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Ausgabe:

1895

Spalte:

80-83

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Bearb.)

Titel/Untertitel:

Nuntiaturberichte aus Deutschland, nebst ergänzenden Actenstücken. 1. Abth. 1533 - 1559. 3. u. 4. Bd 1895

Rezensent:

Virck, H.

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Vorläufern der Renaiffance in Verbindung und Austaufch
flehend, feit 1382 durch feine Tochter mit dem englifchen
Königshaus verfchwägert, bringt die neue franzöfifche
wie italienifche Cultur, Kunll und Literatur, die neuen
Gedanken und Probleme der englifchen Literatur nach
Böhmen, von wo aus fie fich über Deutfchland hin zu
verbreiten beginnen. Nur wenige Perfonen flehen an
der Spitze diefer Bewegung, alle aus des Kaifers Umgebung
: Mittelpunkt und Quelle ift, wie fchon angedeutet
, die kaiferliche Kanzlei und hier wieder der
eigentliche Führer der Kanzlei. Johann von Neumarkt,
fpäter Bifchof von Olmütz, deffen Thätigkeit und Corre-
fpondenz durch Editionen der letzten Jahre in weitem
Umfang uns erfchloffen find. Diefe Thätigkeit der Kanzlei
verfolgt nun B. auf den verfchiedenen Gebieten. Zunächft
für die Reception des römifchen Rechts: wie durch
ihre, fpeciell Johann's, Thätigkeit in Böhmen zuerft von
ganz Deutfchland das fächfifche und füddeutfche Gerichtsverfahren
vom kanonifchen Procefs verdrängt,kanoniftifche
Rechtsanfchauungen, die fichere Technik des fchriftlichen
Verkehrs eingebürgert, civiliflifche Lehrer herangezogen
werden und dieReception des römifchen Rechts vorbereitet
wird. Die Reichskanzlei wird die Schule, aus der die
meiden öffentlichen Notare und Leiter der fürdlichen
und dädtifchen Kanzleien Böhmens und der Nebenländer
hervorgehen und nach deren Vorbild de eben diefe
Kanzleien organifiren. Auch auf die Kanzleien der böh-
mifchen Krone und der böhmifchen Bisthümer erdreckt
fich diefe Umwandlung: Johann von Jenzendein, nach
einander Vordand der böhmifchen, dann der kaiferlichen
Kanzlei und zuletzt EB. von Prag, id Schüler Johann's
von Neumarkt. — Sodann weid B. nach, wie die Leiter
der Kanzlei die nächden Beziehungen zur neuen Prager
Univei fität unterhalten, wie ihre Beamten dort dudiren und
Grade erwerben, wie fich daraus unter Wenzel und Siegmund
die Sitte bildet, dafs Studium und Graduirung dem Eintritt
in die Kanzlei vorangehen: eine erhebliche Steigerung
der Anfprüche an Bildung.

Wiederum id die Kanzlei die Wiege einer neuen
Macht: des modernen Beamtenthums, und zugleich die I
Stätte, da ,das grofse Schaufpiel der folgenden Jahrhunderte
zuerd zur Erfcheinung kam: die Säcularifirung
der Cultur'. Die Kanzlei nimmt zwar ihre Beamten
gröfstentheils wie bisher aus dem geldlichen Stand, die
Mittel ihrer neuen Reformen aus der geidlichen Bildung.
Aber fie fchult ihre Leute für den fürdlichen und dädtifchen
Diend, bringt fie in Fühlung mit dem ganzen
Leben des Volks und feinen Bedürfnifsen und fchliefst
fie alle, ob geidlich oder weltlich, bürgerlich oder adlig
zu einem neuen Stand gleichartiger Bildung, gleicher
Intereffen, gleicher bevorrechteter Stellung zufammen.
Es id eine Ergänzung dazu, wenn B. darauf hinweid,
dafs auch zwei der fog. böhmifchen Vorreformatoren,
Matthaeus von Krakau und Militfch von Kremfier, aus
der Reichskanzlei hervorgegangen find.

Am ausführlichden verfolgt B. die Bedeutung der
Kanzlei für die Anfänge der Renaiffance. B. geht
hier aus von der Thatfache, dafs die grofsen Centren
der neuen Cultur Paris, Avignon, die italienifchen Haupt-
dädte und aufserdem Oxford waren. Er verfolgt ihre
Einwirkungen auf Böhmen: die erde Verbindung mit 1
franzöfifcher Kund dämmt von den Ciderzienfern, deren
Generalcapitel ja längd in ihrer Bedeutung für die Verbreitung
neuer Errungenfchaften erkannt find.

Immer wieder aber weid B. auf die Bedeutung der [
Uff. für die bhage, welche Intereffen in einer Zeit vorwiegen
, welche neu aufkommen oder abderben. Auch j
für Böhmen id das wichtig. An der neuen Univerfität
Prag, der erden des Reichs, tragen die Studenten Hff.
von allen Ländern herbei, fchreiben de ab und verkaufen
fie. Es find meid folche kirchlicher Wiffenfchaft. Die
wenigen Hff. c affifcher Autoren aber, die Böhmen in
jener Zeit erzeugt hat, dämmen aus der Kanzlei. Wie

Karl IV fo nimmt auch fie die neuen Stimmungen und
Tendenzen der beginnenden Renaiffance auf, ja de giebt
fich ihnen mit weniger Vorbehalt hin als der Kaifer.
An der Spitze deht auch hier wieder durchaus Johann
von Neumarkt. Auf Grund insbefondere der von Tadra
herausgegebenen Cancellaria Johannis Noviforensis (Arch.
f. öderr. Gefell. 68) wird die weit verzweigte Thätigkeit
des Kanzlers gefchildert, feine Beziehungen zum Nominalismus
wie dem neuen Augudinismus (deffen Bedeutung
mir übrigens B. für diefes Stadium zu überfchätzen
fcheint), zu Rienzi, Petrarka, den Florentiner Humaniden,
feine Begeiderung für die Herrlichkeiten Italiens, das er
auf den Römerzügen Karl's IV kennen lernt, wie er
dann dem neuen ädhetifchen Element überall Raum
giebt, die neue Kalligraphie und Hff.-Illumination einführt,
feinen Stil bildet, die Epidolographie in Deutfchland
begründet, beides nach dem Müder der Italiener, be-
fonders Petrarkas und Rienzis, wie er feine Kanzlei zugleich
zum Abfchreiben von Hff. nach den literarifchen
Intereffen des Humanismus organifirt, Bibliotheken gründet
, endlich auch der religiöfen Volkspoefie die Bahn
eröffnet und fo zugleich die Verbindung der ädhetifchen
wie der religiöfen, befonders der Marieenbegeiderung auf-
weid, die dem älteren Humanismus ja überhaupt eigen id.
Ueberall finden fich fo die Züge, die dem Humanismus
und der Renaiffance angehören, freilich noch zum Theil
in unbeholfenem Nachtreten, aber doch überall mit dem
Schwung, der bezeugt, dafs ein lebhaft empfängliches
Gemüth von einer ihm neuen Macht ergriffen ift und
alle Kraft einfetzt, fich und andere darein einzuleben.

Die Studien B.'s brechen vorläudg hier ab. Aber
wenn ich recht unterrichtet bin, dürfen wir die Fortfetzung
bald erwarten. Sie foll ebenfo freudig aufgenommen
werden wie diefes erde Heft.

Breslau. Karl Müller.

Nuntiaturberichte aus Deutschland nebd ergänzenden Acten-
dücken. 1. Abth. 1533 — 1559. Hrsg. durch das k.
preufsifche hidorifche Inditut in Rom und die k.
preufsifche Archiv-Verwaltung. 3. u. 4. Bd. Gotha,
F. A. Perthes, 1893. (gr. 8.) M. 45. —

Inhalt: 3. Legation Aleanders 1538—1539. Bearbeitet von
Walter Friedensburg. I. Hälfte. (VIII, 537 S.) M. 21.—.
— 4. Dasfelbe. 2. Hälfte. (638 S.) M. 24.—

Den beiden erden Bänden der von Friedensburg
bearbeiteten Nuntiaturberichte id nach Verlauf von noch
nicht 2 Jahren bereits der 3. u. 4. Bd. gefolgt, die zufammen
weit über 1000 Seiten dark find. Diefe daunens-
werthe Leidung berechtigt wohl zu der Erwartung, dafs
diefe wichtige Publication in nicht allzu ferner Zeit ihrer
Vollendung entgegen gehen wird. Die beiden Bände, die
zufammen ein Ganzes bilden, umfaffen die Zeit vom
Sommer 1538 bis in den Herbd 1539 und enthalten die
Depefchen des Legaten Aleander und der zugleich mit
ihm in Deutfchland thätigen Nuntien Mignanelli und
Morone. Hierzu kommt eine ganze Reihe von ergänzenden
Actendücken. Als folche find zu nennen: die
Gegenfchreiben der Curie nebd der für die deutfehen
Angelegenheiten in Betracht kommenden Correfpondenz
der Curie mit ihren Nuntien am fpanifchen und franzö-
fifchen Hof. Sodann ein Tagebuch, das Aleander während
feiner Anwefenheit in Deutfchland führte, von fad 200
Druckfeiten Umfang. Hieran reihen fich die Beilagen.
Die erde ,Zur Biographie Aleander's' überfchrieben, enthält
10 für die Kenntnifs von Aleander's Leben wichtige
Actendücke aus den Jahren 1529—1538. In dem 2. Theil
der Beilagen werden 14 dem Wiener Archiv entnommene
Briefe Karl's V und Ferdinand's mitgetheilt, die fich auf
die damalige kirchenpolitifche Lage in Deutfchland beziehen
. Sie bilden gewiffermafsen die Ergänzung zu
Nr. 3 der Beilagen, durch welche wir mit 24 bisher nicht