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Ausgabe:

1895 Nr. 3

Spalte:

77-80

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burdach, Konr.

Titel/Untertitel:

Vom Mittelalter zur Reformation. Forschungen zur Geschichte der deutschen Bildung. 1. Hft 1895

Rezensent:

Mueller, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 3.

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lieh die Pataria, die den Päpften gezeigt hat, was populäre
Bewegungen im Dienft der Reform vermögen. Was
aber ,die Anwendung äufserer Gewalt gegen Häretiker'
betrifft, fo hatte ich da zunächfl aus Mirbt's Ueberficht
(S. 456fr.) den Eindruck gewonnen, dafs die grundfätz-
liche Bejahung diefer Frage damals doch fchon tiefer in
die kirchliche Literatur eingedrungen fei, als man gewöhnlich
meint. Als ich aber die Stellen nachfehlug,
die M. dafür anführt, fand ich doch, dafs da von Härefie
und Häretikern überhaupt gar nicht die Rede fei, fondern
nur von Schismatikern und zwar meift eben von
folchen, die ihre Ziele mit Gewalt verfolgen. Dabei bekommen
die Simoniften freilich gelegentlich den Titel
der primi et preeipui heretici (Libelli\, 3352s)> una" ^°
mögen auch die Stellen aus Gregor's Briefen (S. 457 3)
zu verftehen fein. Aber nirgends ift, foweit ich beobachtet
habe, die Frage nach der Stellung zu den Häretikern
überhaupt aufgeworfen.

Im 5. Abfchnitt folgt die Laieninveftitur. Mit
Recht unterfcheidet M. hier befonders fcharf die einzelnen
Stadien fowohl für die Gefetzgebung wie für die
Publiciftik, denn hier flehen wir ja am eigentlichen
Mittelpunkt des Streits. Hier läfst fich denn auch die
Wechfelwirkung zwifchen Gefetzgebung und Literatur
und fchliefslich das Verdienft der Literatur um die friedliche
Löfung des Streits befonders deutlich verfolgen.
Den eigentlichen Kern der Inveftiturfrage fieht M. da, wo
die ganze neuere Forfchung ihn findet: in der Herrfchaft
über den hohen Clerus und der Verfügung über das
Kirchengut. Befonders durch Giefebrecht ift bekannt
geworden, mit wie bewundernswerther Vorficht das
Papftthum von Nikolaus II. an bis auf Gregor feine
eigentlichen Ziele lange verdeckt, feine Gefetze nur in
kleinen Portionen fchrittweife verfchärft und fo die Welt
allmählich auch an die erfchütterndften Ziele fafl gewöhnt
hat. Mirbt zeigt, wie das auch in der Publiciftik
fich wiederfpiegelt: nur ein Theil der Schriften behandelt
die Inveftitur und auch von ihm viele nur beiläufig. Im
Mittelpunkt ftehen lange Zeit Fragen wie die des Banns
und der Abfetzung des Königs. Man redet dann lange
Zeit leidenfehaftlich über die Wahlen und die Symbole,
die bei der Inveftitur gebräuchlich waren: erft in der
allerletzten Zeit, als die Karten längft vollftändig aufgedeckt
waren, wird die Inveftitur felbft das Hauptthema,
und nun bemächtigt fich die Literatur des Problems
derart, dafs fie fchliefslich auch die praktifche Löfung
wefentlich vorbereitet. Eben darum aber möchte ich
M. nicht beiftimmen, wenn er den Namen des Jnveflitur-
ftreits' für die Kämpfe des II. und 12. Jhs. aufgegeben
und durch den des ,gregorianifchen Kirchenftreits' erfetzt
wiffen möchte. Denn die Inveftitur ift doch der Herzpunkt
des ganzen Streits. Wenn das damals lange Zeit
nicht bemerkt worden ift, fo hat man es doch, wie M.
felbft andeutet, in Rom längft gewufst. Schon in Hum-
bert's Schrift kundigt fich diefes Ziel klar und deutlich
an. Wir brauchen uns aber nicht zu fcheuen, den Namen
zu wählen, der damals den Uneingeweihten nicht
verftändlich gewefen wäre, der aber für uns das Wefen
der Sache am treffendften bezeichnet.

Breslau. Karl Müller.

Burdach, Konr., Vom Mittelalter zur Reformation. Forfch-
ungen zur Gcfchichte der deutfehen Bildung. 1. Hft.
[ErweiterterAbdr.aus: ,Centralblt.f.Bibliothekswefen'.]
Halle, Niemeyer, 1893. (XX, 137 S. gr. 8.) M. 4. —

Der Verfaffer, Profeffor der deutfehen Sprache und
Literatur in Halle, giebt hier eine Anzahl von Auffätzen
aus dem Centralblatt für Bibliothckswefen (1891) in erweiterter
Geftalt heraus. Das Band, das die einzelnen
Studien, vereinigt, ift im Titel felbft angedeutet. Es

handelt fich um den Uebergang vom MA. zur Neuzeit,
um das Emporkommen der neuen Bildung, das allmähliche
Erlöfchen der alten mittelhochdeutschen Cultur.
Die Erforfchung folcher Fragen gehört zu den fchwie-
rigften, aber auch dringendften Aufgaben der Gefchichts-
fchreibung. Wir erfahren gegenwärtig ihre Bedeutung
auf kirchlichem Gebiet tagtäglich. Denn was ift fchliefslich
die Quelle unterer kirchlichen Kämpfe anders, als
dafs die Elemente einer früher herrfchenden religiöfen
Culturform in einer Zeit, die feit Jahrhunderten eine
vollkommene geiftige Umwälzung erfahren hat, nicht nur
ein .Nachleben' führen, fondern die neuern Kräfte um
jeden Preis niederhalten und ausfeheiden wollen? Gewifs
find die Kämpfe auf dem Gebiet der allgemeinen Cultur
I viel weniger fchwer als auf dem der religiöfen, weil
I eben auch der Einfatz kleiner ift als hier. Aber in dem
furchtbaren Ernft unterer kirchlichen Kämpfe ift es doch
immer wieder tröftlich, wenn wir fehen, wie auch auf
weltlichem Gebiet die alte und neue Zeit Jahrhunderte
gebraucht haben, fich reinlich auseinanderzufetzen. B.
nimmt nur einen kleinen Ausfchnitt aus diefem Kampf:
er fucht nach dem Quellgebiet der neuen Geiftes-
art in Deutfchland; er findet fie im Böhmen Karl's IV.
Er geht aber vor Allem dem Problem nach, ,wie fich
j von des Königs Perfon die neuen Ideen verbreitet
haben' und findet den Hauptcanal in Karl's Kanzlei.

Vortrefflich zeichnet der Verf. im Vorwort die Auf-
faffung der gefchichtlichen Entwicklung, die diefe Studien
geleitet hat und fich aus ihnen wohl jedem mit
befonderer Energie aufdrängt. Es ift der Gegenfatz
gegen die Analogie mit natürlichen Proceffen: er leugnet
fie nicht ganz, bejaht fie vielmehr für ,Bewegungen
in der Tiefe'. ,Es giebt aber noch eine andere Art der
Culturübertragung, die auf den Höhen des nationalen
Lebens vor fich geht. Von ihr hängen die grofsen Um-
fchwünge ab, nach denen die Gefchichte ihre Epoche
rechnet; fie wird geleitet durch die geiftigen Führer: durch
bedeutendelndividuenund durch Verbände hochftrebender
Perfonen; durch fie entliehen an verfchiedenen Stellen
auf verfchiedenen Lebensgebieten mächtige Vermehrungen
des geiftigen Befitzes, Anfammlungen von Cultur-
fchätzen, Blüthezuftände der Nation. Und fie dehnt fich
nicht aus gleich einer zerfliefsenden Wafferwoge, fondern
wie ihren Inhalt die individuelle Tüchtigkeit, Intelligenz
und Energie einzelner hervorragender Menfchen gefchaffen
hat, fo bewegt fie fich fprunghaft, über weite Strecken
hinwegfetzend, fafst hier mit voller, dort mit halber
oder Viertelskraft Fufs, vermittelt und getragen von der
wechfelnden Aufnahmefähigkeit. Ihren fchmalen regel-
lofen Weg gilt es zunächfl aufmerkfam zu verfolgen und
einfach ihre Richtung, ihre Bewegung und ihr Rallen zu
conftatiren. Ift dies gefchehen, dann werden fich auch
ihre Kometenbahnen durch fefte Formeln begrenzen
laffen'.

Im Mittelpunkt fleht alfo Karl IV. Für das Ver-
ftändnifs Karl's als des Politikers und Herrfchers weift
B. vor Allem auf die kühle Realpolitik, die Organifation
der Landeshoheit, des Rechts, der Verwaltung, des Verkehrs
, der ganzen wirthfehaftlichen Arbeit der Länder
feines Elbreichs, die grofsartigen Pläne für die Verbindung
des ganzen deutfehen Oftens von Danzig bis
Nürnberg und hinab nach Venedig und den italienifchen
und levantinifchen Plandel. In ihm bricht die Zeit an,
da der üften und Nordoften mit dem Gebiet der alten
Cultur verknüpft wird und mit dem politifchen Schwerpunkt
des Reichs auch der Schwerpunkt der deutfehen
Cultur fich verfchiebt.

Auf diefer Grundlage erheben fich nun aber Karl's
Leiftungen für das geiftige Leben diefer Länder, damit
aber auch ganz Deutfchlands. Ueberall dringt von ihm
und feiner nächften Umgebung der Geift einer neuen
Zeit, neuer Stimmungen, neuer Ideale, neuer Kräfte vor.
Der Kaifer, in Frankreich erzogen, mit den italienifchen