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Ausgabe:

1896 Nr. 11

Spalte:

285-287

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cheyne, Thomas Kelly

Titel/Untertitel:

Introduction to the book of Isaiah 1896

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. II.

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ihm dies auf dem Boden feiner Arbeit möglich war, auf I
befonders fchwache Punkte in der Aufftellung Budde's j
aufmerkfam zu machen'. Es verfteht fich von felbft, dafs
ich dabei recht (chlecht wegkomme, und das begegnet
mir ja hier nicht zum erften Male. In meinem Dankschreiben
fchlug ich Moore gleichfam als Schiedsrichter
vor. Damals ohne jede Kenntnifs von dem Inhalt des
erwarteten Commentars geftehe ich heute unumwunden,
dafs ich eine fo glänzende Rechtfertigung entfernt nicht
erwartet hatte. Wenn Moore's Theorie von dem Urfprung
des Richterbuches in allen wefentlichen Zügen die meinige
ift (mit diefen Worten fafst er felbft S. XXXVI das
Schlufsergebnifs zufammen), fo ift mir dies — ohne dafs
Rechthaberei oder Eitelkeit dabei irgend mitfprechen —
eine der beglückendften Erfahrungen, die mir mein
wiffenfchaftlich.es Arbeiten und Streben jemals eingebracht
hat. Denn, ohne dafs Moore es a. a. O. erft hätte
zu betonen brauchen, wird ficherlich ,der Lefer des Commentars
finden, dafs der Verf. meine Ergebnifse nicht
ohne forgfältige Nachprüfung der ganzen Frage angenommen
hat'; vielmehr kommt hier die nüchternfte und
fachkundigfte Kritik zu dem Schluffe, dafs meine Auf-
faffung von dem Werden des Buches den Erfcheinungen,
die es uns darbietet, am meiften gerecht wird. Dafs
damit die Sache noch nicht entfchieden ift, braucht uns
beiden niemand zu fagen; aber dafs ich nicht vergeblich
gearbeitet habe und nicht Ausgeburten meiner zu fruchtbaren
Einbildungskraft nachgegangen bin, ift wohl kein
zu kühner Schlufs. Wenn Moore, wie fich von felbft
verfteht, ,in vielen Einzelheiten zur Bildung einer abweichenden
Meinung gelangt ift' (es fei dafür befonders
auf die cc. 6—8 und 17—21 verwiefen), fo foll, wie ich
hoffe, daraus niemand gröfseren Nutzen ziehen, als ich
felbft. Folgendes die Hauptzüge unterer gemeinfamen
Anfchauung in der Faffung Moore's (S. XVIII ff.). Dem
Richterbuche liegen J (etwa aus der i. Hälfte des 9. Jahrh.)
und E (E, etwa gleichzeitig, E2 + 700) zu Grunde; diefe
Merkbuchitaben für die hexateuchifchen Quellen bezeichnen
keine Einzelperfonen, fondern fchriftftelleiifche
Schulen (S. XXVI. XXXIII u. f. w.); wem die Spuren
nicht überzeugend fcheinen, der nenne fie X und Y
(S. XXVI). Aus diefen Quellen fchuf Rje etwa unter
Manaffe das vordeuteronomifche Richterbuch. Aus diefem
geftaltete Rd in der 1. Hälfte des 6. Jahrh. fein Richterbuch
, unter Ausfcheidung von c. 1—2, 5, c. 9, c. 17—21
und wahrfcheinlich c. ]6. Diefe Stücke wurden von einem
letzten Redactor wieder herzugebraciit. Ift diefer zugleich
der Vtrfaffer der midrafchartigen Einträge in c. 19—21,
fo würde er etwa in das 4. Jahrh. fallen (S. XXXI), fonft
wäre auch fchon an das 5. Jahrh. zu denken (S. XXXVI).
Seit wann die kleinen Richter dem Buche angehören, ift
fchwer zu entfcheiden und hängt wefentlich von dem
Urtheil über die Zeitrechnung ab. Man lefe darüber die
vortreffliche Darlegung S. XXXVII ff.

Auf lange Zeit hinaus wird Moore's Commentar dem
Bedurfnifs für das Richterbuch Genüge thun und anderen
Auslegern die Wege weifen; möchten die nachfolgenden
Bände des neuen Unternehmens fich des vorliegenden
ebenfo würdig beweifen, wie es der vorausgegangene ift.

Strafsburg i/E. K. Budde.

Cheyne, Prof. Canon Rev. T. K., M. A., D. D., Introduction
to the book of Isaiah, with an appendix containing the
undoubted portions of the two chief prophetic writers
in a translation. London, A. & Ch. Black, 1895.
(XXXIX, 449 S. gr. 8.) Geb. 24 s.

Längft hätte diefes wichtige Buch hier gewürdigt
werden follen; der Unterzeichnete wurde zu feinem eignen
lebhaften Bedauern durch dringende Arbeiten daran verhindert
. Das Werk ift zunächft ein neues Denkmal des
eifernen Fleifses und der erftaunlichen Arbeitskraft feines

Verfaffers. Lieft man vollends im Vorwort, dafs feine
Arbeitszeit im Sommer durch ein zeitraubendes Nebenamt
, im Winter durch eine ernfte Augenfchwäche empfindlich
eingefchränkt wird, fo wird mancher nicht
begreifen, wo eine folche Fülle tüchtiger Arbeiten in
kürzefter Zeit herkommt. Freilich hat Cheyne gerade
diefen Acker feit 25 Jahren immer wieder und fo intenfiv
beftellt, dafs er nur die reife Frucht einzuheimfen brauchte.
Den unmittelbaren Anlafs, dies unter forgfältigfter Benutzung
aller neueren Veröffentlichungen zu thun, gab
ihm feine Mitarbeit an P. Haupt's kritifchem Bibelwerk.
Es warten alfo neben diefem Bande noch der hebräifche
Text des Buches, fowie die englifche Ueberfetzung mit
gemeinverftändlichen Erläuterungen, beide kritifch gerichtet
und durch Farbendruck nach den Beftandtheilen
unterfchieden, der Veröffentlichung. Einffweilen hat der
Verf. daraus die Ueberfetzung der echtjefajanifchen und
echtdeuterojefajanifchen Abfchnitte mit chronologifchen
Angaben und kurzen Bemerkungen diefem Bande als
höchft willkommenen Anhang (S. 386—431) beigegeben.

Gewifs wird der Reff manchem für eine Einleitung in
ein einziges biblifches Buch übergrofs erfcheinen, und
felbft der Hinweis auf Cheyne's Bampton Lectures über
den Pfalter und unferes Holzinger Einleitung in den Hexa-
teuch dürfte nicht jedem als eine genügende Rechtfertigung
erfcheinen. Aber man wird fich bald überzeugen, dafs
es nicht breite Ausführungen find, die den Band fchwellen.
fondern die ungeheure Fülle von Stoff jeder Art, un !
dann wird man fich allmählich darauf befinnen, dafs das
Buch Jefaja wirklich als drittes im Bunde neben die
Sammlung der 150 Pfalmen und die grofse Mofaikarbeit
des Hexateuchs tritt, nicht ärmer an Problemen als jene
I beiden. Neben dem fprachlichen und gefchichtlichen Gebiete
nimmt hier freilich einen befonders breiten Raum
ein das literargefchichtliche. Jede einzelne Phafe der
Kritik, jede nennenswerthe Anficht wird der Zeitfolge
j nach gebucht und gebührend erwogen. Vor allem wird
immer wieder auf die beiden deutfchen Gelehrten zurückgegriffen
, denen man in englifchen Büchern durchgängig
als den grundlegenden Autoritäten für Bibelkritik begegnet
, Ewald und Delitzfch. Ihnen zur Seite tritt für
die neuere Zeit A. Kuenen. Betrachtet man fo das Werk
als einen thesaurus der Jefajakritik, fo wird man wahrlich
nicht über zu grofse Ausführlichkeit klagen können,
fondern eher hie und da, je nach der perfönlichen Ueber-
zeugung, ein tieferes Eingehen auf manche Fragen
wünfchen.

Natürlich kommt aber neben und über der Vergangenheit
die Gegenwart zu ihrem Recht. Das Buch
fleht, unbefchadet der vollen Selbfländigkeit Cheyne's,
der hier mehr als jeder andere mitgearbeitet hat, unter
den Zeichen eines Duhm, Hackmann, Kofiers. Allen
Dreien fpendet der Verf. hohes und warmes Lob, aber
einem jeden tritt er auch in wefentlichen Punkten entgegen
. Einen kurzen Ueberblick über die Ergebnifse
feiner Arbeit, ehe er an die genaue Analyfe jedes einzelnen
Abfchnittes herantritt, bietet er S. XXII—XXXIII,
eingefchloffen von einer kurzen Darlegung feiner Anficht
von dem allmählichen Wachsthum des Buches und den
Grundfätzen feiner Redactoren, und einer anderen über
die Ereignifse des Zeitalters Deuterojefaja's. Hier bekennt
er fich im Wefentlichen zu Kofters' Ergebnifsen.
Efra 1 durchaus chroniftifche Arbeit, die Rückkehr unter
Kyros ungefchichtlich, Efra's Thätigkeit fpäter als die
Nehemia's. Dies die Hauptfätze, denen Cheyne, wie mir
fcheint, mit Recht zuftimmt; aber erfreulich ift es, dafs
er mit Wildeboer eine Anzahl Israeliten dennoch feit dem
Sturze des chaldäifchen Reiches heimkehren und an der
Wiedererrichtung Juda's mitarbeiten läfst. Die Kämpfe
Nehemia's mit den Samaritanern oder Halbjuden werden
ihm nun der Hintergrund für eine Reihe der in c. 56 ff.
vereinigten Anhänge zu Deuterojefaja. Cheyne vertieft
hier nur feine eigenen früheren Ergebnifse. Der Trito-

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