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Ausgabe:

1896 Nr. 17

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kübel, Robert

Titel/Untertitel:

Predigten für alle Sonn- und Feiertage des Kirchenjahrs 1896

Rezensent:

Drews, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 17.

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land, Ungarn, auch des Papftes, und giebt fchliefslich
eine Darfteilung der Feierlichkeiten, unter denen König
Wilhelm I. (ich 1861 in Königsberg die Krone von
Preufsen auffetzte. Die Hauptfache ift dann eine Dar-
ftellung aller bisher vorgekommenen Krönungen in Rufsland
, wobei die Zeit feit Peter dem Grofsen, der zuerft
den Titel Jmperator* annahm bez. fich für feine Kaifer-
würde die Anerkennung des Abendlandes ficherte,
befonders eingehend behandelt wird. M. fchildert von
jeder einzelnen Krönung feither den Hergang bis in's
Detail. Speciell feit Paul I. ift der Ritus genau fo ge-
wefen, wie er auch diesmal wieder vollzogen wurde.
Herr M. legt Gewicht darauf, dafs ich einen Punkt hier
zur Sprache bringe, den ich im (Anfchlufs an einen andern
ruffifchen Forfcher) dahin gedeutet hatte, dafs der kirchliche
Charakter der Krönungsfeier in Rufsland einiger-
mafsen zurückgeftellt fei hinter dem politifchen. Nämlich
in Konftantinopel ging die Salbung der Krönung
voraus, in Moskau dagegen ift es umgekehrt. Ich glaubte
das fo verliehen zu müffen, dafs der Gedanke der weltlichen
Herrfchaft der übergeordnete in der Gefammt-
handlung fein folle, zumal da auch der Zar fich felbft
krönt, während der byzantinifche Kaifer durch den
oekumenifchen Patriarchen gekrönt wurde. Allein ich
nahm zu Unrecht an, dafs es erft der Neuzeit angehöre,
dafs die Salbung den zweiten Act bilde. M. hat hifto-
rifche Belege beigebracht, dafs es vielmehr in Rufsland
nie anders gewefen ift, und da wird er wohl in der That j
Recht haben, wenn er nicht politifche, fondern cultifche j
Motive für diefe Geftaltung annimmt. Er hat fich nicht
in feinem Buche darüber ausgefprochen, fondern erft
gegen mich perfönlich, nachdem er meinen Auffatz ge-
lefen hatte. Danach meint er den Verlauf der ruffifchen
Feier fo verliehen zu müffen, dafs die Reihenfolge der
Acte, die bei der Taufe befteht, vorbildlich fei. Wie
die Taufe hinüberführt zur Salbung mit dem Myron und
dann zur Communion, fo auch habe man es richtig befunden
, die Krönung voranzuftellen und dann die Salbung
und Communion folgen zu laffen. Jedenfalls fei ein Fort-
fchritt zu Höherem und Höchftem beabfichtigt, wenn
die (weltliche) Krönung zuerft vorgenommen werde,
wenn darauf erft die (geiftliche) Spendung der Salbung,
die den heil. Geift vermittelt, gefchehe und fchliefslich
der gefalbte Herrfcher die Communion und zwar ,in
priefterlicher Form' empfange. Der Kaifer wird durch
die Krönung und Salbung nicht felbft ein Cleriker, aber
er wird doch dem Clerus, wie es heifst, ,beigezählt'. Wie
ich fchon in der Confeffionskunde (I, S. 388 f.) erwähnte,
wird der Kaifer in die Claffe der ,Deputath einrangirt.
Ich kann nicht umhin, darin einen der intereffanteften
Belege des Standesgefühls der orthodoxen Hierarchie zu
fehen. Denn es ift ein ganz untergeordneter Rang, der
dem Kaifer damit officiell beigelegt wird. M. hebt das
felbft hervor (vgl. fonft Zhifhman, Synoden etc. S.
175), ohne — wohl aus Befcheidenheit — den Contraft
zwifchen der Hoheit des abfoluten Selbltherrfchers und
diefer feiner ad hoc aufgehellten clerikalen Würde zu
markiren. Er bemerkt S. 72 Anm.: ,Der Deputatus . . .
wird in der EQ/xinveia xtov dq>q>udojv xr}s uyiag y.ai fityä-
Arjc e/./.krtoias etc. als der neunundzwanzigfte der Officialen
und zwar als der vierzehnte des yögog evcjvvftog aufgezählt
. Diefe Officien dürfen nur Clerikern bis zum Diakon
incL aufwärts, aber nicht Prieftern übertragen werden:
dioic xoig 'nof.toiv ixatgev 6 y.avwv ttQOVgyelv xxtv clvai-
Lia/.xov irvaiav Y.ai ovx oi/Jxag xov doyitottog elvai. Das
Amt des Deputatos befteht in Folgendem: 6 ÖEnovxüxog
Ycc'Asl xovg aoyovxag eig xov agyiegea y.ai xov oylov iitDi-
oxtiaiv 07x6 xijg odov.'V.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Kübel, f Prof. D. Rob., Predigten für alle Sonn- und Festtage
des Kirchenjahrs. Mit einem Bildnis des Verfaffers
und Mitteilungen aus feinem Lebensgang. München,
C. H. Beck, 1895. (XXIII, 515 S. gr. 8.)

M. 4.80; geb. M. 6. —

Diefer Predigtfammlung, deren gröfsten Theil K.
felbft noch für den Druck fertig machen konnte, während
ihre Vollendung die Aufgabe des Sohnes Heinrich K.
und des Herausgebers, des Stadtpfarrers Ch. Römer in
Tübingen, blieb, ift ein kurzer Lebensabrifs des Heimgegangenen
vorausgefchickt. Diefe vita bietet nach ver-
fchiedenen Seiten hin den Schlüffel für das Verftändnifs
der folgenden Predigten. Nach ihr begreift man völlig,
warum K.'s Predigten fo gar keinen akademifchen Charakter
tragen: Er hatte eine langjährige Thätigkeit im
praktifchen Kirchendienft hinter fich, als er 1879 Profeffor
und ,Frühprediger' in Tübingen wurde. Auch der ftark
pietiftifche Geift, der wie durch alle Schriften K.'s, fo
auch durch diefe Predigten weht, wird begreiflich, fobald
man fich Herkunft, Erziehung und Bildungsgang K.'s
vergegenwärtigt. Auffallend ift es, wie oft in den Predigten
auf die ,Bekehrung' gedrungen und wie diefe als
ein einzelner Act verftanden wird, über den fich der
Chrift deutlich müffe Rechenfchaft geben können (z. B.
S. 93. 122. 137. 367; eine befondere Predigt über die Bekehrung
S. 381 it.). Lieft man aber, was K. felbft aus
feiner Erinnerung aufzeichnet: ,Hier [am Kranken- und
Sterbebett eines Bruders] lernte ich Jefum als Heiland
kennen und in den feiten Gebetsumgang mit ihm treten.
Befonders von Segen waren mir in diefer Zeit Zinzendorf's
Schriften, auf die mich mein Bruder Karl aufmerkfam
machte' (S. X), — fo lernt man diefe Eigenthümlichkeit
der Anfchauung verftehen, obwohl man erwarten könnte,
dafs der Dogmatiker andere Confequenzen aus diefen
religiöfen Jugenderfahrungen hätte ziehen müffen. Sieht
man, wie wenig Sorgfalt auf die homiletifche Form der Predigten
verwendet ift, fo erkennt man, dafs hier mehr als
eine Parallele zu Beck vorliegt, wenn man fich vergegenwärtigen
läfst, dafs K. Beck's ,Schüler', wenn auch nicht
im ftrengen Sinne, war. So läfst uns der Lebensabrifs erkennen
, wie K.'s Predigten ganz aus feinem eignen Leben
herausgewachfen find. Und diefes tief perfönliche Moment
, diefes völlige Verwachfenfein des Predigers mit
feinem Wort fühlt man den gelefenen Predigten auf
jeder Seite ab. Daserklärt wohl auch die aufserordentliche
Wirkfamkeit, die K. von der Kanzel aus geübt hat und
die die vom Katheder aus weit übertraf. Nur um
die Sache ift es dem Prediger zu thun. Dies auch, und
nicht nur das Vorbild Beck's, mag ihn zu einer fehr forg-
lofen Behandlung der homiletifchen Form geführt haben.
Wir wollen wahrlich in diefer Beziehung eine möglichft
grofse Freiheit proclamirt fehen, aber man nimmt be-

J rechtigten Anftofs, wenn man auf unlogifche Dispofi-
tionen ftöfstoder auf ungenau formulirte Themata u. dergl.
Nur ein Beifpiel fei angeführt! Auf Grund von Matth. 2,
I—23 wird folgende Dispofition aufgeftellt: ,Wie wichtig

| Jefus für uns ift. Wir fehen: 1. an den Weifen ein Beifpiel
des rechten Suchens und Findens Jefu, 2. an He-
rodes und den Juden ein Beifpiel des böfen Gewiffens,
ja der Feindfeligkeit gegenüber von Jefu, 3. an Jofeph
und Maria mit dem Kind felbft ein Beifpiel befonderer
göttlicher PMrforge und Bewahrung' (S. 77. Vgl. aufser-
dem z. B. S. 100. 174. 376). Diefe Nachläffigkeiten
werden aber durch eine gefchickte und eingehende Textverwendung
aufgewogen. Die Sprache ift fliefsend und
klar, fehr wohlthuend die Wärme und das Anfafsliche.
Dafs meid der Bufston angefchlagen wird, hängt mit der
pietiftifchen Auffaffung des Predigers zufammen. Daher
und aus feiner eigentümlichen dogmatifchen Auffaffung
flammen auch manche unklare und überfchwängliche
Aeufserungen, die von der fonftigen Nüchternheit der
Gedanken merklich abftechen. Wie unklar ift z. B. fol-