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Ausgabe:

1896

Spalte:

332-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gott will es! Nr. 2 1896

Rezensent:

Wurm, Paul

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33'

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 12.

332

Bedenken und Bangen übernommen habe. Namentlich
beklagt er, dafs ihm feiner Gemeinde gegenüber die
Möglichkeit genommen fei, zufammenhängende Predigten
zu halten. Diefe Klage läfst erkennen, wie er die Aufgabe
angefehen hat. Obwohl auch er fich zum Theil auf
Feftreden, Cafualreden oder Bibelftunden angewiefen fah,
fo zeigt doch jene Aeufserung, dafs nicht der Tag noch
die Gelegenheit, fondern der Text ihm den Ausgangspunkt
für die Predigt giebt und ihren Inhalt beftimmt.
Dadurch ift es dem Verfaffer gelungen, einen gewiffen
Zufammenhang zwifchen den Predigten herzuftellen, und
wenn auch einzelne Predigten, wie z. B. die beim Lutherjubiläum
1883 in Eisleben über Luk. I, 57—8o, oder die
Confirmationsrede über Luk. 8, 22—25 und 9, 57—62 u.
a. für fich allein gewürdigt fein wollen, fo ift doch der
Charakter einer ,Auslegung' im Ganzen gewahrt. Der
Lefer wird mit der Eigenthümlichkeit des 3. Evangeliums
bekannt gemacht, in das Verftändnifs des Unterfchieds
von den andern Evangelien eingeführt und angeleitet
die verfchiedenen Stoffgruppen zu beachten. Auch fonft
erweift fich die ganze homiletifche Art Fr.'s für die
fchwierige Aufgabe einer ,Auslegung in Predigten und
Homilien' förderlich. Die Faffung des Themas erfolgt
faft ausnahmslos im engften Anfchlufs an den Text, und
wenn auch manchmal nur eine Ueberfchrift gegeben ift,
fo tritt doch oft fchon in diefer die glückliche Gabe, durch
eine neue eigenthümliche Bezeichnung die Aufmerkfam-
keitzu erwecken, in anziehendfter Weife hervor: z. B. ,die
Pfalmfängerinnen auf dem Gebirge' (1, 39—53) ,ein
Tagjefu ChriftT (4, 31—44) ,St. Petri hoher Tag' (5, 1—11)
,die Ördensfterne auf der Bruft des Hauptmanns zu Ka-
pernaum' (7, 1—10). Zur vollen Entfaltung kommt diefe
Gabe aber erft in der Ausführung. Auch diefe fchliefst
fich faft überall an den Wortlaut und Gang des Textes
an. Aber Fr. geht feine eigenen Wege in der Auslegung,
nicht als ob er neue Fündlein vorbringen wollte, vielmehr
fteht er überall feft auf dem Boden evangelifcher
Schriftauslegung und bezeugt freudig die Heilswahrheit
ohne apologetifche Künfte, fondern infofern er vielfach
merken läfst, dafs er in durchaus felbftändiger und eigenartiger
Weife diefe Wahrheit fich angeeignet hat und in ihr
Verftändnifs eingedrungen ift. Die Art der Behandlung l
des Schriftwortes, wie er unterer Zeit das Evangelium ververkündigt
, wirkt in ihrer Eigenthümlichkeit höchft anziehend
. So tief er aus dem Vollen fchöpft, fo fcharf
ift fein Blick für allerlei Anknüpfungspunkte und fo viel-
feitig feine Gefchicklichkeit in der Anwendung des
Worts auf die Gegenwart. Er wollte, wie er im Vorwort
fagt, ,das Bild des Menfchenfohnes voll Lieb' und
Macht' vor die Augen malen. Das ift ihm in hohem
Mafse gelungen. Viele der vorliegenden Predigten
gleichen fchönen Genrebildern, die Jefum und feine Bedeutung
für unfer Gefchlecht zur Anfchauung bringen.
Aber es ift nicht das hiftorifche Genre, das in claffifchen
Formen die Beziehungen zwifchen dem Menfchenfohne
und den Menfchen fchildert, fondern die fcharf indivi-
dualifirten Geftalten tragen die Züge der Menfchen
unferer Tage und zwar aus den gebildeten Kreifen.
Die Predigten laffen in ihrer reichen Fülle überall die
lebens- und liebevolle Perfönlichkeit des Predigers erkennen
, der den vollen Ernft der evangelifchen Wahrheit
nie verkürzt, aber fie überall anziehend, anfaffend und
gewinnend bezeugt. Aus der gefunden und kräftigen
Eigenart Frommel's können Prediger reiche Anregung
empfangen.

Halle a. S. A. Wächtler.

Missionsschriften.
1. Warneck, Paft.D. G., Missionsstunden. i.Bd.: Die Miffion
im Lichte der Bibel. 4. verm. Aufl. Gütersloh, Bertelsmann
, 1895. (XII, 350 S. gr. 8.) M. 4. 20; geb. M. 5. 20

2. Gott will es! Nr. 2. Leipzig, Verl. der Akadem. Buchh.,

1895. (gr. 8.) M. 1. —

2. Bericht über den Märtyrertod des Muhammedaners Stephanus
Askjar von weil. Paft. J. Lemm. 2. Aufl. Im Anhang: Die Aus-
weifung der deutfchen Miffionare aus Perfien und der gegenwärtige
Stand der Miffion dafelbft. Von W. Faber. (192 S. m. Titelbild
u. 1 Bildnis.)

3. Jahrbuch der sächsischen Missionskonferenz für das Jahr

1896. Leipzig, Wallmann, 1896. (176 S. m. 1 färb.
Karte. 8.) M. i. 50

Der erfte Band von Warneck's Miffionsftunden
hat bereits die vierte Auflage erlebt, — ein Beweis, dafs
er einem Bedürfnifs entgegengekommen ift und keiner
weiteren Empfehlung bedarf. Er enthält namentlich Texte
und Gedanken zu Miffionsfeftreden, Auslegungen des
Bibeiworts mit häufig eingeftreuten Illuftrationen aus der
Miffionsgefchichte, nicht zufällige Anekdoten, fondern
wirkliche Belege zu dem vom Redner Gefagten. In der
neuen Auflage find nicht nur die ftatiftifchen Angaben
und die illuftrirenden gefchichtlichen Mittheilungen nach
dem jetzigen Stand revidirt, fondern auch drei neue
Vorträge hinzugekommen. Unter diefen neuen macht
der ,über den reichen Mann als Miffionsprediger' (S.
195—205) den Eindruck, dafs der Redner an die Perikope
gebunden gewefen fei und aus derfelben die Miffions-
gedanken einigermafsen herausgeprefst habe. Man bekommt
dabei keinen rechten Totaleindruck. Defto trefflicher
find dagegen die zwei anderen neuen Vorträge:
,Die Rechtfertigung durch den Glauben und die Miffion'
(S. 54—66) und ,Die Ueberfchrift über dem Kreuz'
(S. 235-241).

Gott will es! — Diefe Ueberfchrift, welche Paftor
Faber feinen Schriften zur Muhammedanermiffion giebt,
erinnert nur zu fehr daran, wie in den Kreuzzügen neben
edeln, wahrhaft chriftlichen Gedanken viel Eigenwille,
der fich für Gottes Willen hielt, d. h. viel Fanatismus zu
Tage getreten ift. Es ift ja gewifs richtig, dafs die
Chriftenheit der Ausbreitung des Islam in Afrika und
auf den oftindifchen Infein und den Greueln in der
Türkei nicht ruhig zufehen darf, dafs fie den vom Islam
bedrohten Ländern zuvorkommen follte mit chriftlicher
Miffion und auch vom Islam bereits gewonnene Leute
noch für das Chriftenthum retten könnte. Es gefchieht
in diefer Beziehung auch manches, namentlich durch die
Rheinifche Miffion auf Sumatra. Aber eine andere Frage
ift es, ob die Ausbreitung des Islam dadurch gehindert
wird, dafs man nach Ländern, die unter muhammeda-
nifcher Herrfchaft flehen, wie Perfien, und in denen
jeder Uebertritt eines Muhammedaners mit dem Tode
beftraft oder durch Meuchelmord gerächt wird, Miffionare
fchickt mit dem Lebensberuf die Muhammedaner zu
Chrifto zu bekehren. Das vorliegende Heft enthält die
Gefchichte von einem Muhammedaner, der in einer
deutfchen Colonie in Transkaukafien wirklich aus innerer
Ueberzeugung fich dem Chriftenthum zugewandt, aber
noch ehe er getauft war, von feinen Stammesgenoffen
tödtlich verwundet und vor dem Tode noch getauft
wurde. Für die Taufe diefes Mannes hätte der deutfche
Paftor felbft von der ruffifchen Regierung keine Er-
laubnifs bekommen. Er konnte fie nur ertheilen wegen
der Todesgefahr. Werden vollends Muhammedaner-
miffionare in Länder unter muhammedanifcher Herrfchaft
gefandt, fo müffen fie zum voraus in Rechnung nehmen,
dafs man fie gar nicht zuläfst, und fie können wahr-
fcheinlich nur durch eine Unwahrheit in Bezug auf ihren
Beruf Erlaubnifs zur Niederlaffung bekommen. Es ift ja
gewifs bedauerlich, wenn einzelne für das Chriftenthum
empfängliche Muhammedaner die Heilswahrheit nicht
hören können. Aber unter folchen Umftänden mufs man
doch fagen: das Land ift für die Predigt des Evangeliums
noch nicht offen. Es wird, wie in den vierziger