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Ausgabe:

1896

Spalte:

225-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Chiappelli, Alessandro

Titel/Untertitel:

I caratteri orientali dello stoicismo 1896

Rezensent:

Wendland, Paul

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schüret*, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint , Preis

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark,

N°- 9. 25. April 1896. 21. Jahrgang.

Chiappelli, I caratteri orientali dello stoicis- I Harris,Fragments of the commentary ofEphrem

mo (Wendland). Syrus upon the Diatessaron (Neftle).

D. H. Müller, Die Propheten in ihrer urfprüng- Mehlhorn, Aus den Quellen der Kirchenge-

lichen Form, 2 Bde. (Smend). fchichte, I. Heft (Preufchen).

runt Hagiographi Bollandiani et Henr.
Omont (Ph. Meyer).
Ketzfcher, Martin Luther's deutfche Sprüche
(Boflert).

Smith, The prophets oV Israel and their place Grützmacher, Pachomius und das ältefle I Neudrucke deutfcher Litteraturwerke des XVI.

in history, New ed. (Smend). Klofterleben (H. Achelis). und XVII. Jahrhunderts Nr. 139—141: Joh.

Valeton, Vergängliches und Ewiges im Alten Histoire de Mar Jab-Alaha patriarche et de Raban j Eberlin von Giinzburg, ausgewählte Schrif-

Teftame'nt (Siegfried). Sauma £d. par Bedjan (Neftle). ten 1. Bd. herausg. von Enders (Boflert).

Meinhold, Jefus und das Alte Teftament (Fay). , P. Meyer, Der römifcheKonkubinat (Ph.Meyer). Fürftin Reufs, Philipp Nathufius Jugendjahre,
Schultzen. Das Abendmahl im Neuen Tefta- Catalogus Codicum Hagiographicorum Graeco- nach Briefen und Tagebüchern (Eck),
ment (Lobftein). rum bibliothecae nationalis Parisiensis, edide- j Fricke, Ift Gott peribnlich? (Wendt).

Chiappelli, Alessandro, I caratteri orientali dello stoicismo.

Memoria. [Aus: ,Atti della reale accademia di scienze
morali e politiche di Napoli'.] Napoli, Selbflverlag,
1895. (32 S. gr. 8.)
Der Verfaffer zeichnet zuerft den fcharfen Gegenfatz
zwifchen dem religiöfen Ernft und dem fittlichen Idealismus
der ftoifchen Weltanfchauung einerfeits, dem Geilte
der claffifchen Zeit andererfeits. Er verkennt nicht, dafs
die Grundgedanken des Stoicismus durch die Entwickelung
der griechifchen Philofophie und durch die culturgefchicht-
lichen Verhältnifse der helleniftifchen Zeit mannigfach
vorbereitet und bedingt find. Aber er meint, dafs diefe
Vorausfetzungen doch nicht genügen, um den innerften
Kern der ftoifchen Weltanfchauung zu begreifen, um ihren
Urfprüng zu erklären. Die Ableitung aus orientalilchem
Geilte foll der Schlüffel zum rechten Verftändnifse fein.
Prüfen wir genauer die Beweife für diefe Behauptung.
Ch. macht auf die bekannte Thatfache aufmerkfam, dafs
die Mehrzahl der bedeutenden Stoiker aus urfprünglich
femitifchen Städten ftammt. Aber diefe Städte lind doch
alle Sitze helleniftifcher Cultur, und einen directen
Einflufs orientalifchen Geiftes auf diefe Denker hätte Ch.
wohl nicht als nothwendig angenommen, wenn er fich
das YVefen des Hellenismus klar gemacht hätte. In
dem Hellenifirungsproceffe, der fich in dem Weltreiche
Alexander's des Grofsen zu vollziehen beginnt, ift die
treibende Kraft der griechifche Geilt, der freilich die
bisherigen fittlichen, religiöfen und politifchen Schranken
durch die Berührung mit fremden Nationen und Religionen
aufgiebt und aufgeben mufs, um feine Cultur-
miffion zu erfüllen, der aber doch eine fouveräne Herrfchaft
über die fremden Bildungselemente behauptet, ohne
die die Zerfetzung der nichtgriechifchen Nationen unmöglich
gewefen wäre. Wohl ift die Umgeftaltung des
gelammten griechifchen Geifteslebens durch die veränderten
Culturverhältnifse bedingt, aber diefe Umbildung
ift nicht als mechanifche Uebertragung orientalifcher
Ideen zu verliehen, fondern als innere Arbeit des griechifchen
Geiftes. Was vom Hellenismus im Allgemeinen
gilt, gilt in höherem Mafse noch von der helleniftifchen
Philofophie. — Die praktifche Richtung der ftoifchen
Philofophie wird in Gegenfatz geftellt zum fokratifchen
Intellectualismus und auf orientalifchen Einflufs zurückgeführt
. Aber auch die Stoa hat am Intellectualismus
feilgehalten. Der Individualismus und die Vertiefung des
Innenlebens, die die ftoifche Ethik vorausfetzt, äufsern
fich auch auf andern Gebieten der helleniftifchen Philofophie
und Literatur überhaupt. Dafs dem älteren Kynis-
mus das religiöfe Colorit, das bei der Stoa orientalifch

fein foll, gefehlt habe, ift nicht ganz richtig (ßernays,
Lucian und die Kyniker S. 31. 32). Zeno's Polemik gegen
Tempeldienft erklärt fich aus dem Kynismus, nicht aus
dem jüdifchen Prophetismus. Die /.ietsynpv%coaig, die in
unglaubwürdigen, von Ch. S. 24 nicht richtig gedeuteten
Zeugnifsen der Stoa beigelegt wird, ift keine glückliche
Parallele zur Auferftehung des Fleifches. Ebenfo unglücklich
ift der Vergleich der ftoifchen Lehre von der Mantik
mit dem jüdifchen Prophetismus. Dafs die nach andern
griechifchen Vorgängern von der Stoa ausgebildete, vom
Judenthum und Chriftenthum adoptirte allegorifche Auslegungsweife
fpecififch orientalifch fei, ift eine neue und
fehr kühne Behauptung. Dafs die Idee des Kosmopolitismus
vom Orient übertragen und nicht vielmehr
vom Hellenismus gefchaffen fei, wird eben nur behauptet,
nicht bewiefen. — Dafs fchon die urchriftliche Literatur
ftoifche Begriffe und Gedanken aufgenommen hat, fcheint
mir wahrfcheinlich und bei dem grofsen Einflufs der
ftoifchen Ethik auf die fittlichen Anfchauungen der Zeit
erklärlich. Dafs die chriftliche Lehrentwickelung durch
ftoifche Lehren ftark beeinflufst ift, ift im Einzelnen er-
wiefen. Ch. erklärt alle diefe Entlehnungen S. 31 in Baufch
und Bogen aus dem Judenthum als der gemeinfamen
Wurzel des Stoicismus und des Chriftenthums. Wenn er
fich dafür gar S. 19. 29 auf das Zeugnifs der Kirchenväter
beruft, die die griechifche Philofophie aus dem A.T. ableiten
, fo thut er deren ungefchichtlichem Sinn eine unverdiente
Ehre an. Ein Eingehen auf die Einzelheiten hätte
ihn eines Befferen belehrt. Die von Ch. hervorgehobenen
jüdifchen und chriftlichenParallelen für die ftoifchen Klagen
über allgemeine Sündhaftigkeit, für die Haltung und den
Ton der erbaulichen Literatur der Stoa, für die Lehre
von der Welterneuerung find zufällig (S. 24. 25. 26).

Es ift nicht zu befürchten, dafs diefe Ableitung des
Stoicismus Beifall finden wird. S. 21 wird fälfchlich
Nösgen ftatt Norden citirt.

Charlottenburg. Wendland.

Müller, Prof. Dr. Dav. Heinr., Die Propheten in ihrer ursprünglichen
Form. Die Grundgefetze der urfemitifchen
Poefie, erfchloffen und nachgewiefen in Bibel, Keil-
infchriften und Koran und in ihren Wirkungen erkannt
in den Chören der griechifchen Tragödie. 2 Bde.
Wien, Holder, 1896. (Lex.-8.) M. 16 —

l. Prolegomena und Epilegomena. (256 S.) M. 10 —. _ 2.

Hebräifche und arabifche Texte. (136 S.) M. 6. —

Wie die hiftorifchen Bücher des A.T.'s, fo find auch
die poetifchen und prophetifchen Abfchnitte keineswegs

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