Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1896

Spalte:

36-37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bardenhewer, Otto

Titel/Untertitel:

Der Name Maria. Geschichte der Deutung desselben 1896

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

35

36

Nachdem Willrich durch diefe Quellen-Unterfuchung
den Weg für eine Darfteilung der makkabäifchen Vor-
gefchichte gebahnt und im Vorbeiweg auch noch ,die
Lifte der Hohenpriefter von Jaddua bis auf Menelaos'
kritifch vernichtet hat (S. 107—115), giebt er S. 115—125
eine pofitiveDarftellungder ,Vorgefchichtedermakka-
bäifchen Erhebung', die von der herkömmlichen doch
nicht fo ftark abweicht, wie man nach den grofsen kri-
tifchen Anftrengungen vielleicht erwarten könnte, übrigens
wohl beachtenswerth ift.

Der letzte Abfchnitt des Buches ift der jüdifchen
Diafpora in Aegypten feit Ptolemäus Philometor gewidmet
(S. 126 ff.). Wie fchon erwähnt, hält Willrich alles,
was über Anfiedelungen von Juden in Aegypten vor der
Makkabäerzeit erzählt wird, für erdichtet. Der Urheber
diefer Fabeln ift Pfeudo-Hekatäus, der früheftens um 100
vor Chr. gefchrieben hat. In Wirklichkeit beginnt nach
Willrich die ägyptifche Diafpora erft mit dem Hohenpriefter
Onias, der aus Jerufalem verdrängt den jüdifchen
Tempelcultus in Leontopolis begründet hat. Die Voraus-
fetzung diefer Hypothefe find folgende drei Sätze: 1) dafs
Pfeudo-Hekatäus früheftens um IOO vor Chr. gefchrieben
hat, 2) dafs, weil manches in diefem Buch erdichtet war,
darum auch die Behauptung von der frühen Anfiedelung
der Juden in Aegypten erdichtet war, 3) dafs alle Späteren
die betreffenden Notizen nur aus diefer Quelle gefchöpft
haben. Ich halte alle diefe drei Sätze für falfch. Welche
gewaltfamen Operationen aber W. vornehmen mufs, um
feine vorgegefafste Meinung aufrecht zu erhalten, zeigt
befonders der Abfchnitt über die Entftehungszeit der
Septuaginta (S. 154—171). Seit den forgfältigen Unter-
fuchungen von Freudenthal darf es als höchft wahrfchein-
lich gelten, dafs der jüdifche Hellenift Demetrius unter
Ptolemäus IV (222—205 vor Chr.) gefchrieben hat, und
der jüdifche Hellenift Eupolemus um 160—150 vor Chr.,
beides deshalb, weil ihre chronologifchen Berechnungen
eben diefe Zeitpunkte zu Endpunkten haben. Nun hat
aber Demetrius die Septuaginta-Ueberfetzung des Penta-
teuches zweifellos fchon benützt, Eupolemus die der
Chronik. Die Septuaginta-Ueberfetzung hat aber wiederum
die Exiftenz einer jüdifchen Diafpora in Aegypten zur
Vorausfetzung. Wenn es demnach richtig ift, dafs Demetrius
um 220 gefchrieben hat, dann mufs fpäteftens
um die Mitte des dritten Jahrh. vor Chr. eine jüdifche
Diafpora in Aegypten exiftirt haben. Um diefem Re-
fultat zu entgehen, fucht Willrich durch künftlich auf-
gefammelte Zweifelsgründe die Anfätze Freudenthal's für
die Zeit des Demetrius und Eupolemus unficher zu
machen, augenfcheinlich aus keinem andern Motiv als
weil nun einmal die Juden nicht fchon im dritten Jahrhundert
nach Aegypten gekommen fein follen, was doch
an fich recht plaufibel ift. Es ift aber nicht nur plau-
fibel und vielfach durch die Schriftfteller bezeugt, fondern
wir haben jetzt dafür auch urkundliche Zeugnifse. Unter
den von P'linders Petrie gefundenen und von Mahaffy
herausgegebenen Papyrustexten aus dem Fajjum, welche
Willrich S. 153 erwähnt, aber, wie es fcheint, nicht genauer
unterfucht hat, ilt eine Urkunde vom J. 238/237
vor Chr., auf welcher ein [7Taq£n]idriiog og xai avgiazi
fcova&ag [AceXeizai] erwähnt wird, The Flinders Petrie
Papyri ed. by Mahaffy Part II (= Royal Irish Academy,
Cunningham Memoirs No. IX) Dublin i8pj, p. 2j, ij. Auf
einer anderen nicht datirten, aber ungefähr aus gleicher
Zeit (lammenden, ift von einer Abgabe die Rede, welche
in dem Dorfe Pfenyris zu entrichten war dg tu anoSoyya
zqg xiotiqg naget ziuv lovdauuv aui tojv EXXryiov ev.aötov
oiouazog S (a. a. O. Parti— Cunningham Memoirs No. VIIf
Dublin i8pi, p. dj). Die in dem Dorfe wohnenden Juden
und Hellenen hatten alfo, wie es fcheint, für die in ihrem
Befitze befindlichen Sklaven eine befondere Steuer zu
entrichten (das Zeichen S bedeutet eine halbe Drachme,
aoifta ilt das gewöhnliche Wort für Sklave).

Eine detaillirte Beurtheilung der kritifchen Auf-

ftellungen, über welche ich referirt habe, kann hier nicht
{ gegeben werden. Theilweife ilt fchon das Referat an fich
zugleich eine Kritik. Ich verweile nur darauf, dafs der
Alexander-Roman in die Zeit des Jofephus gefetzt wird,
j weil er den Conflict der Juden und Samaritaner unter
Cumanus 52 nach Chr. vorausfetze; oder darauf, dafs
! die griechifche Bearbeitung des 1. Makkabäerbuches in
die Zeit des Herodes fallen foll, weil im Hinblick auf
den Spartaner Eurykles eine Verwandtfchaft zwifchen
Juden und Spartanern erdichtet fei. Manches ift ja allerdings
ernfthafter zu nehmen, und vieles fcharffinnig.
Aber probehaltig dürfte nur Einzelnes von den Auf-
ftellungen des Verfaffers fein. Zu dem Erwägenswerthen
fcheinen mir in erfter Linie die Unterfuchungen über die
Vorgefchichte der makkabäifchen Erhebung und die
damit zufammenhängende ,Oniadentradition' zu gehören.

Göttingen. E. Schürer.

Bardenhewer, Prof. Dr. O., Der Name Maria. Gefchichte
der Deutung desfelben. [Biblifche Studien, hrsg. von
O. Bardenhewer, 1. Bd. 1. Hft] Freiburg i/B., Herder,
1895. (X, 160 S. gr. 8.) M. 2. 50

In der Befchränkung zeigt fich der Meilter. Ein
minutiöfes Thema: und welche Fülle von Gelehrfamkeit!
Mit Recht fagt der Verfaffer, der Gang der Unterfuchung
habe ihn auf völlig ungebahnten Pfaden durch weit von
einander abliegende Literaturgebiete geführt. Ueberall
aber verfolgt er fein Thema bis auf den letzten Grund
und erfreut den Lefer ebenfo durch gefundes Urtheil wie
durch peinliche Akribie. Man wird unwillkürlich an die
Art Gildemeifter's erinnert, zu deffen Füfsen einft der
Verf. gefeffen hat.

Die Schrift bietet genau, was der Titel befagt: eine
Gefchichte der Deutungen des Namens Maria, nicht etwa
erbaulicher Spielereien, die damit getrieben wurden, fondern
der Deutungen des Namens. Als Einleitung
wird eine Erörterung der verfchiedenen Formen (Mirjam,
Maqiait, Maqia, Magiauuin) vorangefchickt. Dann werden,
nach einem kurzen Blick auf Philo und die Rabbinen
die verfchiedenen, angeblich auf Philo und Origenes
zurückgehenden griechifchen Onomaftica vorgeführt.
In ihnen finden fich bereits fehr mannigfaltige Deutungs-
verfuche. Maqiau cptuziCozaa (ed. Lagarde p. 175, 22).
Maqia yivqievovaa (176, 49—50). Maqia Avgii-eovaa rj
7u-/.qo. ildXaaoa. Maqiau cpiüzEoittvrj r] yiozitovaa avzovg
1] -/.voiog i-a yivovg unv f) nuyqva öaXaooia (179, 31—33).
Maqia -Atoia tjfttov r] anb doqäziov. Maqiait (pioxiLovaa
(195, 66). Maqiau -Avqiog ex yevvrjoeajg uov r/ Avqisvoiaa
r] ouvQvu Falaoo-qg (195, 74—76). Maqiaua 7iiAqa trd-
Xaaaa (203, 14). Maqiau y.vqiov acpqayig, Avqiog sa znv
yevovg /KW, cpinziauog (203, 17—18). Sie werden fämmt-
lich vom Verf. der Reihe nach befprochen (S. 27—39).
Die griechifchen Kirchenväter (S. 40—48) und die fyrifchen
! Lexikographen (S. 48—50) bieten nicht viel Neues. Das-
I felbe gilt zwar auch von den lateinifchen Kirchenvätern;
aber fie geben doch viel mehr Anlafs zu eingehenden
Unterfuchungen. Den Reigen eröffnet felbftverftändlich
Hieronymus, der es fertig bringt, aus der breiten Lifte
der Onomaftica eine recht mannigfaltige Auswahl fich
anzueignen und bei verfchiedenen Gelegenheiten zur Verfügung
zu (teilen. Von ihm felbft fcheint dagegen diejenige
Deutung herzurühren, welche dann das Mittelalter
beherrfcht hat, merkwürdiger Weife aber nicht in ihrer
urfprünglichen Form, fondern in einer durch einen Lefe-
fehler frühzeitig erfolgten Umgeftaltung. Hieronymus
erklärt nämlich zweimal = stilla tnaris (Liber interpre-
iationis hebraicornm nomintim, zu Exod. 15, 20: Maria
illuminatrix mea vel illuminans cos aut zmyrna tnaris
aut stilla maris, und zu Matth. 1, 16: melius est autem
ut dicamus sonare eam stillam maris sive amarum mare).
Dafs an beiden Stellen trotz des entgegenftehenden Zeug-