Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895 Nr. 2

Spalte:

52-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Christ, Paul

Titel/Untertitel:

Die sittliche Weltordnung 1895

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

5i

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 2.

5-'

Paulus ,befchuldigt, er habe griechifche Philofophie in
das Evangelium eingemifcht' (S. 29). 3) Es ift eine völlig
verkehrte Auffaffung, dafs Ritfehl Gott als ,Poftulat'
geltend mache, damit der Menfch gegenüber der Welt
fich behaupten könne (S. 74).

Endlich fallen zwei auffällige Schnitzer wohl dem
Herausgeber zur Laft, der es mindeftens bei der Correc-
tur des Buches nicht hätte überfehen dürfen, dafs Schleier-
macher's Vater nicht, wie S. 57 zu lefen fteht, aus Ober-
heffen, fondern aus Oberkaffel in der Rheinprovinz
,ftammte', und dafs der im Inhaltsverzeichnifs richtig als
Julius Müller bezeichnete berühmte Theologe im Text
vielmehr immer fälfehlich Joh. Müller genannt wird.

Bonn. O. Ritfchl.

Mielke, Diak. Gfr., Das System Albrecht Ritschl's, darge-
ftellt, nicht kritifirt. Bonn, Marcus, 1894. (60 S. 8.)

M. 1.20

Von der gefammten bisherigen Literatur über A.
Ritfchl's Theologie unterfcheidet fich die vorliegende
Schrift dadurch, dafs fie gefliffentlich von jeder günftigen
oder ungünftigen Kritik abfieht und lediglich eine ,objec-
tive Darftellung des Ritfchl'fchen Syftems' erftrebt. In
diefer fchriftftellerifchen Abficht fieht der Verf. das
Recht feines Unternehmens. Es kommt ihm nicht darauf
an, ,eine Art Auszug aus den Werken Ritfchl's' darzubieten
, fondern ,ein möglichft deutlich hervortretendes
Gefammtbild feiner theologifchen Anfchauungen'. Dabei
glaubt der Verf., ,kein für den Zufammenhang des Syftems
wefentliches Moment übergangen zu haben'. Doch hat
er ,nur bei den wichtigften Punkten die Motivirungen der
Sätze Ritfchl's' mitgetheilt, um nicht ,durch zu weit ausgeholte
Auseinanderfetzungen die Deutlichkeit der Gedankenverbindungen
zu beeinträchtigen'. Er felbft erklärt
, er fei .weder Ritfchlianer noch Gegner Ritfchl's'.
Im Einzelnen vermöge er fich nur feiten mit Ritfehl
einverftanden zu erklären, doch fcheine ihm deffen Theologie
,durch Geltendmachung gewiffer allgemeiner Grundgedanken
, von welchen fie durchdrungen wird, einegrofse
Zukunft zu haben. Hier werden auch die anderen theologifchen
Richtungen von Ritfehl lernen müffen'. Die
Aufgabe, die fich der Verf. geftellt hat, ift alfo durch be-
ftimmte Grenzen umfehrieben, indem es ihm mehr darauf
ankam, das theologifche Syftem Ritfchl's im Zufammen-
hange darzuftellen, als die Gründe für die Löfung der
theologifchen Probleme zu entwickeln, die in jenem
Syftem gegeben wird. Dadurch ift es bedingt, dafs die
biblifch-theologifchen und dogmengefchichtlichen Anflehten
Ritfchl's, auf die diefer felbft als für fein Syftem
grundlegend mehr Gewicht gelegt hat, als auf feine er-
kenntnifstheoretifchen Anfchauungen, nur theilweife und
fragmentarifch zur Sprache gebracht werden. Dennoch
hat diefe Befchränkung, die fich der Verf. auferlegt, aus
dem Grunde, den er dafür angiebt, durchaus ihr gutes
Recht. Denn die Ueberfichtlichkeit der Darftellung, die
ihm vor Allem wichtig war, hätte nur darunter leiden
können, wenn diefe häufig durch Excurfe in die biblifche
Theologie und die Dogmengefchichte unterbrochen worden
wäre. Innerhalb jener Grenzen hat aber der Verf.
feine Aufgabe meifterhaft gelöft. Er beherrfcht den Stoff
vollkommen, und auch manche Anhänger Ritfchl's könnten
hierin von ihm lernen. Mir ift nirgendwo ein Mifs-
verftändnifs der Anfchauungen Ritfchl's aufgefallen. Auch
der Zufammenhang des Ganzen und deffen einzelner
Glieder unter einander ift in guter Ordnung und richtig,
wenn auch nicht überall ganz gleichmäfsig wiedergegeben.
Denn zum Theil find einzelne Gegenftände, z. B. das
Schuldgefühl (S. 33), reichlich knapp behandelt worden.
Auch vermiffe ich die Lehre von dem Gewiffen, die
Ritfehl in einer von dem Verf. nirgends citirten felb-
ftandigen Arbeit (über das Gewiffen. Ein Vortrag. Bonn

1876) entwickelt hat, und die in mehrfacher Hinficht für
feine gefammte Theologie bedeutfam ift. Von der ein-
fchlägigen Literatur fcheint dem Verf. der vortreffliche
Auffatz von Traub über Ritfchl's Erkenntnifstheorie(Zeit-
fchrift für Theologie und Kirche, Bd. 4, S. 91 ff.) noch
nicht bekannt geworden zu fein. Doch foll durch diefe
Bemerkungen das grofse Verdienft des Verf.'s in keiner
Weife gefchmälert werden. Ich halte neben jener, ein
völlig anderes Ziel verfolgenden Abhandlung von Traub
die Schrift von Mielke für das Befte, was bisher über
Ritfchl's Theologie gefchrieben ift. Anfängern wird allerdings
ihr Studium wegen der gedrängten und mancherlei
Kenntnifse vorausfetzenden Darftellung kaum weniger
Schwierigkeiten bereiten, als dasjenige der leichter ver-
ftändlichen unter Ritfchl's eigenen Schriften, und auch
weiter Vorgefchrittene werden manche Ausführungen bei
Mielke erft völlig begreifen, wenn fie diefelben Gedanken
in der eingehenderen und vollftändigeren Entwicklung
bei Ritfehl weiter verfolgen. Aber auf 54 Seiten netto
hätte Niemand mehr und Befferes bieten können, als es
der Verf. gethan hat. Indem ich daher Jedem, der in
aller Kürze eine zuverläffige und überfichtliche Kenntnifs
von Ritfchl's Theologie gewinnen will, die vorliegende
Schrift ausdrücklich empfehle, fcheide ich felbft von
diefer mit dem wärmften Dank, den ich dem mir perfön-
lich völlig unbekannten Verf. öffentlich auszufprechen
mich um fo mehr gedrungen fühle, als der Wuft von
Thorheit und Uebelwollen, mit dem das Andenken meines
feiigen Vaters von feinen Gegnern noch immer mehr und
mehr belaftet wird, in den letzten Jahren fchier ins Un-
ermefsliche angefchwollen ift.

Bonn. O. Ritfchl.

Christ, Prof. Dr. Paul, Die sittliche Weltordnung. Eine von
der Haager Gefellfchaft zur Vertheidigung der chrift-
lichen Religion gekrönte Preisfchrift. Leiden, Brill,
1894. (IX, 153 S. gr. 8.) M. 2.50

Die Haager Gefellfchaft hatte für das Jahr 1891 das
Thema zur Bearbeitung geftellt: ,Was hat man zu verliehen
unter fittlicher Weltordnung? Auf welchen Gründen
ruht ihre philofophifche Anerkennung? Und in
welcher Beziehung fteht diefe Anerkennung zu dem reli-
giöfen Glauben?' Eine nicht mit dem Preife gekrönte
Bearbeitung diefes Thema's ift von Friedrich Traub ebenfalls
unter dem Titel ,die fittl. Weltordnung' (Freiburg
i. B. 1892) publicirt worden. Die vorliegende, mit dem
Preife gekrönte Bearbeitung ift, dem Vorworte zu Folge,
eine weitere Ausführung und Begründung der Akadem.
Antrittsrede des Verf.'s, die in der ,Theol. Zeitfchrift aus
der Schweiz' 1889 veröffentlicht ift.

Der Gedankengang unteres Verf.'s ift in den Hauptpunkten
folgender. Er betrachtet die fittl. Weltordnung
zuerft infofern, als fie die unendliche Norm für den
Willen des endlichen menfehlichen Geiftes bedeutet. Die
fittl. Weltordnung in diefem Sinne ift identifch mit dem
Sittengefetze. Den Inhalt diefes Sittengefetzes leitet er
mitteilt Vernunftthätigkeit aus dem wahren Wefen des
Menfchen, feiner Geiltesnatur, unter gleichzeitigem Aufblick
zu der Idee des Guten felbft ab. Neben diefem
Wege zur Erfaffung des Sittengefetzes giebt es ,gluck-
licherweife' noch einen anderen Weg, welcher auch denen
offenfteht, deren Sache eine reine, vollbewufste Vernunftthätigkeit
nicht ift: nämlich das Gewiffen. Zweitens aber
bedeutet die fittl. Weltordnung die unendliche Macht,
durch welche für die Durchführung der Forderungen des
Sittengefetzes geforgt wird. Durch den Beftand einer
folchen fittl. Weltordnung als Macht ift das Vorhandenfein
des Böfen in der Welt nicht ausgefchloffen; aber es
wird durch fie bewirkt, dafs das Böfe feine Strafe, das
Gute feinen Lohn empfängt, das Böfe vermindert und
vernichtet, das Gute gefördert und erhalten wird. Diefes