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Ausgabe:

1895 Nr. 26

Spalte:

672-676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frantz, Erich

Titel/Untertitel:

Geschichte der christlichen Malerei. 1. Thl. Von den Anfängen bis zum Schluß der romanischen Epoche 1895

Rezensent:

Ficker, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 26.

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jenes behauptete göttliche Sein und Wirken ein wirkliches
ift, wenn jene gefchichtlichen Thatfachen wirklich
das find, als was fie in der Schrift bezeugt und in der
Chriftenheit anerkannt werden: Gottes- und Heilsthat-
fachen, fo muffen fich auch die ihnen entfprechenden I
Wirkungen wahrnehmen und erfahren laffen, und zwar j
von uns felbft. Infofern ift es durchaus richtig, wenn
Frank in dem inneren Erfahrungsbeftande, deffen fich J
der Chrift bewufst ift, die Gewifsheit des Chriftenthums
begründet fieht. Fraglich kann nur fein, ob das Ganze,
was er als Entfaltung des Inhalts und der Voraus-
fetzungen diefes chriftlichen Erfahrungsbeftandes hinftellt,
wirklich nur eine einfache Entfaltung ohne fremdartige
Zuthat oder verkehrte Folgerungen ift und ob dem-
gemäfs durch diefen perfönlichen Erfahrungsbeftand des
Chriften die Gewifsheit des biblifch-dogmatifchen Chriftenthums
wirklich in dem ganzen Umfange, in welchem j
Frank es meint, begründet ift.

Was ferner die fchwierige und doch unerläfsliche
Kritik der h. Schrift anlangt, fo fordert E., dafs fie unter
,heilsgefchichtlichem Gefichtspunkte' gefchehe, mit der i
bewufsten Vorausfetzung, dafs es fich hier um eine ein- '
zigartige, wunderbare, göttliche Heilsgefchichte handele.
Aber welches ift nun die richtige Vorftellung von der
Heilsgefchichte, welche bei der Aufftellung diefes leitenden I
Gefichtspunktes geltend fein foll? Hier kommt man,
foviel ich fehe, wieder auf einen Cirkel hinaus. Man
könnte erft aus der richtig verwendeten und verftandenen
h. Schrift die richtige Erkenntnifs der wirklichen Heils- !
gefchichte gewinnen. Aber zum Zwecke der richtigen
Beurtheilung und Erklärung der h. Schrift mufs man
fchon eine Vorausfetzung über das, was ,heilsgefchicht-
lich' ift und was zum Wefen der Heilsgefchichte pafst,
mitbringen. So wird es praktifch darauf hinauskommen, j
dafs fich ein Jeder feinen ,heilsgefchichtlichen Gefichts-
punkt' je nach dem ,Wefen des Chriftenthums', das er
in fich vorfindet, feftftellt, — und dann ift es wieder
felbftverftändlich, dafs er die ,Poftultate', die er aus jenem
,Wefen des Chriftenthums' entwickelt, beftätigt findet
durch die Schrift, wie er fie von feinem heilsgefchicht-
liehen Gefichtspunkte aus kritifirt und erklärt. Zu einem
objectiven Mafsftabe für die Erkenntnifs des Wefens des ;
Chriftenthums, für die Beurtheilung der h. Schrift und die j
Feftftellung ihres Offenbarungsgehaltes, und für die Kritik
des eigenen, perfönlichen Chriftenthums kommt man auf
jenem Wege nimmermehr. Solchen objectiven Mafsftab
hat man nur in dem Evangelium Jefu Chrifti felbft, in
feiner religiöfen Verkündigung, die er felbft und im An-
fchlufs an ihn feine Gemeinde als die vollkommene
Gottesoffenbarung beurtheilt. Bei der Erhebung diefes
Evangeliums aus den in der h. Schrift gegebenen Urkunden
können im Einzelnen Schwierigkeiten obwalten
und Irrthümer unterlaufen. Das Wefentliche diefes Evangeliums
ift uns doch fo gut und klar bezeugt, dafs feine
Auffaffung nicht von fubjectiver Willkür abhängt. Und
auch der Streit über jene Schwierigkeiten und Irrthümer
ift nicht der fubjectiven Willkür uberlaffen, fondern ift
eine Sache der gewiffenhaften und verftändigen ge-
fchichtlich-kritifchen Forfchung.

Jena. H. H. Wendt.

Kölling. D. Wilh., Pneumatologie oder die Lehre von der
Perfon des heiligen Geiftes. Gütersloh, Bertelsmann,
1894. (XXIV, 368 S. gr. 8.) • M. 6.—

Obwohl der Verf. auf den Vorwurf gefafst ift, er
hätte lieber an der Detailarbeit zum Ausbau der Lehre
von der Verbal-Infpiration der hl. Schrift fich weiter be- [
theiligen follen, ehe er ein neues dogmatifches Gebiet [
betrete, fo hält er doch diefe feine ,Pneumatologie' für I
eine unentbehrliche Ergänzung feiner Schrift von der
,Theopneuftie'. ,Glaubt Jemand nicht wirklich und von

ganzer Seele an den heiligen Geift als an die dritte
Perfon der Trinität, ift ihm der heilige Geift eine blofse
Kraft Gottes, fo kann er auch nicht an eine wirkliche
Infpiration glauben, und wenn er dennoch an fie zu glauben
meint, fo giebt er fich einer gefährlichen Selbft-
täufchung hin, wenigftens kann niemals fein Infpirations-
glaube feft umfehriebene Formen erhalten.' ,Ob unferer
Schrift ein theologifcher Werth innewohnt, darüber wird
die Kritik zu befinden haben, aber eine Ehre nehmen
wir vorweg für fie in Anfpruch: zeitgemäfs ift fie
ficherlich; denn indem fie den auetor primarms der Schrift
in feiner ganzen Gottesherrlichkeit bezeugt, liefert fie zur
Löfung der brennendften theologifchen Lebensfrage unfrer
Tage, zur Infpirationslehre, einen zwar indirecten, aber
doch Marken Beitrag'.

Der Inhalt der Schrift ift in 10 Thefen zufammen-
gefafst, von denen eine mitgetheilt werden mag: Thefe 7:
,Bei dem Erweife, dafs der heilige Geift eine Perfon ift,
wird (die gläubige lutherifche Theologie) zuerft forgfältig
den exegetifchen Nachweis zu erbringen haben, dafs alle
Lebensbewegungen des heiligen Geiftes durch Zeitwörter
ausgedrückt werden, die überhaupt nur mit Bezug auf
eine Perfon Sinn haben. Das gilt 1. von den äufseren
Bewegungen des heiligen Geiftes a) Joh. 15, 26 iy.no-
Qtveoii-cti. b)Matth. 3,16 v.malatvtiv. cjActor. 2,3 xa&l&ir.
d) Rom. 8, 14 ayen: Joh. 16, 13 oÖrjyeiv. 2 Petr. 1, 21
(fitgtiv. Das gilt aber auch 2. von den geiftigen und geift-
lichen Actionen, Functionen und Paffionen des heiligen
Geiftes a) Die Aktionen: 1 Kor. 2, 10 eqsvvüv. Joh.
16, 13 avayyeXXeiv. Rom. 8, 16 ovfificeQZVQeiv. b) Die
Functionen: Joh. 16, 14 doj-dCeiv. Joh. 16, 8 iteyyßiv.
Rom. 8, 25 aivavxLXanßavt-6i)-ai und V7C£Qevzvy%aveirm
c) Die Paffionen: Ephef. 4, 10 Xvneiv. Das tritt endlich
hervor: 3. in der fcharfen Abgrenzung zwifchen dem
Perfonellen und dem Virtuellen in Luk. 1, 35: a) 7t;vav/.ia
ayiof sne'LsvasTai loti an. b) xert övvauig vtfJlOTOV
hiiav.Luam ooi1. In diefem Stile geht es weiter. Wird
fich wohl die ,gläubige lutherifche Theologie' dazu aufraffen
, einen folchen fie compromittirenden, in widerwärtiger
Pofe fich fpreizenden Unfinn fo abzufertigen,
wie er es verdient? Die ernfthafte Theologie kann in
fich mancherlei Geifter ertragen, aber nicht den Geift,
der fich von vorn herein weigert, von der wiffenfehaft-
lichen Arbeit vergangener und gegenwärtiger Generationen
irgend welche Belehrung anzunehmen. Das bedeutet
heute foviel wie eine Verleugnung der Wahrheit.
Unfere Stimme wird ja verhallen, wenn wir dies Buch
mit der richtigen Charakteriftik verfehen, um fo mehr ift
es nothwendig, um der Wahrheit und um der bethörten
Gemeinden willen, dafs die fogenannte bekenntnifstreue
Theologie eine entfehiedene Stellung einnehme zu diefen
Dingen, die doch nun einmal unter ihrer Flagge verübt
werden.

Marburg. J. Weifs.

Frantz, Prof. Dr. Erich, Geschichte der christlichen Malerei.

1. Thl. Von den Anfängen bis zum Schlufs der roma-
nifchen Epoche. Freiburg i/B., Herder, 1887. (X, 575 S.
gr. 8.) M. 8. 50; geb. M. 1 1. —

— dasfelbe. 2. (Schlufs-)Thl. Von Giotto bis zur Höhe
des neueren Stils. Ebd., 1894. (VII, 950 S. gr. 8.)

M- 13- 50; geb. M. 16. 50

— dasfelbe. Bilder dazu. 2 Thle. Ebd. 1888. 1894. (44 'l'af.
m. 2 S. Text u. 72 Taf. m. 9 S. Text. gr. 8.) M. 8. —

Wie bei dem neuen frifchen Auffchwunge am Anfange
des Jahrhunderts, fo ftehen fich an feinem Ausgange
in der religiöfen Kunft die Gegenfätze mit be-
fonderer Schroffheit gegenüber. Sie find an fich fchon
hier verfchärft, wo doppelte Intereffen fich mit einander
verflechten, wo in dem Kunltwerke gewiffermafsen zwei