Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895

Spalte:

72-74

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bovon, Jules

Titel/Untertitel:

Théologie du Nouveau Testament. Tome second: L‘enseignement des apôtres 1895

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 3.

72

Hauptpunkten mit voller Beftimmtheit. Aber ebenfo fett ! 222), deren fichere Begründung gut erwiefen wird. Ueber-
wird dann der Neugier, welche alles noch genauer wiffen j rafchend war mir aber, dafs J. die Annahme eines Ur-
möchte, ein ,bis hieher und nicht weiter' zugerufen. Die [ Marcus ablehnt und unteren Marcus als Quelle des
oben genannten Kritiker bekommen dabei noch ftärkere | Matthäus und Lucas betrachtet (S. 20of., 226). Mir
Worte zu hören als die Apologeten. Möchten fie nicht 1 fcheint vielmehr umgekehrt, dafs die Verfchiedenheit
ungehört verhallen, fondern ein kräftiger Antrieb fein, unferes Marcus von der gemeinfamen Quelle erheblich
unfere Kritik wieder in nüchterne Bahnen zurückzuleiten, gröfser zu ftatuiren ilt, als es von Holtzmann in feinem

Eben wegen diefer Eigenfchaften ift nun aber das
Jülicher'fche Buch auch vortrefflich geeignet, Anfänger
in die Probleme der Neuteftamentlichen Kritik einzuführen
. Ueberall werden die Hauptfragen deutlich in
den Vordergrund geftellt, Nebendinge übergangen und
mit grofser Umficht Sicheres und Unficheres, Wahrfchein-
liches und blofs Mögliches unterfchieden und dabei die
Lücken unferes Wiffens ftets offen eingeftanden.

Die Ausführlichkeit, mit welcher die Dinge behandelt
find, dürfte das richtige Mafs getroffen haben; nicht
zu knapp (wie das m. E. bei CornilFs Einleitung in das
A. T. der Fall ift) und doch nicht über das Mafs eines
,Grundriffes' hinausgehend. Wer tiefer eindringen will,
wird freilich die gröfseren Lehrbücher zu Rathe ziehen
müffen; aber diefen wollte Jülicher auch nicht den Weg
verlegen. Die Literaturangaben hätte ich etwas reichlicher
gewünfcht. Jülicher nennt überall nur einige der
neueften Werke, ,in denen der Lefer über die weitere
Literatur in Kenntnifs gefetzt wird'. Es fcheint mir doch
auch für einen Grundrifs angemeffen, überall das Wichtigere
zu nennen. Wenn dabei die Auswahl auch
fchwierig ift, fo ift damit die völlige Unterlaffung nicht
hinreichend motivirt.

Die Anlage ift die, dafs zuerft die Entftehung der
einzelnen Schriften behandelt wird (S. 19—272), dann die
Gefchichte des Kanons (S. 273—357) und endlich die
Gefchichte des Textes (S. 358—402). Auf allen Gebieten
ift Jülicher ein felbftändiger Forfcher, deffen Urtheil zu
hören auch für den Fachmann von Werth und Intereffe
ift. In der Kanonsgefchichte ift mir befonders feine Behandlung
Juftin's aufgefallen. Er findet, dafs fchon Juftin
den Begriff der .Schriften' mit Bewufstfein auf Apokalypfe
und Evangelien ausdehne (S. 296, 292 f.). Aber was
Jülicher dafür beibringt, fcheint mir diefes Urtheil nicht
zu rechtfertigen. Von einer Gleichftellung der Evangelien

grundlegenden Werke gefchehen ift, fo gewifs auch
Marcus dem Aufrifs und Wortlaut der gemeinfamen
Quelle viel näher fteht als Matthäus und Lucas. Be-
achtenswerth ift befonders noch die behutfame Erörterung
über die Quellen der Apoftelgefchichte (S. 265 ff.). Der
Wirquelle fchreibt J. einen grofsen Umfang zu. .Vielleicht
verdankt ihr der Verf. all das werthvolle Material
zur Gefchichte des Paulus, das er bringt' (S. 269). Nach
der Lesart des Cod. D, welcher bereits 11, 28 das ,Wir'
hat, hält J. fchon an diefer Stelle Benützung jener Quelle
für möglich (S. 269). Die erfte Hälfte der Apoftelgefchichte
ift J. geneigt mehr auf mündliche Tradition als
auf fchriftliche Quellen zurückzuführen, aber auf eine
Tradition, in welcher ,ein echter Kern mit legendarifchen
Wucherungen umfetzt worden ift' (S. 270). ,Frei erfunden
hat unfer Verf. wohl nur die Reden, die er feinen Helden
in den Mund legt' (S. 267).

Möchte Jülicher's Werk bei Lehrenden und Lernenden
die gebührende Beachtung finden und von Letzteren
nicht nur gelefen, fondern ftudirt werden.

Kiel. E. Schürer.

1. Fulliquet, Pasteur Dr. Georges, La pensee religieuse
dans le Nouveau Testament. Etüde de theologie biblique.
Paris, Fischbacher, 1893. (504 S. gr. 8.) Fr. 8.—

2. Bovon, Prof.Jules, Theologie du Nouveau Testament. Tome
second: L'enseignement des apötres. [Auch unter d.
T.: Etüde sur l'oeuvre de la redemption, I.: Le fon-
dement historique, Theologie du Nouveau Testament].
Lausanne, Bridel & C'% 1894. (604 S. gr. 8.) Fr. 12. —

Zwei Schriften, die, beide der neuteftamentlichen
Theologie gewidmet, fich durch ihren Inhalt auf vielen
mit dem A. T., wie wir fie bei Irenäus finden, ift doch j Punkten berühren, an Werth aber fehr ungleich find,

Juftin noch weit entfernt. Nur für die in den Evangelien
überlieferten Herrenworte, nicht aber für die Evangelien-
fchriften als folche (auch ihrem erzählenden Theile nach)
ift jenes Urtheil zutreffend. Im Allgemeinen hätte bei
der Kanonsgefchichte mehr urkundliches Material gegeben
werden dürfen. Die zufammenhängende Mitthei-

indem letztere allein fich des hiftorifchen Charakters der
den biblifchen Disciplinen geftellten Aufgabe bewufst
bleibt und diefe Aufgabe durch Anwendung einer ent-
fprechenden gefchichtlichen Methode zu löfen fucht.
Auch die Kenntnifs der einfchlägigen. Literatur ift bei
B. eine viel reichere und genauere als bei Fulliquet,

hing der wichtigeren Texte in extenso ift auch für die j welcher fich damit begnügt, in den Anmerkungen die
erfte Orientirung kaum zu entbehren. Namen feiner Gewährsmänner anzuführen, ohne jemals

Zu befonderer Freude gereicht es mir, den meiften i eine nähere Angabe des Werkes, gefchweige denn der
Refultaten Jülicher's hinfichtlich der Entftehung der ein- 1 Seitenzahl beizufügen. CharakterilVtfch fowohl für die
zelnen Schriften beiftimmen zu können. Er ift gegenüber j hier angezeigten franzöfifchen Schriften als für den von
manchen neueren Kritikern verhältnifsmäfsig confervativ. ihnen fo häufig citirten deutfchen Theologen ift die
Von den paulinifchen Briefen werden nur die Paftoral- : grofse Bedeutung, welche von F. und B. den biblifch-
briefe entfchieden dem Apoftel abgefprochen und ihre 1 theologifchen Schriften Beyfchlag's beigelegt wird; nicht
Entftehung um 125 n. Chr. angefetzt (S. 126). Als wahr- ! nur ift der von letzterem vertretene Standpunkt dem
fcheinlich wird die Echtheit des zweiten Theffalonicher- ! der beiden franzöfifchen Werke durchaus verwandt, auch
briefes (S. 40fr.) und des Colofferbriefes (ohne Inter- ; die fchriftftellerifchen Eigenthümlichkeiten der Bey-
polation S. 89—91) bezeichnet, als möglich felbft die des 1 fchlag'fchen Darfteilung erklären diefe Congenialität. In-
Epheferbriefes (S. 91—97). Entfchieden fpricht fich deffen verdient auch hier das Buch Bovon's den Vorzug
Jülicher gegen die Zerftückelung des zweiten Korinther- ; vor dem Werke Fulliquet's. Diefer ergeht fich oft in
briefes (S. Ö2ff.) und des Philipperbriefes (S. 81 f.) aus. 1 breiten Ausführungen, und läfst auch in der Anlage des
Vorfichtig äufsert er fich über das Problem der Apoka- ! Ganzen fowie in der Gruppirung des Einzelnen die
lypfe (S. 181—183). Er hält fie für ,das Buch eines '■■ erforderliche Beftimmtheit und Schärfe vermiffen.
Chriften um 95, der an mehreren Stellen ältere apoka- Nach einer dem Selbftbewufstfein und dem Zeugnifs

lyptifche Stücke, einigermafsen zurecht genutzt, mit auf- f Jefu gewidmeten einleitenden Unterfuchung, gliedert
nahm. Ob diefe älteren Stücke einer oder mehreren ' Fulliquet den neuteftamentlichen Lehrftoff in drei
Apokalypfen angehörten, und ob fie jüdifchen oder Hauptgruppen, oder genauer, er unterfcheidet drei
chriftlichen Urfprungs find, wird abfolut ficher vielleicht Hauptauffaffungen des Chriftenthums, die hiftorifche
nie entfchieden werden können' (S. 182). In der fynop- I die pfychologifche und die myftifche. Unter den
tifchen Kritik folgt er der Zwei-Quellen-Hypothefe (S. 215, i erften allerdings etwas unklaren und nicht gerade