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Ausgabe:

1896 Nr. 11

Spalte:

295-297

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Atzberger, Leonhard

Titel/Untertitel:

Geschichte der christlichen Eschatologie innerhalb der vornicänischen Zeit 1896

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. II.

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hindeuten follte) die bei Origenes verwandte scriptura
non manifesta gemeint fein — oder auch die möglicherweife
von Sixtus Senenfis bezeugte assumptio Zachariae.
Völlig undenkbar erfcheint es mir endlich, dafs auch die
Apokalypfe des Zacharias im Verzeichnifs der fechzig
Bücher und im Taktikon des Nikon mit diefem Zacharias-
apokryphon identifch fei, fofern diefes nur wegen feiner
Angelologie und Dämonologie, die fich doch auch in
andersartigen Schriften findet, zu den Apokalypfen gerechnet
worden wäre. Denn dann würde fich ihre Stellung
zwifchen der Apokalypfe des Sophonias und Efdra nur
durch ein zufälliges Verfehen erklären laffen. Wir werden
alfo die Apokalypfe des Zacharias von dem Apokryphon
unterfcheiden muffen und die Hoffnung nicht aufgeben
dürfen, auch fie noch einmal zum Theil oder vollftändig
wiederzuerhalten. ,Den foeben bekannt gewordenen Ver-
fuch Völter's (ThT 1896, 244 ff), in Lc. 1 eine jüdifche
Zachariasapokalypfe nachzuweifen, kann ich nicht als
geglückt anfehen'.

Indefs all diefe kleinen Bedenken und Ausftellungen
können den Werth der Schrift B.'s nicht verringern. Er
hat fich dadurch in der allervortheilhafteften Weife eingeführt
; feine Literaturkenntnifs ift ftaunenerregend, feine
Methode vortrefflich, auch der Druck mufterhaft genau.
Möchte er feine feltene Vertrautheit mit den altflavifchen
Handfchriften, durch die er fchon der Harnack'fchen
Literaturgefchichte (S. 887 ff.) werthvolle Dienfte geleiftet
hatte, dazu benutzen, uns recht bald auch mit den andern
dort erhaltenen Apokryphen und Pfeudepigraphen bekannt
zu machen!

Halle a. S. Carl Clemen.

Atzberger, Prof. Univ.-Pred. Dr. Leonh., Geschichte der
christlichen Eschatologie innerhalb der vornicänischen Zeit.

Mit theilweifer Einbeziehung der Lehre vom chrift-
lichen Heile überhaupt. Freiburg i/B., Herder, 1896.
(XII, 646 S. gr. 8.) M. 9.— ; geb. M. II.—

Nachdem in letzter Zeit fich das Intereffe mehrfach
eschatologifchen Stoffen zugewandt hat und tüchtige
Arbeiten von Bouffet, Gunkel, Haller, Wadftein er-
fchienen find, wird uns in vorliegendem umfangreichen
Buche eine fehr gelehrte und fleifsige Darftellung der
vornicänifchen chriftlichen Eschatologie von einem katho-
lifchen Gelehrten geboten, Das Werk ift die Fortfetzung
des 1890 erfchienenen Buches über die chriftliche Eschatologie
in den Stadien ihrer Offenbarung im alten und
neuen Teftamente (f. Theol. Lit.-Ztg. 1890 Sp. 495 ff.). In
der Einleitung S. 1 — 38 präcifirt A. feine Auffaffung der
Dogmengefchichte vom katholifchen Standpunkte dahin,
dafs fie die Weiterentfaltung und Fortentwicklung der in
Chriftus und den Apofteln inhaltlich abgefchloffenen göttlichen
Offenbarung wiffenfchaftlich darzuftellen habe. Die
Fortentwicklung vollzieht fich in dem Streben nach vollkommenerer
Erkenntnifs der Glaubenswahrheit und in
Abwehr von Irrlehren feitens der kirchlichen Lehrautorität
, wie feifens der einzelnen Gläubigen. A. behandelt in
den einzelnen Abfchnitten chronologifch die Eschatologie
der nachapoftolifchen Zeit S. 40—III, der griechifchen
Apologeten und älteften Märtyreracten S. 112—171, der
Judenchriften und Gnoftiker S. 172 — 218, des Irenäus
S.219—263, derMontaniften und ihrer Gegner S.264—270,
des Hippolyt S. 271—290, des Tertullian S. 290—335, des
Clemens Alexandrinus S. 336—365, des Origenes, feiner
Schüler und Gegner S.366— 505, der Manichäer S. 506—520,
des Cyprian und der übrigen vornicänifchen Occidentalen
S. 521—582, des Laktantius S. 583—611 und zum Schlufs
die Eschatologie in Märtyreracten, Liturgien, Gebeten,
Bildern und Infchriften S. 612—630. Dem Werke ift ein
Namen- und Sachregifter S. 631—646 beigegeben. Innerhalb
der einzelnen Abfchnitte wird der Stoff in die Lehre
von der befonderen und der allgemeinen Vergeltung zerlegt
; im erften Theile werden die pfychologifchen Vor-

ausfetzungen, die Heilsauffaffung und der Zuftand der
Gerechten und Sünder nach dem Tode, im zweiten die
Wiederkunft Chrifti, Auferftehung des Fleifches, Weltgericht
und Weltvollendung nach den einzelnen chriftlichen
Schriftftellern dargeftellt. —

Auf alle Einzelheiten des ftoffreichen Werkes einzugehen
, erfcheint felbftverftändlich unmöglich. Im allgemeinen
fei bemerkt, dafs die Auffaffung der verfchiedenen
chriftlichen Schriftfteller vom Heil und ihre pfychologifchen
Vorausfetzungen unverhältnifsmäfsig ausführlich
behandelt find, obwohl nicht geleugnet werden foll, dafs
eine Behandlung derfelben nothwendig war, da die Auffaffung
des jenfeitigen Heilszuftandes durch die des dies-
feitigen bedingt ift. Da ferner jedesmal in den einzelnen
Abfchnitten auch, wenn fich keine Abweichungen zwifchen
zwei Kirchenlehrern finden, die ganze Heilslehre
und Eschatologie mit derfelben Ausführlichkeit dargeftellt
wird, fo finden fich häufige Wiederholungen, die
das Studium des Buches zu keiner angenehmen Arbeit
machen. Durch diefe Art der Behandlung erhält man
keinen wirklichen Einblick in die Entwicklung und Umbildung
der eschatologifchen Vorftellungswelt; doch hängt
diefer Mangel wefentlich mit dem Standpunkt des Ver-
faffers, der keine wirkliche Entwicklung auf dem Gebiete
des Dogmas anerkennen kann, zufammen. Man kann
nicht klar erkennen, wie fich die verfchiedenen eschatologifchen
Speculationen erweitern und durch Reflexion
neue Glieder anwachfen. Um ein Beifpiel herauszugreifen,
fo wäre es von Intereffe gewefen zu verfolgen, wie zu der
Hadespredigt Chrifti bei Hermas eine Hadespredigt der
Apoftel und Lehrer (Sim. IX, 16, 5—7), bei Hippolyt eine
Hadespredigt des Vorläufers Chrifti, Johannes des Täufers
(deAntich. 45), beiOrigenes fogar eine Verkündigung Chrifti
durch Mofes und die Propheten im Hades (in f. Reg. 28;
in Matth. XII, 43) hinzugekommen ift. Dasfelbe gilt von
der Vorftellung des Antichriften, des Fegfeuers etc. —
1 Am wenigften gelungen erfcheinen mir die Partien über
die Eschatologie der Häretiker, hier wird nur referirt,
jeder Verbuch z. B., die Herkunft der eschatologifchen
Beftandtheile gnoftifcher Syfteme zu unterfuchen, fehlt.
Nicht zu billigen ift es auch, dafs die Petrusapokalypfe,
die doch in orthodoxen Kreifen lange gebraucht wurde,
unter dem Judenchriftenthum abgehandelt wird, auch
wird von A. nur eine Ueberfetzung ihrer Fragmente gegeben
. Die für die Eschatologie nicht unwichtige pfeudo-
cyprianifche Schrift de laude martyrii, die von Harnack
als Schrift Novatian's erkannt ift, ift von A. überhaupt
nicht berückfichtigt. Am bebten und gründlichften ift
Origenes behandelt. Nachdem fchon Clemens Alexandrinus
die fpecififch chriftlichen Anfchauungen mit helle-
nifchen Vorftellungen zu verbinden begonnen habe, habe
Origenes eine vollkommene Verfchmelzung hellenifcher
Wiffenfchaft mit dem pofitiven Chriftenthume in feinem
Syftem gegeben; den Verbuch Vincenzi's, die Orthodoxie
des Origenes zu vertheidigen, lehnt A. energifch ab und
nähert fich hier in feiner Auffaffung bedenklich der von
ihm perhorrescirten Thefe Harnack's. Dennoch tritt an
anderen Stellen fein katholifcher Standpunkt, den er mafs-
voll, fachlich und würdig vertritt, deutlich hervor. Die
katholifche Auffaffung des Heilsproceffes und die katholifchen
eschatologifchen Dogmen werden vielfach wiedergefunden
oder hineingedeutet, auch wo kein Grund dazu
ift. Unter ayiat feien im N. T. die von Sünden Reinen
zu verliehen S. 65; die Erwartung der Nähe der Wiederkunft
Chrifti bei den nachapoftolifchen Schriftftellern fei
dadurch bedingt, dafs fie den geiftigen Blick auf die
logifch-metaphyfifche Aufeinanderfolge der einzelnen
Heilsthatfachen und deren idealen Werth richten S. 84;
eine Bezeugung der Lehre vom Eegfeuer fehle zwar bei
den apoftolifchen Vätern, doch fei diefes argumentum e
silentio nicht zu Ungunften der Kirchenlehre zu benutzen;
der Chiliasmus fei ein in das Chriftenthum importirtes
jüdifches Gewächs, das durch ftreng buchftäbliche Faffung