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Ausgabe:

1895

Spalte:

105-106

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stalker, James

Titel/Untertitel:

Das Leben Jesu 1895

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Seite 1

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io5

.Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 4. 106

Spuren einer dritten, noch älteren Schrift zu fehen
glaubt, fodafs die Handfchrift theilweife doppelt Palimpfeft
wäre. Am Schluffe der Einleitung find 15 Emendationen
zum fyrifchen Text vorgefchlagen, von denen

doch eine erkleckliche Anzahl von Uebertreibungen und
Mifsverftändnifsen, wie S. 1 f. (lucanifche Schätzungs-
gefchichte), 11 (Jefus beherrfcht drei Sprachen), 21 (Corrv-
mentarfchreiberei der Schriftgelehrten), 22 f. (Sadducäer

die meiften einleuchten, diejenigen zu Lc. 1, 53. 20, 34 fordern ,Rückkehr zur Bibel' und ,dafs die Sittlichkeit
unnöthig fcheinen. Die Ueberfetzung, die, foweit ein wieder an Stelle des Rituals gefetzt werde'), 29 (Naza-
Ausländer urtheilen kann, gutes alterthümliches Englifch rener) u. f. w. Auch die Eintheilung des Ganzen (Vor

aufweift, hat Randbemerkungen, welche auf die Ueber-
tinftimmung mit Cureton, Codex Besäe, der Authorized
und der Revised Version aufmerkfam machen. Ein erfter
Anhang von 22 Seiten verzeichnet die Worte und Sätze
des Texiics receptus, die im Sinai-Syrer nicht entfprechend
vertreten find, ein zweiter von 9 Seiten die viel
weniger zahlreichen Jntcrpolations1. Ein Facfimile der
Seite, welche den Schlufs des Marcus und Anfang des
Lucas enthält, ift beigegeben. Von intereffanten Einzelheiten
fei noch hervorgehoben, dafs die Begleiterin der
Maria Magdalena Mt. 27, 56 ,Maria die Tochter des
Jacobus und Mutter des JofeP heifst; ebenfo Mc. 15, 40
Lc. 24,10. Als /Tochter des Jacobus' wird dies 1)lanwßov
im Lc. auch in Sc. aufgefafst, ebenfo in einer der Sinai-
handfchriften des paläftinifchen Evangeliars, während
die vaticanifche im Mt. und Lc. Mutter des Jacobus
hat, ebenfo Tatian im Mc. Tochter des Jacobus heifst
fie auch in der merkwürdigen Stelle der Didascalia {ed.
Lagardep. 88.89), nach welcher Jefus noch in der Nacht
des Sonntags der Maria Magd, und Maria der Tochter
des Jacobus erfchien, dann am Morgen bei Levi eintrat
, fchliefslich die Jünger fchalt, dafs fie fafteten. Von
der Deutung ,Frau des Jacobus' ausgehend dachte
Mrs. Gibfon, ob fie nicht die Schwiegermutter der Maria
fein könnte.

Ref. darf nicht fchliefsen, ohne auf die wichtigen
Auffätze von Conybeare in der Academy vom 17. Nov.
und 8. Dec. 1894 hinzuweifen, in welchen er aus Anlafs
des finaitifchen Syrers namentlich an der Hand Philo's
die jüdifchen Anfchauungen über wunderbare Empfäng-
nifs unterfucht; und auf den eben fo wichtigen von
R.H.Charles in der gleichen Zeitfchrift vom i. Dec, in
welchem er aus der verfchiedenen Form, die Mt. i, 16
in Ss, Sc, beim Griechen und Lateiner hat, den Schlufs
zieht, dafs diefe Klammer zwifchen der Genealogie 1,
1 —17 und dem Context des Evangeliums 1, 18 ff. nicht
fchon von dem Evangeliften, fondern erft von einem
Redactor herrührt, der die Genealogie dem mit 1, 18
beginnenden Evangelium vorfetzte. Dies diem docet.

Ulm. E. Neftle.

Stalker, D.James, Das Leben Jesu. Autorif. Ueberfetzung
aus dem Englifchen. Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1895.
(IV, 135 S. gr. 8.) M. —. 80; geb. M. 1. 20

Nachdem diefes gut gefchriebene Buch in England
und Nordamerika in etwa 40000 Exemplaren abgefetzt
war, hat die fo verdienftvolle Verlagsbuchhandlung Mohr
eine deutfche Ueberfetzung davon veranftaltet, die wohl
auch ihren Weg machen wird, wenngleich folches in
dem Lande, wo die ,Leben-Jefu-Literatur' zu Haufe ift,
nicht ganz fo glatt abgehen wird, wie anderswo. Der
Erfolg jenfeits des Meeres beruht zumeift darauf, dafs
die gefchickte, bündige und durchfichtige, zuweilen etwas
romantifirende (z. B. S. 107) Darftellung fich von allen
apologetifch-polemifchen Erörterungen ebenfo fern hält
wie von kritifchen Anwandlungen. Der gefunde ge-
fchichtliche Sinn bleibt verfchont von allzu aufdringlich
dargebotenen Zumuthungen, die Frömmigkeit wird nirgends
mit Gewalt auf unangenehm wirkende Fragezeichen
hingeftofsen. Ebenfo wenig wird das Auge durch
Abbreviaturen, Zahlen, Fremdfprachiges u. dgl. geftört.
Der Verfaffer erzählt ohne alle Citate. So lieft man
denn mit Wohlgefallen weiter und verfchluckt nebenbei

bereitung, ein Jahr der Verborgenheit, ein Jahr der Volks-
gunft, ein Jahr des Widerfpruchs, Ende) fcheint fo einleuchtend
, dafs man die Unwahrfcheinlichkeit eines
völligen Ausfalles des erften Jahres bei den Synoptikern
(S. 40 f.) und die Unmöglichkeit einer Darftellung über-
fieht, welcher zufolge Jefus gleich anfangs öffentlich mit
meffianifchen Anfprüchen hervorgetreten wäre (S. 45 f.),
um zuletzt den Erfolg zu erreichen, dafs man ihn wenig-
ftens für den Vorläufer des Meffias hielt (S. 89). Und
doch foll Jefus, wie immer wieder hervorgehoben wird
(S. 28 f. 33. 35. 43. 70), nach einem von vornherein feft-
geftellten und ftreng eingehaltenen ,Plan' gehandelt haben
— ein charakteriftifcher Zug diefer Darfteilung, welcher
an die Anfänge der Bearbeitung des Lebens Jefu bei
uns erinnert. Auch an die Art, wie bei uns früher die
Wunderfrage geglättet zu werden pflegte, bevor fie
plötzlich acut wurde, wird man erinnert. Bei der Taufe
ertönt über Jefus ,die Stimme Gottes im Donner' (S. 31),
in Kana macht er Gebrauch von den .wunderbaren
Kräften, mit denen er vor kurzem (nämlich bei der
Taufe) ausgeftattet worden war' (S. 38), aber fchliefslich
,war die Verwandlung von Waffer in Wein ein Sinnbild'
(S. 39). Ueberhaupt waren alle Wunder /zugleich Sinnbilder
'; an fich aber wollen fie ,die Harmonie in der
Natur nicht ftören, fondern wiederherftellen' (S. 51).
So fchon die Heilwunder, bezüglich welcher der bezeichnende
Satz begegnet: ,Man war der Anficht, dafs
bei den armen Schwachfinnigen und Tobfüchtigen Dämonen
einziehen, und diefer Gedanke war nur zu fehr
berechtigt' (S. 49). Aber die Lehre ,war gegenüber den
Wundern weitaus das Wichtigere' (S. 53). In diefer Beziehung
erfährt man, dafs ,er fich nicht der theologifchen
Redeweife bediente, die mit Ausdrücken von Trinität
Prädeftination u. f. w. operirt, wiewohl die Gedanken, die
fich hinter diefen Ausdrücken verbergen, feinen Worten
zu Grunde liegen' (S. 62). Letztere ,laffen doch einige
ganz fpeeififeh chriftliche Lehren, wie fie in den Briefen
des Apoftels Paulus dargeftellt find, faft durchweg ver-
miffen' (S. 64), was natürlich fofort zurechtgelegt und
geklärt, wenigftens für ein Publicum, welches zwar Alles
unter Vorbehalt des Katechismus lieft, ohne deswegen
über denfelben abgehört und ausgefragt fein zu wollen.
Aber ein zuweilen faft naiv hervortretender Dogmatismus
bildet doch die auffälligfte Schwäche der Leiftung (vgl.
z. B. über den in Jefu Abficht und Miffion gelegenen
Sühnetod S. 65. 96. 128), die freilich neben bedeutenden
Lichtpunkten verfchwinden, unter welchen wir hervorheben
, was über die Originalität der religiöfen Perfön-
lichkeit (S. 15 f.), über die Form der Lehre Jefu (S. 54 f.),
über ihren menfehheitlichen Charakter (S. 61), über den
focialen Charakter feines Rettungswerkes (S. 84), über
die Motive des Judas (S. 104) u. f. w. gefagt ift.

Schliefslich fei noch der merkwürdigen Betrachtung
gedacht, welche daran erinnert, dafs es überhaupt keine
hypothetifche Gefchichte giebt: .Hätte wohl Jefus fich
an die Spitze des Volkes geftellt und eine neue Aera
der Weltgefchichte, vollftändig verfchieden vom wirklichen
Verlauf der Dinge, eröffnet?' — falls nämlich das
jüdifche Volk feine Meffiasfchaft anerkannt haben würde.
,Bei diefen Fragen verlieren wir freilich fofort allen feften
Boden' (S. 100).

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.