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Ausgabe:

1896

Spalte:

492-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laue, Ludwig

Titel/Untertitel:

Die Composition des Buches Hiob 1896

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologilche Literaturzeitung. 1896. Nr. 19.

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riftifcher ift der folgende Abfchnitt über ,Die Anfchau-
ungen des altifr. Volkes' (§ 2). Statt fich, wie das
methodifch Richtige gewefen wäre, zuerft an die Quellen
zu wenden und daraus den Sachverhalt feftzuftellen,
geht er von ,apriorifchen' Erwägungen aus; diefe füllen
die Hälfte des §. A priori — ein Lieblingswort Sellin's
(S. 39 (2). 47 u. a.), auch das ift bezeichnend, denn S.
fchlägt fich lieber mit allg. Theoremen und gegnerifchen
Anflehten herum, als dafs er den Thatfachen auf den
Grund geht. Sein Ergebnifs lautet, dafs a priori
alles darauf führt, ,dafs zwar in Ifrael wie überall
verfchiedene Grade religiöfer Erkenntnis vorhanden
waren und dafs die Propheten als unmittelbare Gottes-
gefandten fich turmhoch [von mir gefperrt] über das
Niveau (!) des Gros (1) ihrer Zeitgenoffen erhoben, dafs
aber eine breite Bafis gemeinfamen religiöfen Befitzes für
beide vorhanden war' (S. 47). Man fragt fich da: wozu
dann der Lärm? Das ift doch nichts wefentlich anderes,
als was die Kritik auch lehrt, denn wenn fie bei Arnos
und Hofea von ,neu' redet, fo kann das nur böswilliger
Unverftand dahin auslegen, dafs es heifse, fie hätten ein
vom Himmel gefallenes Evangelium gepredigt, das jeder
Anknüpfung an den Volksglauben entbehrt habe; von
einem ,Düpieren des Volkes', einer ,grandiofen Täufchung'
kann alfo keine Rede fein. Aber S. fleht unter dem
Drucke jener unglücklichen Formulirung und mufs feinem
,nicht quali-, fondern quantitativ' zu Liebe die gegnerifchen
Ausfagen auf die äufserfte Spitze treiben, um
einen reinlichen Gegenfatz herauszubekommen. Es ifl
ein Anblick, der der Komik nicht entbehrt, wenn S.
einem Wellhau fen und Stade gegenüber als Anwalt des
gefchichtlichen Verftändnifses der Propheten auftritt. Sehr
dürftig ift der eigentliche Erweis aus den Quellen ausgefallen
. Aus der unbeltreitbaren Thatfache, dafs auch
in Altifrael das Gute dankbar als Gabe Gottes hingenommen
wurde, fowie daraus, dafs man Jahwe gegenüber
oft ein Gefühl der Unficherheit gehabt hat, folgert S.:
alfo ifl; das Verh. zu ihm nicht ein natürliches, fondern
fittlich bedingtes gewefen. Das ,fittlich bedingt' ifl wieder
hereinescamotirt, — oder fleht Ri. 6ug. etwas davon?
Vergl. 1 Sam. 2619 u. a. Vielmehr lag der Grund der
öfteren Rathloligkeit in der allg. Ueberzeugung, dafs
Jahwe unter Umftänden auch nach Willkür und auf Im-
pulfe hin handeln könne; das war das praktifche Cor-
rectiv zu dem anderen Fundamentalfatze des alten Volksglaubens
, dafs Jahwe als Gott Ifraels feinem Volke (aber
deshalb noch nicht jedem Einzelnen!) in Noth beiftehen
müffe. Mit Recht bemerkt S. an anderer Stelle (S. 131),
dafs den Propheten Jahwe's Handeln niemals ein Räthfel
gewefen fei; von hier aus hätte er zum rechten Verftänd-
nifse kommen können. Gegen feine Anfchauung vom
Sinaibund und die daraus gezogenen Schlüffe vergl. meine
ausführlichen Darlegungen in Bundesvorft., Cap. II.
Die Tradition von einem Berithfchluffe am Sinai ift ficher
uralt, — es fragt fich nur, was in der älteften Verfion
Inhalt diefer Berith gewefen ift! — In Cap. II. folgt die
Prüfung der gegnerifchen Gründe; wie fie ausfällt, kann
man fich nach dem Vorangehenden denken. Auch hier
wieder diefelbe Verzerrung der Meinung der Gegner und
das Unvermögen, feinere religionsgefch. Diftinctionen
zu machen. Ein Beifpiel für viele. S. 97 ruft er pathe-
tifch aus: ,Aber wenn man daraus [sc. aus der Unbekanntheit
der älteren Zeit mit dem Begriffe des Uni-
verfums] gefolgert hat, das Volk habe noch nicht die
Sonne droben am Himmel, Mond und Sterne .... als
ein Werk der Schöpfung Jahwes angefehen, fo ift das
allerdings eine Behauptung, die in einigen Jahrzehnten
nur noch als Kuriofum belächelt werden wird'. 1. Welcher
von den von ihm bekämpften Gelehrten hat diefe Behauptung
in diefer Form je gefleht? 2. Folgt aus Stellen
wie 1 Kg. 812; Nu. 246 u. ä. wirklich das Vorhandenfein
eines Schöpfungsglaubens und der Idee eines allmächtigen
Gottes? Was Stade in ZAW XV, S. 165 f. gegen

Gunkel bemerkt hat, gilt in noch höherem Mafse
gegen S. Cap. III bringt fodann eine Zufammenftellung
der prophet. Ausfagen über das Verh. Jahwe's zu Ifrael,
und Cap. IV das Schlufsergebnifs. Der 2. Haupttheil der
Arbeit behandelt Jahwes Verh. zu dem ifr. Individuum
nach altifr. Anfchauung' in 3 Capiteln, nach den Gefichts-
punkten: wen, wie und was richtet Jahwe, betrachtet.
•Die bisherigen Beobachtungen über S. werden hier durchgängig
beftätigt: auf der einen Seite Uebertreibung der
Anficht des Gegners, auf der anderen in vielen Punkten
ein Refultat, auf dem fich eine Verftändigung fehr wohl
erzielen liefse, wenn er fich nicht felbft durch den künft-
lichen Gegenfatz ,nicht quali-, fondern quantitativ' den
Weg verbaut hätte, und — wenn ihm überhaupt an einer
Verftändigung gelegen wäre.

In Summa: Das Buch bietet eine höchft unerfreuliche
Leetüre; es krankt von Anfang bis zu Ende an feiner
! polemifchen Tendenz, die auch zu der verhängnifsvollen
! Formulirung des Leitfatzes geführt hat. Durch die
vielen Fremdwörter und zahlreiche falfche und gefchmack-
lofe Wendungen wird es nicht geniefsbarer, vergl. z. B.
,ein falfches Kapital aus etw. fchlagen' S. 65, ,Reprifti-
nationsfchrulle' iod., ,in Abrede nehmen' 124, ,konftatier-
bar' 150. 195, ,darauflosfündigen' 160, die Religions-
ftiftung Mofe's wäre ,von vorneherein ein totgeborenes
Kind gewefen' 217, u. a. m. Störender Druckfehler find
wenige zu verzeichnen (S. 90 Anm. lies: "Wi; 166 Z. I:
II, I—9; 181 Z. 9: p. 108; 196 Z. 8 v. u.: 32, 35).
Wellhaufen's Prolegomena werden bald als Prol.1,
bald als Prol.2 citirt; fie find inzwifchen in 4. Auflage
erfchienen. Zum Schlüffe noch ein Wort über die Behandlung
der angegriffenen Gelehrten. Dafs S. alles
,natürlich' S. 109. 142 f., Jelbftverftändlich' 213,,zweifellos'
211, ,ganz evident' 162, ,zur Evidenz beftätigt' 129. 177,
bez. ,einfach undenkbar' 25, ,natürlich einfach unmöglich'
218, ,total unmöglich' 11 u. ä. erfcheint, ift feine Sache;
auch dafs er oft unnöthig fcharfe Ausdrücke braucht, um
den Gegnern einen Hieb zu verfetzen, will ich ihm
nicht ernftlich anrechnen. Aufs energifchfte mufs ich
aber dagegen proteftiren,dafs er ihnen bewufste Unehrlichkeit
und unlautere Motive bei ihren Aufftellungen
unterfchiebt, wie er S. 42. 78 thut. Das ift der Ton,
der bei gewiffen Zeitungs- und Brofchürenfchreibern
Mode ift, von dem aber das Gebiet der wiffenfehaftlichen
Forfchung bisher in der Hauptfache wenigftens freigeblieben
ift. Wir wollen es auch in Zukunft davon
rein halten. Es ifl dringend zu wünfehen, dafs die
folgenden Unterfuchungen Sellin's feinem Verfprechen
gemäfs (S. III f.) ohne Polemik gehalten find und fich
auf fachlicherer Grundlage bewegen. Dann wird fich,
hoffe ich, auch der Boden finden, auf dem man fich
zu gemeinfamer Arbeit in Eintracht die Hand reichen
kann, und in diefer Erwartung fehe ich den weiteren
Arbeiten Sellin's mit Intereffe entgegen.

Marburg. R. Kraetzfchmar.

Laue, Dr. Ludw., Die Composition des Buches Hiob. Ein

litterar-kritifcher Verfuch. Halle, Krause, (1896).
VII, 143 S. gr. 8.) M. 2. —

Die Arbeit ifl eine Leipziger Doctordiffertation v.
i J. 1895; der Sonderabdruck verräth dies nur noch durch
die letzte Zeile der ,Druckfehlerberichtigung', die einen
Fehler in dem hier verfchwundenen Lebenslauf betrifft.
Ob der an Grill's Programm von 1890 angelehnte
Titel gut gewählt ift, erfcheint fraglich. Von einer
.Compofition des B. H.' möchten allenfalls Studer und
Cheyne reden, kaum noch Grill; aber Laue hat dazu
gewifs keinen Anlafs. Ift ihm doch das B. H. von Anfang
ein feftgefchloffener Organismus, Prolog, Epilog,
die Reden Jahwe's urfprüngliche Beftandtheile, einge-
fchoben im Grunde nur die Elihureden und die beiden
Ungeheuer 40, 15—41, 26; im übrigen manches durch Um-