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Ausgabe:

1895 Nr. 6

Spalte:

156-159

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gebhardt, Osc. v.

Titel/Untertitel:

Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur. 12. Bd. 2. Hft 1895

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 6.

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lieft, gewinnt es unwillkürlich. Loch bleiben noch immerhin
manche Fragen übrig. Sollte Nehemia allein gekommen
und überhaupt in der Gola fo wenig Enthu-
iiasmus und Initiative gewefen fein, dafs fie erft kommt,
nachdem man ihr Alles wohl zugerichtet hat?

Jena. C. Siegfried.

Bardenhewer, Prof. D. Otto, Patrologie. Freiburg i. B.,
Herder, 1894. (X, 635 S. gr. 8.) M. 8.— ; geb. M. 10.—

Der Verfaffer diefes Werkes war urfprünglich damit
beauftragt gewefen, eine neue Auflage der Alzog'fchen
Patrologie zu beforgen. Durch Berufsgefchäfte verhindert
, überliefs er diefe Arbeit einem Anderen und
nahm, fobald die Verhältnifse es geblatteten, die Ausarbeitung
eines neuen Buches in Angriff, das ,in mög-
lichft knapper und überfichtlicher Form den gegenwärtigen
Stand patrologifchen Wiffens und PMrfchens
zur Darftellung bringen und zugleich durch Vorführung
der jedesmaligen Literatur zu weiterem Eindringen in
Einzelfragen anregen und anleiten' foll.

Bardenhewer's Name hat unter den engeren Fach-
genoffen einen guten Klang. Seine Arbeit über den
Danielcommentar Hippolyt's (Freiburg 1877) gilt mit
Recht als eine der beben patriffifchen Monographien.
Seine Artikel im Freiburger Kirchenlexikon find durch
Sorgfalt ausgezeichnet. Die Erwartungen, die man darum
feinem grofsen Buche entgegenbringen mochte, find nicht
getäufcht worden: es hält was die früheren Arbeiten
verfprachen. Blickt man auf das Inhaltsverzeichnifs des
Werkes, fo kann man freilich das Bedauern nicht unterdrücken
, dafs in Eintheilung und Gruppirung nicht ge-
leiftet ift, was jüngft auch von katholifcher Seite mit
Nachdruck gefordert worden ift. Innerhalb der drei von
Bardenhewer angenommenen Zeiträume finden wir
keine andere Eintheilung, als die nach griechifchen und
lateinifchen, bezw. fyrifchen und armenifchen Schrift -
ftellern. Es ift auch nicht der leifefte Verfuch gemacht,
zu einer ,hiftorifch und literarifch gerechtfertigteren
Gruppirung' unter ,Berückfichtigung der kirchlichen
Topographie', wie Ehrhard (Bericht über die altchrift-
liche Literatur und ihre Erforfchung feit 1880) fich ausdrückt
, zu gelangen. Bardenhewer's Eintheilung und
Gruppirung ift eine rein äufserliche. Ich fürchte aber
überhaupt, dafs er den Mangel nicht befeitigt hat, von
dem er felber fagt (S. 13): ,Was die Patrologie bisher
vermiffen liefs und was fie in der Folge anzuftreben hat,
ift jedenfalls hauptfächlich eine gefchichtswiffenfchaft-
liche Erfaffung und Durchdringung ihres Gegenttandes.
Auch die Literaturgefchichte fucht den pragmatifchen
Zufammenhang der hiftorifchen Einzelerscheinungen nach
Möglichkeit zu verftehen und verftändlich zu machen.
Hat die Patrologie bisher mehr die Schriften der einzelnen
Väter und wiederum die einzelnen Schriften der- ■
felben für fich betrachtet, fo wird fie in der Folge mehr
die gemeinfam treibenden Kräfte aufzuzeigen und die
jedesmaligen zeitgefchichtlichen Beziehungen blofszulegen
haben'. Ks ift zu bedauern, dafs Bardenhewer eben
zu diefem, wie mir fcheint, wichtigften Ziel nur fehr wenig
beigetragen hat. Dazu hätte er freilich vor Allem mit
denr Begriff der Patrologie als der Wiffenfchaft von
Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter brechen
müffen. Er felbft giebt zu, ,dafs jede Gefchichtfchreibung
ihre Aufgabe darin erblicke, zu zeigen, wie es gewefen
und wie es geworden'. Aber ich finde nicht, dafs er
ernftlich verfucht hätte, diefer Aufgabe gerecht zu werden;
und fo lange fich die Patrologie nicht zur altchriftlichen
Literaturgefchichte erweitert, wird das auch nicht möglich
fein. Es kann nicht nachdrücklich genug betont werden,
dafs Patrologie in diefem Sinne eben nicht eine ge-
fchichtswiffenfchaftliche, fondern eine Disciplin der katho-
hfchen Theologie ift. Wie fchwach Bardenhewer's Po- j
lition ift, verräth folgender Satz (S. 6): ,Das antichriftliche

und antikirchliche (häretifche) Schriftthum fällt an und
für fich nicht in den Bereich der Patrologie, mufs aber

! gleichwohl fort und fort Berücklichtigung finden'. Das
ift nicht Dogmatik und nicht Gefchichte. Auch hat

i Bardenhewer diefen Satz nicht einmal befolgt: denn
von dem antichriftlichen Schriftthum ift in feinem Buche
gar nicht, von dem antikirchlichen doch nur in fehr be-
fchränktem Mafs die Rede; die Gnoftiker z. B. werden
gar nicht behandelt.

Doch ich glaube dem Verfaffer Unrecht zu thun,
wenn ich bei diefen Principienfragen zu lange verweile;
ich würde überhaupt nicht darauf eingegangen fein,
wären nicht Anzeichen vorhanden, dafs man auch auf
katholifcher Seite die Schwierigkeiten der alten Begriffs-
beftimmung zu empfinden beginnt. Sehe ich von den
erörterten Mängeln ab, fo habe ich nur zu loben. Innerhalb
der felbft gefleckten Grenzen ift Bardenhewer's
Buch eine ganz vortreffliche Leiftung. Es ift vor Allem
ein Mutter zuverläffiger gelehrter Arbeit. Die zahlreichen
Stichproben, die ich gemacht habe, beweifen, dafs die
gefammte einfchlagende Literatur nicht nur genau und
richtig citirt, fondern auch wirklich verwerthet ift. Wenn
ich in diefer Beziehung der Angaben zur allgemeinen
patrologifchen Literatur befonders gedenke, fo gefchieht
es, weil fie durchgehends felbftändige Kenntnifs auch
der älteren, zum Theil fchwer zugänglichen Werke ver-
rathen und darum zuverläffiger find, als die in anderen
Patrologien (auch in meinem Grundrifs der Literaturgefchichte
) gegebenen. Gewifs wird auch hier Herr

j Dr. C. Weyman feine Verdienfte haben, von dem
Bardenhewer in der Vorrede fagt, dafs es fchwer fein
würde zu entfeheiden, ob die Opferwilligkeit des Freundes
für die Correctheit des Satzes oder die Sachkunde des
Gelehrten für die Correctheit des Textes von gröfserem
Werthe gewefen ift.

Zu betonen ift weiter, dafs das Buch vorurtheilsfrei
auch gegenüber der proteftantifchen Forfchung ge-
fchrieben ift, dafs die einzelnen Urtheile Bardenhewer's
mafsvoll und befonnen find und dafs nur feiten, wie bei
den Bemerkungen über Clemens von Rom oder über
die letzten Lebensfchickfale des Irenäus, uncontrolirbare
Quellen als voll genommen werden. In all diefen Punkten
fällt ein Vergleich mit Alzog oder Nirfchl zu Gunften
Bardenhewer's aus: diefe beiden Werke find durch
ihn vollftändig antiquirt; aber auch Fefsler-Jungmann
wird man fürderhin entbehren können. Der Verfaffer
gedenkt der zufammenfaffenden Darfteilung eine ausführlichere
Bearbeitung folgen zu laffen. Möchte er dann
gewillt fein, den eingangs geäufserten Bedenken Gehör
zu geben, und vor Allem den erften Partien feines
Buches diefe Ueberlegung zu Gute kommen laffen: die
,apoftolifchen Väter' ohne Berückfichtigung der neu-
teftamentlichen Schriften zu behandeln, geht wirklich
nicht an, und die Darftellung mit der Didache, der
apoftolifchen Kirchenordnung, den Conftitutionen und
Canones zu beginnen, blofs weil fie ,pfeudoapoftolifche'
Schriften find, ift vollends unmöglich.

Gicfsen. G. Krüger.

Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen
Literatur, hrsg. von Ose. v. Gebhardt und Adf. Har-
nack. XII. Bd. 2. Hft. Leipzig, Hinrichs, 1894. (gr. 8.)

M. 4. -

Inhalt: TVrtullian's Gegen die Juden, auf Einheit, Echtheit, Ent-
flehung geprüft von E. Noeldechen. (IV, 92 S.) — Die Predigt
und das Brieffragment des Ariftides, auf ihre Echtheit unterfucht
von Paul Pape. (34 S.)

Das vorliegende Heft umfafst zwei Auffätze, die
entgegengefetzte Tendenzen verfolgen: ein feinem Titel
nach ins zweite Jahrh. gehöriges Stück aus der altchriftlichen
Literatur fucht P. Pape als untergefchoben zu er-