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Ausgabe:

1895 Nr. 3

Spalte:

87-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Natorp, Paul

Titel/Untertitel:

Religion innerhalb der Grenzen der Humanität. Ein Kapitel zur Grundlegung der Sozialpädagogik 1895

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 3.

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nur fehr unvollkommen mit der von ihm vertretenen
Sache decken. Zwar weifs er überall von der Gefchichte
zu lernen, und er verliert niemals die Fühlung mit dem
lebendigen Procefs der Vergangenheit, aber die Rückficht
auf diefe Vergangenheit, oder, wenn man will, die
Pietät gegen diefelbe, verleitet ihn nicht dazu, fich
einer Terminologie anzunehmen, von welcher er felbft
innerlich frei ift, und gegen die unfer Zeitalter ein ge-
wifs nicht unberechtigtes Mifstrauen hegt. Mir will
fcheinen, dafs aus diefem Grund des Verf.'s Grundrifs
der chriftl. Apologetik eine innere Gefchloffenheit und
durchgreifende Klarheit befitzt, welche manche Lefer
bei einzelnen Theilen feiner Dogmatik vermifst haben.
Dafs übrigens ein Jeder, der über die hier behandelten
Fragen nachgedacht und auf diefem Gebiet gearbeitet
hat, auch den Ausführungen diefes Grundriffes manches
Fragezeichen beifetzen wird, braucht wohl nicht bemerkt
zu werden. Doch die gedrängte Form des Buchs
ift nicht dazu geeignet, eine fachliche Discuffion herauszufordern
, und wir fchliefsen mit einem Worte aufrichtigen
Dankes für die von dem Verf. uns gefchenkte
fo reiche und werthvolle Gabe.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Natorp, Paul, Religion innerhalb der Grenzen der Humanität.

Ein Kapitel zur Grundlegung der Sozialpädagogik.
Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1894. (VIII, 119 S. 8.)

M. 1. 50

,Welche Bedeutung hat Religion für das Problem
der humanen Bildung? Gehört fie überhaupt dazu? Kann
fie fie gar erfetzen? oder in fich auffaugen? fie überbieten
? Ift fie, wie Manche fagen würden, eine mit der
Zeit zu überwindende Vorftufe humaner Bildung? oder
ift fie vielmehr ihr höchfter Gipfel?' Auf diefe Fragen
antwortet N. auf das Beftimmtefte: ,Die Religion ift ein
wefentlicher Beftandtheil des Menfchenthums, fie taugt
deshalb zum Grunde einer die Menfchheit umfpannenden
Gemeinfchaft, folglich zum Inhalt einer für Alle gemein-
famen Erziehung'. Diefen Satz vertritt der Verf. gegenüber
von zwei Richtungen, die darin einig find, dafs
Bildung und Religion aus ganz verfchiedener Wurzel er-
wachfen und, bei aller unvermeidlichen Wechfelbeziehung,
doch im letzten Kern getrennt find und bleiben follen.
Dem Einen ift Religion weit mehr als ein blofser Beftandtheil
der Menfchenbildung; fie ift ,höher denn alle
Vernunft', dem Object wie dem fubjectiven Quell nach.
Den Andern fteht im Gegentheil Humanität viel zu hoch,
um ein fo ungreifbares, ungewiffes, fubjectives Ding wie
Religion, von dem man nur noch fchwankt, ob es ein
unfchuldiger oder ein gar fehr fchuldiger Selbftbetrug
zu nennen fei, in ihren Begriff aufzunehmen. Gegen die
vereinte Wucht diefes doppelfeitigen Angriffs will der
Verf. feine Thefe ,mit eifernen und ftählernen Gründen'
(wie Piaton fagt) feftlegen. Doch feine Schrift foll nicht
einen Streitfatz, fondern einen Vorfchlag zum Frieden
bieten. ,Der inneren Entfremdung zum Trotz, die
Menfchen von einander reifst, faft als ob fie nicht mehr
in Einer Menfchheit zufammenftehen follten, ringt das
Buch den Einheitsgrund wieder zu finden, der, wenn
überhaupt, allein gefunden werden kann in der Menfchheit
felbft, nicht über noch unter ihr'. Dem in diefer
Schrift vertretenen Grundgedanken wird jeder evange-
lifche Theologe mit Freuden zuftimmen können; er wird
in denfelben den religionsphilofophifchen Kern der re-
formatorifchen Ausfage über die justitia originales wieder
erkennen, nach welcher des Menfchen innerfte Wefens-
beftimmung in feinem Verhältnifse zu Gott befteht: die
Gottesgemeinfchaft gehört zur wahren Natur des
Menfchen, erft in ihr erfüllt der Menfch feine eigentliche
Beftimmung. Eine andere Frage freilich ift die, ob die
Ausführung jenes Gedankens als richtig und glücklich

zu bezeichnen ift. Wie fein auch manche Bemerkungen
des Verf.'s über Schleiermacher's Religionsbegriff, von
dem er ausgeht, fein mögen, die inneren Gründe, welche
den Menfchen zur Religion nöthigen, bleiben hier im
Unklaren; ebenfo wenig ift erfichtlich, dafs die Nöthigung
zur Religion eben die Nöthigung zum Gottesglauben ift.
Zum Andern, ift es allerdings ein hohes Verdienft der
Natorp'fchen Schrift, die fundamentale Bedeutung des
.Gefelligen', der Gemeinfchaft, für das geiftige Leben,
fpeciell für die Religion betont zu haben; auch weifs er
zumal von hier aus die ,ungeheuere pädagogifche Wirkung
der chriftlichen Moral' (S.94ff.) geiftvoll und zum Theile
treffend zu würdigen. Daneben aber giebt fich in einzelnen
Ausführungen eine gewiffe Neigung kund, die Mächte
des gefchichtlichen Lebens zu unterfchätzen; diefer Zug
tritt auch in dem Urtheil hervor, dafs Kant und Leffing
die Bedeutung des Hiftorifchen in der Religion beffer zu
würdigen vermochten, als die franzöfifche Aufklärung,
ein Urtheil, welches wenigftens für Kant's Stellung zum
Chriftenthum, näher zur Perfon und dem Werke Chrilti, ge-
wifs nicht zutreffend ift. — Doch die anregendften und
intereffanteften Theile der Schrift N.'s find die focial-
pädagogifchen Folgerungen, die derfelbe aus feinen
Prämiffen zieht. Er wollte geradezu einen Beitrag
liefern zur wiffenfchaftlichen Begründung der Social-
pädagogik. Die Forderung, die fich aus den Voraussetzungen
N.'s ergiebt, ift nämlich ,die Einführung der Idee
in die Wirklichkeit des Menfchendafeins'. Welcher An-
theil foll, bei der Verwirklichung diefer Aufgabe, der
Religion zufallen? Und in welcher Geftalt kann fie zu
folch wichtiger Rolle taugen? Diefe Frage will der Verf.
nicht erfchöpfend behandeln. Seine Abficht ift nur, ,die
gegenwärtige Lage und die nächften Schritte, die von
da in der Richtung des Ideals zu thun find, in Erwägung
zu ziehen'. Auszugehen ift vom Problem der fittlichen
Volksbildung. Da fittliche Einficht urfprünglich gar nicht
durch Lehre, fondern durch die Erfahrungen des Lebens
gewonnen wird, fo ift von Moralfprüchen und beweglichen
Hiftörchen nichts zu erwarten. Es kommt vor
Allem darauf an, das Bewufstfein von der Gemeinfchaft
der Menfchheit den Gemüthern feft und unverlierbar
I einzuprägen. Förderlich wäre hier ,die möglichft directe,
ans Praktifche angefchloffene Einführung in die grofsen
und allgemeinen Thatfachen des Menfchenlebens, d. h.
eine wenn auch noch fo elementare Sociologie und Gefchichte
; als praktifche Illuftration befonders die möglichft
unmittelbare Veranfchaulichung des phyfifchen
und fittlichen Elends, in dem der gröfsere Theil der
Menfchen noch dahinlebt'. Das Bewufstfein aber, dafs
der Menfch Menfch ift und Menfch zum Menfchen gehört
, vermag nur eine religiöfe Ethik wirkfam zu wecken,
und das war vor allem die grofse Leiftung der chriftlichen
Moral. Doch mufs die religiöfe Ethik, wenn fie
auch in der Gegenwart ihrer Aufgabe gerecht fein will,
,tief genug aufgefafst werden'. Die von dem Verf. zur
Erfüllung diefer Forderung angedeuteten Rathfchläge
find nach manchen Seiten hin beachtenswerth. Seine
Bedenken gegen den religionslofen Unterricht der Moral,
wie derfelbe in Frankreich ertheilt wird, fowie gegen die
völlige Ausfchliefsung der Religion überhaupt find durchaus
berechtigt und werden einem Jeden, der fich ,einen
einfachen Thatfachenfinn' zu bewahren vermag, einleuchten
. Auch der Forderung nach einer ausdrücklichen
Preisgebung der Alleinverbindlichkeit des Dogma's wird
man vom Standpunkte evangelilchen Glaubens und evange-
lifcher Freiheit infofern beipflichten müffen, als das Dogma
im Sinne eines ftatutarifchen Lehrgefetzes auf proteftan-
tifchem Boden keinen Raum mehr haben kann. Indeffen
fcheint mir das Ideal der Humanifirung der Religion
durch einen allgemeinen religiöfen Volksunterricht auf
chriftlicher, aber darum nicht kirchlicher Grundlage, das
Ideal einer in rein interconfeffionellem Geifte ftattfinden-
den Einführung in die religiöfe Vorftellungswelt, eine