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Ausgabe:

1896

Spalte:

57-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loofs, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Apostolikon, in 3 , am 1., 3., und 5., Trinitatissonntag 1895 im akademischen Gottesdienste zu Halle gehaltenen Predigtemnausgelegt 1896

Rezensent:

Drews, Paul

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heiten und fchiefe Auffaffungen' enthält und zuletzt verfehlt
ift, hat Bornemann in der Chriftl. Welt 1895 Nr. 24,
Sp. 557fr. eingehend nachgewiefen. Zu gleichem Re-
fultat kommt auch B., nur von ganz anderem Standpunkte
aus. So anerkennenswerth es ift, dafs ein Mann,
der ,nahezu 50 Jahre im praktifchen Kirchendienft fteht'
(S. 150), ein fo lebhaftes Intereffe an der theologifchen
und kirchlichen Gegenwart fich bewahrt hat, und fo wohl-
thuend der durchaus milde Ton feiner Schrift berührt,
fo wenig erfreulich ift es, zu fehen, wie wenig der Verf.
der modernen Theologie gerecht wird. Es ift ein überaus
einfaches, aber doch fehr problematifches Verfahren,
jede Theologie, die von der Tradition fich losringt,
unterfchiedslos mit der Marke des Rationalismus zu ver-
fehen. Dabei geht B. von einer Auffaffung von Rationalismus
aus, die ihn felbft ins Unrecht fetzt. Nach ihm
befteht der Grundcharakter des Rationalismus darin, ,dafs
er fich für die materiale und formale Seite der wiffen-
fchaftlichen Arbeit an keine objective Autorität gebunden
erachtet, fondern nur an das, was in der Erfahrung, theils
der Gemeinde, theils des Einzeilnen, fich als göttliches
Leben und göttliche Wahrheit bezeugt und bewährt hat'
(S. 10). Darnach war Luther der gröfste Rationalift. Bei
dem grofsen Verhör, das mit faft allen bedeutenderen
Theologen der Gegenwart über die einzeinen loci der
Dogmatik angefleht wird, und bei der Scheidung der
Geifter thut dem Verf. Kübel mit feiner Schrift: ,Ueber
den Unterfchied zwifchen der pofitiven und liberalen
Richtung in der modernen Theologie' befondere Dienfte.
Dabei geniefsen Achelis und Beyfchlag das feltene Glück,
zu den ,Pofitiven' gezählt zu werden. Welche Mifsver-
fländnifse dabeiunterlaufen, mag nur an einzelnen Beifpielen
gezeigt werden. Ritfchl's Proteft gegen ,Weltflucht' wird
dahin gedeutet, dafs er,ein durchaus weltförmiges Chriften-
tum ohne Bufse und Wiedergeburt proclamirt' (S. 72).
Natürlich mufs ,eine folche Auffaffung vom Chriftentum
zerftörend auf die praktifche Wirkfamkeit in Predigt und
Seelforge wirken' (S. 75). — Oder: ,Für Ritfehl ift die
Perfönlichkeit Gottes nur ein formaler Begriff' (S. 100).
Herrmann wird feftgenagelt auf den aus dem Zufammen-
hang gelöflen Satz, Gott fei ,der durch Jefus in uns
wirkende Geift' (S. 102) u. f. f. Nach fchärffter Ablehnung
aller ,rationaliftifchen' Theologie ift man erftaunt,
als ,praktifche Folgerung' nicht etwa die Scheidung von
ihren Anhängern im Pfarrerftand proclamiert zu finden,
fondern nur die Trennung in der wiffenfchaftlichen Arbeit
der Paftorenconferenzen um des Friedens willen. Eine
kirchliche Spaltung fei durchaus nicht zu wünfehen und
gemeinfame Arbeit auf praktifchem Gebiet durchaus
möglich. Offenbar ein fchroffer Widerfpruch gegen die
Verurteilung des theologifchen Betriebs auf gegnerifcher
Seite, die wir vorher zu hören bekommen haben. Wir
find dem Verf. für diefe Inconfequenz herzlich dankbar,
meinen aber, dafs auch auf wiffenfchaftlichem Gebiet
wenigftens ein Sichverftehen und ein Voneinanderlernen
möglich ift.

Jena. Drews.

Loofs, Prof. D. Friedr., Das Apostolikum, in 3, am 1., 3.

und 5. Trinitatisfonntag 1895 im akademifchen Gottes-
dienfte zu Halle gehaltenen Predigten ausgelegt.
Halle a/S, Niemeyer, 1895. (IV, 38 S. gr. 8.) M .—. 60

Es war keine leichte, aber eine überaus dankens-
werthe Aufgabe, der L. fich unterzog, als er daran ging,
das apoftolifche Glaubensbekenntnifs der Gemeinde in
Predigten, noch dazu in nur drei Predigten auszulegen.
Aber er hat die Aufgabe vortrefflich gelöft. Seine Stellung
zum Apoftolikum präcifiert er mit folgenden Worten:
.Entweder ift's Pflicht, jene alten Formeln nicht nur zurücktreten
zu laffen, wie es mehr oder minder überall jetzt
gefchieht, fondern fie gänzlich abzuthun, — oder die

evangelifche Predigt hat die Aufgabe, an der Ueberliefe-
rung, von welcher der Trinitatisfonntag zeugt, nicht ftumm
vorüberzugehen, fondern Gedanken, die den Glauben
wecken und mehren können, auch in ihr aufzuweiten.
Denn unverftandene Formeln oder gar unverflandene
Bruchteile alter Formeln find flets ein gefährlicher Bal-
laft für rechte Frömmigkeit. Wie dies Entweder-Oder zu
entfeheiden, ift mir im Gewiffen nicht zweifelhaft' (S. 5f.).
Was L. fo verfpricht, hält er. Es ift ihm wirklich gelungen,
den bleibenden religiöfen Gehalt diefer alten Formeln
fcharf heraustreten zu laffen und fie fo der Gemeinde
nahezubringen. Diefe confervative Haltung hat aber L.
nicht gehindert, auch die Punkte deutlich zu bezeichnen,
die für den Glauben als nebenfächlich zu gelten haben
(Jungfrauengeburt, Höllenfahrt). Auch diefe Kritik ift
von den centralen Gedanken evangelifchen Glaubens
aus geführt. Dafs er damit .kirchlichen Blättern und
Zeitungen' Angriffspunkte bietet, wie er felbft fürchtet
(Vorwort), hat fleh bereits als wahr erwiefen. Ich dagegen
geftehe offen, dafs ich bei L. nur die eigene Pofi-
tion wieder finde. Nur einen Punkt möchte ich be-
fonders hervorheben. L. fagt S. 17 (Predigt zum 2. Artikel
): .Kluge Zweifler haben oft gefagt: „Sollte der Vater
im Himmel nicht verzeihen können ohne jenes Opfer?
[Chrifti Tod]. Kann's doch ein irdifcher Vater." Auch
das find halbe Gedanken. Ein Vater, der feine Kinder
recht erzieht, kann nur verzeihen, wenn er weifs, dafs
feine Verzeihung nicht mifsbraucht wird von dem Leicht-
finn der Sünde. Wo er das fürchtet, wird er verzeihen
nur, indem er gleichzeitig ftraft. Es wird die Weisheit
der Wege Gottes nicht ausfehöpfen, wenn ich fage, dafs
ich von hier aus es verftanden habe, dafs Chriftus .folches
leiden mufste'.— Soll mit diefen Sätzen im Allgemeinen
nur gefagt fein, dafs dadurch, dafs an die Perfon Chrifti
die Sündenvergebung gebunden ift, dem Leichtfinn gewehrt
ift, da das Leiden diefes Gerechten uns zu dem
Bekenntnifs unferer Schuld zwingt, fo ift dagegen nichts
1 einzuwenden. Die Worte können aber auch fo verftanden
j werden, dafs damit das Strafleiden Chrifti von Gottes
| Standpunkt aus begründet werden foll. Diefe Auffaffung
j liegt um fo näher, als der Vergleich mit dem irdifchen
I Vater und feinem Kinde häufig in diefem Sinne gebraucht
wird. Dem gegenüber wäre daran zu erinnern, dafs diefer
Vergleich nicht trifft. Der Vater ftraft das fchuldige
Kind, Gott foll den Schuldlofen ftrafen. Ferner: Gott
hat nicht die Sündenftrafen in dem Sinne auf Chriftus
gelegt, dafs wir überhaupt ftraffrei ausgingen; die Sünde
| hat heute noch wie am Anfang für uns ihren Fluch,
aus dem der Gewiffenhafte den heiligen Ernft Gottes zu
erkennen weifs. Endlich fichert das ,Strafleiden' Chrifti
nicht vor Mifsbrauch der göttlichen Verzeihung durch den
Leichtfinn der Sünde. Der Gewiffen erfchütternde Ernft
des Kreuzes liegt gewifs nicht in dem Gedanken: Hier
ftraft Gott. Wohl aber wird jeder Gewiffenhafte vor dem
Kreuz bekennen: ,Nun, was du Herr erduldet u. f. w.'
(was L. ebenfalls anführt). Keineswegs ift es aber gut
gethan, auf diefe fich unmittelbar einftellende Empfindung
! ein Gedankenfyftem aufzubauen über das, was Gott hat
thun müffen. Jedoch, wie gefagt, bin ich nach dem
Wortlaut keineswegs ficher, ob ich damit L.'s Meinung
treffe. Auf diefem fo wichtigen Punkt wäre eine etwas
weniger mifsverftändliche Rede erwünfeht gewefen.
_ Sonft aber weifs L. bewundernswerth klar zu reden,
j fo inhaltsfchwer die Predigten find. Dafs einiges gelehrte
, Beiwerk fich findet, ift bei diefem Gegenftand, und noch
dazu bei einem Kirchenhiftoriker begreiflich. Ebenfo begreiflich
ift der lehrhafte Ton der Predigten. Störend
| tritt weder diefes noch jenes hervor. Ueberaus fein fpricht
I fich der Zufammenhang der drei Artikel fchon durch die
Themata aus: .Chriftlicher Glaube ift rechtes Gottvertrauen
' (1. Predigt); .Rechtes Gottvertrauen ift eins mit
rechtem Chriftusglauben' (2. Predigt); .Rechter Chriftus-
glaube ift ein Werk des heiligen Geiftes' (3. PredigU