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Ausgabe:

1896 Nr. 25

Spalte:

655-659

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kübel, Robert

Titel/Untertitel:

Christliche Ethik 1896

Rezensent:

Lobstein, Paul

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655 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 25. 656

terials, das vor allem für den Specialforfcher beftimmt
ift. Es will dem Referenten allerdings fcheinen, als
gefchähe in diefer Beziehung des Guten manchmal etwas
zu viel. Der Text fchwimmt ftellenweife förmlich in
Anmerkungen, und wenn man bedenkt, dafs der 3. Bd.
kaum 1 Jahr der Nuntiatur Portias umfafst, fo kann man
fich ob diefer Fülle manchmal einer gewiffen Beklemmung
nicht erwehren. Durch ein vortreffliches fehr ins
Einzelne gehendes Inhaltsverzeichnifs wird die Benutzung
wefentlich erleichtert.

Weimar. H. Virck.

Kübel, f. Prof. D. Rob., Christliche Ethik. Akademifche
Vörlefung. Hrsg. von Stadtvik. Glob. Wei fser. 2Thle.
München, C. H. Beck, 1896. (VII, 256 u. VI, 365 S.
gr. 8.) M. 8.—, geb. M. 10.—.

Ein opus postumum, das auf befonderen Wunfeh
des Verf.'s der Oeffentlichkeit übergeben wurde, obgleich
es urfprünglich nicht für weitere Kreife beftimmt war,
fondern ,nur den Zwecken einer akademifchen Vörlefung
dienen follte'. Für den Druck wurde Kübel's
eigenes, ,fehr fchwer lesbares' und nur mit Hülfe des Sohnes
Kübel's, cand. theol. H. Kübel, entziffertes Manufkript
zu Grunde gelegt. Des Herausgebers Nachfchrift aus
dem Jahre 1888, fowie die eines Zuhörers bei der letztmals
gehaltenen Vörlefung im Jahre 1894 wurden zur
Vergleichung beigezogen. Die Grundfätze, die den
Herausgeber bei feiner Veröffentlichung geleitet, find
durchaus zu billigen. Inhaltlich hat fleh Weifser keinerlei
Aenderung erlaubt; dagegen glaubte er formell mehr
Freiheit fleh geftatten zu dürfen; kleinere Styländerungen
hielt er für erlaubt, ,foweit ihm die Klarheit und Ver-
ftändlichkeit es zu fordern fchienen'. ,Wenn jedoch zu befürchten
war, dafs durch ftyliftifche Aenderung auch der
Inhalt alterirt werden könnte, oder wenn eine Aenderung
nur auf Koften der kurzen gedrängten Darfteilung
möglich gewefen wäre, oder wenn der Styl für
die ganze Eigenart Kübel's charakteriftifch war, habe
ich eine Aenderung vermieden und lieber auch einen
fchwerfälligen Satz beibehalten.' Eine Ueberficht über
die citirten und behandelten Bibelftellen, fowie ein alpha-
betifch geordnetes Regifter über die behandelten Hauptbegriffe
erhöhen den Werth und erleichtern den Gebrauch
des Buches. — Daffelbe zerfällt in zwei Haupttheile.
Der erfte (I, 49—259) handelt von der ,Forderung und
Ermöglichung der chriftlichen Sittlichkeit'. Wenn indeffen
der Verf. auszuführen fucht, dafs die chriftliche Sittlichkeit
durch die Natur des Menfchen, durch den empiri-
fchen wie den fittlichen Zuftand des Menfchen (die Sünde),
durch den pofitiven göttlichen Willen (dasGefetz),durch ihre
Ermöglichung oder durch die Darreichung ihrer Kraft in
Christo gefordert wird, fo erhellt fofort — und es bewährt fleh
namentlich aus dem letzten der vier genannten Capitel
— dass diese vierfache Begründung nicht in demfelben
Sinn als Forderung der chriftlichen Sittlichkeit gelten
kann; namentlich gehören die Ausführungen über den
hiftorifchen und den verklärten Chriftus als Prinzip der
chriftlichen Sittlichkeit, über Chrifti Reich und Gemeinde
als Bafis derfelben, bereits in den zweiten, der //Verwirklichung
der chriftlichen Sittlichkeit' gewidmeten
Haupttheil (Bd. II, 1—346). Diefe Verwirklichung ftellt
die Ethik, nicht wie die Dogmatik, von der objectiv
gefchichtlichen, fondern von der fubjectiv gefchichtlichen
Seite aus dar. ,In der Dogmatik fleht die Wirklichkeit
des neuen Lebens da als ein Gut, das ein für allemal
durch Chriftum der Welt erfchloffen ift, eben daher als
ein Syftem von Gotteswahrheiten, die der Menfch gläubig
erkennt. In der Ethik dagegen fleht das neue Leben
da als eine Wirklichkeit, die durch uns Menfchen zu
gewinnen ift, freilich in Chrifti Kraft, alfo als ein Syftem
von Lebenswirkungen Chrifti und Lebenthätigkeiten des

glaubenden Menfchen.' Diefes Syftem entfaltet fich in
zwei Grundlehren, die von der ,Entftehung der chriftlich-
fittlichen Perfönlichkeit' (der zur Wiedergeburt führende
ethifche Prozefs), und die von der .Entwickelung der
chriftlichen Perfönlichkeit nach ihrem allgemeinen Charakter
, nach den einzelnen Seiten des individuellen Lebens,
nach ihrem Gemeinfchaftscharakter'. Eine E/rörterung
der ethifchen Grundbegriffe gibt K. bei der Befchreibung
der chriftlich-flttlichen Entwickelung im Allgemeinen.
Diefe Entwickelung beftimmt fich ihrem näheren Charakter
nach teleologifch als alimähliches Hinankommen zu dem
vorgefetzten Ziel (höchftes Gut); der Form und Norm
nach beftimmt fich das chriftlich-fittliche Leben als Erfüllung
des Gefetzes Chrifti (Pflichtenlehre); endlich ftellt
fich diefes Leben dynamifch betrachtet als Verwirklichung
der chriftlichen ,Tugend'dar. Was die Entwickelung der
chriftlichen Sittlichkeit nach den Hauptaufgaben des
Einzellebens betrifft, fo gruppirt fich der hierher gehörige
Stoff unter die zwei Gefichtspunkte des ,Lebens der
Liebe* und des ,Handelns als Kraftfammlung und Kraftmehrung
(Askefe und Tugendmittel)'. Das letzte, der
Socialethik gewidmete Capitel handelt von dem Familienleben
, dem Leben in der bürgerlichen ftaatlichen Ge-
meinfehaft und dem kirchlichen Leben.

Die begeifterten Schüler und Freunde Kübel's rühmen
ihn vorzüglich als den ,muthigen Vertreter echt biblifchen
Chriftenthums gegenüber aller Verflachung und Verweltlichung
und Verdiesfeitigung' (Vorwort des Herausgebers,
S. VI). Kübel's prinzipielle Stellung ift durch den bekanntlich
auch in den übrigen Schriften des Verf.'s ftark
hervortretenden Einflufs Beck's beftimmt. Wie für Beck,
fo ift für Kübel das Prinzip der chriftlichen Ethik ,der
im Geift durch das Wort in uns lebende und wirkende
Chriitus'. Die chriftliche Ethik ift demnach die ,wiffen-
fchaftliche Darfteilung des chriftlich-fittlichen Handelns
als Leben im Geift Chrifti durch das Wort Chrifti' (I, 19).
,Hiernach kann Quelle und Norm der Ethik nur die im
Wort Chrifti, d. h. im Neuen Teftament gegebene Selbft-
bezeugung des Geiftes Chrifti fein.' (I, 21). Wenn ferner
in der Forderung einer ,pneumatifch lebendigen Verwendung
des Neuen Teftamentes' ein Grundprinzip der
Beck'fchen Theologie zum Ausdruck gelangt, fo entfernt
fich allerdings Kübel von feinem Lehrer, indem er den
biblifchen Realismus deffelben durch Beftimmungen
limitirt, welche Beck wahrfcheinlich als eine gefährliche
Conceffion an den Zeitgeift zurückgewiefen hätte. ,Es
kann die chriftliche Wiffenfchaft auf biblifchem Grunde
nicht dadurch zu Stande kommen, dafs das biblifche
Wort ganz als folches, wie es ift, belaffen und lediglich
formal in fyltematifche Ordnung zufammen gearbeitet
wird. Schon hierbei hat übrigens die Subjectivität einen
viel gröfseren Einflufs, als z. B. Beck zugibt. Wiffen-
fchaftliche Erkenntnifs der biblifchen Wahrheit kommt,
wie die Dogmatik näher zu zeigen hat, überhaupt erft
dadurch zu ftande, dass das biblifche Wort aus der
Form der Anfchauung in die Form des Begriffs umgefetzt
wird. Denn ohne dies haben wir eben keine wiffen-
fchaftlich reflectirte Erkenntnifs und Darftellung' (I, 22).
Ueber die Verwendung des Neuen Teftaments in der
chriftlichen Ethik ftellt Kübel indeffen keine fefte metho-
dologifche Grundfätze auf; in etwas unbeftimmter
Aeufserung fpricht er von der .Geltung echter, wenn auch
nie abfoluter Biblicität'. Es fleht ihm feft: ,in ethifcher
Beziehung ift die wefentliche Harmonie zwifchen den
Anfchauungen der Synoptiker und derjenigen der übrigen
neuteftamentlichen Schriftfteller unbeltreitbar. Die Ethik
wird alfo zwar überall, wo es nothwendig ift, auch auf
die Unterfchiede der wichtigften neuteftamentlichen Lehrbegriffe
Rückficht nehmen müffen; aber im grofsen
Ganzen hat fie Recht und Pflicht, die neuteftamentliche
Ethik als ein Ganzes zu behandeln' (I, 23). Als bezeichnende
Belege für die Art des Schriftgebrauchs in
dem Kübel'fchen Werke können angeführt werden, aus