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Ausgabe:

1896

Spalte:

41-47

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lipsius, Rich. Adelbert

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der evangelisch-protestantischen Dogmatik. 3., bedeutend umgearb. Aufl 1896

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 2.

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wahrfcheinlich: wenn Alexander wirklich kein Chrift war, j was früher Mark hervortrat, tritt jetzt zurück, und vieles,
fo hat man im 9. Jahrhundert doch ihn wohl dafür ge- [ was durch feine Verflechtung in andersartige Gedanken
halten. Ich bemerke noch, dafs Brinkmann die Aus faft verborgen war, rückt jetzt in helles Licht; und fo
führungen Ter-Mkrttfchians (die Paulikianer) über fehen wir nun doch ein ziemlich anderes Webemufter
Photius' und Petrus Siculus' antimanichäifche Schriften vor uns als zuvor. Welcher Art ift die Veränderung?
nicht billigt {singulare cum levitatc disputavit K. T.-M.). Friedr. Traub hat in einem vortrefflichen Auffatz (in
Die fehr forgfältige Ausgabe bietet zum erften Mal j den Stud. u. Krit. 1895 S. 471 ff.) die ,Grundlegung und
einen wirklich lesbaren Text. Sie ift auf Grund des Cod. j Methode der Lipfius'fchen Dogmatik' geprüft und, wenn
Mediceus hergeltellt, neben dem die anderen bekannten : er auch einzelne Stellen aus Lipfius m. E. etwas ge-
Handfchriften zu entbehren find. Der erfte Herausgeber, waltfam commentirt, doch mit überzeugenden Beweifen
Fr. Combefifius (Auctarium novissimum pars II, Par. 1670) '. die Gefammtrichtung dargelegt, in.der fich das dogmatifche
hatte diefen Codex nicht zur Hand gehabt. Gallandi und | Denken von Lipfius bewegt hat: ,fie geht vom Theore-
Migne geben den Combefififchen Text, von denen der j tifchen zum Praktifchen, vom Speculativen zum Gefchicht-
neue an wichtigen Stellen erheblich abweicht. j lich-Pofitiven, philofophifch ausgedrückt von Hegel zu

Giefsen. G. Krüger.

ipsius, fGeh. Kirchenr. Prof. D. Rieh. Adb., Lehrbuch
der evangelisch-protestantischen Dogmatik. 3., bedeutend
umgearb. Aufl. Mit einem Verzeichnis der literarifchen
Veröffentlichungen des Verfaffers. Braunfchweig.

Schwetfchke & Sohn, 1893. (XXXVI, 904 S. gr. 8.) ^C"^ k^kS "2"" U'C vvanKrnt:it ae* caillJT

' VJ v nit o hchen Glaubens befonders daran erproben wollen, ob

Kant, theologifch ausgedrückt von Biedermann zu Ritfehl'
(/. c. S. 528).

Dafs diefe Charakteriftik richtig ift, ergiebt fich befonders
aus derFaffung, die jetzt einerfeits der principielle
Theil in feinen Lehnfätzen aus der Apologetik und die
davon abhängige Gotteslehre, andererfeits die Chrifto-
logie erhalten hat. In der apologetifchen Grundlegung
hatte Lipfius feiner Zeit die Wahrheit des chrift-

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• I2- fich die Glaubensfätze ,in den Zufammenhang einer in
Zu meinem Bedauern komme ich erft jetzt dazu, die i allen ihren Einzelheiten wiffenfehaftlich geficherten Weltbetrachtung
' (2. Aufl. S. 8) hineinftellen laffen. An Stelle
diefes allerdings nur indirecten wiffenfehaftlichen Be-
weifes ift jetzt bei Lipfius der Nachweis ,der praktifchen
Nöthigungen' getreten, ,auf denen die Geltung der
chriftlichen VVeltanfchauung beruht' (S. 8). Nur in fecun-
därer Stellung behauptet fich daneben noch das Intereffe
an einer Harmonie des chriftlichen Glaubens mit den geficherten
Ergebnifsen der Wiffenfchaft, und es führt nur
zu der negativen Forderung, dafs ,die auf fittlich-reli-
giöfen Nöthigungen und Erlebnifsen beruhenden Sätze

Recenfion der 3. Auflage von Lipfius' Dogmatik zu liefern;
ich kann mich damit trotten, dafs diefes Buch nicht ein
Eintagswerk ift, fondern feine gefchichtliche Bedeutung
in der dogmatifchen Literatur hat und behalten wird.
Im Jahr 1885 bekannte Lipfius im Blick auf die zweite
Auflage feiner Dogmatik: ,Ich fühle recht gut, dafs
manche Darlegungen meiner Dogmatik einer Ueber-
arbeitung bedürfen, um die Gefichtspunkte, welche von
Anfang für fie mafsgebend gewefen find, klarer und
durchfichtiger, als es mir möglich war, durchzuführen . .
Ich weifs nicht, ob es mir vergönnt fein wird, die Ver-
befferungen, die ich jetzt für nothwendig halte, künftig
einmal vorzunehmen' (Neue Beiträge in Jahrb. f. prot.
Theol. 1885. S. 670; Separatdruck u. d. Titel ,Philofophie

und Religion' S. 318). Es war ihm nicht vergönnt, die j fophie' oder einer ,zur Weltanschauung erweiterten
neue Auflage ganz zu vollenden. Sein jüngerer College ; Glaubenslehre'hervor (S. 16): ,auf Grund des chriftlichen
Profeffor Otto Baumgarten hat in pietätvoller gefchickter | Glaubens und der von diefem Glauben vorausgefetzten
Weife die mühfame Arbeit zu Ende geführt. Er hat in praktifchen Nöthigungen' foll eine einheitliche Weltan-

mit unterer theoretifchen Erkenntnifs nicht in Widerfpruch
flehen' dürfen (S. 3). Statt der Einfügung der chriftlichen
Glaubenspofitionen in eine wiffenfehaftliche Weltanfchauung
tritt jetzt die Idee einer ,ch riftlichen Philo-

einem Vorwort von feiner Thätigkeit Rechenfchaft ab
gelegt und alle einigermafsen wichtigen Abänderungen
forgfam regiftrirt. Für etwa zwei Drittel des Werkes hatte
Lipfius das Manufcript für die dritte Auflage fertiggeftellt.
Das letzte Drittel erforderte abgefehen von den Bleiftift-
notizen, die für die erften paar Seiten noch vorlagen, eine
felbftändige redactionelle Arbeit auf Grund der feit der
zweiten Auflage erfchienenen literarifchen Arbeiten von
Lipfius und von Collegnachfchriften. Naturgemäfs mufste
der Herausgeber in diefem Theil fich mit Zufätzen und

fchauung aufgebaut werden, welcher das Gefammtgebiet
unferer Erfahrung fich mufs einfügen laffen (S. 14). Alfo
das umgekehrte Verhältnifs! — Damit ift dem früheren
Gedanken eine glückliche Wendung gegeben. Aber wird
die neue Einficht mit voller Confequenz durchgeführt?
Wird nicht doch noch neben dem praktifchen Erweis etwas
von theoretifcher Beweisführung für die Wahrheit der
chriftlichen Religion fortgefchleppt? In dem erften Ab-
fchnitt der ,theologifchen Principienlehre', der den Titel
,die Religion' trägt, wird nach der jetzigen neuen Capitel-

Ergänzungen begnügen, während im erften Theil ganze eintheilung zuerft ,die empirifche Erfcheinung der Re

Partien umgearbeitet, neue Paragraphen eingefchaltet und
kleinere Berichtigungen in Menge vorgenommen find.
Trotz diefer Ungleichmäfsigkeit darf man das Zeugnifs
nicht zurückhalten, dafs diefe dritte Auflage, obwohl ein
pofthumes Werk, die früheren Auflagen entfehieden überholt
und als eine Gefammtdarftellung der dogmatifchen
Anflehten von Lipfius, wie fie fich bis zum Ende feines
Lebens und Arbeitens weiter fortgebildet hatten, ange-
fehen werden darf.

ligion', dann ,das metaphyfifche Wefen der Religion' behandelt
. Unter der letzteren Ueberfchrift fucht Lipfius
nachzuweifen, dafs dem Menfchen ,feine religiöfe Abhängigkeit
von Gott als eine Abhängigkeit fpeeififeh
anderer Art im Vergleiche mit feiner Abhängigkeit in
der Welt zum Bewufstfein kommt', fofern er fich nämlich
gerade in der Abhängigkeit von Gott zur Freiheit über
die Welt erhebt, und zwar zu einer andern als der em-
pirifchen Freiheit in der Welt (§ 38). Somit ,weift die

Lipfius fchämte fich zwar ,des Eingeftändnifses nicht, ; Abhängigkeit von Gott über das ganze Gebiet der
von den zahlreichen Angriffen, die feine Dogmatik er- j Wechfelwirkung endlicher Freiheit und endlicher Ab

fahren, gelernt zu haben'; aber er hatte doch das Be
wufstfein, dafs jene Fortbildung feiner Anflehten nichts
anderes fei als eine klarere Durchführung der Gedanken,
die ihn von der erften Auflage der Dogmatik an geleitet
haben. Man wird in der That zugeben müffen, dafs wir
in dem erneuerten Werk kaum einen leitenden Gedanken

hängigkeit in der Welt hinaus' (zu § 39); daher .kommt
ihr ein überempirifcher, intelligibler oder transfeenden-
taler Charakter zu' (§ 39); fie ift alfo ,eine metaphyfifche
Realität' d. h. die übernatürliche, überweltliche Macht,
von der wir uns abhängig fühlen, und unfere Beziehung
zu ihr ift Wirklichkeit, nicht fubjective Illufion. ,In diefem

finden, der nicht auch in den früheren Auflagen irgendwo ! transzendentalen Charakter des rellgiöfen Verhältnifses'
in das Gedankengewebe eingewoben wäre. Aber vieles, | d. h. in der Realität der überweltlichen Macht und unferer

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