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Ausgabe:

1896 Nr. 15

Spalte:

409-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steudel, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der religiöse Jugendunterricht. 1. Hauptteil: Die geschichtliche Grundlage. 1. Heft: Die göttliche Offenbarung im Alten Testament. 2. Heft: Die christliche Verkündigung im Neuen

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 15.

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Diefe Undeutlichkeit macht (ich auch an einem anderen
Punkte geltend, bei der Periodilirung des Verlaufes
des Geiftesproceffes (p. 108—156). Da die perfönliche
That des Glaubens an den geiftigen VVeltgrund das eigentlich
entfcheidende Ereignifs ift, würde man eine Periodi-
firung nach den Hauptftufen der Religionsentwickelung
erwarten, denen die wiffenfchaftliche Entwickelung umbildend
nachfolgt. Das gefchieht auch gelegentlich, wenn
Antike, altes Chriftenthum und moderne dynamifche Welt-
anfchauung als die Hauptftufen bezeichnet werden (p. 373).
Aber hier an der Hauptftelle erfolgt die Periodifirung

Offenbarung im Alten Teftament. (XI, 79 S.) —
2. Hft. (Ein Hilfsmittel für die Hand der Lehrer auf
Grund der neueften wiffenfchaftlichen Forfchung bearbeitet
.) 2. Hft.: Die chriftlichc Verkündigung im
Neuen Teftament (VIII, 144 S.) Heilbronn, M. Kielmann
, 1895 u. 96. (gr. 8.) M. 4. 25

Verarbeitung der Ergebnifse moderner Bibelwiffen-
fchaft zu praktifchen Zwecken: das Problem hat actuelle
Bedeutung gewonnen und fpielt auch im Leben des

nach den Haupttypen der metaphyfifchen Gefammt- I Verfaffers eine Rolle. Beide Hefte gehören zwar inhalt
anfchauung: das antik-claffifche oder äfthetifche Princip j lieh zufammen, find aber, wie fchon der veränderte

der Formgebung, das moderne oder dynamifche der _ ---,

Kraftentwickelung und das neue der Zukunft, das von
Eucken's Buch vertretene Princip der ,Wefensbildung'.
Auf diefe Periodifirung mag der VVunfch eingewirkt haben,
die eigene, im Kampf gegen die Zeit vertretene Pofition
als ,neue Grundlegung' recht fcharf hervortreten zu laffen.
Es liegt ihr aber doch auch die Unficherheit des Ver-
hältnifses zu Grunde, das zwifchen der blofsen Entwickelung
des metaphyfifchen Gedankens und derjenigen
der religiösen Neubildungen undlntuitionen befteht. Diefe
Periodifirung ift aber in mehr als einer Hinficht bedenklich
. Nach den eigenen Grundanfchauungen des
Verfaffers hat die religiöfe Grundftimmung, wie fie aus
dem verfchiedenartigen Offenbarungsglauben quillt, die
Priorität, und ift die Philofophie nur immer die Zurück-
führung und Ausdehnung diefer Einzelanfchauung auf
eine allgemeinere Grundanfchauung vom Kosmos. Ferner
ift das Princip der .Wefensbildung' doch offenkundig
nichts principiell Neues, fondern nur eine Umbildung
des modernen dynamifchen Idealismus durch die in
ihm felbft erhaltenen und neben ihm hergehenden

Titel andeutet, nicht unter einem einheitlichen Gefichts-
punkt bearbeitet. Beim erften Heft hatte der Verf. ein
Schulbuch im Auge, welches er in der Hand nicht blofs
von Gymnafiaften und Seminariften, fondern auch von
Volksfchülern der oberften Claffe fehen möchte. Den
gröfser gedruckten, in einfachfter Sprache und fchema-
tifcher Faffung gehaltenen, Text hat er, fo lange er als
Pfarrer in Maienfels bei Weinsberg wirkte, feinem Unterricht
zu Grunde gelegt. Es ift mir nicht bekannt geworden
, ob auch diefes Verhalten mit in dem ,Ungehorfam'
inbegriffen ift, um defswillen er am 21. Februar d. J.
abgefetzt wurde; es thut hier auch nichts zur Sache.
Das zweite Heft, welches gefchrieben wurde, als der
Procefs fchon fchwebte, verzichtet auf die ,ungeniefs-
bare fchematifche Darftellungsform' zu Gunften einer
fortlaufenden Mittheilung'. Auch hier unterbrechen den
gröfser gedruckten, allgemein verftändlichen Text viele
in kleinerer Schrift gefetzte Notizen, welche nur für
gebildete Laien oder theologifch gefchulte Lehrer Inter-
effe beanfpruchen. Zwar hält der Verf. den Unterrichtszweck
auch diefer fpäteren Veröffentlichung infofern

chriftlichen Motive. Ja das moderne dynamifche Syftem | noch feft, als er der Meinung ift, dem Schüler dürfe, ja
ift felbft zu begreifen als eine Entwickelung aus der I müffe ,das Meifte davon wenigftens mitgetheilt werden',
chriftlichen Idee, und es ift die grofse Frage, ob mit ihm I Hier und da giebt er auch Anweifung, wie man das im
diefe Idee gefprengt und antiquirt oder nur auf eine neue einzelnen Fall zu bewerkftelligen hat. Gleichwohl ift
Entwickelungsftufe geführt ift. Im Grunde fcheint das der ganze Ton ein anderer, und während im erften Heft
auch der eigene Gedankengang des Verfaffers zu fein, kaum ein Ausdruck begegnen dürfte, deffen Gebrauch im
Denn feine Darfteilung des neuen Princips der Wefens- Religionsunterricht an und für fich zu beanftanden wäre,
bildun" lieft fich wie eine Darftellung des chriftlichen 1 mangelt es im zweiten Heft nicht ganz an Stellen, welche
Princips, das die Gedanken des aus der fogenannten j etwa in einer mündlich geführten, wiffenfchaftlichen
Renaiffance erwachfenen dynamifchen Syftems mit fich j Discuffion vorkommen dürfen, im Vortrage eines
vermittelt hat (p. 300 ff.). Lehrers aber ungeeignet und unzweckmäfsig erfcheinen

Es fei mir erlaubt, nur diefe Einwände zu erheben würden. Anftatt hiefür einzelne Belege zu bringen

und im übrigen mich des Lobes zu enthalten. Aus diefer
Skizze geht fchon hervor, wie reich, bedeutfam und felb-
Itändig das Buch ift. Es ift eines der intereffanteften und
förderlichften, das die philofophifche Literatur uns gebracht
hat, insbefondere ein wahres Labfal für uns
Theologen. Das ift endlich einmal wieder echte und
rechte Denkarbeit aus dem Grofsen und Ganzen, eine
frifche und vorurtheilslofe, aber edle und für alles Grofse
empfängliche Hcrausarbeitung und Behandlung der Probleme
, wie wir fie in unferer theologifchen Angft und
apologetifchen Künftlichkeit faft ganz verlernt haben
und wie wir fie in der Zwitterphilofophie des Tages nur
allzu feiten finden. Das Berte aber ilt, dafs das Bild der
Zeit uns wirklich Grund giebt zu glauben, dafs hier in
der Hauptfache die Stimmung einer vorwärtsdringenden
Minorität ausgefprochen und eine beginnende Re-
action gegen die Zeitrichtungen zum Ausdruck gebracht
fei.

Heidelberg. Troeltfch.

begnüge ich mich mit der allgemeinen Bemerkung, dafs
das erfte Heft vorzugsweife als pädagogifch-didaktifche
Leiftung des Religionslehrers, das zweite eher als speci-
men eruditionis eines praktifchen Geiftlichen ein Gegen-
ftand der Befprechung zu werden verdient. Ueber den
eigentlich wiffenfchaftlichen Gehalt des erften Heftes foll
damit keineswegs ein ungünftiges Urtheil ausgefprochen
oder angedeutet fein. Sachkundige haben darin einen gelungenen
Verbuch erblickt, geficherte Refultate der alttefta-
mentlichenForfchung zu Unterrichtszwecken zu verwenden
(Siegfried im ,Theol. Jahresbericht' 1895, S. 50, Kautzfeh
in diefem Bl. 1895, 268), und Meinhold entwickelt in der
,Zeitfchrift für praktifche Theologie' 1895, S. 336—350
Anflehten über die Verwerthbarkeit jener Refultate im
Religionsunterricht, welche faft wie ein Programm zu
vorliegender Leiftung erfcheinen. So viel ich fehen
kann, zeigt fich der Verfaffer überall als ein fleifsiger
Schüler von Kautzfeh, den er einft in Tübingen gehört,
fowie von Reufs, Wellhaufen und Cornill, deren bezügliche
Schriften er ftudirt hat. Nachdem auf den unteren
Stufen des Elementarunterrichtes Bekanntfchaft mit den
■ 1 -or ü • 1 r. •■ - 1 ...j,«i.Mi|«M lAuf : biblifchen Gefchichten in der herkömmlichen Reihenfolge
Steudel, Pfr. Fnedr Der rel.g.ose JugenduntemcM. Aul ^ ^ ^ fchlichter Erzählung vermittelt

Grund der neueften wiffenfchaftlichen Porlchung tur ; worden iftj kann nach mei„em Dafürhalten auf der über-
die Hand der Lehrer und Schüler fämtlicher evan- ftufe recht wohl nach einem Schema verfahren werden,
gelifcher Lehranftalten bearbeitet.) 1. Hauptteil: welches mehr dem gefchichtlichen Hergange felbft ent-
Die crefchichtliche Grundlage. 1. Hft.: Die göttliche fpricht. Ich glaube fogar, es follte dies geradezu ge-