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Ausgabe:

1896

Spalte:

395-399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Alfred

Titel/Untertitel:

Der Tod Christi in seiner Bedeutung für die Erlösung 1896

Rezensent:

Baldensperger, Wilhelm

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Theologifche Literatnrzeitung. 1896. Nr. 15.

39<5

gilt dies befonders von den Abfchnitten über die Religion
der Urzeit, über das Werk des Mofe, über die Geflaltung
von Religion und Cultus bis zum 8. Jahrhundert und

zugeben. Sie geht dahin, dafs diefer Brief eine Haupt-
ftütze herkömmlicher irriger Auffaffungen fei, denen
fomit von vornherein die Spitze abgebrochen werden

über den Prophetismus. Wenn man auch im Einzelnen foll. Aber diefer Zweck wäre doch nicht minder gut
hie und da Manches anders anfehen wird, fo wird dem I erreicht worden, fo follte man denken, wenn der Verf.,
Verf. doch das Lob bleiben, einen äufserft reichhaltigen wie es allgemein Brauch ift, damit begonnen hätte, dieältefte

Stoff gefammelt, gutredigirt und auf einen ebenfo knappen
wie fchönen Ausdruck gebracht zu haben. Der
zweite Haupttheil befchränkt jetzt wohlweislich das
Heilsbewufstfein Israels auf ,das der Gemeinde des
zweiten Tempels', das aber wohl auch kaum eine fo
fchön ausgearbeitete Dogmatik vertragen dürfte. Doch
gerade um diefes zweiten Theils willen hat wohl die
heutige theologifche Durchfchnittslefewelt dem Verfaffer
den erften verziehen, fo dafs er es fogar zu einem Lobe
in der Kreuzzeitung (1896, Beil. 32) gebracht hat.

Jena. C. Siegfried.

Seeberg, Prof. D. Alfr., Der Tod Christi in seiner Bedeutung

für die Erlösung. Eine biblifch-theologifcheUnterfuchung.
Leipzig, Deichert Nachf., 1895. (VII, 384 S. gr. 8.)

M. 5. 50

Eine fehr umfaffende biblifch-theologifche Unter-
fuchung, welche ganz danach ausfieht, als ob der Verfaffer
den neuteftamentl. Ausfagen über den Tod Chrifti
auf den Grund gehen wollte. Den Gedanken der ver-
fchiedenen Schriftfteller läfst er eine gefonderte Behandlung
zu Theil werden und fcheut auch vor der Aner- I zug auf die Heilsbedeutung des Todes Jefu zu Gute

chriftliche Lehre, d. h. die richtigen Gedanken Jefu felbft
an's Licht zu ftellen. Allein hier macht fich eine eigen-
thümliche Idee des Verf. geltend, welche für die ganze
Unterfuchung von entfcheidender Bedeutung und darauf
berechnet ift, diefelbe frei von dem Einflufs ihm unwillkommener
Elemente und in den ihm zufagenden Bahnen
zu halten. Mit Abficht redet er gar nicht von einer Lehre
Jefu. Selbft wenn es gelingen würde, meint S., wiffenfchaft-
lich die Echtheit der Worte Jefu zu beweifen, fo könnte
man doch wieder infofern an diefer Echtheit zweifeln,
,als die Referenten die Gedanken Jefu mifsverftanden
haben können'. Und das gilt nicht nur von feinen
Todesgedanken, fondern auch von feiner übrigen Lehre
(p. 343). Das fieht nun fehr radical aus, als follte
das Chriftenthum von feiner wahren Wurzel losgelöft
werden. Doch der Verf. hat Mittel und Wege, das
Schlimmfle zu verhüten und das Böfe zum Guten zu
wenden. Hat die Theologie einmal eingefehen, dafs man
,überhaupt nicht wiffen kann, was Jefus felbft gelehrt hat',
fo bleibt ihr nur noch die Möglichkeit feftzuftellen, wie
feine Lehre von der älteften Chriftenheit verftanden
worden ift. Hier kommt nun dem Verf. die von ihm
conltatirte Einmüthigkeit der neut. Schriftfteller in Bekennung
gewiffer Eigenthümlichkeiten, in denen fie von Diefelbe fei nur denkbar, wenn eine derartige von Jefus
einander abweichen, nicht zurück. Trotz alledem fchneidet ausgehende Ueberlieferung vorhanden und anerkannt
fein kritifches Secirmeffer nicht allzu tief ins Fleifch. Viel- war. So tritt nun an Stelle jenes rückfichtslofen Skepti-
mehr gelangt er zu dem tröftlichen Refultat, dafs es im apo- cismus in Bezug auf die Lehre Jefu ein unbegrenztes
ftolifchen Zeitalter nicht nur keine Meinungsverfchieden- j Vertrauen zu der in befter Harmonie mit ihr flehenden
heiten gab in Betreff der dem Tode Chrifti zukommenden einnimmigen apoftolifchen Lehre, und jener anfängliche
Heilsbedeutung, fondern dafs auch die Grundanfchauung | Radicalismus erweift fich den Zwecken eines confer-
über die Wirkungen diefes Todes in den Evangelien ' vativen Dogmatismus in höchüem Grade dienftbar. Wo
und in den Briefen eine übereinftimmende ift. An den- j aber bleibt die Berechtigung diefer eigenthümlichen
felben knüpft fich überall die Sündenvergebung und eine j Methode, mit der Darftellung der apoftolifchen Lehre
thatfächlicheLebensgerechtigkeit. Diefe neutettamentliche , zu beginnen, um hernach die fynoptifche Ueberlieferung
Lehre fei von der auf abälardifcher Grundlage ruhenden j in das Licht des fpäteren Gemeindeglaubens zu rücken?
Conftruction Ritfchl's deutlich zu unterfcheiden und eben- Allerdings wäre die Entttehung diefes Glaubens ohne
fo widerfpreche fie der Anfelmifchen Verföhnungslehre. Zuftimmung der Apoftel nicht denkbar. Und wenn fie
Nirgends werde im N.T. ein ftellvertretendes Leiden Chrifti der Gemeinde Belehrungen über den Tod Jefu gaben,
gelehrt, in dem Sinne, dafs er die den Sündern bevor- fo mufsten fie fich durch Aeufserungen Jefu felber dazu
flehenden Strafen abgebüfst, damit den Zorn Gottes be- für berechtigt halten (p. 344). Aber darum ift noch
fchwichtigt und die Menfchheit mit dem feindlichen Gott nicht einzufehen, warum ein Irrthum der Jünger in Be-
verföhnt hätte. Das ganze Erlöfungswerk ruht umgekehrt i treff der mit feinem Tode verbundenen Heilsabfichten
auf dem Gnadenwillen Gottes. Es kommt auch nur j Jefu ,undenkbar' fein foll, da doch die Möglichkeit eines
durch eine gewiffe Antheilnahme des Menfchen zu Stande, j Mifsverftändnifses von Seiten der Evangeliften fo nahe
infofern als derfelbe durch einen Act feines Willens, im ] liegt, ja um fo unabweislicher ift, als Jefus fich nur

Glauben auf den Tod Chrifti eingeht und darin ein Todes-
urtheil über feine eigene Sünde erblickt. Vor allem
aber betont der Verfaffer, dafs der Tod Chrifti erft durch
feine Erhöhung wirkfam werde, indem er in den Sündern
die bufsfertige Gefinnung hervorruft und fie in feine
perfönliche Lebensgemeinfchaft aufnimmt. Im Uebrigen
fucht S. der Individualität der einzelnen Verfaffer durch
die Behauptung gerecht zu werden, dafs bald dies, bald
jenes Moment ftärker betont oder näher ausgeführt werde.

Höchft charakteriftifch ift nun aber die Methode,
welche dem Verfaffer die Feftftellung diefes glücklichen
Confenfus aller neut. Autoren ermöglicht. Die Reihenfolge
, in welcher diefelben vorgeführt werden, hat auf
den erften Anblick etwas befremdendes, fogar unerklärliches
. Voran fteht der Hebräerbrief, dann folgen die
Schriften des Johannes und zwar das Evangelium und
die Epifteln in engem Connex mit der Apokalypfe, dann
kommen die Briefe des Paulus, die des Petrus, die Reden

feiten über feinen Tod ausgefprochen hat. Hatte doch
derVerfaffer felbft fo ernftlich mit einem möglichen Irrthum
der Evangeliften gerechnet, dafs er das Forfchen nach Jefu
eigenen Gedanken für überfiüffig und ausfichtslos erklärte.
Die Zurückftellung der Synoptiker hinter alle anderen
neuteft. Schriften wird immer den Verdacht erwecken,
als follten die zwar fpärlichen aber z. Th. charakteriftifchen
Todesweisfagungen der Evangelien einem fchon feftftehen-
den Ergebnifs angepafst werden.

Aus der Unterfuchung von 3 Hauptftellen (Mc 10 45
Luc. 24 46 und den Abendmahlsworten) ergiebt (ich, dais
das Todesleiden Jefu die Verwirklichung der jeremianifchen
Weisfagung von der neuen Gottesordnung, nämlich die
Erfüllung der fündigen Menfchheit mit Bufse und Glauben
bezwecke. Nachdem der Sinn diefer Ausfprüche fchon feft-
fteht, tritt der Verf. erft der Frage näher, wie Jefus dazu
kam, feinem Tode Heilsbedeutung zuzufchreiben (p. 364 f.).
Es ift dies offenbar ein methodifcher P"ehler, da die

der Apoftelgefchichte und zuletzt die Synoptiker. Ueber j Einficht in dasZuftandekommen der Todesprophezeiungen
die Voranfteltung des Hebräerbriefes hat fich S. ver- I Jefu für die Erfaffung des genaueren Sinnes derfelben
pflichtet gefühlt in der Einleitung eine Erklärung ab- ! von ganz wefentlicher Bedeutung ift. Es zeigt fich