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Ausgabe:

1895

Spalte:

602-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hackenschmidt, K.

Titel/Untertitel:

Wie werden wir unsers Glaubens gewiss und froh? Eine Rede an denkende und forschende Christen 1895

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1S95. Nr. 23.

602

fuhrt, wie Sp. bei allem Beftreben, fich in orthodoxen
Schranken zu halten, diefe überall durchbricht. Er hat
zweitens nachgewiefen, dafs das vielfach in einem Sinne
gefchieht, der direct in die eigentliche Aufklärung führt.
Dies letztere möchte ich an einem Punkt noch deutlicher
hervorgehoben fehen. Sp. hat m. E. mit der eschatolo-
gifchen Stimmung gebrochen, die bis auf ihn gilt. Seine
Hoffnung befferer Zeiten betrachtet Gr. als eine theologifche
Speculation ,von gänzlich untergeordneter Bedeutung
' (S. 470). Von dem theologifchen Detail mag
das gelten. In ihm ift Sp. — Rom = Babel f. Ritfehl
II, 1Ö8 f. — überall von orthodoxen und biblifchen Antiquitäten
umfponnen. Aber diefer Comparativ ,beffere
Zeit' ift. für alle wirkliche Eschatologie unmöglich. Man
ftelle zum Vergleich nur etliche eschatologifche Stofs-
feufzer Luther's daneben und die weite Kluft, die beide
Männer an diefem Punkte fcheidet, fpringt in die Augen.
An die Stelle der abfoluten Hoffnung ift eine relative
Betrachtung getreten. Dafs überall die Farben der
früheren Anfchauungsweife hineinfpielen, kann Niemand
wundernehmen. Dennoch lind wir auf dem Wege, der
zu einer relativ guten, wenn nicht zu einer beftmöglichen
Welt führt. Und wenigftens an zwei Punkten des Details
tritt die gründliche Verfchiebung des Zukunftbildes deutlich
hervor. Die leibliche Auferftehung der Gerechten
wird bezweifelt und der Eintritt der belferen Zeit durch
gewaltfame Unterdrückung der Gottlofen wird in Abrede
gefleht. D. h. doch die fupranaturalen Eingriffe, die fonft
dazu gehören, find in die Erwartung grofser gefchicht-
licher Ereignifse umgefetzt.

Das entfpricht ganz Sp.'s verftändigem Sinn. Die
Ablehnung aller radicalen Eschatologie fleht m. E. auf
einer Stufe mit feinem Verhalten gegen dieMyftik. Scheint
nun beides in das Lager der Aufklärung hineinzuführen,
fo find doch die pofitiven Gedanken, mit denen Sp. zu
diefem Ziele einfetzt, nicht auf diefem Boden erwachfen.
Sp.'s Anfchauung von Leben und Seligkeit (S. 466f.)
deckt fich mit derjenigen Luther's (vgl. Gottfchick,
Zt. f.Th. K. II, 171 ff. 438 ff.). Ich meine, das ift eine That-
fache von entfeheidender Bedeutung für die ganze Be-
urtheilung Sp.'s. Gr. hat fie gebührend hervorgehoben.
Mehrfach kommt er auf Sp.'s Reaction ,gegen jene ein-
feitig transcendental-religiöfe Betrachtungsweife' zurück
(S. 446. 467. 528). Aber ich habe den Eindruck, als ob
er die Bedeutung Luther's für Spener hier und anderwärts
durch Betonung andersartiger Ausfprüche des Reformators
herabzudrücken fuchte (vgl. S. 454. 522). Man tritt
aber Sp. wahrlich nicht zu nahe, wenn man diefe Abhängigkeit
von Luther kurzweg als den Schlüffel zum
Verftändnifs Sp.'s auffafst. Denn wenn man Sp. nicht
als fchöpferifchen Genius würdigen darf, fo ift feine
Fähigkeit, diefe z. Th. verborgenen oder von Anderem
überwucherten Linien in Luther's Gedankenwelt aufzudecken
, nicht in erfter Linie als Abhängigkeit, iondern
gerade als Freiheit von überlieferten Mafsftäben zu werthen.
Vgl. Sp.'s Anfchauung von der Schrift, der Taufe, der
Bufse, dem Glauben u. A. Sowohl rückwärts als vorwärts
laffen fich von hier aus die gefchichtlichen Fäden fpinnen.
Rückwärts kommen die echtlutherifchen Asketiker und
Liederdichter in Betracht. Vorwärts aber ift kein geringerer
als Zinzendorf gerade hier der Erbe Sp.'s. Man
weifs, wie in Ritfchl's Darfteilung (III, 405 ff.) die theologifchen
Anfchauungen des Grafen, die auf Luther zurückgehen
, auf den Lefer als eine gänzlich unerwartete
und auch unvorbereitete Ueberrafchnng wirken. Der
Graf felbft hat fie bekanntlich als Offenbarungen gewürdigt
. Ich erachte es nicht als das kleinfte Verdienft von
Grunberg's gewiffenhafter und fcharffinniger Arbeit, dafs
er uns in Sp.'s Lutherthum die gefchichtlich nächftliegende
Grundlage für ,Zinzendorf's Theologie' aufgewiefen hat.
Es kommt aber hier ferner die von G. Kawerau in einer
gelegentlichen Bemerkung (Chr. Welt 1891. S. 1045) betonte
Thatfache in Betracht, dafs fich der Pietismus

überhaupt durch ein gefteigertes Intereffe für Luther auszeichnet
. Dies Intereffe ift freilich im Sande verlaufen.
Die Erklärung dafür wird man abgefehen von zeitge-
fchichtlichen Verhältnifsen auch in Sp.'s Perfönlichkeit
fuchen dürfen.

Zum Schlufs erübrigt mir nur, den Verfaffer wie die
Lefer diefer Zeitfchrift für die arge Verfpätung diefer
Anzeige um Entfchuldigung zu bitten.

Rumpenheim. S. Eck.

Hackenschmidt, Pfr. Lic. K., Wie werden wir unsers Glaubens
gewiss und froh? Eine Rede an denkende und
forfchende Chriften. Dortmund, Crüwell, 1895. (45 S. 8.)

Kart. M. 1. —

Allen Chriften, für welche ihre Religion etwas Höheres
und Gröfseres ift als Gefühlserregung, Morallehre oder
ehrwürdige Ueberlieferung, allen evangelifchen Chriften,
für welche das Chriftenthum perfönliche Ueberzeugung
ift auf Grund von klar erkannten Wahrheiten und verbunden
mit der entfprechenden Gefinnung, mufs die hier
behandelte Frage eine Centralfrage von grundlegender
Bedeutung fein. Glauben ohne Gewifsheit ift ein Meffer
ohne Heft und Klinge, das heifst ein Unding, und doch

' glauben fo viele, ohne die fefte Ueberzeugung zu haben,
dafs es fo ift, was fie glauben. Der Menfch fagt: Ich
glaube an Gott, den Vater, an Jefum Chriftum, feinen
Sohn, aber innerlich heifst es: Wer weifs, ob es wahr
ift? Dafs auch unter ernften Chriften diefe Haltlofigkeit
oft zu finden ift, können wir aus verfchiedenen Symptomen
fchliefsen, aus der unter Chriften fo verbreiteten
peffimiftifchen Beurtheilung der Gegenwart, aus der in
vielen Kreifen eingeriffenen frommen Vielgefchäftigkeit,

I aus der Vergötterung von befonders begabten und be-
geifterten Menfchen, die den innerlich unficheren und
faffungslofen Glauben von aufsen ftützen müffen. Wie

| gelangen wir aus diefen Zweifeln heraus zur unerfchütter-
lichen Gewifsheit? Weder auf dem Wege der Unterwerfung
unter den Buchftaben der Bibel, denn der naive
Glaube an die göttliche Entftehung und unfehlbare Autorität
der heiligen Schrift ift dahin; noch indem wir die
Wahrheit des Flvangeliums auf unfere perfönliche Heilserfahrung
gründen, denn das ift methodiftifche Theorie
und Praxis, welche zuerft fchauen und dann glauben
will; noch endlich indem wir, wie die erften Apologeten,
die Uebereinftimmung der chriftlichen Lehre mit der
Philofophie nachzuweifen fuchen, denn diefem fatalen
Bundesgenoffen zu Gefallen, mufs man das Chriftenthum
bedeutend reduciren. Unfer Chriftenglaube, d. h. die
Zuverficht, dafs wir durch unfere Aufnahme in die chrift-
liche Kirche eingefchloffen worden find in den Gnadenbund
Gottes, beruht auf der Perfon Jefu, und zwar auf
deffen gefchichtlicher Erfcheinung, wie fie in den Evangelien
dargeftellt und bezeugt ift. Wir werden unferes
Chriftenglaubens gewifs, wenn wir unter der Wirkfamkeit
des heiligen Geiftes, durch den Eindruck, den Jefu Erfcheinung
auf uns hervorbringt, zu der Ueberzeugung
gelangen, dafs ihm zu trauen ift, dafs er wirklich das ift,
was er zu fein vorgiebt, Gottes Sohn, der Heiland, der
König des Himmelreichs. Zwar ift der hier befchriebene
Weg kein bequemer, den wir ohne Ringen und Arbeit
gehen könnten; die Arbeit aber, die dem Chriften zuge-
muthet wird, nämlich das perfönliche Bekanntwerden mit
Jefus, ift allen zugänglich ohne Unterfchied der Bildung
und des Gefchlechtes, denn fie erheifcht eine Stimmung
und Gefinnung, die felbft das Vermögen eines unmündigen
Kindes nicht überfteigt. Auch hat diefe Methode
den doppelten Vortheil, dafs fie zu einer unerfchütter-
lichen, von keiner theologifchen Kritik anfechtbaren Gewifsheit
führt, und zweitens, dafs dabei von einem todten
Glauben nicht mehr die Rede fein kann. Endlich wird
ein Jeder an fich felbft bewähren, dafs bei diefer Auf-