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Ausgabe:

1896 Nr. 19

Spalte:

495-497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wright, Arthur

Titel/Untertitel:

A synopsis of the gospel in Greek after the Westcott and Hort text 1896

Rezensent:

Schmiedel, Paul

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495

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 19.

496

Wright, Arthur, fellow and tutor of queens' College,
Cambridge, A Synopsis of the gospels in Greek after the
Westcott and Hort text. London, Macmillan and Co.,
1896. (XXVI, 168 S. gr. 4.) Geb. M. 6. —

Da untere deutfchen fynoptifchen Drucke noch
keineswegs alles leiften, was üe tollten und könnten, fo
ift es gewifs von Intereffe, zuzuteilen, ob das wegen
feines practifchen Gefchicks bekannte England hierin
einen Fortfehritt zn bieten vermag. In der That ift es
als ein folcher zu bezeichnen, dafs die parallelen Stellen
einander Zeile für Zeile gegenübergeftellt werden, fodafs
man das Entfprechende in den andern Evangelien eigentlich
immer auf derfelben Querzeile zu fuchen hat. Von
felbft hat dies weiter dazu geführt, in Fällen, wo etwas
darauf ankommt, auf eine Zeile, auch wenn noch Raum
übrig bleibt, nur fo viel Wörter zu fetzen, als dem
Sinne nach zufammengehören. Weichen folche Sätzchen
in der Reihenfolge von der der andern Evangelien
ab, fo erhalten fie am Schlufs der Zeile eine eingeklammerte
Nummer, mit deren Hilfe man das Parallele
leicht findet, obgleich es nicht auf derfelben Querzeile
fleht. Einige andere nützliche Einrichtungen kommen
hinzu. Aber alle vertagen, fobald die Uebereinftimmung
fich etwas complicirt auf verfchiedene Verfe des Nachbarevangeliums
vertheilt oder fich über mehr als drei
parallele Partien erftreckt. Von Doubletten find überhaupt
nur 42 Verfe abgedruckt, während doch fogar
das hierin kläglich dürftige Synopticon von Rushbrooke
deren mehr bot; und eine vierte Columne bewilligt der
Verf. für fynoptifchen Stoff nicht einmal dann, wenn
die für feine Auswahl aus Johannes beftimmte leer bleibt.
Vollends von Fällen mit fünf oder mehr Parallelen hat
er keine Ahnung. Ein Hauptgrund hierfür und zugleich
der Hauptfehler des Buchs liegt in der Anordnung des
Stoffs. Auf Edwin A. Abbott fcheint die leitende Idee
zurückzugehen, dafs man in erfter Linie den allen drei
Synoptikern wörtlich gerneinfamen Stoff zufammenordnen
muffe, in der Meinung, diefe common matter habe eine
fchriftliche, in telegrammartiger Kürze verfafste Marcusquelle
gebildet, die dann in dreifach verfchiedener Weife
erweitert wurde. So Abbott in der Einleitung zu dem
mitW. G. Rushbrooke zufammen herausgegebenen Buche:
The common tradition of the synoptic gospels 1884. Hiernach
hat Rushbrooke fchon fein Synopticon von 1880
angelegt, deffen Werth auf einem andern Gebiete liegt,
nämlich in der durch verfchiedene Typen und Farben
bis auf den Buchftaben genau, aber freilich höchft nach-
läffig, dargeftellten Uebereinftimmung und Verfchieden-
heit der drei Texte. Jene Idee von der common tradition
hat ihn dazu geführt, in die Parallelcolumnen zu Marcus,
den er zu Grunde legt, nur die Verfe des Matthäus und
Lucas aufzunehmen, welche wirklich Entfprechendes enthalten
; alles Dazwifchenftehende wird, oft auch dann,
wenn es nur einen Vers ausmacht, in die wieder unter
fich getrennten ,Anhänge': double tradition des Matthäus
und Lucas, Single tradition des Matthäus, Single tradition
des Lucas verwiefen. Alfo eine Zerreifsung des Zu-
fammenhangs, die die Ueberficht nach Kräften erfchwert.
Immerhin ift es doch aber noch ein objectives Merkmal,
ob eine Sache in drei, in zwei oder nur in einem Evangelium
vorkommt. Wright aber treibt die Zerftückelung
nicht nur noch weiter ins Kleine, fondern er nimmt fie
auch nach einer ganz fubjectiven Theorie von der Ent-
ftehung der Evangelien vor. Nur feine erfte Abtheilung
flimmt (im Princip) mit der bei Rushbrooke überein.
Die zweite enthält die Redeftücke aus Matthäus mit den
Parallelen aus Lucas (und Marcus), die er aus den Logia
des Matthäus herleitet (nur 36 an Zahl), die dritte 19 nur
dem Lucas eigene Reden und Erzählungen, die von
einem Pauliner zufammengeftellt gewefen feien, die vierte
134 bei Matthäus oder Lucas oder beiden fich findende,
aber auf Erzählung unbekannter Augen- und Ohrenzeugen

zurückgehende Fragmente, z. B. nicht blofs Stellen wie
Luc. 3, 10—14, fondern auch 22, 53 b favtr] soxiv viiwv
1) taget nal t) etqovola tov omiovq), Matth. 22, 40 und alle
von Matthäus ,zur Erfüllung der Schrift' eingeführten
Citate aus dem Alten Teftament. Alles bisher Erwähnte
war Gegenftand mündlicher Ueberlieferung. Urfprüng-
lich fchriftlich war nur die fünfte Abtheilung, nämlich
die aus dem Aramäifchen überfetzten Stücke Luc. I, 5
— 2, 52. 3, 23-38. 4, 16—30. 7, 11 —17, und die fechfte,
d. h. die redactionellen Zufätze der letzten Bearbeiter
unferer Evangelien. Glücklicherweife find diefe aus den
erften 5 Abtheilungen nicht weggelaffen, jedoch nach ausdrücklicher
Erklärung nur deshalb, weil fonft oft gar keine
vollftändigen Sätze übrig geblieben wären; aber es ift
doch fehr ftörend, dafs fie, und obendrein nicht fie allein,
fondern auch fchwer abtrennbare Stücke anderer Claffen,
in eckige Klammern eingefchloffen find. Wohin der
Fanatismus der Ausfcheidung des Separatgutes führt,
wollen wir nur an 2 Beifpielen erläutern. Als parallel
zu Marc. 7, 24—30 ift nur Matth. 15, 21. 22. 26—28 abgedruckt
. Dadurch wird es demLefer unmöglich gemacht,
zu fehen, dafs 15,25 IXtrovaa und das mit ngoo- beginnende
Compofitum eine Parallele zu Marc. 7, 25 bilden, und
zwar um fo mehr, als auch fachlich 7iQoa/.vt-Eiv ein ngoa-
ninzeiv nQng tovq nodag civoq ift. Zu Marc. 3, 28—30
find aus Matthäus nur 12, 31 und die Schlufsworte von
12, 32 (ovze ev tovzo) bis /niXXovTi) geftellt. Alfo die fo
unvergleichlich wichtige Beobachtung, dafs der Stamm
von -cov vlov tov ävÜQco7iov (Matth. 12, 32 a) bei Marcus
3, 28 wiederkehrt, aber im Plural (rolq violq tojv äviipoj-
nwv), dafs Marcus fomit dem Wortanklang nach mit
Matth. V. 32, der Sache nach aber mit Matth. V. 31
übereinftimmt und fich vonMatthäus durch Nichterwähnung
der Vergebbarkeit einer Läfterung des Menfchenfohnes
unterfcheidet, kann man an diefer Synopfe gar nicht
machen. Wenn fich Wright nun bei Marc. 7 noch
einigermafsen mit Rushbrooke decken kann, der Matth.
15,21—28 zwar vollftändig abgedruckt, aber die erwähnte
Parallele wie fo manche andere nicht gefehen hat, fo
würde diefe Auskunft bei Marc. 3 völlig vertagen; denn
hier giebt Rushbrooke ganz correct den Stamm von
zo7q violq tojv avd-gwnwv (3, 28) in rother Farbe. Ge-
wiffenhafte Beobachtung der von Rushbrooke ftatuirten
Parallelen und vollftändiger Abdruck aller fie einfchliefsen-
den Verfe wäre doch die oberfte Anforderung gewefen,
die ein Bearbeiter einer Synopfe fich hätte ftellen follen.
Es ift aber wohl zu beachten, dafs der Verf. nach feinen
Grundfätzen hier völlig im Recht ift. Der Gedanke, dafs
Läfterung des Menfchenfohnes vergebbar fei, gilt ihm
eben als Stück nicht der dreifachen Tradition, fondern
der Logia, und nach feinem oberften Grundfatze, dafs
ein Evangelift nie mit Bewufstfein etwas unterdrückt
habe (aufser wenn feine Gemeinde es nicht annahm), ift
die Eventualität, dafs Marcus den Gedanken kannte,
aber ihm durch eine Aenderung des Wortlauts feinen
anftöfsigen Inhalt nahm, einfach verboten. Hieraus folgt
aber nur, dafs ein Buch, das diefe Eventualität nicht
einmal zu fehen geftattet, gar keine Synopfe ift, fondern
eine advocatorifche Darfteilung einer beftimmten Evangelientheorie
, die in manchen, aber erft durch Unter-
fuchung feftzuftellenden Partien ohne Schaden auch als
Synopfe gebraucht werden kann. Und zwar nicht in
fehr vielen. Denn das Princip der räumlichen Sonderung
des Stoffs nach Quellen verhält fich zu dem einer ,Zu-
fammenfehau' des nach Form oder Inhalt Verwandten
wie die Nacht zum Tage. Es fehlt aber auch die Sorgfalt
in den wirklich gemachten Angaben. Die Citate
enthalten nicht wenige Fehler. Die Buchftaben, mit denen
auf die einzelnen Anmerkungen unter dem Text verwiefen
wird, find im Text oft ohne jede Rückficht auf
ihre natürliche Reihenfolge angebracht und obendrein fo
klein gedruckt, dafs man fie nur mit der gröfsten Mühe
auffindet. Als ob man ftets nur vom Text aus die zu-