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Ausgabe:

1895 Nr. 24

Spalte:

621

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delehaye, Hippolyte

Titel/Untertitel:

Vita Sancti Nicephori Episcopi Milesii saeculo X 1895

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Seite 1

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621 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 24. 622

m. E. im Wefentlichen recht, z. Th. aber fcheint er mir
zu unbedingt zu idealifiren.

Die Urtheile über Seneea haben, worüber der erfte
Abfchnitt des Buches reiche Nachweife giebt, von feiner
eigenen Zeit an bis auf die unfrige, fich zu Th. in fchroffen
Gegenfätzen bewegt, und auch der vorliegenden Dar-
ftellung wird es fchwerlich gelingen, die Urtheile zu vereinigen
; aber das darf man wohl fagen, dafs der Philo-
foph feiten eine fo tief eindringende und nach beiden Seiten
hin unbefangene Würdigung gefunden hat. Jeder, der
künftig über den merkwürdigen Mann fich orientiren will,
wird ganz befonders B.'s Auseinanderfetzungen zu beachten
haben, wie auch Keiner, der die fittlichen Zuftände
wie fie das Chriftenthum in der Heidenwelt vorfand,
gründlich verftehen will, an diefem Buche wird vorübergehen
dürfen.

An ein paar Stellen finden fich Fehler, die nicht
fowohl Druckfehler zu fein, als in einer ftellenweifen
Undeutlichkeit des urfprünglichen Manufcripts ihren
Grund zu haben fcheinen. So kann S. 6 Z. 13. 14 v. o.
,der fiegreiche Widerftand' nicht richtig fein, da fowohl
der Zufammenhang wie die Ausführungen B.'s an andern
Stellen es ausfchliefsen, dafs er Seneca's Widerftand
follte als fiegreich bezeichnet haben. Ebenfo wenig kann
S. 102 B. die Stelle aus dem Prolog zu B. IV der quaestt.
iiatitr.-. eo enim tat» dementiae venimus etc. überfetzt

haben:.....dafs wer nur mäfsig hohnlächelt, bereits

als ein römifcher (!) Feind betrachtet wird. Vielleicht:
wer nur mäfsig fchmeichelt, als ein höhnifcher Feind b.
w. Doch find dies vereinzelte Fälle, im ganzen hat der
Herausgeber, foweit fich ohne Kenntnifs des von Baumgarten
hinterlaffenen Manufcriptes urtheilen läfst, feine

Stockmeyer, weil. Prof. Antiftes D. Imman., Homiletik.
Vorlefungen. Hrsg. von Pfr. Karl Stockmeyer.
Bafel, Reich, 1895. (XII, 290 S. gr. 8.) M. 4. 80

Die zahlreichen Schüler und Freunde des am 15.
November 1894 in hohem Lebensalter in feiner Vater-
ftadt Bafel heimgegangenen Antiftes der Basler Kirche
und Profeffor an der Univerfität, D. Immanuel'Stockmeyer
, empfangen aus der Hand feines Sohnes die
Vorlefungen über Homiletik, die der Verewigte zwölfmal
den Studirenden vorgetragen hat. .Es ift fomit eine
reife Frucht langjähriger theoretifcher und praktifcher
Thätigkeit des Verewigten auf homiletifchem Gebiet,
was wir in der Herausgabe diefer Vorlefungen darbieten
', fagt das Vorwort mit Recht.

Das Bedenken gegen die Herausgabe eines Opus
postliumum, das der Verfaffer nicht druckfertig hinter-
laffen hat, ift gleichwohl auch diefem Werk gegenüber
nicht zu befchwichtigen, und die Frage drängt fich auf,
ob wirklich das Unternehmen der Pietät dem Verfaffer
ein Dienft der Liebe geworden ift. Im Anfchlufs an
AI. Schweizer wird die Homiletik in principielle,
materiale und formelle eingetheilt; aber während die
principielle auf 16 Seiten, die materiale auf 21 Seiten
abgethan wird, umfafst die formelle Homiletik 251 Seiten
; der materiale Theil fchliefst mit den Worten:
,Unfere eigentliche Aufgabe jedoch ift der formelle
oder methodologifche Theil'. Somit find die Vorlefungen
gar nicht als vollftändige Homiletik gedacht, und der
Titel müfste, damit er nicht irre führe, jedenfalls formelle
Homiletik' lauten. — Das wahrfcheinlich vom
Herausgeber herrührende Inhaltsverzeichnifs gliedert die

Aufgabe in fehr anerkennens- und dankenswerther Weife j einzelnen Theile genau; allein in dem Text des erften
gelöTt. I und zweiten Theils ift von einer Gliederung nichts zu

Berlin. Deutfch.

Delehaye, Hippolyte, S. J., Vita Sancti Nicephori Episcopi

Milesii saeculo X. [Aus: ,Analecta Bollandiana'.] Brüffel,
[Hipp. Delehaye], 1895. (S. 129—166. gr. 8.)

Diefe Vita ift herausgegeben nach einem Parifer
Codex des 12. Jahrh., der allein als Original gelten darf.
Die Handfehritt ift zwar unvollftändig, doch enthält fie
das ganze Leben des Heiligen; nur die Wundererzählungen
fehlen bis auf eine. Der Verf. der Vita ift fo gut als
unbekannt. Wir willen nicht viel mehr, als dafs er aus
Sicilien ftammte. Immerhin war er Zeitgenoffe des Nike-
phoros. Der Charakter feiner Schrift ift der des Pan-
egyrikus. Der Text ift mit der Sorgfalt und mit der
reichen Gelehrfamkeit herausgegeben, die wir an dem
Herrn Verfaffer gewohnt find.

Nikephoros ftammte als Galatien, von guten und
frommen Eltern. Unter Romanos dem Aelteren kam er
nach Conttantinopel in die Anftalt des Mofeles, über die
wir in einem Excurs am Ende des Buchs belehrt werden.
Später zum Priefter geweiht, nahm Nikephoros unter
dem Kaifer Phokas Theil an dem Feldzuge nach Sicilien,
wo er die Niederlage des kaiferlichen Heeres vorausfah,
wie dergleichen meiftens von den Heiligen der Zeit erzählt
wird. Unter Phokas wurde er auch Bifchof von
Milet. Er hielt es aber nicht lange im Kirchendienft aus,
fondern nahm das Mönchsgewand, zuerft auf dem Berge
Latros, deflen Klöfter damals fehr florirten. Dann war
er eine Zeit lang Anachoret und fcheint endlich nach
einander mehrere Klöfter an anderen Stellen gegründet
zu haben, deren geographifche Lage jedoch nicht genau
zu beftimmen ift. In allen Situationen zeichnete fich Nikephoros
aus durch die höchfte Askefe, Mildthätigkeit,
Gottvertrauen und auch durch die Gabe der Prophetie. —

Man ficht, ein echtes Mönchsleben, nicht gerade befonders
hervorragend, aber intereffant, weil es wahrheitsgetreu
erfcheint.

Hannover. Ph. Meyer. ;| aber ift es als ein entfehiedener Mangel zu bezeichnen,

bemerken, und in dem Text des dritten Theils find nur
die Hauptabfchnitte kenntlich gemacht. Eine hervor-
ftechende Eigenthümlichkeit des Buches befteht in der
Fülle und grofsen Ausführlichkeit der Citate, die nach
oberflächlicher Veranfchlagung faft ein Drittel des ganzen
Werkes einnehmen. Der Herausgeber fieht darin, gewifs
mit vollem Recht, ein Zeugnifs der perfönlichen Demuth
und Befcheidenheit des Verfaffers, der ftets gerne den
Andern das Wort liefs, auch da, wo er das Betreffende
felber ebenfo gut hätte fagen können. Allein wir meinen,
unnöthig wäre es doch gewefen, diefelbe Anfchauung von
3 oder 4 feiner Autoritäten in breiten Auszügen mitzu-
theilen, wo das Citat einer Autorität genügt hätte. Es
ift der Hang zur Breite und Weitfchweifigkeit, der auch
bisweilen in der Häufung von Beifpielen fich kund giebt,
die in Ausführlichkeit dargelegt werden und doch nur
diefelbe eine Illuftration enthalten. Die Homiletiker, die
der Verfaffer citirt, find Schleiermacher, Theremin.
Cl. Harms, C. J. Nitzfeh, AI. Schweizer, AI. Vinet und
Palmer; was nach diefen gearbeitet und erarbeitet ift
von Gaupp, Th. Harnack, v. üofterzee, Steinmeyer,
A. Kraufs (deffen Name nur in Anmerkungen S. 235.
267. 273 vorkommt und nur genannt wird), H. Baffermann
, v. Zezfchwitz u. A., exiftirt für den Verfaffer
nicht, und demgemäfs werden auch alle Fragen, über
die in der neueren Homiletik Verhandlungen gepflogen
werden, von der Erörterung ausgefchloffen. Daherkommt
es, dafs man fich des Eindrucks des Veralteten kaum
zu erwehren vermag, fo trefflich manche Citate die auf-
gewiefenen Probleme behandeln, und fo willig man fich
den alten Meiftern der Homiletik zu Füfsen fetzt. Zu
dem Veralteten dürfte endlich auch die Methode zu
rechnen fein; der Verfaffer begnügt fich zu häufig
mit der Aufftellung von beftimmten Behauptungen, die
an und für fich fehr wahr und gut fein mögen, aber, weil
fie der aus der Sache gefchöpften Begründung entbehren,
eine Autorität des Verfaffers in Anfpruch nehmen, die
ohne weiteres zu überzeugen nicht vermag. Vor allem