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Ausgabe:

1896 Nr. 8

Spalte:

214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linde, Antonius

Titel/Untertitel:

Antoinette Bourigon, das Licht der Welt 1896

Rezensent:

Schott, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 8.

214

zu bezeichnen, fondern nur in dem Sinne wie eine Truppe,
ein Heerhaufen den Namen ihres Führers entlehne, habe
man diefen Namen gewählt, liefs er fpäter der Sorbonne
erklären. Denn den wandernden, ftets kampfbereiten
Schweizer- und Landsknechtstruppen entlehnte er diefen
Namen. Was fie für die Fürften jener Tage, das follte
feine Compagnie für Jefus und deffen fichtbaren Statthalter
fein. Es ift unbezweifelt, dafs er fich jenen Namen
gebildet im Anfchlufs an jene Phantafievorftellung der
geiftlichen Uebungen vom Heerlager Chrifti'. Die Bezeichnung
Jefuiten' wurde von den Angehörigen des
Ordens immer, von Petrus Canifius fchon 1545 mifs-
billigt (S. 285).

,Von Anfang an hatte Ignatius ein durchaus monarchi-
fches, centralifirtes Regiment gewollt. Er unternahm es,
fchroffer als je ein weltlicher Herrfcher es vermocht
hätte, die gefammte Intelligenz einer grofsen, hochge-
gebildeten Genoffenfchaft einem einzigen Willen zu unterwerfen
' (S. 380).

An mehreren Stellen entwickelt Gothein fehr anfehau-
lich die Bedeutung der jefuitifchen Gehorfamsdoctrin
(S. 333.415.450.468). Es ift keine Uebertreibung, wenn
er S. 391 von Ignatius fagt: ,Der todte Mechanismus ift
ihm das Höchfte, in ihm fieht er allein wahre Gefetz-
und Regelmäfsigkeit, und im Grunde behält er fich allein
die Rolle des unbewegten Bewegers bevor, des voTc, der
den Anftofs giebt, der fich bis in den äufserften Kreis
als einziger Grund feiner Bewegung fortpflanzt'.

Dem entfprechend zog Ignatius in feinen letzten
Lebensjahren die Ernennung aller Oberen nach Rom
und verabredete fie allein mit den vier Affiftenten, und
er machte diefen Gebrauch durch die Conftitutionen
rechtskräftig (S. 390).

In den beiden folgenden Capiteln wird die Ausbildung
der Thätigkeit der Gefellfchaft Jefu und die der
Verfaffung derfelben im Zufammenhange dargeftellt, im
erften Capitel des 3. Buches ihre Thätigkeit an der Curie
und auf dem Trienter Concil, in den folgenden Capiteln
die Ausbreitung der Gefellfchaft Jefu in den einzelnen
Ländern. In dem von Spanien handelnden Capitel ift
namentlich von der Thätigkeit des fpäteren Generals
Franz Borgia und von dem Streite des Ordens mit
Melchior Cano die Rede. In Deutfchland fpielt Petrus
Canifius die Hauptrolle. S. 661 ff. erörtert G. die Frage,
mit welchem Recht neuere Jefuiten es als eine Jefuiten-
fabel' bezeichnen, dafs die Gefellfchaft Jefu zu dem
Zwecke geftiftet fei, den Proteftantismus zu bekämpfen.
Ein befonderes Capitel ift der Thätigkeit der Jefuiten in
denMiffionen gewidmet, wobei namentlich Franz Xaver in
Betracht kommt (S. 616. 645). S. 771 ff. wird das Colle-
gium Gervianicum, ,die Lieblingsfchöpfung des alten
Generals' befprochen.

In dem Schlufscapitel, welches von dem Tode des
Ignatius handelt, bemerkt Gothein (S. 778): ftuinfund-
dreifsig Jahre waren verfloffen, feitdem er den Tod erwartend
auf dem Schmerzenslager in dem Schlöffe zu
Loyola gelegen, feitdem er in langfamer Genefung feine
Seele mit dem Gedanken genährt hatte: Ich will werden,
was der heilige Dominicus und Franciscus find, — ein
Heiliger, zu dem man betet. Er konnte fich fagen: Jene
Heiligenglorie darf ich mir mit einiger Sicherheit binnen
Kurzem verfprechen. War fie noch immer fein höchftes
Ziel? In unfern Augen hat er mehr erreicht: Er war ein
Menfch geworden, mit deffen Charakter fich die Nachwelt
befchäftigen wird, folange man Gefchichte fchreibt'.

Ueber die Verhandlungen über die Heiligfprechung
— fie erfolgte 1622 gleichzeitig mit der von Franz Xaver,
Philippus Neri und Therefia von Avila — handeln ausführlicher
meine Anmerkungen zu der Selbftbiographie
Bellarmin's S. 314-

Zum Schluffe noch einige kleine Berichtigungen. Der
.gröfste religiöfe Dichter Spaniens' (S. 16) heifst nicht
Luis Ponce de Leon, fonders einfach Luis de Leon

(f. meine Schrift über ihn S. 32). Die Herausgeber der
Bibliotheque des cerivains de la Societc de Jesus heifsen
nicht de Baker (S. 780), fondern de Backer.

Bonn. F. H. Reufch.

Linde, Antonius v. der, Antoinette Bourignon, das Licht der

Welt. Mit bildlichen Reproductionen. Leiden, Brill,
1895. (III, 310 S. gr. 8.) M. 5. —

,Das Licht der Welt hat Familienleben zerftört, arme
Leute um Hab und Gut gebracht, fromme Seelen tyran-
nifirt und als Sklaven ausgenutzt. Soviel es bei ihr ge-
ftanden, ift Antoinette von Bourignon nicht das Licht,
fondern ein Fluch der Welt gewefen'. Mit diefen harten,
ja vernichtenden Worten fchliefst v. d. Linde feine
Lebensbefchreibung der Bourignon, und die vorhergehenden
Seiten des gelehrten, gründlichen, von den
forgfältigften Studien zeugenden Werkes geben dazu die
vollfte Beftätigung. Eine wahrhaft zermalmende Kritik
hat v. d. Linde an der feltfamen Heiligen ausgeübt,
welche (geb. 13. Januar 1616 in Ryffel-Lille, geft. 30. Octob.
1680 in Franeker) als (angebliche) Vifionärin und Secten-
ftifterin im 17. Jahrhundert eine ziemliche Rolle fpielte;
fie felbft legte fich den befcheidenen Namen ,Licht der
Welt' bei, gab fich für das Weib der Offenbarung, für
eine zweite Eva, für die Braut des h. Geiftes aus u. f. w.,
verftand es Anhänger zu gewinnen befonders unter der
Männerwelt, gründete auch einmal eine Anfiedlung auf
der Infel Nordftrand für diefeiben und fand in P. Poiret
einen begeifterten Apologeten und Biographen. Aber
mit fcharfem Meffer zerftört v. d. Linde den Gröfsenwahn,
in welchen fie fich hüllte, unbarmherzig wird ihr Gewand
und Maske der Heiligkeit abgeriffen und auf Grund
unwiderleglicher Zeugnifse, welche entweder ihren eigenen
Schriften oder andern unverdächtigen Gewährsmännern
entnommen find, wird fie dargeftellt als herrfchfüchtiges,
geiziges Weib, das es weder mit der Wahrheit noch mit
der Keufchheit genau nimmt, in die fchmutzigften und
bedenklichften Geldgefchäfte fich einläfst; man wird kaum
irre gehen, wenn man fie eine freche Betrügerin nennt,
die freilich am Ende auch das felbft glaubte, was fie
behauptete. Von der Linde hat mit beherrfchender Umficht
fein Werk durchgeführt, auch eine Reihe neuer
Archivalien an's Licht gezogen und verwerthet; dafs die
bibliographifchen Abfchnitte vorzüglich find, ift zum
Voraus anzunehmen bei einem Manne, der über fo manche
Perfonen und Gegenftände fchon Bibliographien zufam-
mengeftellt hat. Dafs von den Keulenfchlägen, welche
die bisher vielfach Gefeierte treffen, auch manche ihren
biographifchen Lobrednern gelten, läfst fich denken, und
v. d. Linde ift auch hier keineswegs fehr milde. Allerdings
erquicklich zu lefen ift die Schrift nicht; der
Gegenftand ift es in keiner Weife; wenn man nach den
erften Seiten darüber klar ift, dafs nicht Roman fondern
Gefchichte hier gegeben wird, fo widert uns diefe bald
an: v. d. Linde hat aber auch fein Bild plaftifch nicht
genügend geftaltet (z. B. von den S. 168 angeführten
Creditoren, wie von den Mitgliedern der Gemeinde im
asketifchen Ikarien S. 172 ff. hätte manches in die Anmerkungen
und Belege verbannt werden können), ganz
abgefehen davon, dafs die Handhabung der deutfehen
Sprache dem Verfaffer manche Schwierigkeiten bereitete.
Allein mit der Legende von der frommen Mutter ift ein
für alle Mal aufgeräumt und jede künftige Darfteilung
ihres Lebens wird auf diefer Schrift fufsen müffen.

Stuttgart. Theodor Schott.

Strauss u. Torney, D.Vict. v., Beiträge zur Erkenntnislehre
mit Beziehung auf die Offenbarung. Leipzig, Deichert
Nachf, 1895. (IV, 96 S. gr. 8.) M. 1. 20

Bewufstfein und Erkennen find klar und beftimmt zu

unterfcheiden. Denn das Bewufstfein als folches ift er-