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Ausgabe:

1895 Nr. 23

Spalte:

598-602

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grünberg, Paul

Titel/Untertitel:

Philipp Jakob Spener. Erster Band 1895

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 23.

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offenbar auf Seite der beiden Theologen. Zu Pietfch's
Erläuterungen feien einige Bemerkungen geftattet. S. 66
hat die Nachfchrift der Predigten die römifche Spottrede
: wenn du das und das glaubft, fionus Christian esK
Pietfch fchwankt, ob Christian verfchrieben fei ffatt
Christianus oder als deutfche Form anzufehen fei. Aber
es ift ja offenbar das bekannte un buon Christian, das in
Luther's römifchen Erinnerungen eine fo grofse Rolle
fpielt: vgl. Erl. Ausg. 26'1 214. 44, 311. 318; 27, 90; 6o,
227. Lauterbach's Tagebuch S. 64. Für verfehlt halte
ich es auch, wenn er zu Luther's ,Troft zur linken feit-
ten' S. 139, 15 erläuternd fchreibt: .Offenbar fchwebt
das Bild eines Stoffes vor, der eine fchönere, für den
Gebrauch beftimmte (rechte) Seite und eine Kehrfeite
(linke Seite) hat'. Schon ein Blick auf S. 226,33 u. 227, 19
Tcntatio a sinistris, tcntatio a dextris, ferner die Erinnerung
an die Tesscradecas consolatoria, die das Bild ,zur
Rechten' und ,zur Linken' confequent durchführt, oder
an Erl. Ausg. 82 139 ff. dürfte lehren, dafs nicht in einem
Tuchgefchäft, fondern in bekannten Ausdrücken der
Bibelfprache die Erklärung diefer Redeweife zu fuchen
ift. Auch S. 426, 10 ,sumamus opera, floppen, fetzens in
die afch' fcheint mir die Erklärung von floppen als Ver-
bum .wegftopfen, verdecken, verbergen' ein Fehlgriff zu
fein. Es ift ja Bezug genommen auf 1 Cor. 3, 12. Wer
Stoppeln auf den Grund baut, deffen Zuthat (opus) verbrennt
. ,Stoppen' ift alfo dasfelbe, was die parallele
Nachfchrift .ftuppffeln' und .ftuppel' nennt. Die .Werke'
des Mönchslebens find diefe Stoppeln, die verbrennen
müffen.

An F'ehlern ift fonft noch zu notiren: 225, 39 1. quac
ft. qua; 177, 8 fihorutn ft. filorum; 296 Anm. 1 1. Z. 30
ft- 3i; 495 Z. 5 v.u. 11 571,25 ft. 571,26; 118,7 1. minime
(Mscr.: mic) ft. mina! (Zu einer Textcorrectur lag gar kein
Grund vor, ,mina' aber verdirbt den Gedanken: im Para-
diefe equus frenandüs esset minime: si vocasset(Adam)
equum, accessisset.) 185,28 ift durch den Punkt nach
filii dci der Satz zerriflen; das folgende somniarunt ift
ja das Prädicat zu Interprctes Z. 27. 575, 18 wird inter-
pungirt (von Og Deut, 3, 11 ift die Rede): ,9 eilen lang
und 4 eilen breyt, das Bett ipse fuit 8 eilen lang'.
Das Komma gehört doch wohl zwischen Bett und ipse!
321, 21 mufs doch wohl auferetur in auferretur verbeffcrt
werden. 413,13 1. Hic ft. Hoc. 575, 29 ift gedruckt: Non
debcrcl transferri sensus sed ,figmentumK Hier mufs
offenbar auch sensus in 'c gefetzt werden.

Pietfch hat mir aus Anlafs meiner Befprechung von
Bd. IX in diefer Zeitung 1894 S. 189 fr. wegen princi-
pieller Bedenken, die ich dort geäufsert habe gegen feine
Auffaffung der Aufgabe, die einer kritifchen Ausgabe
zufällt, das Epitheton ornans eines ,Meifter Klügel' angehängt
(S. V). Ich kann ihn an folchem Verfahren nicht
hindern; er weifs ja, dafs es mir fehr ernft um die Sache
zu thun ift; und ob ich dazu legitimirt bin, in Sachen
einer Lutherausgabe mitzureden, mögen Andere beur-
theilen. Ich freue mich aber, jeden, dem es um die
Lutherforfchung felbft zu thun ift, auf das gehaltvolle
Vorwort von Pietfch aufmerkfam zu machen, in dem . er
zum erften Male die Frage aufwirft, wie fich wohl Luther's
gefprochene Sprache (fein Kanzeldeutfch und feinHaus-
deutfch) zu feiner Schriftfprache verhielt S. XI ff. Er
bringt intereffantes Material herbei, aus dem fich gewiffe
Verfchiedenheiten beobachten laffen. — Dafs Knaake,
wie S. XVI mitgetheilt wird, den von ihm begonnenen
Bd. VII an Pred. E. Thiele abgegeben hat und aus Ge-
fundheitsrückfichten feine Mitarbeit nur noch auf die Bearbeitung
der Briefe befchränken will, wird man mit allgemeinem
Bedauern hören. Als neu gewonnene Mitarbeiter
werden Boffert, W. Walther, Enders, Lommatzfch
und Drews genannt.

Breslau. G. Kawerau.

Grünberg, Pfr. Lic Paul, Philipp Jakob Spener. 1. Bd. Die

Zeit, das Leben, die Theologie Speners. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht, 1893. (VIII, 532 S. gr. 8.)

M. 10. —; geb. M. II, 50

Dafs eine neue Spenerbiographie einem Bedürfnifs
entfpricht, bedarf kaum eines befonderen Nachweifes.
Denn einerfeits liegt Hofsbach's Werk, überdies durch
die perfönliche Stellung des Vermittlungstheologen ftark
bedingt, weit genug zurück, andererfeits haben gerade
neuere Forfchungen die Pflicht nahe gelegt, dem angeblichen
Vater des Pietismus eine gefonderte Betrachtung
und Darfteilung zu widmen. Denn Ritfchl's Thefe ,Spener
ift der Patron einer ihm heterogenen Geiftesbewegung
geworden' (Piet. II, 149) ift zwar nicht durchaus neu,
aber in diefer Beftimmtheit (vgl. S. 116. 120 f. 125. 144 f.
163. 183. 217) wohl früher nicht aufgeftellt worden. Wenn
Spener ,als Urheber des Pietismus felbft nicht Pietift
war' was ift er dann gewefen? Zur Antwort bieten fich,
wie mir fcheint, bei Ritfehl nur zwei Grenzlinien: .feiner
Abficht und Selbftbeurtheilung gemäfs ift Sp. nichts mehr
und nichts weniger als rechtgläubiger Lutheraner' (S. 102)
und ,der deutfche Piet. ift fchon in der Perfon Sp.'s
nur ein Glied jener Umftimmung zur Aufklärung' (S. 222
vgl. 116. 159 f. u. a.). Es frägt fich, ob im Schweben zwi-
fchen diefen beiden Polen, wobei das, was eigentlich
Pietismus zu nennen wäre, den bewegten Pendel darfteilen
würde, die Bedeutung und Eigenart des Mannes
richtig erfafst werden kann. Denn gerade wenn Spener
und der Pietismus irgendwie Verfchiedenes bedeuten,
wird man zum hiftorifchen Verftändnifs, trotz einer Bemerkung
von Troeltfch (Zt. f. Th. K. IV, 192) die gerade
Strafse, auf der die dem Chriftenthum immanenten aske-
tifchen Motive die Richtlinien bilden, verlaffen und
wieder auf .mühfeligen Umwegen' das Ziel zu erreichen
fuchen müffen. Grünberg hat in einer Vollftändigkeit
und Genauigkeit, die nicht genug gerühmt werden kann,
das Material aus Spener's Schriften vorgelegt. Eine runde
Beantwortung der aufgeworfenen Frage in feinem Sinne
hat freilich etwas Mifsliches. Denn der ausftehende II. Band
foll noch in einem vierten Buche .Spener als kirchlichen
Reformer' darftellen. Allein der fchon jetzt vorliegende
reiche Stoff genügt doch zum Eingehen auf diefelbe.

Diefer erfte Band zerfällt in drei Bücher: I. die Zeit
Sp.'s, II. das Leben Sp.'s, III. die Theologie Sp.'s. Nach
einer fehr vorfichtigen, durch die bewufste Betonung
relativer Mafsftäbe ausgezeichneten Darfteilung der Zu-
ftände in der deutfch-lutherifchen Kirche um ca. 1650
wendet fich Gr. in einem zweiten, umfangreichen Capitel
(S. 48—124) zu der Reaction, die fich gegen die herr-
fchende Richtung bildet. Er hält Heerfchau über vier
Gruppen: eine myftifche, praktifche, theologifche, endlich
eine Reaction der perfönlichen Frömmigkeit innerhalb
der Orthodoxie. Die Darftellung verläuft hier nicht zum
Vortheil bequemer Leetüre— Gr. ift fich deffen bewufst —
in einer langen Aufzählung fehr verfchiedenartiger Männer.
In gleicher Vollftändigkeit dürfte fich eine folche in
neueren Arbeiten nicht finden. Jedoch vermiffe ich erftens
eine genauere Scheidung der Geifter. In der erften
Gruppe treten Prätorius, Weigel, Böhme, Arnd — in diefer
Reihenfolge — als die leitenden Männer auf. Das wird
kaum chronologifch ganz richtig fein, fachlich aber gehören
Prätorius und Arnd ebenfo nahe zu einander,
wie fie Weigel und Böhme ferne flehen. Die nachfolgende
Ueberficht läfst nicht genau erkennen, in welchem ver-
fchiedenen Umfang fich der Einflufs jener und diefer
geltend gemacht hat. Für den Biographen aber galt es,
auch durch äufsere Markirung hervortreten zu laffen, wie
ungleich die Bedeutung gewefen ift, welche fie für Sp.
erlangt haben. In der nächften Gruppe kann ich mich
nicht dazu verliehen, unfere grofsen kirchlichen Liederdichter
Gerhardt, Rinkart u. A. der Ueberfchrift gemäfs
unter den Gefichtspunkt einer Reaction zu Hellen. Das