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Ausgabe:

1896

Spalte:

201-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dillmann, August

Titel/Untertitel:

Handbuch der alttestamentlichen Theologie 1896

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

N°- 8. 11. April 1896. 21. Jahrgang.

Dill mann, Handbuch der altteftamentlichen

Theologie (Siegfried).
Seefcmann, Die Aelteften im Alten Teftament

(Siegfried).

Peters, Das goldene Ophir Salomo's (Siegfried).
Reville, Les origines de l'episcopat, I. partie
(Loofs).

B u c h w a 1 d, Wittenberger ()rdiniertenbuch, 2. Bd.
(Cohrs).

Gothein, Ignatius von Loyola und die Gegenreformation
(Reufch).

Linde, Antoinette Bourignon, das Licht der
Welt (Schott).

Straufs, Vict. v., Beitrüge zur Erkenntnislehre
mit Beziehung auf die Offenbarung (Ritfehl).

Jenfen, Einführung in das geiftliche Amt
(E. Achelis).

Häring, Unfere perfönliche Stellung zum geift-
lichen Beruf (E. Achelis).

Haureau, Notice sur le Numero 16089 des
manuscrits latins de la Bibliotheque Nationale
(Schürer).

Dillmann, Aug., Handbuch der alttestamentlichen Theologie.

Aus dem Nachlafs des Verfaffers hrsg. von Prof. Rud.
Kittel. Leipzig, Hirzel, 1895. (VIII, 595 S. gr. 8.)

M. 11. —

Niemand ficher wird den Herausgeber tadeln, dafs
er aus Dillmann's Nachlafs dies Buch zufammengeftellt
hat. Für jeden Standpunkt mufste es das höchfte Intereffe
haben zu erfahren, was diefer Gelehrte, der der Literatur
des A.T.'s die erfchöpfendfte Einzelarbeit gewidmet hat,
für eine Gefammtanfchauung von der Religion der Israeliten
und von deren Entwickelung gehabt habe. Auch
die Art, wie fich Kittel diefer Aufgabe unterzogen hat,
wird man nur billigen können. Mit Ausnahme des Falls
von S. 196 A. 1 hat er fich jeder Zuthat enthalten. Nur
die Auswahl der Mittheilungen hat er zu verantworten.
Er hat von zwei vollltändigen Heften das jüngere von
1894 zu Grunde gelegt. Man kann ja nun freilich nicht
willen, ob nicht manchmal Werthvolles weggelaffen ift.
Aber den Eindruck wird jeder Lefer haben, der dies Buch
mit D.'s andern Schriften vergleicht, dafs man hier den
leibhaftigften Dillmann reden hört mit feiner gediegenen
Eigenart" und feinen kleinen Abfonderlichkeiten.

Nach einer Einleitung über Aufgabe, Methode und
Gefchichte der biblifchen Theologie beginnt der Verf.
in einem erften vorbereitenden Theile (S. 25—74) eine
allgemeine Auseinanderfetzung über Wefen und Charakter
der altteftl. Religion. Er findet das Grundprincip
der Religion des A.T.'s ausgefprochen in Lev. 19, 2.
II, 44 f., d. h. in dem Gedanken, dafs Gott der Heilige
fei, was S. 28 näher dahin definirt wird, dafs er als
erhaben über alles Creatürliche insbefondere alles Böfe
gelte. In diefer Auffaffung des göttlichen Wefens wird
befonders der Unterfchied der israelitifchen Religion
von allen heidnifchen Religionen gefunden, die ftets
Naturreligionen geblieben feien, und der Verf. betont,
dafs diefe fundamentale Verfchiedenheit auf einer Offenbarung
Gottes an Israel über fein eignes Wefen beruhe.
Nun wird man ja gewifs zugeben, dafs in der That in
der höchften Blüthe der israelitifchen Religionsentwickelung
fich ein derartiger Vorzug der israelitifchen Religion
gegenüber allen heidnifchen herausgebildet habe, aber
der Verf. will ihn fchon in dem erften Keime jener Religion
begründet finden, was eben fo gegen die Natur
der Dinge wie gegen die Gefchichte ftreitet. Es findet
daher auch in feinen Ausführungen ein eigenthümliches
Schwanken ftatt über den Zeitpunkt jenes grundlegenden
Offenbarungsactes. Nach S. 56 fällt er unter Mofe, auf
den die Israeliten ,ftets ihre Religion als den Urheber
zurückführten', nach S. 69, 83 etc. beginnt er aber bereits
unter Abraham. Diefer ganze vorbereitende Theil zeigt
fich bei näherem Zufehen als eine künftliche Abftraction,

deren Wegweifer die Religionsauffaffung der Quelle P
gewefen ift, und die mit Begriffen operirt, welcheche pro-
phetifchen, insbefondere die deuteronomiftifchen Schrift-
fteller erft geprägt haben. Auf diefen völlig in der Luft
fchwebenden erften Theil folgt ein zweiter gefchichtlicher
(S. 76—202), in welchem zunächft die fogen. Vorgefchichtc
der mofaifchen Gründung ebenfalls vorzugsweife nach
der Quelle P der Genefis erzählt wird. Abraham's Religion
ift bereits fo rein und hoch (S. 91 f.), dafs man nur
bedauern kann, dafs es Mofe nicht dabei gelaffen hat.
Diefer hat allerlei Dinge ritueller Art hinzugefügt und
viel aus damaligen Bräuchen mit aufgenommen, die man
nach dem Verf. damals noch nicht gut entbehren konnte,
obwohl doch nach feiner eignen Darftellung Abraham
ganz gut ohne fie ausgekommen ift. Auffällt übrigens
die Behauptung auf S. 416, dafs Abraham keinerlei ,po-
fitive Gottesgebote' erhalten habe, vgl. dagegen Gn. 17,
10—14. — Das kritifche Princip, nach welchem alsdann
die Religion Mofe's conftruirt ift, wird dem Lefer nicht
deutlich. Im Allgemeinen wird verfichert, dafs die Quellen
hier auf ,guten Erinnerungen' beruhen (S. 101), trotzdem
wird dem Mofe doch manches abgefprochen, was die
Quellen ihm mit derfelben Sicherheit zufchreiben wie
das Uebrige (vgl. z. B. S. 441). Die Gefchichtserzählung
wird in einer gewiffen rationalifirenden Darfteilung ihres
eigentlichen Reizes entkleidet (S. 119 ff.). Die ganze Auffaffung
des Mofewerks beruht ebenfalls auf einer künft-
lichen Abftraction, über die zuletzt (S. 131) der Verf.
felbft das vernichtende Urtheil fällt: ,im Grunde war fie
(die neue Religion) für diefes Volk noch zu hoch, zu
geiftig'. Ein fo unfähiger Religionsftifter war alfo Mofe. —
In der folgenden Darftellung der Weiterentwickelung der
Religion ftöfst man infolge diefes falfchen Anfangs auf
Schritt und 1 ritt auf Unbegreiflichkeiten und Widerfprüche,
zumal auch hier der Verf. den Faden weiterfpinnt, den
die deuteronomiftifchen und priefterlichen Bearbeiter der
Gefchichte gefponnen haben. Nach S. 118 f. ift die Wüften-
zeit eine Zeit .befonderer Gnadennähe Gottes für das
Volk'; nach S. 120 ,that damals das Volk in gottes-
dienftlichen Dingen, was jedem recht däuchte': nach S. 122
hat Jofua in rafchen grofsen Feldzügen Kanaan unterworfen
, nach S. 133 ff. fehen wir die Volkseinheit aufge-
löft und Israel in vielfacher Abhängigkeit, die Leviten
aus ihren Städten vertrieben und einen reineren Cult
(S. 137) nur noch zu Silo (bei Eli's Söhnen 1 S. 2, 22ff.?);
nach S. 138 wurden .damals die neuen Einrichtungen
Mofe's noch nicht ordentlich gehandhabt'. Das glaubt
man gern. Nach S. 144 war Samuel ,kein Heerführer
oder Krieger', aber ,er trug doch einen grofsen Sieo- bei
Eben Haezer davon'. In fei ner Anfchmiegung an die
Quellen bringt es der Verf. S. 147 fertig, das Königthum
ebenfo fehr zu loben wie zu tadeln und S. 159 f. den
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