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Ausgabe:

1895 Nr. 4

Spalte:

100-102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holtzmann, Osk.

Titel/Untertitel:

Neutestamentliche Zeitgeschichte 1895

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 4.

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Gefühl lebhafter Befriedigung von der anziehenden Schrift
des Verfaffers Abfchied.

Jena. C. Siegfried.

Kayser's, Aug., Theologie des Alten Testaments. 2. Aufl.,
auf Grund der von Prof. D. Ed. Reufs beforgten 1.
Ausg. neu bearb. v. Pfr. Prof. Lic. Karl Marti. Strafsburg
i. E., Bull, 1894. (X, 319 S. gr. 8.) M. 4.—

Es ift fo eine Mode des deutfchen Buchhandels.
Hat fich ein Buch, das auf dem Titelblatt einen Namen
von gutem Klang trägt, mehr oder minder bewährt,
und es trifft dasfelbe nach einiger Zeit das gemein-
fame Gefchick aller Bücher, zu veralten, und der Ver-
faffer ift aus dem Leben gefchieden, fo wird ein Bearbeiter
damit beauftragt, das Buch umzuwirken, auf
die Höhe der Zeit zu bringen, und in neumodifchem
Gewand, verjüngt, hält es abermals feinen Einzug in
die Leferwelt, felbft ein anderes geworden, aber immer
noch unter dem alten Namen, auf den es kaum mehr
einen Anfpruch hat. In wiefern dem Publicum damit
gedient ift, ift mir nicht klar. Was der Verleger
dabei gewinnen mag, weifs ich nicht. Welche Qual
eine folche Arbeit für den Bearbeiter fein mufs, der es
ehrlich meint, fich fo viel wie möglich an die Vorlage
für gebunden hält, davon alles, was fich irgendwie
halten läfst, behalten will, fich alfo nicht frei bewegen
kann, welche Entfagung, welche Geduldprobe ihm auferlegt
ift, das kann ich mir wohl denken — fchliefslich
um ein Werk zu Stand zu bringen, das vortrefflich fein
mag, aber, trotz allem ein Zwitterding, des todten Vorgängers
Buch nicht mehr ift, aber auch nicht ganz das
des neuen Verfaffers. Irre ich mich nicht, fo hat Marti
diefes Gefühl wohl getheilt. Sagt er doch in der Vorrede:
,Wenn die neue Auflage . . . nicht wie aus einem Guffe
erfcheinen, und auch wieder von Wiederholungen nicht
ganz frei fein wird, fo darf gewifs zur Erklärung auf
die eigenthümlichen Schwierigkeiten hingewiefen werden,
welche die ftete Rückfichtsnahme auf irgendwie verwendbare
Stücke der erften Auflage der neuen Bearbeitung
bereiten mufste'. Gewifs, damit ift zu gleicher
Zeit aber das Syftem der Bearbeitungen gerichtet. Und
noch ein anderes: die Bücher find das Abbild der
geiftigen Perfönlichkeit ihrer Verfaffer. Sind diefe nicht
mehr da, fo füllten die Verleger ihnen nicht, indem fie
ihre Bücher umarbeiten laffen, den Stempel einer andern i
Zeit, eines fremden Geiftes aufdrücken. Seltfam muthet
Einen die Leetüre eines folchen Buches an, und oftmals
fragt man fich, was der Verfaffer dazu wohl fagen
würde? Sollte nicht doch endlich der Buchhandel auf
das Syftem der Neubearbeitungen verzichten, den Todten
das Ihre laffen, den Lebenden die freie Bewegung
gönnen?

Gegeben, dafs Kayfer's Alt-Teftamentliche Theologie
in neuer Bearbeitung wiedererfcheinen füllte, fo mufs
man Marti das Zeugnifs ausftellen, dafs er die fchwierige
Arbeit kaum hätte beffer löfen können. Er hat feine
Vorlage mit bewunderungswürdiger Gefchicklichkeit ausgenutzt
. Freilich merkt man hier und da die Nähte,
fehlt es dem Stil manchmal an Einheitlichkeit, könnten
einzelne Verbefferungen und Erweiterungen beanftandet
werden. Das find aber Kleinigkeiten, und unvermeidlich
war es. Der Titel ,Theologie des Alten Teftamentes'
war gegeben und muiste beibehalten werden. Mit Recht
wird, wie bei Kayfer, die Unterfuchung bis zur Zeit
der Zerftörung des zweiten Tempels fortgeführt. Die
Einleitung handelt, wie bei ihm, von Methode, Umfang,
Quellen, Beziehung der alt-teftamentlichen Theologie
zu den übrigen alt-teftamentlichen Disciplinen, Gefchichte
der Theologie des A. T's.

Was den Plan betrifft, hat Marti nicht, wie Kayfer, j
die Perioden der politifchen Gefchichte zu Grund ge- !

legt, weil diefelben nicht einfach mit den Perioden
der religiöfen Entwicklung genau zufammenfallen, und
es wohl richtiger ift, für eine Religionsgefchichte die
Eintheilung nicht bei der politifchen Gefchichte zu entlehnen
, fondern dem Charakter der verfchiedenen Stufen
der religiöfen Entwicklung zu entnehmen. Der Plan ift
nun folgender: fechs Abfchnitte in Paragraphen eingeteilt
, nämlich 1. die vorjahwiftifche Stufe der Religion,
2. der urfprüngliche Jahwismus, 3. die Religion des in
Kanaan anfäffigen Volkes, 4. die Religion der Propheten,
5. die Religion des Nomismus, 6. die Religion unter
auswärtigen Einflüffen. Der Titel des 3. Abfchnittes
ift vielleicht nicht ganz glücklich gewählt. Dürfte etwa
,Volksreligion und Kanaanitismus' (da Verf. doch diefes
Wort gebraucht) nicht richtiger fein und das Wefen
der Sache klarer bezeichnen? Ift ferner, im letzten Ab-
fchnitt, der Ueberblick über die Gefchichte des Volkes
bis zur Zerftörung des zweiten Tempels, der aus Kayfer
herübergenommen ift und in deffen Plan vollftändig
pafste, nicht bei Marti ein hors efoeuvret Damit ift nicht
gefagt, dafs ich diefe Blätter vermiffen möchte.

Am meiften verändert find, Kayfer gegenüber, die
vier erften Abfchnitte Marti's, welche Kayfer's I. und 2.
Periode entfprechen; am wenigftens die Abfchnitte 5
und 6, Kayfer's 3. und 4. Periode. Fall ganz neu ift
Abfchnitt 4, die Religion der Propheten betreffend; ungefähr
in gleichem Mafse Abfchnitt 1 und 2, die vorjahwiftifche
Stufe der Religion und der urfprüngliche
Jahwismus. Ueberall zeigt fich die nach den neueften Er-
gebnifsen der gefchichtlichen und theologifchen Forfchung
beffernde, ergänzende, neugeftaltende Hand. Sehr hubfeh
ift Abfchnitt I; weniger befriedigte mich Abfchnitt 2
trotz aller Nüchternheit; meinem Gefühle nach, ift eine
noch gröfsere Zurückhaltung in Betreff Mofe's geboten.
Freilich bliebe dann kaum etwas anderes übrig als Sage.
Sehr fchön ift der Abfchnitt über die Religion der
Propheten. Der Verfaffer hat es vortrefflich veritanden,
die Charakteriftik der einzelnen in das Gefammtbiid
der prophetifchen Religion zu verweben und die Entwicklung
derfelben zum Ausdruck zu bringen, ohne
fich in Kleinigkeiten und Spitzfindigkeiten zu verlieren.
Zu beachten ift das Ergebnifs feiner Kritik der prophetifchen
Schriften, und fein Satz, dafs von einem Meffias
bei den Propheten bis auf Deuterojefaia keine Rede fei,
fowie feine Anficht, dafs Jeremia ein abfoluter Gegner
der Reform Jofia's war, im Zufammenhang mit feiner
Anfchauung von der radicalen Stellung der Propheten
dem Opfercultus gegenüber. In Einzelheiten einzugehen
ift jedoch hier nicht der Ort.

Aber Folgendes mufs befonders hervorgehoben
werden. Auf manche Bücher läfst fich das Sprüchwort
anwenden, dafs man vor lauter Bäumen den Wald nicht
fleht. Kayfer's Hauptvorzüge der Planmäfsigkeit, der
Einfachheit, der Klarheit, der Nüchternheit haben fich
aber auf Marti's Buch vererbt und erhöhen in feltenem
Mafse feinen Werth. Es wird gute Dienfte reiften.
Wir fprechen dem geeinten Verfaffer unferen Dank
aus und beglückwünfehen ihn zu feiner trefflichen
Arbeit.

Strafsburg i. E. L. Horft.

Holtzmann, Prof. Lic. Osk., Neutestamentliche Zeitgeschichte
. [Grundrifs der theolog. Wiffenfchaften, 2.
Reihe, 2. Bd.] Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1895.
(VIII, 260 S. gr. 8.) M. 4.50; geb. M. 5.50

Den Begriff einer ,Neuteftamentlichen Zeitgefchichte,
fafst O. Holtzmann ebenfo wie Schneckenburger.
Er fagt S. 6: ,Der Name „Neuteftamentliche Zeitgefchichte"
verfpricht eine zufammenfaffende Darbietung des gefchichtlichen
Stoffes, deffen Kenntnifs zu einem fachlich
richtigen Verftehen des Neuen Teftamentes nothwendig