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Ausgabe:

1895

Spalte:

58-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thikötter, Julius

Titel/Untertitel:

Jugenderinnerungen eines deutschen Theologen 1895

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 2.

erften Bande: dafs das Werk den Gebildeten, nicht den
Gelehrten, beftimmt fei, jenem Mittelftand zwifchen den
Ungebildeten und den Gelehrten. So wird jenem Vorwort
gemäfs auf felbltändige Unterfuchung verzichtet;
die Ergebnifse der Wiffenfchaft werden in allgemein
verftändlicherForm vorgetragen. Eine verfchiedeneHöhenlage
wird dadurch nicht ausgefchloffen; Hartfelder, der
die Erziehung und den Unterricht im Zeitalter des Humanismus
behandelt, fchreibt für Höhergebildete, während
Gundert für feine Darfteilung der Reformation ein
geringeres Mafs der Bildung bei feinen Lefern vorausfetzt
. Jener empfindet die Beftimmung des Werkes als
unliebfamen Zwang; Bemerkungen wie: ,der Raum und
Plan des Werkes geftattet es leider nicht, näher darauf
einzugehen', ,es genügt hier', ,kurz zu erwähnen' u. dgl.
wiederholen fich häufig, während Gundert von folchem
Zwang nichts merken läfst. Diefe zweite Abtheilung des
2. Bandes wird durch eine Abhandlung von Dr. G. Schmid
über die vier grofsen proteftantifchenRectoren des 16.Jah.rh.
und ihre Schulen, nämlich V. Trotzendorf, J. Sturm, M.
Neander und H. Wolf befchloffen. Es find werthvolle,
mit grofser Exactheit gearbeitete Charakteriftiken, in
denen jedoch das Intereffe rein philologifcher Didaktik vorwiegt
. Damit fcheint mir der Gefichtspunkt der Gemein-
verftändlichkeit in den Hintergrund getreten zu fein; die
Abhandlungen find nicht für ,die Gebildeten', fondern für
,die Gelehrten' beftimmt. Derfelbe rein wiffenfchaftliche
Charakter ift fortan vorherrfchend, fowohl in der erften
Abtheilung des zweiten Bandes, wie in dem ganzen
dritten Band. Wir haben infolge deffen zu gutem Theil
wiffenfchaftlich bedeutfame Arbeiten erhalten, deren forg-
fältiges Studium reich belohnt wird; die ganze zweite
Abtheilung des dritten Bandes, welche die Lebensbilder
von VV. Ratke, J. H. Alfted, V. Andreae und J. A.Comenius
enthält, ift infonderheit hervorzuheben. Der verlaffene
Gefichtspunkt der Gemeinverftändlichkeit tritt in II, 1 nur
in dem vor 1889 von G. Baur bearbeiteten Abfchnitte
über die chriftliche Erziehung in ihrem Verhältnifs zum
Judenthum und zur antiken Welt (S. 1—93) und über
jüdifche und muhammedanifche Erziehung (S. 549—611)
wieder zu Tage.

Zu den einzelnen Abfchnitten des Werkes feien folgende
Bemerkungen geftattet: II, 1 (1892) beginnt mit der
frifch und geiftvoll gefchriebenen Abhandlung von G.
Baur, die foeben citirt wurde. Aus der Literaturangabe
geht hervor, dafs fie vor 1886 gefchrieben ift; denn
Schürer's neuteft. Zeitgefchichte ift nur in der erften Auflage
1874 benutzt. In dem Abfchnitt: Die amtliche Erziehung
und Unterweifung zum chriftlichen Glauben und
Bekenntnifs folgt Baur den Arbeiten v. Zezfchwitz', ohne
die Correcturen derfelben in J. Mayer: Gefchichte des
Katechumenats und der Katechefe in den erften 6 Jahrh.
(1868) und die Abhandlung von Funk in der Tüb. th.
Quartalfchrift 1886 zu beachten. Irrig ift die Bemerkung
S. 12, dafs der Ausfpruch des Hillel: ,was dir unlieb ift,
thue auch deinem Nächften nicht' in Mt. 7, 12 ,faft in
derfelben Geftalt' wiederkehre; Hillel wiederholt nur das
Verbot Tob. 4, 16 (vgl. Sir. 31, 16), während Mt. 7, 12 ein
pofitives Gebot gegeben ift. — Der erfte Abfchnitt ,Die
Erziehung im Mittelalter' von H. Mafius zeichnet fich
durch eine höchft glückliche Verbindung des Biographi-
fchen mit der fachlichen Darfteilung aus. Merkwürdiger
Weife ift wohl Rettberg's, aber nicht Hauck's Kirchen-
gefchichte Deutfchlands benutzt. Die fchöne Begeifterung
des Verfaffcrs für feinen Gegenftand verleitet ihn, das
Ritterwefen des Mittelalters in romantifcher Färbung
vorzuführen; die wenig erbauliche Kehrfeite, wie fie z.B.
im Ritter Gavan im Parzifal uns entgegentritt, ift übergangen
. Die römifche Kirche des M.-A. erfcheint in
glänzendem Licht; die Albigenfer und Waldenfer werden
von .aufrührenfchem Geifte' getrieben, und der Cölibat,
.bereits (nicht früher?) von Gregor VII geboten', hat den
Zweck, den Geiftlichen vor der überhand nehmenden

Unzucht zu bewahren (!) und ihn der irdifchen Welt zu
entheben. — Der folgende Abfchnitt, in dem O. Kaemmel
die Univerfitäten im Mittelalter behandelt (S. 334—548)
ift mit minutiöfer Genauigkeit, faft zu ausführlich in
Nebendingen gearbeitet; das Thema: die Gefchichte der
Erziehung tritt darunter wohl zu fehr zurück.

Mit überreichen Literaturangaben eröffnet K. Hartfelder
II, 2 feine Darfteilung der Erziehung und des
Unterrichts im Zeitalter des Humanismus (S. 1—150).
Es redet eine Autorität erften Ranges über den anziehenden
Gegenftand. Nicht in der Schlufsbetrachtung
(S. 135 f.), wohl aber in der Abhandlung drängt fich allerdings
(befonders in der Betonung des fittlichen und nicht
kirchenfeindlichen Charakters der italienifchen Huma-
niften) die Frage auf, ob die Liebe zur Sache nicht bisweilen
das Auge getrübt habe. E. Gundert, der die
Reformation behandelt, giebt unter dem Titel: .Quellen'
eine leider ziemlich lückenhafte Literatur; weder die
Arbeiten von Buddenfieg über Wiklif, noch die von Karl
Müller über die Waldenfer, noch die von Meyer und
Prinzhorn oder die von Keferftein über Luther's Pädagogik
find angegeben; ftatt Lommatzfch ift Lomatzfch
genannt, und faft bei keinem Buch ift das Jahr feines
Erfcheinens notirt. Die Darfteilung felbft fcheint mir nicht
dadurch gelitten zu haben. Mit befonderem Dank ift der
Abfchnitt über die fchweizerifche Reformation zu be-
grüfsen: die Unbefangenheit, die fich in der Würdigung
Zwingli's und Calvin's kund thut, ift leider feiten genug.—
Von den Schlufsabhandlungen in II, 2 über die vier grofsen
proteftantifchen Rectoren des 16. Jahrh. ift oben bereits
berichtet worden. — In III, 1 (S. 1 —109) giebt G. Müller
eine Darftellung der jefuitifchen Pädagogik im 16. Jahrh.
Das Bemühen, denjefuiten gerecht zu werden, ift gewifs
anerkennenswerth; allein die Objectivität der Darftellung
darf nicht zur Urtheilslofigkeit ausarten, ein Mangel, der
hier vornehmlich, aber auch in andern Abfchnitten des
Werkes, befonders wo es fich um die römifche Kirche
handelt, auffallend hervortritt. Vielleicht bringt einer
der noch zu erwartenden Bände die jefuitifche Pädagogik
auch im 17. bis 19. Jahrh.; es würde uns freuen, wenn
das Rückgrat bis dahin erftarkt wäre. — Der vorzüglich
gefchriebenen Darftellung des Bildungswefens in Frankreich
im 16. Jahrh. von E. v. Sallwürk (S. 110—255;
M. de Montaigne S. 208—255 hat G. Schmid bearbeitet)
fchliefst fich die in gleicher Gründlichkeit, in philologifcher
Akribie und mit rein philologifchen Intereffen
gearbeitete Darfteilung des Schulwefens in England im
16. und 17. Jahrh. von G. Schmid an (S. 256—439; den
letzten Abfchnitt über Fr. Bacon S. 410 f. danken wir
K. Sandberger). — III, 2 ift den ,pädagogifchen Neuerern'
W. Ratke und J. A. Comenius mit feinen Vorgängern
J. H. Alfted und J. V. Andreae gewidmet; A. Israel, G.
Schmid und J. Brügel führen fie uns in forgfältigfter
Arbeit und weitfichtigem Verftändnifs vor. —

Wir hoffen, dafs die Fortfetzung und Vollendung
der .Gefchichte der Erziehung' nicht zu lange auf fich
warten läfst. Auch fernerhin Werden fich einige Ungleich-
mäfsigkeiten, die durch die Verfchiedenheit der Mitarbeiter
hervorgerufen werden, nicht vermeiden laffen;
die grofsen Vorzüge des Werkes, die wir der hervorragenden
Tüchtigkeit der Mitarbeiter zu verdanken haben,
werden — fo dürfen wir hoffen — auch in der Fortfetzung
nicht vermifst werden.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Jugenderinnerungen eines deutschen Theologen. Bremen,
Heinfius Nachf., 1894. (V, 278 S. 8.) M. 4. —; geb.

M. 5. -r

Das Incognito, in welches fich der Verfaffer des vorliegenden
Buches hüllt, ift durchfichtig genug, und wohl
auch nicht fo ftreng gemeint, dafs er es für indiscret