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Ausgabe:

1895 Nr. 2

Spalte:

590-592

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Sancti Apolloni Romani Acta Graeca, ex codice Parisino Graeco 1219 1895

Rezensent:

Harnack, Adolf

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589 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 25. -go

fragen, warum die Anfchauungen der Urgemeinde ] faffen und ihm nach franziscanifchem Mufter in Ent-
und der paulinifchen Literatur in fo ausgedehntem Um- j fagung und Gehorfam nachfolgen. Wie unzulänglich der

unferer Formel parallele johanneifche Satz von dem
Halten der Gebote Chrifti fei, wird daraus erfichtlich,
dafs die Ethik Jefu vielfach einen Geift athme, der
unferem Lebensideal feit der Reformation fremdartig
vorkomme. In zahlreichen brennenden Fragen unferer Zeit
können wir uns bei dem hiftorifchen Chriftus und in feinen
Worten keinen Auffchlufs holen. Man dürfe bei der

fange vorgeführt werden, da zuletzt doch nur ihre Un
brauchbarkeit für unfere Tage conftatirt werden mufs.
An und für fich gehören allerdings nach unferem Er-
meffen gerade diefe Ausführungen zu dem Werthvollften,
was das neue Werk bringt. Der urchriflliche und pauli-
nifche Realismus erhält hier eine angemeffene, von fyfte-
matifcher Uebertreibung freie Würdigung. Wir haben uns
aufrichtig gefreut, manche feit längerer Zeit uns feftftehende I Nachfolge nur an eine rein geiftige Beziehung zu
Erkenntnifse durch diefe neue Unterfuchung beftätigt zu Chriftus denken, wie auch fonft eine abwefende Perfön-

finden, und möchten nur wünfchen, dafs künftige Arbeiter
auf dem Gebiet der neuteftamentlichenTheologie an diefer
in den Grundlinien richtigen Zeichnung nicht ftillfchweigend

lichkeit, wenn wir fie uns lebendig vergegenwärtigen, eine
bedeutende Macht auf uns ausüben könne. Dies geiftige
Bild Chrifti fei einer Anpaffung für alle Zeiten der Weltvorübergingen
. Aber nur um fo mehr müffen wir es be- gefchichte fähig. Es gelte zuletzt nur den Schwerpunkt
dauern, dafs die betreffenden Abfchnitte in den vorliegen- t unferes Lebens nicht in uns felbft zu finden, fondern
den Rahmen eingefchoben worden find. In felbftändiger j eine andere Autorität in unfer Leben hinüberzunehmen
Schrift und weiterer Ausführung dargeboten, hätte die oder einer heteronomen Weltanfchauung zu huldigen,
theologifche Wiffenfchaft ihnen vielleicht mehr Beachtung Ift das der letzte Grund des Gedankens, fo erhebt fich

gefchenkt und gröfseren Gewinn daraus gezogen. Da j doch die Frage, ob die Maffe unferer Zeitgenoffen ein
aufserdem die erfte hiftorifche Hälfte des Werkes zwar | Bedürfnifs nach der befonderen chriftlichen Hülfslinie

empfinden wird. Hier (tofsen wir auf den inneren Wider-
fpruch, welcher dem Verfuch des Verfaffers anhaftet: einer-
feits ftellt er die energifche Forderung, der modernen Weltanfchauung
gerecht zu werden, den weiteften Kreifen entgegenzukommen
, und andererfeits fieht er fich doch ge-
nöthigt, in der chriftlichen Gemeinde feine Stellung zu
nehmen und ,von diefem Standpunkt aus unfere Lage in der
Welt anzufehen' (p. 126). Ich mufs befürchten, dafs bei

nur das gute exegetifche Recht der dogmatifchen An-
fchauung des Verfaffers begründen foll, aber viel über
diefen Zweck hinausgehendes Material herbeibringt, fo
kann man in der That fragen, ob die Verbindung der
beiden vorliegenden Theile eine glückliche Idee genannt
werden kann.

Mit feinem Zweck, eine wahrhaft zeitgemäfse Formel
für den chriftlichen Heilsftand aufzuftellen, nimmt es der

Verfaffer ernft und fchreckt auch nicht davor zurück, | unferen modernen Menfchen ein hohepriefterliches Amt
ihm altbewährte, als central erachtete Vorftellungen zum j Chrifti, [auch in dem Sinne, dafs Gott dem Menfchen
Opfer zu bringen. Er läfst fich von der richtigen Ein- j wegen feines Verhältnifses zu Chriftus Vertrauen fchenkt,]
ficht leiten, dafs die Entfcheidung im Mittelpunkt der I keinem Verftändnifs begegnen wird, weil fie bei ihrer
chriftlichen Lehre, in der Chriftologie fallen müffe. Nicht Vorftellung von Gott einer folchen Zwifcheninftanz nicht
nur hat er feine Formel fo gewählt, dafs fie eine be- j bedürfen, auch nicht auf Grund der Erwägungen p. 174.
ftimmte Werthung der Perfon Chrifti für die Menfchheit Und follte nicht in gewiffer Beziehung die übliche Zu-

fammenfaffung der chriftlichen Gedanken unter dem
Begriff des Reiches Gottes den Beftrebungen der heutigen
Zeit näher kommen? Mag auch die Nachfolge Chrifti
dem germanifchen Ideal von Freiheit oder Individualität
(vgl. p. 178) entfprechen, fie führt zunächft doch nur auf
den Einzelzweck und auf individuelles Chriftenthum hin.
Dem Gedanken der Weltherrfchaft Gottes, der zwar
femitifchen Urfprungs ift, dürfte vielleicht doch wegen
feiner eminenten gefellichaftlichen Bedeutung gerade
unfer vorherrfchend focial gerichtetes Gefchlecht noch
mehr Gefchmack abgewinnen. Mufs hiebei die urchrift-
liche Reichgottesidee eine Umbildung erfahren, fo hat
in der Beziehung die von Weifs empfohlene Faffung
von der Jüngerfchaft und der Nachfolge nichts voraus.
Im Uebrigen darf allerdings nicht überfehen werden,
dafs der Vorfchlag des Verfaffers in erfter Linie der
chriftlichen Predigt gilt. Hat diefelbe anerkanntermafsen
heute vornehmlich die Heiligung der Gemeindeglieder zu

einfchliefst, fondern er bemüht fich auch, diefelbe mit
älteren und neueren Vorftellungen diefer Perfon in Beziehung
zu fetzen. Zuerft wird die Nachfolge Chrifti an
dem dreifachen Amt Chrifti gemeffen und als die unumgängliche
Vorausfetzung für die Wirkungen feines hohen-
priefterlichen Amtes erkannt. Unter den neueren Ver-
fuchen, das Verhältnifs des Einzelnen zu Chriftus darzu-
ftellen, wird zuerft die Ritfchl'fche Auffaffung beleuchtet.
Darnach ruht das chriftliche Glaubensleben zwar auf
dem Eindrucke des gefchichtlichen Chriftusbildes, die
Wirkungen Chrifti feien aber meift nur, wie Ritfehl ein-
gefehen, mittelbare, durch die Gemeinde und das Werk
der Erziehung hindurchgehende. Anders flehe es z. Th.
in feiner Schule: fo bei Herrmann, welcher das Ueber-
wältigtwerden durch den gefchichtlichen Chriftus als den
normalen Weg bezeichne und damit die Pforte des Chri-
ftenthums fehr eng gemacht habe. Als ganz unpaffend
und unvereinbar mit dem heutigen Denken erfcheine es

aber auch, wenn man die Grundbedingung für echtes verfolgen, fo ift auch der Lieblingsgedanke des Verfaffers,
Chriftenleben in dem Verkehr mit dem erhöhten Chriftus : deffen praktifche Brauchbarkeit und Tragweite er felbft ins
finden wolle. Darum wird auch Kaftan's Stellung, bei hellfte Licht gefleht hat, von ganz hervorragendem Werth,
aller Achtuns für feine ernfte, fchriftgemäl'se, paulinifche In magnis voluissc sat est: in feiner Bearbeitung de

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Frömmigkeit, verworfen. Dem chriftlichen Alterthum
und insbefondere dem Paulinismus, mit feiner finnlich
realen Deutung der Glaubensvorgänge fei unfere moderne,
ftrenge Unterfcheidung zwifchen phyfifchem und geiftigem
Leben direct entgegengefetzt.

Die genannten Fehler will die Weifs'fche Formel von
der Nachfolge Chrifti vermeiden, indem fie der modernen Sancti Apollonii Romani Acta Graeca. ex codice Parisino
Pfychologie Rechnung trägt. Wie fie dem Fernftehenden Graeco 1219. (Excerptum ex Analectis Bollandianis,

fchwierigften Problems der heutigen Theologie kann fich
unfer Verfaffer noch eines Mehreren, nämlich eines ener-
gifchen, an Anregung reichen Verfuches rühmen.

Giefsen. Baldensperger.

am weiteften entgegenkomme, fo enthalte fie auch das
Minimum von Anforderungen, die man auch heute noch
an jeden Chriftfeinwollenden ftellen müffe. Sie ift nicht
gemeint als der Glaube an den erhöhten Chriftus, der

tom. XIV. p. 284—294.) Bruxelles, Typis Polleunis et
Ceuterick, 1895.

Wieder eine neue Entdeckung! Vor zwei Jahren

jetzt noch real mit feiner Gemeinde lebe, fie leite und 1 publicirte Conybeare {The Guardian, 18. Juni 1893) eine
zum Siege führe. Es foll auch nicht angehen, dafs wir englifche Ueberfetzung der armenifch erhaltenen und ge-
Chriftus als vergangene gefchichtliche Gröfse ins Auge 1 druckten Apollonius-Acten, die von dem Unterzeich-