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Ausgabe:

1896 Nr. 17

Spalte:

460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultze, Leopold

Titel/Untertitel:

Kirchliche Bausteine 1896

Rezensent:

Drews, Paul

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Seite 1

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459

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 17.

460

Wir fürchten, dafs es bei Ausführung diefes Programms
nicht ohne Wiederholungen abgehen wird; auch erfcheint
es etwas feltfam, dafs die ,angewandte Sittenlehre' der
,Principienlehre' vorangeftellt wird. Doch halten wir uns,
da fie allein bis jetzt veröffentlicht ift, an die erftere.
Da freuen wir uns fagen zu können, dafs fie, dem Vorbilde
Jefu folgend, nicht .Theorie', fondern ,Leben' (S. 3)
darbietet und zwar einerfeits durch anfprechende, feffelnde
Darftellung der Lehre des Herrn, anderfeits durch praktische
Anwendung auf die Lebensverhältnifse der Gegenwart
und insbefondere auf das, was unferer Jugend noth
thut (S. 21, Anm. u. a.). Der erfte Theil (S. 1—36) um-
fafst die Gottesliebe, der zweite (S. 37—76) die Nächften-
liebe. Die Gottesliebe wird zuerft als Abwendung vom
Mammonsdienft, dann als Freiheit von der Welt, drittens
als Heiligung der Natur zum Dienfte Gottes gefchildert.
Von der Nächftenliebe giebt der Verfaffer zuerft eine allgemeine
Befchreibung und befpricht dann ihre Objecte.
Mit der Haupteintheilung find wir einverftanden. Dagegen
erregt es Bedenken, wenn ,unter Mammon ....
immer alles verftanden (wird), woran die Selbftfucht ihr
Herz hängt, alfo alles, worauf die Genufsfucht und Ehrlucht
gerichtet ift' (S. 13, Anm.) und infolge diefer fehr
weiten, unferes Erachtens zu weiten Auffaffung des in
Rede flehenden Begriffes der ganze erfte Abfchnitt des
erften Theils die Ueberfchrift trägt: ,Die Gottesliebe als
Abwendung vom Mammonsdienfte'. Bei der Behandlung
der Nächftenliebe im zweiten Theile wäre es wohl richtiger
gewefen, die Beantwortung der erft vor Eintritt in den
zweiten Abfchnitt erwähnten Frage: ,Wer ift denn mein
Nächfter?' an die Spitze des ganzen Theiles zu ftellen.
Im übrigen ift die Dispofition des gefammten Heftes klar j
und überfichtlich, der Inhalt gediegen, befonders fchön
aber der von der ,Heiligung des Gemüthslebens' handelnde
Abfchnitt (S. 33—36), der ein feines Verftändnifs |
der Gemüthsftimmungen Je(u felbft bekundet.

Crefeld. F. R. Fay.

Rieger, M., Das Gebet des Herrn. Eine Laienauslegung.
Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1896. (III, 63 S. 8.)

Kart. M. 1. 20

Ein feines, edles Büchlein! Fein und edel nicht nur
in Form und Ton, fondern auch in Gedanke und Ge-
ünnung. Ein hochgebildeter Laie — wir gehen gewifs
nicht fehl, wenn wir in dem anfpruchslofen M. Rieger
des Titelblattes den bekannten Germaniften Profeffor
Maximilian Rieger erkennen, der fein religiös-kirchliches
Intereffe fchon durch Mitarbeit an der Revifion der
Lutherbibel bekundet hat — diefer hochgebildete Laie,
der wahrlich mehr als nur ,von weitem', wie das Vorwort
befcheiden fagt, der theologifchen wiffenfchaftlichen
Discuffion gefolgt ift, bietet feine Auffaffung des
Vaterunfers und damit im Wefentlichen feine gefammte
chriftliche Anfchauung. Dabei erfchliefst er eine Fülle
feiner, geiftvoller Beobachtungen und neuer, durchaus
felbftändiger, fehr anfprechender Gedanken, die nicht
nur ein gründliches Schriftftudium, natürlich nach dem
Urtext, verrathen, fondern auch eine ausgereifte chriftliche
Erkennrnifs und ein mehr als gewöhnliches Verftändnifs
des religiös-kirchlichen Lebens. Seine Ausführungen
weichen freilich von hergebrachter Anfchauung
mannigfach ab, fo wenn er das ,bitten imNamen
Jefu als nur für den befchränkten Kreis der Jünger
gültig erklärt; fo wenn er das Vaterunfer als Gebetsformel
gegeben fein läfst; oder wenn er die fogen. drei erften
Bitten nicht als eigentliche Bitten will verftanden wiffen,
fondern als ,die Willenserklärung, dafs etwas fein folle'.
Das Alles, und es liefse fich noch mehr aufführen, find
aber nicht geiftreiche, gefuchte Einfälle, fondern wohlbegründete
Beobachtungen, an denen der neuteftament-
liche Exeget nicht ohne Prüfung vorübergehen follte.
Nun freilich, den Theologen will der Verfaffer fein

Büchlein gar nicht bieten, er fürchtet, dafs es von ihnen
,als Arbeit eines theologifchen Dilettanten mit berechtigter
Ungunft angefehen' werde, er hofft vielmehr
.manchen fuchenden, unbefriedigten Seelen damit zu
dienen'. Ich glaube, nicht allein diefe Hoffnung wird das
Schriftchen erfüllen, fondern auch dem Theologen viele
Anregung bieten.

Es gehört zu den erfreulichften Erfcheinungen unferer
Zeit, wie häufig fich ernfte Chriften des Laienftandes mit
ihrem Wort in der grofsen religiöfen Frage der Zeit
vernehmen laffen. Es wäre gewifs eine dankbare und
intereffante Aufgabe, wenn man einmal die diesbezüglichen
wichtigften Aeufserungen der letzten Jahrzehnte aus dem
Laienkreife fammeln und im Zufammenhang vorführen
wollte. Das wäre ein Stück Kirchengefchichte, aus dem die
Theologenwelt viel lernen, gewifs aber auch manche
Ermuthigung fchöpfen könnte. Neben Rofcher und
Riehl würde hier auch Rieger einen Ehrenplatz bean-
fpruchen können. Wir empfehlen fein Büchlein auf's
Wärmfte.

Jena. Drews.

Schultze, 7 Gen.-Superint. D. Leop., Kirchliche Bausteine.

Zeugnifse von Licht und Recht der evangelifchen
Kirche. Aus den nachgelaffenen Reden und Abhandlungen
gefammelt von Paft. Gymn.-Prof. Jul.
Leop. Schultze. Bremen, Müller, 1895. (VIII, 488 S.
8.) M. 5. —; geb. M. 6. —

Diefe ,Reden und Abhandlungen' charakterifiren fich
näher als Predigten, meift Feftpredigten bei aufserordent-
lichen Anläffen, als Vorträge auf Paftoralconferenzen,
als Anfprachen bei gottesdienfilichen Gelegenheiten gehalten
und endlich als Abhandlungen kirchenpolitifchen
Inhalts. Niemand wird den gebotenen homiletifchen
Leiftungen die Anerkennung verfagen können. Sch. zeigt
fich als ein Meifter der Form, aber nie auf Kotten des
Inhalts. Die Feftpredigten dürften zu dem Betten zählen,
was wir auf diefem Gebiete befitzen. Frei von Künftelei,
von Uebertreibung, von hohlem Pathos und Phrafe, den
Erbfeinden der Feftpredigten, führen fie durch die Wucht
und Kraft der Gedanken und durch treffenden, packenden
Ausdruck auf die Höhe der Situation. — In einer
letzten Rubrik: ,Vom äufseren Bau der Kirche' hat der
Herausgeber neben dem Homileten auch den Kirchenpolitiker
zu Worte kommen laffen. Wollte er mit feiner
Veröffentlichung vor allem das Bild des heimgegangenen
Vaters im felbftgefprochenen und gefchriebenen Wort
fefthalten, fo fchien ihm die Wiedergabe kirchenpolitifcher
Auffätze, Vorträge u. f. w. unerläfslich. Bis auf eine
biblifche Anfprache (S. 460 ff.) und eine General-Syno-
dal-Predigt (S. 463 ff.) find diefe Aeufserungen Sch.'s
fämmtlich zu ihrer Zeit veröffentlicht worden. Deshalb
hat der Herausgeber nur einige vollftändig wieder abgedruckt
, andere in fehr knappem Auszug wiedergegeben.
Vielleicht ift diefer oder jener Anhänger und Verehrer
auch der kirchenpolitifchen Thätigkeit Sch.'s für diefe
Erinnerungen dankbar, für den Fernerftehenden haben
fie wenig Werth, denn fie genügen nicht, um fich ein
klares und vollftändiges Bild von der allerdings fehr
eifrigen undwohl auch nicht einflufslofen kirchenpolitifchen
Thätigkeit Sch.'s machen zu können.

Jena. Drews.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape, Zehlendorf bei Berlin.
iCcutfchc Literatur.

Stucken, E., Aftralmythen der Hebräer, Babylonier u. Aegypter.
Religionsgefchichtliche Unterfuchgn. i. Tl. Abraham. Leipz., Pfeiffer,
1896. (V, 80 S. m. Abbildgn. u. I Taf. gr. 8.) 10. —