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Ausgabe:

1896

Spalte:

686-690

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kölbing, P. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Jahres-Bericht des theologischen Seminariums der Brüdergemeine in Gnadenfeld vom Studienjahre 1895/96, erstattet 1896

Rezensent:

Lobstein, Paul

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noch deutlicher die Schöpfungen der Kunft. Die leben- I.
dige Kraft des religiöfen Symbols flammt aus der organi-
fchen urfprünglichen Einheit des Frömmigkeitsgefühls
und des Bildes, welches diefes Gefühl fofort ins Bewufst-
fein überfetzt. Es kommt aber immer ein Augenblick,
wo fich das Bild von dem Gefühl, das es erzeugt hat,
loslöft und zu einem mehr oder weniger abftrakten Begriff
umgebildet wird, wo die fchöne Blume allmählich
verblafst, die aus der religiöfen Infpiration hervor-
gewachfen war (47). Die Dogmatik wird defshalb ,für
das religiöfe Leben ftets nur eine Art von höherem
Symbolismus fein, d. h. eine Form, welche, wenn ihr
der innere lebendige Glaube fehlt, gar keinen Werth
befitzt und nur einer leeren, eingetrockneten Nufsfchale
gleicht' (48). Aus all' dem ergibt fich, dass es auch
in der Religion, wie in jedem lebendigen Organismus
ein Princip der Stabilität und ein Princip der Bewegung
geben mufs. Das erftere beherrfcht die Subftanz, den
Inhalt der Dogmen, das letztere ihre Form, ihren intellektuellen
Ausdruck. Durch diefe Theorie eines ,kritifchen
Symbolismus' hofft S. über die alten unfruchtbaren Gegen-
fätze einer antihiftorifchen Orthodoxie und eines anti-
religiöfen Rationalismus hinauszuführen und den Frieden
unter den religiöfen Gemeinfchaften zu ermöglichen.

Für eine Stellungnahme zu den Anfchauungen des
Verf. wird die Vorfrage entfcheidend fein, ob man von
ihm eine Theorie der religiöfen oder des theologifchen
Erkennens erwartet. Das erftere ift die Befchreibung
des Erkenntnifselements der Frömmigkeit, das letztere
die Darfteilung einer wiffenfchaftlichen Methode. So eng
auch beide zufammenhängen und fo fehr fie aufeinander
angewiefen find: fie find fo wenig identifch, wie die
Arbeit der exegetifchen Forfchung mit der erbaulichen
Bibelauslegung. Für eine ,theologifche Erkenntnifstheorie',
wie der — infofern dem Original nicht ganz ent-
fprechende — deutfehe Titel lautet, würden fich aber
immerhin manche Modificationen der angeführten Grundmerkmale
ergeben. Insbefondere hätte die Gegenüber-
ftellung von Wiffenfchaft und religiöfem Erkennen (z. B.
S. 24), wie auch die des Gelehrten und des Moralifchen und j
Frommen (31) keine Berechtigung, fofern man die Theologie
als Wiffenfchaft gelten laffen will. Man mufs dem
Verf. gewifs zuftimmen, wenn er fagt: ,Die Correctheit
der Theologie hat in religiöfen Dingen viel weniger
Werth, als die Wärme der Frömmigkeit' (32), in der
Theologie felbft aber wird die .Correctheit' des wiffenfchaftlichen
Denkens das unentbehrliche Kriterium bleiben.
Und wenn er hinzufügt: ,Erbärmliche Beweisführungen
haben zu allen Zeiten wunderbare Bekehrungen zur Folge
gehabt', fo wird er folchen Beweisführungen doch in der
Theologie als Wiffenfchaft keinen Raum gewähren wollen.
Der Gegenftand diefer Wiffenfchaft ift eben die .pfycho-
logifch-religiöfe Thatfache', das erkennende, fühlende,
wollende religiöfe Subject felber, zu deffen Erforfchung
in Gefchichte und Gegenwart das eigene Erleben den
Schlüffel bildet, das aber objectiv ift und unter dem
Gefichtspunkt der Urfache oder des Zwecks betrachtet
werden kann, wie andere Thatfachen, ohne, jedoch in
diefer intellectuellen Bearbeitung erfchöpft zu werden.
Auch das religiöfe Symbol wird die Theologie nur zu
ihrem Gegenftand machen können, indem fie Form und
Inhalt desfelben mit den ihr eigenen Hilfsmitteln er-
forfcht und für den Inhalt einen möglichft adäquaten
Ausdruck fucht. Sie wird fich aber dabei immer bewufst
bleiben müffen — und das ift der unanfechtbare Kern
diefes Symbolismus — dafs alle begriffliche Faffung der
religiöfen Symbole weit davon entfernt ift, die Religion
felbft zu fein.

Riedlingen a. D. Th. Elfenhans.

Bibelwort und Gotteswort. Von Evangelicus. [Hefte zur
.Christi. Welt' Nr. 23.] Leipzig, Grunow, 1895. (40 S.
gr- 8.) M. —.40.

Cremer, Prof. D. Dr. Herrn., Glaube, Schrift und heilige
Geschichte. Drei Vorträge. Gütersloh, Bertelsmann,
1896. (III, 106 S. 8.) M. 1.505 geb. M. 2—.

3. Jahres-Bericht des theologischen Seminariums der Brüdergemeine
in Gnadenfeld vom Studienjahre 1895/96, erstattet
und hrsg. von Dir. P. Kolbing. Gnadau, Uni-
tätsbuchh., 1896. (III, 65 S. gr. 8.) M. 1.—.

Drei neue Beiträge zu dem in der Gegenwart immer
noch lebhaft umftrittenen Locus de Scriptura sacra.

1. Nach energifcher Betonung der Berechtigung der
Kritik des Bibelwortes wiederholt der Verf. der ersten
Schrift den oft geführten, hier besonders fchlagend dar-
gethanen Nachweis, dafs die Verbalinfpiration der h. S.
ganz einfach als ein apriorisch geltendes Axiom aufge-
ftellt wird. Woher wiffen wir denn, dafs die Bibel in
ihrer Gefammtheit Gottes untrügliches Wort ift? Das
ift kein Wiffensfatz, das mufs man eben glauben. Wem
aber glauben wir das? Unferen Kirchenlehrern, welche
uns jene Bücher als göttliches Offehbarungswort überliefert
haben. Der Glaube an die Verbalinfpiration ift
und bleibt daher ein Glaube um menfehhehen, nicht um
göttlichen Zeugniffes willen Dafs aber ein Ankämpfen
gegen diefe Lehre in unferer Zeit nicht ein Einrennen
von offenen Thüren ift, beweift die in der Gegenwart
bedeutend anwachfende Zahl der Schriftfteller, die die
biblifchen Autoren zu einfachen Schreibmafchinen herabwürdigen
. Welche Gründe gegen diefe verhängnifsvolle
Theorie sprechen, wie fchwach ihre Stützen find, zu
welch unerhörten Confequenzen fie führen muss, zeichnet
der Verf. in raschen Zügen, um fich dann eingehender
mit der Hauptfrage zu befchäftigen, vor welche ihn feine
eigenen Ausführungen ftellen: ,Wo findet der Chrift die
Grenze zwifchen dem Göttlichen und dem Menfchlichen
in der Bibel?' Antwort: eine äussere, mechanische Abgrenzung
gibt es überhaupt nicht. Vielmehr gilt auch
für uns Luther's religiöfer Canon, der aber nicht als
äufserliche, formelle Schablone in Anwendung zu bringen,
sondern dahin zu erweitern ift, dafs alle diejenigen
Bibelworte Chriftum treiben, welche Chrifti Wahrheit
enthalten und Chrifti Geift athmen, mögen sie nun
aus feinem Munde gekommen fein oder aus dem
feiner Apoftel. Aber wer ift denn competent, darüber
ein Urtheil zu fällen? Das durch die evangelische Erziehung
geläuterte chriftliche Gewiffen oder der Glaube.
Durch den Glauben hat man Chriftum ergriffen, d. h.
Chrifti Geift, der zugleich der heilige Geift ift, und dieser
übernimmt nun die Rolle, uns in alle Wahrheit zu leiten.
Gottes Geift in uns erkennt Gottes Geift aufser uns als
wefensverwandt. — Ref. mufs allen Ausführungen des
Verf.'s im Wefentlichen beipflichten, er möchte aber eine
Ergänzung und eine Berichtigung beifügen. Einmal hätte
die Thatfache eine fchärfere Beleuchtung gefordert, dafs
der das Gotteswort in der Bibel unterfcheidende .und
fich aneignende Glaube eine Frucht und Wirkung des
Evangeliums felber ift; darauf weifen zwar die foeben
mitgetheilten Andeutungen hin, diefelben hätten aber
eine beftimmtere Ausführung und eine kräftigere Betonung
verdient. Befonders bedenklich, ja geradezu irreführend
ift des Verf.'s Verfuch, den Geltungswerth der
Offenbarungswahrheit dadurch zu begründen, dafs er die
religiöfe Verkündigung, von welcher das Schriftwort Zeug-
nifs gibt, nach Analogie der Weltwiffenfchaften in ob-
jective Kenntniffe umzusetzen ftrebt. .Setzen fich nicht
auch, fchreibt Evangelicus, die Errungenfchaften der
Wiffenfchaft oder die objectiven, wiffenfchaftlichen Wahrheiten
aus lauter fubjectiven Einzelforfchungen zufammen,
die nur durch die fortwährende Wiederprüfung und Be-