedenes Anftöfsige. Dafs er dort in Z. 14
Mar(ii)dnk zu einem ,Sohngott' macht, zeigt nicht gerade,
dafs er das von ihm überfetzte Buch ganz verftanden hat.
Was mag erfichwohlunter einem,Sohngott'gedacht haben?

Marburg. P. Jenfen.

Veckenstedt, Dr. phil. Edm., Das Paradies und die Bäume
des Paradieses fowie ihre angeblichen Ebenbilder bei
den Chaldäern, Perfern, Indern, Griechen, Nordgermanen
und Norddeutfchen nach Religion, Mythologie,
Meteorologie, Naturwiffenfchaft und Volksanfchauung.
Halle, Heynemann'fche Buchdruckerei, 1896. (110S. 8.)

Der Inhalt diefer Schrift berührt fo verfchiedenartige
Gebiete, dafs auch der gelehrtefte Recenfent nicht über

alles als Fachmann urtheilen könnte. Ich glaube aber,
die Lefer der Theol. Literaturzeitung werden befriedigt
fein, wenn ich ihnen die Ueberfchriften der 46 Paragraphen
und den Wortlaut des Schlufsparagraphen hier,
mittheile: Erftere lauten:

r. Zur Einführung. 2. Götter, Helden und Dämonen.
3. Die Himmelslandfchaft. 4. Der Garten in Eden. 5. Die
zwölf Edelfteine am Amtsfchilde des Hohenpriefters.
6. Farben-Symbolik. 7. Das Harz Bedolah. 8. Die
Bäume des Paradiefes. 9. Bäb-Ilu und Ninua. IO. Der
chaldäifche Sündenfall. II. Die Betula alba. 12. Aus
Perfiens Gefilden. 13. Die perfifche Schöpfungsfage.
14. Der erfte Menfch. 15. Der perfifche Sündenfall.
16. Die heiligen Bäume. 17. Indiens kosmogonifcher
Baum. 18. Ficus indica und Ficus religiosa. 19. Die
Ficus religiosa als Schmarotzerpflanze. 20. Nyagrodha,
Agvattha, Paläga. 2t. Der Agvattha als Baum der Intelligenz
. 21. [sie] Aus Griechenlands Sagenwelt. 22. Die
Jafonfage. 23. Die Aepfel der Hefperiden. 24. Das
eherne Gefchlecht, die Nymphen. 25. Der männliche
und weibilche Baum. 26. Die Efche Yggdrafill. 27. Der
Profa-Edda-Gehalt. 28. Die Mannaefche und Manna-
cicade. 29. Gerichtsbaum und Bauernftein. 30. Der
Efchenmenfch der Edda. 31. Aus der Werkftatt der
Wortabieiter. 32. Deutungen. 33. Die Wetterkunde des
Volkes. 34. Der Gewitterbaum. 35. Der Adamsbaum.
36. Der Abrahamsbaum. 37. Der Regenbaum. 38. Die
Windwurel. 39. Der Wetterbaum. 40. Der Wetterbefen.
41. Der Windbaum. 42. Die Wolkenlandfchaft am Himmel
. 43. Wolkenbaum und Baum des Cultus, der Sage.
44. Die Paradieserzählung eine Parabel. 45. Paradies und
Hölle. 46. Das Paradies der Religion.

Der Wortlaut des letzten Paragraphen ift folgender:

,Der Garten Eden wird feiner örtlichen Lage nach
durch die vier Flüffe beftimmt, er ift in die Landfchaft
verfetzt, welche der Indus umftrömt, der Euphrat und
Tigris durchfliefst, der Nil bewäffert. Die Bäume des
Paradiefes als Art und Gattung feftzuftellen verfagen uns
die Mittel, welcher [sie] die vorfichtig wägende P"orfchung
ihre Ergebnifse zu entnehmen hat'.

,Mit diefem Ergebnifs haben wir uns zu genügen [sie].
Wer nach den gebotenen Darlegungen noch weiter davon
träumt, dafs die vergleichende Mythologie ihm dicRäthfel
löfen wird, welche jeder Mythus jedes Volkes ihm auf-
giebt, der mag diefer nutzlofen Befchäftigung fich weiter
hingeben, denn nicht jeder Menfch hat Neigung, feine
Zeit nutzlos zu vergeuden, indem er den Pflug die Erde
nutzlos aufreifsen läfst. Wer noch weiter den Zaubertönen
laufcht, welche ihm von der vergleichenden Reli-
gionswiffenfehaft gelungen werden, der fei darauf hin-
gewiefen, dafs nur der Gelehrte mit Erfolg und demnach
Berechtigung vergleicht, welcher mit derfelben Klarheit
und Sicherheit die geiftigen Schöpfungen Griechenlands
durchdrungen hat, wie diejenigen des deutfehen Geiftes,
Indiens, wie des Tieflandes von Egypten, der Semiten
wie der Männer des Oftens von Afien, der Urbewohner
Afrikas und von Auftralien'.

,Das zu erreichen ift dem Menfchen verfagt, und
deshalb wird die vergleichende Religionswiffenfchaft
nichts zu fördern vermögen als dilettantifche Schöpfungen
und damit für urtheilslofe Köpfe Stoff zur Herabminderung
der Wahrheiten der Religion'.

,Wer aber die Religion noch immer als den Ausdruck
der tiefften Offenbarungen der Geheimnifse Gottes und
des menfehlichen Herzens betrachtet, der wird glücklich
fein in jeder Erkenntnifs der Wahrheit, und in diefem
Falle eben in derjenigen, dafs das Paradies, der Garten
Eden, weil uns die Mittheilungen darüber enge Schranken
zu ziehen verfagen und damit eine Beftimmung nach
Meile und Stunde, nicht der irreführenden Wiffenfchalt
von der vergleichenden Mythologie zu überweifen ift,
nicht der fogenannten Religionswiffenfchaft ohne ficheren
Boden, fondern allein der Religion angehört, von welcher