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Ausgabe:

1896 Nr. 13

Spalte:

347-350

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonwetsch, N.

Titel/Untertitel:

Das slawische Henochbuch 1896

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 13.

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5. Die umfangreichfte Arbeit ift die letzte: Watfon,
The style and language of St. Cyprian (p. 189—324). in
zwei Capitel zerfallend: 1) über den Stil Cyprian's, 2)
über die Sprache Cyprian's. Die zweite Hälfte geht
über das rein philologifche und literarhiftorifche Intereffe
hinaus, denn fie behandelt ziemlich eingehend alle wichtigeren
theologifchen Begriffe Cyprian's.

Möchten die ,Oxforder' Gelehrten uns bald wieder
einen Band ihrer Studia von fo gediegenem Inhalt wie
die bisherigen vorlegen.

Göttingen. E. Schür er.

Bonwetsch. N., Das slavische Henochbuch. Abhandlungen
der königl. Gefellfchaft der Wiffenfchaften zu Göttingen,
phil.-hiftor. Klaffe, Neue Folge Bd. I Nr. 3. Berlin,
Weidmann, 1896. (57 S. 4.)

In Nr. 6 diefes Jahrganges der Theol. Litztg. hat
Bonwetfch über ein nur in flavifcher Sprache erhaltenes
Henochbuch berichtet, welches von Morfill und
Charles in englifcher Ueberfetzungherausgegebenworden
ift. Er felbft hatte, fchon ehe er von der beabfichtigten
englifchen Ueberfetzung wufste, eine deutfche Ueber-
fetzung angefertigt. Dafs er diefe nach nochmaliger
Durchficht nun durch den Druck uns zugänglich macht,
dafür find wir ihm trotz des Vorganges der Engländer
zu lebhaftem Dank verpflichtet, namentlich deshalb, weil
er, abweichend von den englifchen Herausgebern, die
beiden ftark von einander abweichenden flavifchen Texte
getrennt vorlegt. Die eine Recenfion, nach einer füd-
ruffifchen Handfchrift vom J. 1679 von Popov 1880
herausgegeben, ift viel ausführlicher als die andere,
welche Novakovic" nach einer ferbifchen Handfchrift
des 16. Jahrh. im J. 1884 publicirt hat. Für letztere
konnte Bonwetfch noch eine Wiener Handfchrift vergleichen
. Der kürzere Text darf im Allgemeinen als
ein Auszug aus dem längeren angefehen werden, ift aber
auch von Werth, da die Vorlage diefes kürzeren Textes
keineswegs mit der uns erhaltenen längeren Recenfion
identifch ift. Bonwetfch giebt beide in vollftändiger
deutfcher Ueberfetzung, den kürzeren unter dem längeren.

Zur Ergänzung deffen, was Bonwetfch fchon in Nr. 6
über den Inhalt und Urfprung diefes höchft intereffanten
Apokryphums bemerkt hat, feien hier noch einige Mittheilungen
geftattet.

Der Inhalt zerfällt in drei Hauptabfchnitte.
Im erften Abfchnitt (c. 4—21) erzählt Henoch feine
Reife durch die fieben Himmel. Er wird von zwei
Engeln in den erften Himmel erhoben, dann in den
zweiten, dritten, vierten, bis zum fiebenten. *) Es wird
genau berichtet, was er in jedem gefchaut hat. Der Inhalt
diefes Abfchnittes berührt fleh fehr ftark mit dem
aethiopifchen Henoch. Vielfach find es diefelben Materien
, die hier und dort gefchildert werden. Aber der
Stoff" ift doch in fehr freier Weife verwendet. Namentlich
ift der Schematismus, in welchen derfelbe gebracht
wird, neu. Denn von fieben Himmeln ift im aeth.
Henoch nicht die Rede, und es wird überhaupt nicht
gefagt, dafs alle die intereffanten Dinge, welche Henoch
fleht, fleh im Himmel befinden. Im flavifchen Henoch
werden fie aber alle auf die fieben Himmel vertheit, was
bei einigen derfelben fchlecht pafst, fo dafs man fleht,
wie diefer Schematismus erft nachträglich an den Stoff
herangebracht ift. Bemerkenswerth ift, dafs im dritten
Himmel fleh das Paradies befindet (c. 8), wobei man unwillkürlich
an II Kor. 12,2—4 erinnert wird; nur fagt Paulus
freilich, dafs er vom dritten Himmel aus in das Paradies
entrückt worden fei, wornach alfo das Paradies fleh über
dem dritten Himmel befindet.

1) Die kurze Erwähnung eines 8., 9. und 10. (c. 21, 6. 22, 1),
welche in Widerfpruch mit dem Uebrigen fleht und in ganz anderer
Form auftritt, ift offenbar fpäterer Einfchub.

Einen zweiten Abfchnitt bildet c. 22—38. Henoch
darf unmittelbar vor Gott hintreten, zu welchem Zwecke
er feiner irdifchen Kleider entkleidet und mit einem himm-
lifchem Gewände angethan wird. Gott felbft offenbart ihm
nun den Hergang bei der Schöpfung und die Gefchichte
des Menfchengefchlechtes bis zur Zeit Henochs. Der Schöpfungsbericht
fchliefst fleh an Gen. 1 an, ift aber ziemlich
ftark gnoftiflrend ausgefchmückt und dadurch von befonde-
rem Intereffe. Die fieben Planeten werden mit griechifchen
Namen genannt: Kruno, Aphrodite, Ares, Sonne, Zeus,
Hermes, Mond (30, 3). Die Gefchichte der Menfchen,
welche durch Gott dem Henoch erzählt wird, fchliefst
mit der Ankündigung, dafs Gott wegen des Götzen-
dienftes und der Unzucht, in welche die Menfchen verfallen
find, nun das Strafgericht der Fluth über fie herbeiführen
werde. Nach Empfang diefer Offenbarungen
wird Henoch auf die Erde zurückgebracht.

Den letzten Abfchnitt (c. 39—66) bilden Lehr- und
Mahnreden Henoch's an feine Kinder. Henoch weift auf
die Wichtigkeit der Bücher hin, die er auf Grund der
empfangenen Offenbarungen gefchrieben hat (366 an der
Zahl, c. 23, 6. 68, 2), und hält feinen Kindern Moralpredigten
mannigfachen Inhaltes. Hier finden fich ftarke
Berührungen mit Sirach, während an den aethiopifchen
Henoch in diefem und im vorhergehenden Abfchnitt
nur noch vereinzelte Anklänge vorkommen. — Mit einem
kurzen Bericht über Henoch's Aufnahme in den Himmel
(c. 67) und einem Rückblick auf fein Leben (c. 68)
fchliefst das Buch.

Im ganzen Buche findet fich nichts fpeeififeh
chriftliches, wohl aber Manches, was nur bei einem jü-
difchen Verfaffer verftändlich ift. Die Thieropfer werden
als beftehende Sitte vorausgefetzt 59, 1—2: ,Welcher
frevelt gegen die Seelen der Thiere, der frevelt gegen
feine eigene Seele, weil der Menfch herzubringt von
reinen Thieren, ein Opfer zu machen wegen der
Sünde, damit er habe Heilung feiner Seele. Und wenn
fie darbringen zum Opfer von reinen Thieren und Vögeln,
fo ift Heilung dem Menfchen, er heilt feine Seele'. Dabei
wird betont, dafs beides zufammen fein müffe, das
Darbringen des Opfers und die rechte Gefinnung; eines
ohne das andere hat keinen Werth. 61, 4: ,Wenn ein
Menfch einen guten Gedanken in fein Herz fetzt, zu
bringen Gaben vor das Angefleht des Herrn von feinen
Arbeiten, und feine Hände vollbringen ihn nicht, dann
wendet der Herr fein Antlitz von der Arbeit feiner

Hände..... Wenn aber feine Hände es vollbringen und

fein Herz murrt, . . . fo hat er auch keinen einzigen
Erfolg'. 62, 1: ,Selig ift der Menfch, welcher in feiner
Geduld feine Gabe mit Glauben vor das Angefleht des
Herrn bringt, denn diefer wird Vergebung der Sünden
finden'. 66, 2: ,Bringet jedes gerechte Opfer vor das
Angefleht des Herrn, aber das ungerechte hafst der
Herr'. Von Methufala wird berichtet, dafs er nach
Henoch's Hingang ein Stieropfer dargebracht habe
(68, 5). Nicht einheitlich fcheint mir die Stelle c. 45:
,Wenn einer eilig ift, ein Opfer zu bringen vor dem Angefleht
des Herrn, in Bezug auf dies Opfer ift auch der
der Herr eilig durch Sammeln feines Werkes [und thut
kein gerechtes Gericht]. Welcher mehrt den Leuchter
vor dem Angefleht des Herrn, deffen Vorrathskammer
mehrt der Herr in dem Reich des Höchften. [Bedarf
der Herr Brot oder Lichter oder Schlachtopfer oder
irgendwelche andere Opfer. Das ift nichts. Sondern
Gott begehrt ein reines Herz, und mit allem dem prüft
er das Herz des Menfchen]'. Die von mir eingeklammerten
Sätze können zwar jüdifch fein, denn fie reproduciren
nur prophetifche Gedanken. Da fie aber im Gegenfatz
zum übrigen Texte flehen, find fie wohl als Einfchub
eines chriftlichen Ueberarbeiters zu betrachten.

Nach dem Bisherigen ift wohl nicht daran zu
zweifeln, dafs die Hauptmaffe des Buches jüdifchen Ur-
fprunges ift (wie auch die Herausgeber angenommen