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Ausgabe:

1896 Nr. 10

Spalte:

269-272

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baird, Henry M.

Titel/Untertitel:

The Huguenots and the revocation of the edict of Nantes 1896

Rezensent:

Schott, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 10.

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jedenfalls aber in den Neubekehrten der katholifchen
Kirche eine Menge Leute zuführte, deren junger Glaube
höchft lau und zweifelhaft war. Glücklich wer diefem
grofsen Gefängnifs, welches Frankreich und Paris damals
bildete, ungefährdet entkam! — der Abfchnitt über die
Flucht ins Ausland, die Führer, die Nachtlager, Verkleidungen
u. f. w. ift fehr merkwürdig — denn die Verfolgungen
und Quälereien dauerten ununterbrochen fort
und trotzdem gab es, wie der Schlufs des Bandes berichtet
, bald da, bald dort geheime Verfammlungen in
der Hauptfladt; und überdies nahmen an den evan-
gelifchen Gottesdienften in den Gefandtfchaftscapellen
eine grofse Anzahl einheimifcher Proteftanten Theil; es
ift ein Verdienft des Buches, auch hierüber genaue Auskunft
zu geben.

Eine Lifte, über 300 Seiten ftark, die Namen und
Schickfale der in Paris eingekerkerten Proteftanten enthaltend
, eröffnet den III. Band. Diefer folgt eine ebenfalls
ziemlich ftattliche Aufzählung der Ausgewanderten,
den Reft des Bandes bilden Anhänge über Abfchwörungen
zu verfchiedenen Zeiten, über die im Finanzdienft ange-
ftellten Perfonen — die Hugenotten durften ftets mit
Stolz ihre grofse Anzahl, ihre Rechtlichkeit und ihre
guten Dienfte, welche fie dem Gemeinwohl erwiefen,
rühmen — Aufzählungen von Penfionen und ähnl. Ein
ausführliches Regilter fchliefst endlich das höchft inhaltsreiche
Werk, das, je weiter der Verfaffer in feiner Arbeit
vorrückte, um fo mehr den Charakter eines Nachfchlage-
buches angenommen hat, einer Quellenfammlung, welche
dem Kirchenhiftoriker, Gefchichtsforfcher, Hugenotten-
fpröfsling, Genealogen und Nationalökonomen die reich-
ften Schätze eröffnet, zumal in Paris der Zufluchtsort
von unzähligen Flüchtenden aus ganz Frankreich war. —
Möge eine ebenfo fleifsige und gewiffenhafte Feder nun
die Gefchichte derParifer proteftantifchen Kirche während
der Revolution und im 19. Jahrhundert zu bearbeiten
unternehmen!

Stuttgart. Theodor Schott.

Baird, Henry M., The Huguenots and the revocation of the
edict Of Nantes. 2 vols. London, Kegan Paul, 1895.
(XXVIII, 566 u. XIX, 604 S. 8.)

In der amerikanifchen Gelehrtenwelt wird es wohl
Niemand geben, der fich länger, ausfuhrlicher und liebevoller
mit der Gefchichte des franzöfifchen Proteftantis-
mus, mit der Hugenottengefchichte, befchäftigt hat, als
H. M. Baird. Ich weifs nicht, ob er von einer alten Re-
fugiefamilie feine Abftammung herleitet (einige kurze
Andeutungen könnten darauf hinweifen), jedenfalls ift
das Studium diefes fo intereffanten Abfchnittes der
Kirchen- und Völkergefchichte eine Art Familienüberlieferung
. Der Vater intereffirte fich auf das Lebhaftefte
für denfelben, ein Bruder war mit der Darfteilung einer
Gefchichte der Einwanderung der Hugenotten in Amerika
befchäftigt, die er leider nicht vollendete; in diefer anregenden
Familienüberlieferung wandelte H. M. Baird mit
Eifer und Ausdauer und hat nun nach mehr als 30jahnger
Arbeit fein fchönes Werk vollendet. Wir dürfen ihm
glauben, dafs er mit einer Art Wehmuth feine Feder
niederlegte, als er mit den letzten Seiten des vorliegenden
zweiten Bandes bis zum J. 1802 und damit zu dem
organifchen Gefctz Napoleons I. für die proteftantifchen
Kirchen Frankreichs gediehen war; denn diefe Gefchichte
mit ihrer entfetzlichen und ergreifenden Tragik, mit
ihren wunderbaren Ereignifsen, mit der reichen Fülle
grofser und anziehender Charaktere, deren Weg von Blut
und Thränen begleitet ift von den erften Stunden ihres
Dafeins bis zur letzten, wo die gröfste Glaubenstreue,
der herrlichfte Opfermuth ihr Gegenftück haben an der
graufamften Unterdrückung und entfetzlicher Tyrannei,
das Hugenottenthum mit feinem Rillen und grofsen Ein-

flufs, den es nun mehr als 3 Jahrhunderte ausgeübt hat,
ift für jeden Proteftanten ein Gegenftand des wärmften,
tiefften Intereffes. Aufmerkfamkeit, Geift und Gemüth
werden gleichermafsen davon bewegt, und wenn man den
Zeitraum befchrieben und das in demfelben Gefchehene
dadurch eigentlich miterlebt hat, fo ift das Gefühl, am
Schluffe eines Abfchnittes des eigenenLebens fich zu finden,
ganz begreiflich. Aber die Arbeit lohnt auch die Mühe;
die englifche Sprache hat nun in den vorliegenden
6 Bänden ein zufammenfaffendes, auf den neueften For-
fchungen beruhendes, mit Liebe und Wärme gefchriebenes
fchönes Werk über das ganze Hugenottenthum in Frankreich
, dem das eigene Heimathland nur das Werk von
Puaux, das aber doch nicht ebenbürtig ift, an die
Seite ftellen kann, während Deutfchland einer folchen
entbehrt, indem Polenz, .Gefchichte des franzöfifchen
Calvinismus' nur bis zum Gnadenedict von Nimes (1629}
geht, und der preufsifche Major, der in feinen alten Tagen
noch fo rüftig die Feder handhabte, feinem Gegenftande
doch nicht völlig gewachfen war. —

Beinahe 2 Jahrhunderte, die Zeit vom Tode Hein-
rich's IV. bis zu dem obenerwähnten Gefetze Napoleon's
1610—1802, umfaffen die beiden vorliegenden Bände;
die Aufhebung des Edicts von Nantes (1685) bildet den
Angelpunkt, um welchen fich die ganze Entwicklung
dreht. Bis an die Schwelle diefer verhängnifsvollen That
führt der erfte Band, deffen Inhalt fich kurz in die Sätze
zufammenfaffen läfst: wie die politifche Macht des Pro-
teftantismus in Frankreich zuerft gebrochen wurde und
dann von dem Bau ein Stein um den anderen herausgenommen
wurde, bis die reformirte Kirche ein Trümmerfeld
war. Der zweite Band erzählt die Aufhebung felbft
und die Folgen davon, auf der Seite des Königthums und
des Clerus den Verfuch, Frankreich vollends katholifch zu
machen und zu erhalten, auf der proteftantifchen den ebenfo
hartnäckigen, den verfehmten Glauben und Cultus zu bewahren
und wieder zu Leben und Geltung zu bringen;
ein Jahrhundert ging mit diefem Ringen dahin, in welchem
der Proteftantismus als höhere, geiftige Gewalt den Sie"
endlich davon trug. Von gut proteftantifchem Standpunkte
aus hat Baird feine Gefchichte gefchrieben; man
fpürt überall, die Hugenotten haben ihm das Herz abgewonnen
; ihr fefter Glaube ift auch der feinige, die
littlichen und religiöfen Mächte haben ihre Geltung für
ihn, und gerade in diefer Hinficht hält er mit Lob und
ladel keineswegs zurück. Wenn er auf das Thun und
Treiben des Katholicismus tiefen Schatten fallen läfst,
fo wird jeder, der diefe Zeit kennt, dies begreifen; aber
Baird ift auch keineswegs blind gegen die Fehler und
Uebelthaten feiner Glaubensgenoffen, offen werden diefe
eingefunden, beklagt und getadelt. Den Sohn des freien
Amerika erkennt man auch einigermafsen in den politifchen
Urtheilen, ein Hauch der Democratie weht, wenn auch
leife, den 3 Ludwigen entgegen, welche in jenen beiden
Jahrhunderten freilich nicht die leuchtendften Vorbilder
von Monarchen waren. Neuen handfehriftlichen Stoff
hat der Verfaffer nicht zur Hand gehabt und nicht ver-
werthet; neue überrafchende Auffchlüffe darf man daher
auch nicht von feinem Werke erwarten, aber die gedruckte
Literatur ftand ihm in reichem Mafse zu Gebot, und
wie gewaltig ift diefe in den letzten Jahren angefchwollen!
man denke, von dem Bulletin de la societe de llüstoire
du Prot, frone, mit feinem unerfchöpflichen Inhalte ab-
gefehen.nuran die Publicationen der anderen Hugenotten-
gefellfchaften, welche feit 1885 entftanden find! (etwas
ftiefmütterlich ift leider die deutfehe Forfchung behandelt)
und die Zufammenftellung des Vorhandenen ift eine
forgfältige, gewiffenhafte und zuverläffige, fo dafs auch
der, welcher mit diefer Gefchichte ziemlich vertraut ift
noch vieles lernen kann. Frifch und lebendig läuft der
Strom der Erzählung dahin, und die gefährliche Klippe,
bei einem folch langen Zeitraum, wo fich fo manches
wiederholt, eintönig zu werden, ift glücklich vermieden