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Ausgabe:

1896 Nr. 18

Spalte:

470-472

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geikie, C.

Titel/Untertitel:

Bildgrüsse aus dem Heiligen Lande 1896

Rezensent:

Furrer, Konrad

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 18.

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dem Buch vorangeftelltes Bild gefchrieben: ,Der Baum
der Erkenntnifs ift nicht der Baum des Lebens'.

Wollten wir nun freilich mit den Anflehten des
greifen Forfchers uns auseinanderfetzen, fo müfsten wir
ein ganzes Buch fchreiben. Es würde fich dabei ergeben,
dafs er mit feiner ganzen Forfchungsmethode einer
früheren Generation angehört als wir, einer Generation, I
deren Kühnheit z.B.im Vergleichen von Mythen undWort-
ftämmen wir nicht mehr folgen können. Sepp hält z. B. für
möglich, dafs Hadschi (Pilger) von hagios flamme und
Hieramax, Name des bekannten Fluffes, ,heiliger Max'
bedeute. Telonion (Zollftätte) foll zu Tellchum ,mifs-
handelt' worden fein, wie das Bergvolk rauch für rauh
ausfpreche. Allerdings haben fchon Hartmann von Aue
und Wolfram von Efchenbach im Sinne Sepp's fehlerhaft
ruck für rauh gefagt.

Von den vielen eigenen Anflehten, die der an
originalen Gedanken reiche Verfaffer uns bietet, find ihm
vor allem zwei eine wahre Herzensangelegenheit geworden
. Er glaubt mit überwältigenden Beweifen feft-
geflellt zu haben, dafs Kapernaum bei Chan Minje und
nicht auf der Stätte von Tellchum zu fuchen fei. Ebenfo
hält er es für unbedingt gewifs, dafs die Felfenmofchee
auf dem Tempelplatze Jerufalems nicht erft auf Befehl
des Ommejaden Abd el-Melik erbaut worden fei, fondern
als eine der berühmteften Bauten des Kaifers Juftinian I.
angefehen werden müffe, worin ihm Baurath C. Schick
auch in feinem neueften Werke zunimmt. Auf die
Autorität Sepp's hin hat ein römifch-katholifches Con-
fortium ein grofses Stück Land bei Chan Minje angekauft
. Im Jahre 1879 glaubten wir in der Zeitfchrift des
deutfehen Paläflinavereins den vollgültigen Beweis geliefert
zu haben, dafs bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts
nie irgend ein Reifender oder Geograph Kapernaum
anderswo als auf der Stätte von Telchum gefucht habe.
Es wäre uns fehr erwünfeht gewefen, wenn Sepp
unfere Beweisführung Punkt für Punkt widerlegt hätte.
Leider hat er unfere betreffende Studie der Beachtung
nicht für werth gehalten. Wie kommt er beifpielsweife
um die Schwierigkeit herum, dafs Theodofius in feinem
Bericht vom Jahre 530 erzählt, die Diftanz von Magdala
bis zu den heben Quellen {Ain et- Tin und Am Tabira
beim Teil Chanasir) betrage zwei Meilen und ebenfo
viel die Diftanz von diefen Quellen bis Caphamumr
Gerne würden wir dem ehrwürdigen Verfaffer Recht
geben-; aber feine Argumente haben uns nicht überzeugen
können. Wir bedauern das um fo mehr, als Sepp ver-
fichert, fortan könne nur noch böfer Wille oder Ignoranz
die Gleichung Minje=Capernaum beftreiten. Ebenfo
wenig hat er uns davon überzeugt, dafs die Felfenmofchee
urfprünglich eine von Juftinian I. erbaute
Sophienkirche gewefen. So weit wir urtheilen können,
bleiben gegen diefe Annahme alle die Gründe in Kraft,
die Dr. v. Riefs in der Zeitfchr. des deutfeh. Pal.-Vereins
XI, 201 fg. gegen fie aufgeftellt und Gildemeifter a. a. O.
XIII, 1—24 beitätigt und vermehrt hat. Man hielt fchon
im vierten Jahrhundert die Antoniaburg an der Nord-
weftecke des Tempelplatzes für das Praetorium des Pilatus
und wandelte fchon vor Juftinian I. den Platz, wo j
das thörichte Unheil der Menfchen die Pläne der ewigen |
Weisheit realifiren mufste, zu einer Kirche der heiligen j
Weisheit um. Dafs die Stelle des falomonifchen Tempels |
von Schutt bedeckt war, berichtet nicht nur Antoninus
aus dem Jahr 570, fondern auch die auf fehr alte Zeugen I
fich ftützende arabifche Ueberlieferung für die Zeit des
Chalifen Omar, vgl. Guy Le Strange, Palestine under
the moslems S. 83 fg. Der englifche Arabift hat forg-
fältig alle arabifchen Zeugnifse zufammengeftellt. Schade,
dafs fich Sepp nicht mit ihm auseinander gefetzt hat.
Er hätte zugeben müffen, dafs Le Strange mit Gilde- 1
meifter (ZDPV. XIII, 1—24) übereinftimmt. Mit letzterem j
Forfcher hält Sepp die Akfamofchee für ein Bauwerk '
des Chalifen Abd el-Melik. Das ifl nicht zu beftreiten; '

aber mit Guy Le Strange find wir gegen Sepp und
Gildemeifter der Anficht, dafs die Akfamofchee aus den
Trümmern der von Juftinian L im Jahr 560 erbauten und
von den Perfern im Jahr 614 zerftörten Marienkirche fich erhoben
hat. Sie ftand nicht auf dem Südwefthügel der
Stadt, dem Zion der chriftlichen Legende; denn Antoninus
fagt: De Sion venimus in basüicam Sanctae Mariae.
Recht bezeichnend für die Toleranz des älteren Islam
ift, dafs ein Theil diefer Kirche, wohl ein Anbau an die
Akfamofchee, noch im Jahr 810 in den Händen der
Chriften war, wie auch ein Theil des Praetoriums.

Mit Sepp halten wir das 1. Makk. 12, 37 erwähnte
Chaphenata für identifch mit derTyropöonfchlucht; ebenfo
ftimmen wir ihm zu, wenn er in Kalonie weftlich von
Jerufalem das Emmaus des Lukasevangeliums erkennt.
Hingegen können wir ihm nicht folgen bei feiner Identification
von Magdala, der Heimath der Maria, mit
Gadara am linken Ufer des Jarmuk. So geht es uns
noch mit vielen anderen kühnen Behauptungen des Ver-
faffers; aber wir find ihm auch in folchen Fällen für
feine Anregungen dankbar. Den frifchen, fröhlichen Ton,
die wiffenfehaftliche Unbefangenheit, den weiten Horizont
und den feinen Sinn für die Fülle hiftorifchen Lebens
behält er bis zum Ende feines Werkes bei. Möge der
ehrwürdige, von edler Begeifterung erfüllte Forfcher unter
dem jüngeren Gefchlechte viele Nachfolger in dem Sinne
finden, dafs fie mit der Methode der Jetztzeit die gleiche
warme Liebe zur Sache wie er verbinden.

Zürich. Furrer.

Geikie, Dr. theol. C, Bildergrüsse aus dem Heiligen Lande.

Erläuterungen zur Bibel auf Grund in Paläftina ge-
fammelter Erfahrungen. Mit ca. 400 Original-Illustrationen
von Prof. H. A. Harper. Autorifirte Ueber-
fetzung von Pfarrer Johs. Walther. Charlottenburg,
Brandner, 1896. (V, 920 S. 4. mit I Plan.)

M. 14. 50; in Prachtbd. M. 18. —
C. Geikie verfichert, dafs er das h. Land nach allen
Richtungen durchwandert habe, um ein anfchaulich.es
Verftändnifs der Bibel zu gewinnen. In der That ift diefe
nicht nur in ihren Erzählungen und Gleichnifsen, fondern
in ihrem ganzen Sprachgebrauch von concreter Wirklichkeit
fo fehr gefättigt, dafs eine gründliche Kenntnifs
ihres Heimathlandes wefentlich zu einem befferen Verftändnifs
ihres Inhaltes beitragen mufs. Was Geikie in
feinem Buche uns bietet, das befteht nun freilich nicht
blofs in felbfterlebten Eindrücken und eigenen Beobachtungen
, fondern er hat viel fremdes Gut, ohne immer
die Quellen bei weitgehender Benutzung anzugeben, mit
verarbeitet. Sehr häufig ergreift er den Anlafs zu populären
archäologifchen Excurfen, bei denen das Selbft-
erlebte und Selbftgefchaute ftark zurücktritt. Man wird
ihm das Zeugnifs nicht verfagen können, dafs er eifrigft
beftrebt gewefen ift, durch feine Schilderungen das con-
crete Verftändnifs der Bibel zu fördern. Sein Plan war
löblich; aber um fo mehr müffen wir beklagen, dafs er
zur Ausführung derfelben nicht die genügende wiffenfehaftliche
Ausrüftung befafs. Sein Buch wimmelt von
Fehlern aller Art. Man follte denken, gerade bei einem
Werke, das man in weitefte Kreife verbreiten möchte,
fei wiffenlchaftliche Genauigkeit doppelte Pflicht. Der
Ueberfetzer hat den Text des Originals wohl gekürzt,
aber fich keine Mühe gegeben, deffen Irrthümer zu berichtigen
. Im Gegentheil überfetzt er z. B. prickly-pear,
worunter die Engländer den Feigencactus verliehen, mit
Birnenhecken. Das Buch hat fich durch feine ftreng con-
fervative Haltung, feine meid hübfehen, wenn auch nicht
immer zuverläffigen Bilder, feinen guten Druck und durch
fein fchönes Papier bereits überfchwängliches Lob erworben
und ift auf vielen Weihnachtstifchen willkommen
geheifsen worden. Dafs folches Lob einiger Einfchrän-