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Ausgabe:

1895

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lewis, Agnes Smith

Titel/Untertitel:

A translation of the four Gospels from the Syriac of the Sinaitic palimpsest 1895

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 4.

104

Wenn von hier ein Schlufs auf das Ganze geblattet ift, fo
wird das Urtheil in Bezug auf Reichhaltigkeit ja Voll-
ftändigkeit in der Sammlung des Materiales fehr günflig
zu lauten haben, nicht in demfelben Grade dagegen in
Bezug auf die Exactheit in der Verarbeitung desfelben.

Was erftere anlangt, fo konnte allerdings für die
Gefchichte der Juden im alten Rom nicht viel Neues
gebracht werden. Die Quellen hierüber find dürftiger
als die für die fpätere Zeit. Immerhin hat der Verf.
alles Vorhandene fleifsig ausgebeutet. Die erften vier
Capitel behandeln die äufsere und innere Gefchichte der
Juden in Rom bis Conftantin, die beiden letzten befchäf-
tigen fich fehr eingehend mit den jüdifchen Katakomben
dafelbft (S. 45—92). Beachtenswerth fcheint mir des
Verf.'s Beftreitung der herkömmlichen Anficht, dafs die
Exiftenz einer jüdifchen Gemeinde in Rom erft feit der
Zeit des Pompejus datire (S. 5 ff.). Er verweift mit Recht
auf Cicero pro Flacco 28: Quum aurutn Iudaeorum nomine
tjuotannis ex Italia et ex omnibus provinciis Hierosolyma
exportari soler et, Fl accus sanxit edicto, ne ex Asia expor-
tari liceret. Flaccus war vom J. 62—61 v. Chr. Statthalter
von Afien. Wenn fchon damals jüdifches Geld
aus Italien nach Jerufalem abgeführt wurde, fo mufs
es fchon vor der Eroberung Jerufalems durch Pompejus
(63 v. Chr.) und dem Triumph des letzteren (61 v. Chr.)
eine oder mehrere jüdifche Gemeinden in Italien, d.h.
aber doch wohl in Rom, gegeben haben. Andererfeits
hätte Berliner nicht beftreiten follen, dafs Pompejus jüdifche
Gefangene nach Rom gebracht und dort als Sklaven
verkauft hat. Auf welche Zeit foll fich denn fonft
die bekannte Stelle Philo's, aus welcher man dies bisher
gefchloffen hat {Leg. ad Cajum 23), beziehen? Ganz
feltfam ift Berliner's Verwendung von Appian. Mithridat.
117, wornach Pompejus die Gefangenen auf öffentliche
Koften frei in die Heimath zurückgefandt habe (S. 6).
Das bezieht fich dort nur auf Fürftenkinder und Feldherrn.

Mangelnder Akribie im Einzelnen begegnet man leider
nicht feiten. Schon die grofse Zahl der Druckfehler
fällt recht unangenehm auf. Die jedem Bande beigegebenen
Verzeichnifse find keineswegs vollftändig. Das
Verzeichnifs der benützten Literatur I, 115—117 wäre
recht dankenswerth, wenn nur die Büchertitel genauer
angegeben wären; aber nicht einmal die Jahreszahlen
find überall genannt. Da lieft man z. B. ,Garrucci, R:
Nuove Epigrafi' oder ,Grätz, H: Die jüdifchen Profelyten'.
Befonders fchön ift: ,Geiger, L: Quid de Iudaeorum mori-
btis atque institutis scriptoribus romanis 1872'. Das fieht
aus, als ob es ein des Latein unkundiger Buchhändlerlehrling
gefchrieben hätte (es fehlt nämlich am Schluffe
persuasum fuerit). Sehr nützlich wäre die Zufammen-
ftellung der Grab-Infchriften aus den jüdifchen Katakomben
(I, 72—89). Die Texte werden aber fämmtlich
nur in deutfeher Ueberfetzung gegeben! Was foll das
in einem doch für wiffenfehaftliche Zwecke gefchriebenen
Buche? Nur das eine Gute hat dies Verfahren, dafs in
Folge deffen die ohnehin fchon recht zahlreichen Druckfehler
in griechifchen Worten nicht noch eine ftarke
Vermehrung erfahren haben. Bei den Inhaltsverzeich-
nifsen zu Bd. I und II, 2 fehlt jede Seitenangabe. Sie
nützen daher nicht viel für die Auffuchung des Inhaltes.
Auch der deutfehe Stil des Verf. ift zuweilen ziemlich
bedenklich. I, 43: ,In Betreff der Heranziehung der Juden
zu den öffentlichen Leiftungen war die Befreiung vom
Kriegsdienfte als unvereinbar mit ihren religiöfen Grund-
fätzen längft anerkannt und blieb es' (NB: Die Befreiung
vom Kriegsdienfte unvereinbar mit den religiöfen
Grundfätzen der Juden!!). 1,46: ,Der roth gemalte fieben-
armige Leuchter und die Formel evlraös xize sv eiQiqvq
erwiefen fich dem Entdecker richtig als ein jüdifches
Cömeterium'. I, 61: ,D. Kaufmann unterftützt diefe Behauptung
und hält alle fog. jüdifchen Goldgläfer für den
Gebrauch beim Weinfegen am Sabbat und Fefttag'.
Oefters hat der Verf. in feinen Text umfangreiche Sätze

aus den Werken Anderer, z. B. dem des Unterzeichneten,
wörtlich aufgenommen, ohne dies bemerklich zu machen;
z. B. I, 15 unten = Schürer II, 523, I, 16 oben = Schürer
II, 525—526, I, 24 unten = Schürer II, 507—508, 1,40
oben = Schürer II, 565. Der franzöfifche Gelehrte, zu
deffen Ehren die I, 66 citirten Melanges herausgegeben
wurden, heifst nicht Reiner, fondern Renier.

Sachlich bedenklich ift die I, 29fr. mehrfach vorkommende
Verwendung rabbinifcher Legenden als hifto-
rifcher Thatfachen (z. B. über den Arzt Theudas, der
bereits zur Zeit des Simon ben Schetach, alfo um 98—70
vor Chr. in Rom gelebt haben foll). — I, 58. 59 beftreitet
B., dafs gewiffe Embleme auf jüdifchen Infchriften als
Lulab, Ethrog und Schofar zu deuten feien (wie ich
glaube mit Unrecht, denn diefe Deutung wird durch die
Form der betreffenden Embleme durchaus unterftützt).
Trotzdem giebt B. in feinem Verzeichnifs der Infchriften
I, 75ff. häufig an, dafs fich Lulab, Ethrog und Schofar
auf denfelben finden. — Die Anficht I, 113, dafs die öfters
vorkommende Formel diä ßlov fo viel fei wie ,zum ewigen
Leben' (alfo eig Cooig alwvinv Daniel 12, 2), halte ich
trotz aller Mifshandlung, welche die griechifche Sprache
auf diefen Infchriften erfährt, doch nicht für zuläffig. —
Die Berichte des Tacitus über die Juden find nicht erft
durch Joel und Hild kritifirt und auf ihre Quellen zurückgeführt
worden (I, 34), fondern fchon von manchen Anderen
vorher (vor Allem J. G. Müller, Theol. Stud. und
Krit. 1843, S. 893 ff).

Trotz all' diefer Mängel ift aber das Werk durch
feinen Stoffreichthum doch von grofsem Werthe.

Kiel. E. Schür er.

Lewis, Agnes Smith, M. R. A. S., A translation of the four

Gospels from the Syriac of the Sinaitic palimpsest.
London, Macmillan 81 Co., 1894. (XXXVII, 239 S. m.
1 Lichtdr.-Taf. 8.) Geb. 6 s.

Mit erfreulicher Rafchheit hat die glückliche Entdeckerin
des Sinai-Palimpfefts der in Nr. 25 v.J. angezeigten
Textausgabe zum Beften derer, die nicht Syrifch lefen,
eine Ueberfetzung folgen laffen, der fie eine Einleitung
und Anmerkungen beigegeben hat. Das erfte Capitei
erzählt noch einmal, wie der Codex gefunden und ab-
gefchrieben wurde. Bei diefer Gelegenheit fei auch noch
auf den ausführlichen Bericht ihrer Zwillingsfchwefter
und Reifegenoffin hingewiefen {How the codex was found.
A Narrative of two visits to Sinai. From Mrs. Lewis 's
Journals 1892—1893, by Margaret Dunlop Gibson. Cambridge
, Macmillan & Bowes, 1893. 141 S. 3 s. 6 d.), in
welchem auch die Abfchnitte über den Sinai aus Iltqi-
xXeovg rQtjyoQiadnv, ij itga Movri tov Siva (Jerufalem
1875) und aus dem Reifebericht der Sylvia von Aquitanien
überfetzt find.

Der zweite Abfchnitt handelt vom Verhältnifs der
Hdf. zu anderen fyrifchen Verfionen, beziehungsweife
vom Syrifchen, foweit es die Bibel angeht. Sehr hübfeh
wird auf die Spuren des Syrifchen im N.T. aufmerkfam
gemacht, z. B. das Wortfpiel zwifchen nni? und "D? in
Joh. 8, 34, ähnlich Lc. 7, 8, zwifchen mene (Haar) und mene
(gezählt) in Mt. 10, 30 (dies von Mrs. Gibfon entdeckt),
auf das fchon von Lagarde zu Ro. 13, 8 hervorgehobene,
zwifchen cliab fchuldig fein und chabb lieben, durch
welches das Gleichnifs Lc. 7, 41 f. um fo einleuchtender
wird. Die zwei folgenden Abfchnitte geben eine kurze
Befchreibung der Hdf. und heben einige feiner leitenden
Eigenthümlichkeiten hervor. Unter letzteren fpielt natürlich
Mt. 1, 16 ff. eine grofse Rolle, ebenfo die Unter-
fchrift ,Evangelium damepharreshe' ,der Getrennten' oder
,der Ueberfetzer'? Von grofsem Intereffe ift auch die
Mittheilung, die in der Einleitung zur Textausgabe p. XXI
fchon gemacht war, in der obigen Anzeige aber noch
nicht erwähnt wurde, dafs Harris auf einzelnen Seiten