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Ausgabe:

1896 Nr. 12

Spalte:

323-324

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hopfen, Otto Helmut

Titel/Untertitel:

Kaiser Maximilian II. und der Kompromisskatholizismus 1896

Rezensent:

Virck, H.

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323

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 12.

324

Hopfen, Otto Hellmut, Kaiser Maximilian II. und der
Kompromisskatholizismus. München, Rieger, 1895. (VII,
439 S. gr. 8.) M. 12. —

Die weitaus meiften Forfcher haben Maximilian II.
feiner religiöfen Gefinnung nach für einen Proteftanten
gehalten, nicht nur in der Zeit vor feiner Wahl zum
deutfchen König, fondern auch nach derfelben, obwohl
er in feinem Krönungseid dem Papfte subjectionem debi-
tam et fidem verfprach. Diefe Anficht ftützt fich vornehmlich
auf folgende Gründe: Max. hat von 1554—1560
den wegen angeblich proteftantifcher Gefinnungen verdächtigten
Pfaufer zum Hofprediger gehabt und ihn nur
der Gewalt weichend entlaffen. Er war a. 1560 zur Flucht
entfchloffen, um nicht feine religiöfe Ueberzeugung aufgeben
zu müffen. Er gewährte im Jahre 1568 den öfter-
reichifchen Ständen freie Religionsübung auf Grundlage
der Augsburgifchen Confeffion, und er ift endlich unter
Zurückweifung der Tröftungen der kath. Kirche geftorben.
Mit diefer Annahme laffen fich nun aber manche Handlungen
Maximilian's nur fchwer vereinigen: fo der fchon
erwähnte Krönungseid; der Umftand, dafs Max. feine
Söhne zur Erziehung nach Spanien fandte, und vor allen
Dingen, dafs er felbft nicht öffentlich zum evangelifchen
Glauben übertrat, obwohl doch feine Unterthanen der
grofsen Mehrzahl nach evangelifch gefinnt waren. Die
Erklärung hierfür wird gewöhnlich in dem politifchen
und dynaftifchen Ehrgeiz Maximilian's gebucht. Diefer
foll ihn veranlafst haben, jenen Eid zu leiften, da ohne
ihn die deutfche Krone nicht zu erlangen gewefen fei.
Der einmal geleiftete Eid aber habe ihn dann auch für
die folgende Zeit gebunden. Dynaftifcher Ehrgeiz habe
auch für die Sendung feiner Söhne nach Spanien und
bei der Verheirathung feiner Töchter mit den Königen
von Spanien und Frankreich den Ausfchlag gegeben.
Gegenüber diefer Anficht behauptet nun Hopfen, dafs
Max. eigentlich nie Proteftant gewefen fei, fondern zu
den fogenannten Compromifskatholiken gerechnet werden
müffe. Unter diefen verfteht Hopfen nach dem Vorgange
von Stieve folche Katholiken, die mit Luther zwar in
dem Widerfpruch gegen das herrfchende katholifche
Syftem übereinftimmten, alfo namentlich die Mifsbräuche
befeitigt und die Macht des Papftes befchränkt fehen
wollten, im übrigen aber an der katholifchen Kirche feft-
hielten und der Meinung waren, dafs durch Nachgeben
auf beiden Seiten eine Wiedervereinigung der Kirchen
möglich fei. Um feine Anficht zu beweifen, unterwirft
Hopfen das ganze religiöfe und kirchliche Verhalten
Maximilian's vom Jahre 1550 an einer eingehenden Unter-
fuchung. Da findet er nun, dafs Pfaufer Maximilian nicht
zum Proteftanten gemacht haben kann, da er felbft niemals
Proteftant gewefen fei, fondern vielmehr ebenfalls
zu den Compromifskatholiken gerechnet werden müffe.
Der Plan Maximilian's, zu den proteftantifchen Fürften
zu fliehen, ift kein Beweis feiner proteftantifchen Gefinnung
. Er ging nach Hopfen viel mehr aus unklarer
Oppofition und überreizter Phantafie als aus klarer reli-
giöfer Erkenntnifs hervor. Als die kühlen Antworten
der evangelifchen Fürften ihn ernüchterten, kam er zu
der Ueberzeugung, dafs er fehr wohl gegen die Mifsbräuche
der Kirche und die Anmafsungen des Papftes
auftreten und doch ein guter Katholik bleiben könne.
So vermochte er dann auch mit ruhigem Gewiffen den
Krönungseid zu leiften. Er fprach damit nur die Anerkennung
des Papftes als oberften Kirchenfürften aus,
wobei es allerdings nicht ganz ohne Umdeutung der
alten Formen und eine gewiffe Zweideutigkeit abging.
Noch viel weniger berechtigt die kirchliche Haltung
Maximilian's während feiner Regierungszeit dazu, ihn den
Proteftanten zuzurechnen. Er forderte zwar für die
Priefter die Ehe und für den Laien den Kelch; er hielt
nichts von den Verdienften der Heiligen, der Anrufung
der Mutter Maria und der Engel etc.; er verwarf die

Seelenvigilien und Seelenmeffen, das Gebet für die Ver-
ftorbenen und die Lehre vom Fegefeuer; aber alles das
trennte ihn noch nicht von der kath. Kirche, da derartige
Anfchauungen bei den damaligen Katholiken ganz
allgemein verbreitet waren. Ihnen huldigten mehr oder
weniger faft alle vornehmften Räthe des Kaifers, die
man defswegen fälfchlicherweife ebenfalls für Proteftanten
gehalten hat. Seid und Gienger find trotzdem nach ihren
eigenen Bekenntnifsen Katholiken geblieben. Das Gleiche
gilt von Zafius, ja fogar von Lazarus Schwendi, dem
vertrauteften Freunde Maximilian's, der feine Anhänglichkeit
an die katholifche Kirche durch eine Reihe
kirchlicher Stiftungen bethätigt hat. Endlich ift auch die
Gewährung freier Religionsübung an die öfterreichifchen
Stände auf Grundlage der Augsburgifchen Confeffion für
Maximilian's proteftantifche Gefinnung nicht beweifend.
Denn fie wurde nur den Herren und Rittern und nicht
den Städten, alfo nur einem verhältnifsmäfsig kleinen
Theil der Bevölkerung zu Theil. Zudem war die Bewilligung
an die Annahme einer Agende geknüpft, durch
welche den Bifchöfen die Jurisdiction und die Ordination
der evangelifchen Prediger gewahrt blieb. Direct gegen
die proteftantifche Gefinnung Maximilian's aber fprechen
feine Bemühungen um die Reform der Klöfter. Er wollte
diefe nicht aufheben, fondern ihrem urfprünglichen
Zwecke zurückgeben. Referent vermag fich dem Gewicht
der von Hopfen beigebrachten Thatfachen nicht
zu entziehen und ift für feine Perfon überzeugt, dafs H.
mit feiner Annahme Recht hat. Dafs aber feine Beweisführung
gar keinen Raum für eine andere Auffaffung
übrig laffe, möchte er trotzdem nicht behaupten. So
wäre z. B. wohl die Frage berechtigt, ob der Kaifer bei
feiner materiellen Abhängigkeit von Spanien und Rom
überhaupt in der Lage war, mehr für den Proteftantis-
mus zu thun, als er gethan hat. Hören wir doch von
Hopfen, dafs Max. nicht nur zur Vertheidigung feines
Landes, fondern fogar zur Beftreitung der Kotten feines
I Haushaltes der Unterftützung des Papftes und Spaniens
bedurfte. Noch weniger dürften manchen die Gründe
überzeugen, die Hopfen für den Compromifskatholicismus
Maximilian's in der Zeit vor der Königswahl anführt.
Dafs Max. 1560 fich felbft für einen Proteftanten gehalten
hat, geht unzweifelhaft aus der Sendung Warnsdorff's
hervor, durch die er fich die Unterftützung der proteftantifchen
Fürften für den Fall feiner Flucht fichern
wollte. Wenn Hopfen meint, dafs Max. fich damals
über fich felbft getäufcht habe, fo find doch die von ihm
hierfür beigebrachten Gründe nicht durchaus zwingender
Natur. Ganz unzuläffig erfcheint aber die Bemerkung:
es liege nicht der geringfte Beweis vor, dafs fich
Maximilian mit der Augsburgifchen Confeffion näher
befafst, ja dafs er fie überhaupt je gelefen habe! Derartige
Ausfprüche find eher dazu angethan, die Beweiskraft
der anderen Argumente zu fchwächen als zu ver-
ftärken. Entfcheidend in der ganzen Frage erfcheint dem
Referenten hauptfächlich der Umftand, dafs bei der
Auffaffung Hopfen's fich alle Handlungen Maximilian's
viel einfacher und natürlicher erklären laffen, als dies
fonft möglich ift. Wie man fich aber auch zu der Frage
{teilen mag, jedenfalls wird niemand, der fich über
Maximilian ein Urtheil bilden will, das Buch Hopfen's
überfehen dürfen. Einen erhöhten Werth erhält dasfelbe
durch die beigegebenen Acten, die über 200 Seiten einnehmen
. Von befonderem Intereffe darunter find die
Berichte des kaiferlichen Gefandten Arco vom römifchen
Hof und die des Hofpredigers Eifengrein an den Herzog
Albrecht v. Bayern.

Weimar. H. Virck.