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Ausgabe:

1896 Nr. 9

Spalte:

240-244

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grützmacher, Georg

Titel/Untertitel:

Pachomius und das älteste Klosterleben. Ein Beitrag zur Mönchsgeschichte 1896

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 9.

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rieht der höheren Schulen zu beleben und zu vertiefen',
daneben ,aber auch manchem Studenten und Pfarrer, hie
und da auch einem fonftigen gebildeten Gefchichtsfreunde
willkommen und dienlich fein'. Diefes erfle Heft führt
bis zu Konftantin und enthält Ueberfetzungen von kirchen-
hiftorifchen Quellenftellen, die nach fachlichen Rubriken
geordnet find. Die Hauptabfchnitte find: I. Lebensausgänge
von Männern des apoftolifchen Zeitalters (Petrus
und Paulus; Johannes; Jakobus). II. AltchrifUiche Sitte
und Sittlichkeit (fittliche Zuftände; zur Sittenlehre). III.
Verfaffung der alten Kirche (Gemeindeverfaffung; Synoden
; Begriff der katholifchen Kirche; zur Entwicklung
des römifchen Primats). IV. AltchrifUicher Cultus (heilige
Handlungen; heilige Zeiten; heilige Räume). V. AltchrifUicher
Glaube (heidnifche Polemik gegen das Chri-
ftenthum [Celfus]; altchriftliche Apologetik [Juftin]; aus
der erften chriftlichen Glaubenslehre [Orig., de principe
Mafsftäbe des altkirchlichen Glaubens; Ketzer und Se-
paratiften der alten Kirche). VI. Chriftenverfolgungen
(Vorausfetzungen; einzelne Verfolgungen; Abfchlufs der
Verfolgungen durch das Edict von Mailand).

Aus vorftehender Skizze kann man die Reichhaltigkeit
des gebotenen Materiales erkennen. Die Sammlung
ift eine mit viel Gefchick veranftaltete Chreftomathie zur
alten Kirchengefchichte. Wichtigere Stücke wird man
kaum in ihr vermiffen, wie man ihr andererfeits nachrühmen
darf, dafs fie alle Gebiete, auch folche, die fonft
in der Regel zu kurz kommen, berückfichtigt. Die Ueberfetzungen
rühren mit Ausnahme weniger Stücke fämmt-
lich vom Verfaffer her. Von fremden Ueberfetzungen
ift übernommen: das fog. Fifcherlied, das fich am Schluffe
von Clemens' Pädagog findet, in der formgewandten
Uebertragung von Hagenbach (Kirchengefch. I, 202 f.),
die Acten der fcilitanifchen Märtyrer nach Neumann's
Ueberfetzung (der röm. Staat u. d. allg. Kirche I, 72 ff.)
und endlich die Stücke aus dem Xoyog dlrjör[g des Celfus
nach Keim's Wiederherftellung. Gerade bei diefen letzten
Stücken bedauere ich die Herübernahme fremden Gutes.
Die Ueberfetzung der Fragmente des Celfus ift wohl
Keim's fchwächfte Arbeit. In dem Streben nach gröfster
Treue find diefe Ueberfetzungen nicht nur durchweg
ungeniefsbar, fondern nicht feiten auch geradezu mifs-
verftändlich und irreführend. Wenn man z. B. den Satz
lieft: ,meinet ihr, dafs die Dinge der anderen Mythen
feien und als folche gelten, während bei euch die Kata-
ftrophe des Dramas anftändig oder wahrfcheinlich erfunden
fei, feine Stimme am Pfahl, als er ausathmete,
und das Erdbeben und die Finfternifs' (S. 59), fo wird
man auch nach mehrmaligem Durchlefen nur mit Mühe
den Sinn entdecken, der aus dem Griechifchen fofort
deutlich zu erkennen ift (Jj ougHs ra fiiv xüv aXliov [sc.
Glaube], iti-troig tivai te v.ai dov.siv, vfüv ös ttjv •/.axa-
GvoocpfjV tov dgafiaTog EvayvLiövcog r] mtlaiioQ EcpiiQrjad-ar
TTjV Irrt tov axolonog avTOv cpoivr[v, br utceuvei, xai
%bv GsiGftbv xort tov gxotov; Contra Cels. II, 55), und den
verftändlich wiederzugeben nicht eben fchwer gewefen
wäre. Und fo wäre hier noch manches andere zu be-
anftanden. Ich bedauere es um fo mehr, als der Verf.
fich fonft feiner Aufgabe als Ueberfetzer durchaus ge-
wachfen gezeigt hat, auch gegenüber fo fpröden Schrift-
ftellern, wie z. B. Tertullian. Schwerere Verfehen find
mir, foweit ich nachgeprüft habe, nirgends begegnet.
Hier und da hätte er vielleicht von einem Vorgänger
einen treffenden Ausdruck entnehmen können, namentlich
bei den Partien aus Origenes' Schrift 7ieql äoyßv,
bei der ihm wohl der vortreffliche Wiederherflellungs-
verfuch von K. F. Schnitzer unbekannt geblieben ift.

Den Ueberfetzungen zu Grunde gelegt find durchweg
die beften Ausgaben. Eine Angabe über die benutzte
Ausgabe vermiffe ich nur bei den aus der Aido-yi) überfetzten
Stellen. Doch fcheint mir hier die Ueberfetzung
nicht unabhängig zu fein von derjenigen Harnack's. M.
trifft mit diefer fo oft auch im Ausdruck zufammen, dafs |

| ein Wort darüber gewifs am Platze gewefen wäre. Ein
kleines Mifsgefchick ift dem Verf. mit den aus 1. Clem.
1 überfetzten Stellen paffirt. Er citirt S. 11 als zu Grunde
gelegte Ausgabe die von v. Gebhardt, Harnack, Zahn,
| Leipzig 1875 ff. Offenbar hat er nun von dem erften
Bande die erfte Auflage benutzt, ohne fleh die zweite,
fofort nach Bryennios' Fund erfchienene anzufehen. So
find die Lücken, von denen er in den Noten auf S. I
redet, feit 1875 ausgefüllt. Auch der S. 3Ö5 als unvoll-
ftändig und darum unverfländlich bezeichnete Satz ift
bei Bryennios fowohl wiev. Gebhardt-Harnack vollftändig
und deutlich. Es ift mir nicht klar geworden, nach
welcher Vorlage M. hier überfetzt haben mag. Doch ift
das ein vereinzeltes Verfehen, das wohl einmal paffiren
kann und das bei einer weiteren Auflage leicht zu be-
feitigen ift.

Das Buch ift in erfter Linie für den Gymnafialunter-
richt benimmt. Hierfür wird es, foweit ich da urtheilen
darf, vortrefflich geeignet fein. Dem Schüler patriftifche
Texte oder auch nur eine Auswahl aus folchen in die
Hand zu geben, wird aus pädagogifchen Gründen kaum
angehen. Trotzdem ift es gut, auch fchon den Schüler
etwas in die Quellen hineinfehauen zu laffen. Denn
nichts belebt den Unterricht mehr, als folches Aufbauen
auf den Quellen. Dagegen möchte ich bei Studenten
den Gebrauch folcher Chreftomathien von Ueberfetzungen
nicht für zweckmäfsig halten. Mir fcheint es, wie ich fchon
im Vorwort zu meinen Analecta auseinandergefetzt habe,
viel wichtiger, dafs ein Student wirklich die Quellen
im Zufammenhange lieft, als dafs er fich mit Ueberfetzungen
und Auszügen begnügt, zumal in unferer Zeit,
wo der fichere Gebrauch der alten Sprachen mehr und
mehr zurückgeht. Sonft wird fchliefslich zur Regel werden
, was ich in einer Seminarübung an einer grofsen
Univerfität einmal — dort freilich als Ausnahme -— fah,
dafs ein Student den Uebungen über die apoftolifchen
Väter an der Hand einer deutfehen Ueberfetzung ehrwürdigen
Alters zu folgen beftrebt war. Was M. dagegen
durch Anführung einer Auswahl wichtiger oder fchwieriger
Ausdrücke in der Sprache des Originals in Fufsnoten erreichen
will, ift mir nicht ganz deutlich geworden. In der
Regel werden diefe kleingedruckten Noten überfchlagen
werden und, wenn das auch nicht der Fall ift, fo find fie
nur ein unzulängliches Surrogat. Es ift aber für den Studenten
viel nützlicher, auch nur eine einzige Quellenfchrift
im Originale durchzuarbeiten, als einen ganzen Band einer
Ueberfetzungschreftomathie. Ebenfo wird es auch dem
Pfarrer nichts fchaden, wenn er von Zeit zu Zeit einen
Kirchenvater im Urtext vornimmt. Das belebt die Kennt-
nifs der kirchlichen Vergangenheit, die in dem Eifer der
Gegenwart nur zu leicht zum Mythus wird.

Es ift in den letzten zehn Jahren für Vertiefung des
Studiums der Kirchengefchichte foviel gethan worden,
wie vielleicht auf keinem anderen Gebiete der Gefchichte.
Die Früchte werden ja hoffentlich nicht ausbleiben. Dafs
auch die vorliegende Schrift dazu das Ihre beitragen
wird, ift mir nicht zweifelhaft.

Eberftadt bei Giefsen. Erwin Preufchen.

Griitzmacher, Privatdoc. Lic. Dr.Georg, Pachomius und das
älteste Klosterleben. Ein Beitrag zur Mönchsgefchichte.
Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1896. (III, 141 S. gr. 8.)

M. 2. 80

Die Vita des Pachomius und feines Schülers Theodor,
eine der wichtigften Urkunden für die Anfänge des Mönchthums
, ift von den Bollandiften im Anhange des dritten
Mai-Bandes der neueften Ausgabe 1866 griechifch publi-
cirt worden. Aber vollftändiger und urfprünglicher find
die orientalifchen Verfionen, welche E. Amelineau im 17.
Bande der Annales du Musee Guimet 1889 veröffentlicht
und durch Ueberfetzungen ins Franzöfifche den Kirchen-