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Ausgabe:

1896 Nr. 10

Spalte:

275-276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Rudolf (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Bibel, das ist die ganze Heilige Schrift des alten und neuen Testaments nach D. Martin Luthers Uebersetzung. 101. - 116. (Schluß-)Lfg 1896

Rezensent:

Schlosser, Georg

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275

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 10.

276

religiöfe Kern hervorgekehrt. Nur fehlt — glücklicherweife
— alle Syftematik, alles eigentliche Dociren. Jede
Predigt fteht ganz für fich; die Kindergottesdienfte find
nur ab und zu einmal (nach S. 39 wie es fcheint nur
einmal im Jahr) gehalten worden. Das hat viel für fich;
die Kinder find jedenfalls frifcher und aufmerkfamer.
Auch könnte man folch prächtige Beleuchtungen der
biblifchen Gefchichte, wie fie v. K. darbietet, in fortlaufenden
, nach dem Gruppenfyftem eingerichteten Kinder-
gottesdienften nicht geben. Dazu gehört die zufammen-
hängende und ganz auf fich felbft Behende Rede.
Uebrigens läfst fie der Verfaffer ftets höchft gefchickt
durch gut gewählte Lieder unterbrechen und rahmt fie
ein mit rührend einfachen und deshalb fehr fchönen Gebeten
. Das ift alles fo herzlich, fo fromm, fo kindlich
gedacht und empfunden und dabei wieder doch fo erhaben
und erhebend, dafs die Kinder jeweils einen tiefen
Eindruck davon müffen empfangen haben. Wer irgend
mit Kindergottesdienften zu thun hat, follte diefe Reden
ftudiren: das ift jedenfalls die rechte Art, wie die Kleinen
angefafst werden müffen und einen ihrer Kindesfeele
entfprechenden Eindruck von dem was Gottesdfenft ift
empfangen können.

Heidelberg. Baffermann.

Die Bibel, das ift die ganze Heilige Schrift des alten und
neuen Teftaments nach D. Martin Luthers Ueber-
fetzung. Mit Bildern der Meifter chriftlicher Kunft.
Hrsg. von Stadtpfr. Dr. Rud. Pfleiderer. 101 —116. !
(Schlufs-)Lfg. Stuttgart, Süddeutfches Verlags-Inftitut,
(1895). (N. T. X u. S. 161—370 m. 1 Karte. Fol.)

ä M. —. 50

Endlich bin ich in der angenehmen Lage, den Ab-
fchlufs diefes Werkes, deffen allmähliches Erfcheinen mit
Recht ein immer gröfseres und allgemeineres Intereffe
erweckt hat, berichten zu können. In den vorliegenden
Heften ift aufser Titel und fonftigen Beigaben der Schlufs
des Neuen Teftaments enthalten. Nach allem, was bisher
in früheren Nummern über diefes wahrhaft grofs
angelegte Unternehmen mitgetheilt und geurtheilt ift,
würde es überflüffig fein, jetzt noch in eine Befprechung
von Einzelheiten einzugehen. Es genügt, dafs wir fagen
dürfen: finis coronat opus. Nur auf eins möchte ich be-
fonders hinweifen. Von Anfang an ift es als eine Haupt-
fchwierigkeit für eine folche Illuftration der Bibel durch
Bilder von fo verfchiedenen Meiftern, und aus fo weit
voneinander entlegenen Zeiten empfunden worden, dafs
doch der Gebrauch der Bibel als häusliches Erbauungsbuch
eine gewiffe Einheitlichkeit der Stimmung, der
Auffaffung und Darfteilung verlangt. Die Mannigfaltigkeit,
die den Kunftfreund anzieht, droht die Andacht zu ftören,
die Andacht vor allem der Kinder, die ja fo befonders
zäh an der einmal eingeprägten Form der Darftellung
halten. Es durfte dem Herausgeber das Zeugnifs nicht
verfagt werden, dafs er mit feinem Tact bemüht gewefen
ift, diefer Gefahr zu begegnen. Im Grofsen und Ganzen
ift es ihm, trotz des weiten Gebietes, auf dem er nach
künftlerifchen Schätzen zu fchürfen hatte, trotz aller
Schwierigkeiten, die fich ihm entgegenftellten, trefflich
gelungen, dem Werke eine gewiffe Einheitlichkeit des
Geiftes und Gefchmacks aufzuprägen. Jedenfalls ift alles
Störende und dem erbaulichen Zweck Fremdartige ferngehalten
. Und welch' ein Gewinn gerade auch für ein
nachdenkliches Studium der Schrift, welch' ein Zeugnifs
für die begeifternde Macht des Gotteswortes, welch'
ein Triumph des chriftlichen Geiftes es ift, wenn hier aus
vier Jahrhunderten die edelften Geifter, die trefflichften
Künftler verfammelt find, gefchäftig, mit ihrem Bellen
der Auslegung des Gotteswortes zu dienen, darauf ift,
wie anderwärts, fo auch an diefer Stelle fchon mehrfach
hingewiefen worden. Nichts deftoweniger konnte es

doch fraglich erfcheinen, ob es auf dem Gebiete des
Neuen Teftaments in gleicher Weife möglich fein werde,
diefe Schwierigkeiten zu überwinden. Im Neuen Tefta-
ment fteht im Mittelpunkt die Perfon des Herrn Jefus.
Für feine Darfteilung fcheint doch ein einheitlicher Typus,
wie ihn Schnorr bietet, unentbehrlich zu fein. Mit Recht
könnte man dagegen einwenden, dafs es Schnorr gerade
mit feinem Chriftustypus vielleicht am wenigften gelungen
ift. Er hat ihn weder völlig fefthalten, noch, fo weit er
es gethan, eine gewiffe monotone Leblofigkeit immer
vermeiden können. Vor der letzteren Gefahr ift ein
Werk, wie das vorliegende ja gefichert. Der entgegengefetzten
eines zu weiten Auseinandergehens in der Auffaffung
der Chriftusbilder war fich der Herausgeber lebhaft
bewufst, und er entgeht ihr auf glückliche Weife.
Einmal hat er nur folche Chriftusbilder aufgenommen,
die fich auf dem Boden des idealen claffifchen Chriftustypus
halten, und Darftellungen der modernen realiftifchen
Richtung ausgefchloffen. Die Berechtigung diefes Verfahrens
werden aus dem oben angeführten Grunde
auch die anerkennen müffen, die den Beftrebungen des
modernen Realismus auch auf dem Gebiete der reli-
giöfen Kunft näher flehen. Sodann ift eine möglichfte
Einheitlichkeit der Auffaffung noch dadurch gewahrt,
dafs wenigftens in den Textilluftrationen jedes einzelne
Evangelium die Chriftusdarftellung nur von der Hand
eines oder höchftens zweier verwandter Meifter bringt,
fo Matthäus und Marcus nur von Overbeck und Pfann-
fchmidt, Lucas von Schnorr, Johannes von Führich.
Ganz befondere Sorgfalt ift auf die Auswahl der Vollbilder
gelegt. Sie bringen, ohne grade auf den jeweiligen
Text Rückficht zu nehmen, in fortlaufender Reihenfolge
durch fämmtliche vier Evangelien hindurch, die Hauptmomente
des Lebens Jefu zur Anfchauung, und bieten fo
eine Art Evangelienharmonie, ein Leben Jefu in Bildern.

Werfen wir noch einmal einen Rückblick auf das
ganze Werk, fo müffen wir fagen, wir haben alle Urfache,
darauf ftolz zu fein. An Reichhaltigkeit und innerem
Werth der künftlerifchen Darftellungen, an Treue und
Schönheit der Reproduction, an Sorgfalt in der Behandlung
des Textes, deffen Verftändnifs durch reichhaltige
Parallelftellen und die nöthigften Erläuterungen gefördert
wird, an Vornehmheit der Ausftattung fucht es feines
Gleichen. Möchte es nun auch feinen Weg in viele
Häufer und Familien finden, und da den Dienft thun, zu
dem es gefchaffen ift, und um defs willen der Herausgeber
fo viele Mühe und Kraft darauf verwandt hat,
nämlich die Bibel unferem deutfchen Volk wieder lieb
zu machen. Es ift ja eine viel beklagte Thatfache, dafs
unfer Volk fich der Bibel in bedenklichem Grade entfremdet
hat. Die Bibel ift kein Kinderbuch, fie erfchliefst
ihren inneren Reichthum nur ernften nachdenklichen
Menfchen, die durch die uns modernen Menfchen vielfach
fremdartige Schale in den inneren Kern, in die
innere Anfchauungswelt, die geiftige Wirklichkeit, die den
Hintergrund der Bibel bildet, hineindringen. Unfer viel-
gefchäftiges Gefchlecht nimmt fich dazu vielfach nicht
mehr die Zeit, und geräth damit in die grofse Gefahr,
dafs ihr diefe geiftige Wirklichkeit der unfichtbaren Welt,
des inneren Lebens entfchwindet, dafs fie keine Empfindung
mehr dafür hat. Ich wüfste nicht, was uns
Schlimmeres gefchehen könnte, und darum ift mit Freude
alles zu begrüfsen, was dazu helfen kann, unfer Volk
wieder zur Bibel zurückzuführen, fie ihm lieb zu machen
und das Verftändnifs dafür zu öffnen. Dafs dafür eine
Bilderbibel, wie die vorliegende, die nicht eitler Prachtliebe
und oberflächlicher Augenweide dient, fondern das
Edelfte und Befte einer geweihten und frommen Kunft
in den Dienft des Gotteswortes Hellt, eine grofse Miffion
hat, ift mir nicht zweifelhaft, und ich kann nur von
Herzen wünfchen, dafs es diefe feine Miffion in recht weiten
Kreifen ausrichten möge.

Giefsen. Gg. Schloffer.