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Ausgabe:

1895 Nr. 5

Spalte:

133-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kuhn, Ernst

Titel/Untertitel:

Barlaam und Joasaph. Eine bibliographisch-literaturgeschichtliche Studie 1895

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 5.

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Laft von Einwendungen überhaupt nicht klar gemacht,
von der feine Hypothefe bedrückt ift, und der gegenüber I
feine Möglichkeitsbeweife federleicht find. Von den Einwänden
gegen feine Quellenfcheidung in Act. fehe ich
ganz ab. Aber wie kann der fonft fo genaue Lucas- :
bericht jenen zweimaligen, kurz nach einander erfolgenden j
Befuch Jerufalems in einen verwandeln und den zwifchen-
liegenden Aufenthalt in Antiochien fammt der weiteren
Reife von dort aus unterfchlagen? Was follen denn die ,
Warnungen Act. 21, 4. 10f., wenn der dort bevorftehende
Befuch mit einem Sieg Pauli endete? Wie kommt Bar- J
nabas auf einmal wieder zu Paulus? Wie Titus? Warum
find fie Act. 20 nicht erwähnt? Warum reifen die Dele-
girten der Provinzen noch nach Erfüllung ihres Auftrags t
mit Paulus herum? Wie ift der Ton von Gab verftändlich,
abgefehen von dem von Cl. als ,ganz relativ' befundenen
ovnoq taxitos L 6> wenn eine folche Reihe von Jahren
zwifchen der Gründung der Gemeinden und unferem
Brief liegt? wie Gal. 1, 21 als Bezeichnung des Act.;
13—19 Erzählten? Andere Schwierigkeiten erwachten
aus dem Vergleich von Gal. und Rom., wenn die Briefe
in umgekehrter Ordnung gefchrieben fein follen. — So
ift der hier gebotene Verbuch zur Löfung der Probleme,
welche die lückenhaften unmittelbaren und mittelbaren
Urkunden über das Wirken Pauli dem Gefchichtsforfcher
ftellen, wohl einer der vielen Fehlfchläge, welche die
Wiffenfchaft gerade auch auf diefem Gebiet zu verzeichnen
hat. Mir will fcheinen, der Wurf war für den
Anfang zu grofs; auch die Leetüre der Holländer zu
einflufsreich; das Zutrauen zu eigenen neuen Hypothefen
s zu harmlos. Möchte es dem fleifsigen jungen Gelehrten
gefallen, einmal ein enger begrenztes Problem in ftrenger
Befchränkung auf das, aber allfeitiger Abwägung alles
deffen, was für feine Löfung von unmittelbarem Belang
ift, feinem Scharffinn zu unterftellen! Gewifs wird er
dann der Wiffenfchaft werthvolle Dienfte leiften können.

Berlin. v. Soden.

Kuhn, Ernft, Barlaam und Joasaph. Eine bibliographifch-
literargefchichtliche Studie. [Aus: ,Abhandlungen der
k. bayer. Akad. d. Wiff.'] München, [Franz' Verl.],
1893. (88 S. gr. 4.) M. 2. 60

Eine ,bibliographifche Ueberficht fämmtlicher orien-
talifchen und occidentalifchen Verfionen des Barlaam'
(Ankündigung bei Krumbacher, Gefch. der Byzantinifchen
Litteratur S. 470) unter fpecieller Verwerthung von neu-
eften ,überrafchenden Entdeckungen' zu geben, erfordert,
wie die vorliegende Abhandlung beweifen kann, vor
anderem einen gehörigen Apparat linguiftifcher und ethno-
graphifcher Kenntnifse. Denn ,Barlaam und Joafaph,
der berühmtefte und befte geiftliche Roman des Mittelalters
, gehört zu den internationalen Volksbüchern'.
,Der äfthetifche Werth diefer feurigen Apologie des
chriftlichen Lebens, in welcher der Kampf gegen die
Weltluft mit überzeugender Kraft gefchildert wird, ift
über allen Zweifel erhaben' (Krumb. 466), und die von
dem Verf. auf's neue erhärtete Thatfache der urfprüng-
lichen Entlehnung ihres Stoffes aus der Buddhalegende
rückt ihn dem theologifchen Intereffe um nichts ferner,
welches vielmehr durch die vor kurzem wiederum
conftatirte Verwebung von Stücken aus der älteren,
chriftlichen Literatur in den Context der Handlung eine
neue Spannung erfahren hat. Jene neuen Entdeckungen
(ruffifcher Gelehrten) haben den Verf. veranlafst, feine
,frühere Befchäftigung mit dem Gegenftande wieder aufzunehmen
und die Legende von ihrem vermuthlichen
Urfprunge an durch die gefammte Weltliteratur zu verfolgen
'. Aber er gefteht zugleich: ,Zu einer abfchliefsen-
den Löfung aller einfehlägigen Fragen bedarf es des
gefammten, bisher nur wenigen zugänglichen Materials'
(S. 3).

Eine Neubereicherung des in Frage kommenden Materials
über den von Zotenberg in gründlicher Darfteilung
{Notice sur le texte et sur /es versions orientales du livre
de B. et J., in den Notices et extraits des mss. de la Biblio-
thique nationale XXVIII 1. p. 1 sqq. 1887) behandelten
Stoff hinaus liegt namentlich an zwei Punkten vor: ,die
erft nach Baron Rofen's Recenfion des Zotenberg'fchen
Buches an den Tag gekommene georgifche Verfion'
wurde ,unter Mittheilung mehrfacher Textproben ausführlicherörtert
in der Abhandlung von N. Marr: ,Mudrost
Balavara' etc. auf Grund einer in Xiflis vorhandenen ,im
Jahre 1860 . . . aus einer . . . wahrfcheinlich in der Kir-
chenfehrift gefchriebenen Vorlage' hergeftellten Copie
der ,Weisheit Balavar's. Eine Schrift des Vaters Sophron
des Paläftiners, des Sohnes Ifaaks'. Diefem ,georgifchen
Texte mufs ... ein äfthetifch nur erfreuliches Gleichmafs
zwifchen der Erzählung felbft, den Parabeln und dem
didaktifchen Theile nachgerühmt werden, welches im
griechifchen Texte durch die endlofen Predigten am
meiften geftört erfcheint' (S. 9 f.). Weiterhin hat dem
Verf. ein Auszug eines vor wenigen Jahren zu Bombay
veröffentlichten Buches zur Verfügung geftanden, das
den ,wichtigften' der älteren arabifchen Texte enthält
, mit dem Titel: ,Das Buch Balauh ar und Büdäfaf in
Ermahnungen und Gleichnifsen voll Weisheit, auf Verantwortlichkeit
des Mekkapilgers Scheich Nur ad-din
Ibn Giwäkhän, Buchhändlers und Befitzers der Haidari-
tifchen und Safdaritifchen Druckerei, gedruckt in der
Safdaritifchcn Druckerei zu Bombay im Jahre 1306 (1888/9)'
(S. 13). Kuhn, der gegen Rofen an dem Zotenberg'fchen
Nachweife der vorislamifchen Abfaffung des Griechen
fefthält, fieht in diefem Bombayer Texte (trotz der umgekehrten
Namenfolge) im Wefentlichen das alte Kitäb
Yüdäfaf wa-Balauhar, das der Verfaffer des Fihrift neben
anderen Schriften nennt, erhalten (die Aenderung des
erften Buchftabens im Prinzennamen ift dem arabifchen
Alphabet auf die Rechnung zu fchreiben; Büdäfaf
entfpricht aber .Bodhifattva dem Titel, welchen der
Königsfohn von Kapilavaftu vor Erlangung der Buddha-
Würde führt' S. 34 f. Die Form 'liociaacp wird S. 17 durch
fcheinbare Dittographie erklärt) und gelangt durch eingehende
Analyfe der drei Hauptverfionen (A, Ge, Gr)
und anderer zu dem Ergebnifs, dafs der arabifche Archetypus
(A) neben der unbekannten Gröfse y, welcher Ge
neben Gr ihren Urfprung verdanken, auf x zurückzuführen
fei, das (auf etymologifchem Wege) als Palahvi-
Original bereits chriftlicher Abkunft (!) beftimmt
wird (Spaltung in zwei Hauptfiguren; Gleichnifs vom
Säemann. S. 39), m. a. W. der griechifche Roman
würde eine chriftliche Bearbeitung zweiter Potenz darfteilen
! Sein Verfaffer läfst Umprägungen und Um-
ftellungen von Einzelzügen der Handlung mit ausdrücklicher
chriftlicher Tendenz eintreten, wie der verftärkte
chriftliche Charakter des Griechen fich u. a. in dem
Vollzuge volksetymologifcher Umdeutung an den verschiedenen
Perfonennamen (im biblifchen Sinne) zeigt
CX(itvvr.Qtc/. 2 Sam. 3, 6 ff; A'avwo cf. Gen. ii; Qevdae
entfpr. T edam etc. S. 29; S. 32 A. 1; und, wie ich beifügen
möchte, Sevaagius yrj cf. Gen. 10, 10. 11, 2 etc.
entfpr. Sarandib S. 18). Die Anerkennung, dafs der
Autor ein äfthetifch nicht gering zu veranfchlagendes
Gefchick in der einheitlichen Verarbeitung feiner Stoffe
bewiefen hat, wird durch die Thatfache einer zufammen-
gefetzten Entftehung diefer Verfion nicht gemindert.
Neben älteren arabifchen Relationen ift es feine Bearbeitung
vorzüglich gewefen, die, direct oder indirect
(durch die mittelalterliche lateinifche Verfion), die Grundlage
für Ueberfetzungen und Bearbeitungen in faft fämmt-
lichen europäifchen Sprachen während des Mittelalters
abgegeben hat. — In der literarhiftorifchen Behandlung
der hieher gehörigen Details ift fchwerlich etwas von
Belang zu vermil'fen (vgl. zu S. 52 Nr. 3 — armenifche
Bearbeitungen, cf. 35 f. A. 4 — die auf Kalemkiar zurück-