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Ausgabe:

1896

Spalte:

59-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oettli, Sam.

Titel/Untertitel:

Ideal und Leben. Gesammelte Vorträge 1896

Rezensent:

Drews, Paul

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Seite 1

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59

Ebenfo ift die Textwahl für die zweite und dritte Predigt
ganz vortrefflich: I. Petr. i, 17—21 u. II. Cor. 3, 2—5.
Die Textwahl zur erften Predigt Sirach 2, 6 erklärt fich |
daraus, dafs diefer Spruch auf vielen Gefangbüchern
gedruckt fteht. Somit zeigt diefe Wahl, wieviel paftorales
Verftändnifs der gelehrte Akademiker befitzt.

Ich begreife, dafs L. vielfach um Drucklegung diefer i
Predigten gebeten worden ift. Viele werden fie ihm j
danken.

Jena. Drews.

Oettli, Prof. D. Sam., Ideal und Leben. Gefammelte Vorträge
. Gotha, Schloefsmann. — Bern, Kaifer, (1894).
(VI, 338 S. gr. 8.) Geb. M. 5 — J

Wenn wir Theologen über Unkenntnifs und Urteils-
lofigkeit auch der gebildeten Laien in religiöfen Dingen
Klage führen, fo haben wir andererfeits die Pflicht, das
Unfere zu thun, um dem abzuhelfen. Wir wiffen alle,
wieviel, und nicht zum wenigften von akademifchen Theologen
, jetzt in diefer Beziehung gefchieht. Viel bleibt
noch zu thun übrig. Deshalb begrüfsen wir auch diefe
,Vorträge', die auch gelefen noch wohl geeignet find,
an jener grofsen Aufgabe mitzuarbeiten. Ihr Vorzug
ruht in der Klarheit und Ruhe der Darftellung, in der
Befonnenheit des Urtheils und in dem religiöfen und
fittlichen Ernft, der das Ganze durchdringt, ohne zudringlich
hervorzutreten. Die Themata find den verfchie-
denften Gebieten entnommen. Die erften vier Vorträge (die
Religion des Ideals; das Chriftenthum in Leffing's Nathan;
Weltfchmerz und Chriftenthum; Hiob u. Fauft, eine Parallele
), gewifsermafsen eine Gruppe für fich, üben Kritik,
und wie mir fcheint, eine ganz richtige, an widerchrift-
lichen Weltanfchauungen unferer Tage. Sehr gefchickt
lehnt fich diefe Kritik an anerkannte Literaturerzeugnifse
an. Uebrigens hat darin O. fehr beachtenswerthe Vorgänger
. Ueber Nathan liegt ein Vortrag von Beyfchlag
(,Leffing's N. der Weife und das pofitive Chriftenthum'
1863), über Hiob und Dante's göttliche Comödie ein
folcher von dem verftorbenen Leipziger Guftav Baur
vor (Stud. u. Kr. 1856, S. 583). Auf Einzelnes einzugehen
verbietet der Raum. Nur Weniges fei herausgehoben
. Wenn der Grundcharakter Hiob's der gleiche fein
foll, wie der Fauft's, nämlich ,Hunger nach Erkenntnifs,
Genufs und That' (S.95U. 99), fo ift das eine Verzeichnung j
der Geftalt Hiob's, eine Uebertreibung der Parallele. Den j
Beweis für den ,Hunger nach Genufs' bei Hiob bleibt O.
ganz fchuldig, und Hiob Cap. 29, 15 ff. zeigen wohl Hiob's
Gerechtigkeitsfinn, nicht aber einen befonderen Thaten-
drang. Wieweit bei Hiob von Erkenntnifshunger zu reden J
ift, darüber liefse fich ftreiten. — Wenn dem Peffimismus
Schopenhauer's und Hartmann's vorgeworfen wird, dafs
er den Tod in feiner Furchtbarkeit nicht anerkenne, fo
wird damit diefer Weltanfchauung fchwerlich ein fchwerer
Schlag zugefügt. Wie leicht reiht fich die Todesfurcht
in fie ein! — Wenn O. ,die Zerrüttung der ganzen belebten
Natur, unter der Menfchen- u. Thierwelt feufzen',
als ,des Menfchen eigenftes Werk', der Sünde, bezeichnet
(S. 72) und gleich darauf die unleugbare Thatfache der
Todesherrfchaft auf Erden vor der menfchlichen Sünde
damit erklären will, dafs ja nach der Schrift auch das
Böfe vormenfchlich fei, fo verftrickt er fich in einen offenbaren
Selbftwiderfpruch.

Die zweite Gruppe der Vorträge führt auf das eigentliche
Gebiet des Verf.'s, auf das Alte Teftament: Die
focialen Grundgedanken im Gefetze Ifraels; der Prophet
Joel; die Politik des Propheten Jefaja; drei Paffionsbilder
aus den Pfalmen. Hier fei nur ein Punkt bezeichnet
» gegen den ich Widerfpruch erheben möchte. Es ift
die typologifche Auffaffung des 22. Pfalms. Zu folcher
Schrifterklärung, die jedes wirklich gefchichtliche Verftändnifs
ausfchliefst, haben heutigen Tages wohl nur
noch wenige Theologen den Mut.

Eine letzte Gruppe für fich bilden endlich die ,neun
Reifebilder aus dem Morgenlande', die frifch und nicht
ohne Humor gefchrieben eine anregende Leetüre bilden
und nicht nur von der Gelehrfamkeit und Beobachtungsgabe
, fondern auch von der phyfifchen Leiftungsfähig-
keit des Reifenden ein fchönes Zeugnifs ablegen.

Für fich allein fteht der kleine Auffatz über ,Luther's
Glaube' (1883), der fich allerdings nur zu fehr auf das
Allernächftliegende befchränkt. In Erinnerung an die
über Luther's Bufslehre geführte Controverfe lieft man
hier nicht ohne Intereffe: ,Wir fehen, die richtige
Schätzung der Sünde wächft ihm (Luther) aus der Betrachtung
des Kreuzes Chrifti heraus, wo Gottes Heiligkeit
und Liebe fich verklärt .... Gnade weckt Bufse,
wie Bufse zur Gnade führt und fie ergreift' (S. 237).

Jena. Drews.

Zum Autograph des h. Franciscus d'Assisi.

Ich nehme die Hofpitalität der Theol. Literatur-Zeitung nochmals
in Anfpruch, um den in Nr. 15 und 24 des Jahrgangs 1895 enthaltenen
Ausführungen einige Bemerkungen anzufügen.

Herr Sabatier hatte im Herbfte die Gefälligkeit, mir eine Photographie
nach dem Original des Autographons, wie es in Affifi bewahrt
wird, zu überfenden. Ich habe ihm fofort erwidert, dafs dasfelbe fehr
■ verfchieden fei von dem durch die franzöfifchen Capuciner publicirten
und dafs es ganz den Eindruck des 13. Jahrh. mache.

Die mir zeither ebenfalls durch die Gefälligkeit des Herrn Sabatier
zugänglich gemachte Schrift ,Tre Autografi di s. Francesco illustrati dal
sac. D. M. Faloci Pulignani1 (S. M. degli Angeli, Tipogr, della Porzi-
uncola, 1895) bringt nun drei Facfimilien, und zwar 1) wieder die Bene-
dizione di Fra Leone; 2) die f. Z. von Sabatier nicht gegebene Rückfeite
derfelben mit den ,Laudes ein fehr verletztes Stück, deffen
Reftitution nach altern Abfchriften und Drucken dem Verfaffer im Wefent-
lichen gelungen ift; 3) den 1620 von Wadding nach einer Hf. in Spoleto
publicirten, 1661 vergebens von Jacobilli gefliehten und jetzt wieder in
Spoleto zum Vorfchein gekommenen, dann Leo XIII gefchenkten Brief
des h. Franciscus an Fr. Leo, der mit dem uncorrecten Grufse ,F. leo
f. francisco tuo salutem ei paceml beginnt.

Diefe drei Schriftftücke erfcheinen beim erften Anblick von ganz
verfchiedener Hand. 1 und 2 ftimmen noch mehr zufammen, 3 ift aber
viel flüchtiger und rafcher gefchrieben.

Dafs I und auch 2 dem 13. Jahrh. angehören, kann jetzt, nachdem
zuverläffige Photographien vorliegen, nicht mehr zweifelhaft fein. Das
von mir einer fpäteren Zeit zugewiefene Facfimile der franzöfifchen Capuciner
ift offenbar gänzlich überarbeitet oder, ftatt nach dem Original,
nach einer der zahlreichen Copien fpätcrer Zeit reproducirt. 3 derfelben
I land wie I und 2 zuzufchreiben, fehlen mir fehr bedenklich. Ich habe
daher die Facfimilien Herrn Hofrath Dr. von Sickel vorgelegt, deffen
Urtheil wohl von allen Seiten als das competentefte wird anerkannt werden.

Hofrath von Sickel ift der Anficht, dafs trotz der anfeheinenden
Verfchiedenheit alle drei Schriften derfelben Zeit und derfelben Hand
angehören können; dafs aber diefe Hand eine im Schreiben völlig
ungeübte gewefen und dafs daher der Charakter ihrer Schrift von der
Schulfchrift des 13. Jahrh. ganz und gar abweiche und nicht nach den
fonft geltenden Normen der Paläographie zu beurtheilen ift. Bei Perfonen,
welche nur feiten fchreiben und deren Schrift nicht fchulgemäfs ift,
kommen die gröfsten Abweichungen vor, fodafs fich oft gar nicht beftim-
men läfst, ob ein Text oder eine Unterfchrift dem II,, 12. oder 13. Jahrh.
angehört.

Von Seiten der Palaeographie liegt alfo kein Grund vor, die Authen-
ticität der genannten drei Schriftftücke und mithin auch der ,grofsen
Reliquie' von Affifi zu bemängeln.

Zu den Ausführungen in Nr. 24 der Lit.-Ztg. bemerke ich noch,
dafs Sp. 628 ein feltfamer, doppelter Lapsus calami paffirt ift, indem
als Verfaffer des bekannten Buches ,De Servorum beatificatione. Rom. 1749',
Ganganelli, bzw. Clemens XIV, ftatt Prosper Lambertini (Benedict Xivj
genannt wird.

Rom 1895, Dez. 22. Franz Xaver Kraus.

Notiz.

Die in meiner Befprechung der Studio Sinaitica (Jahrg. 1895, ^r. 13
der Theol. Literaturzeitung) unter Abfchnitt VI über die ,nichtkirchliclie
Literatur' erwähnte fyrifche .Schrift von [einem der] Philofophen über
die Seele', deren Text in dem Ka.aloge der fyrifchen Handfcfiriften des
Sinaiklofters aus einer Handfchrift des 7. Jahrhunderts abgedruckt ift,
(Studia Sinaitica I, p. 19—26) ift nicht, wie man nach diefer Ueber-
fchrift, nach der Umgebung, in der fie überliefert ift, und auch nach
dem Inhalte urtheilen mufste, die Uebertragung des Werkes eines
fpätgriechifchen Philofophen, fondern der Schrift eines altchriftlichen
Schriftftellers: des Ao'yoc xicpaXaiojUrjc; neol xpvxVQ rtQOS Taxiuvöv
von Gregorius Thaumaturgus, jedoch ohne die Einleitung, die nach
Gerardus Voffius (S. Gregorii . . Thaum. opera omnia, Mog. 1604,
p. 146) auch in manchen griechifchen Handfchriften fehlt. Diefe Schrift