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Ausgabe:

1895 Nr. 23

Spalte:

586-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Girdlestone, Rob. B.

Titel/Untertitel:

Deuterographs. Duplicate passages in the Old Testament, their bearing on the text and compilation of the Hebrew scriptures 1895

Rezensent:

Rahlfs, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 23.

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Dinge, auch von aufsen her, deutlicher überfchauen laffen
werden, die Sprachen genau verglichen und auf Ver-
wandtfchaft und Entlehnung hin geprüft find. Haben
wir einmal von den gefchichtlich zufammenhängenden
Völkercomplexen, den Ariern, Semiten u. f. w., fei's auf
Grund der Ueberlieferung oder der gefchichtlichen Ver-
gleichung, möglichft vollftändige und individuelle Bilder
ihres älteften hiftorifch erreichbaren Lebens; fo darf und
foll die völkerpfychologifche Speculation da einfetzen
und verfuchen, durch die Vergleichung der älteften
gefchichtlich gegebenen Völkerindividualitäten in das
darüber hinausliegende graue Alterthum einzudringen. 1
Zunächft liegt es uns aber vor Allem ob, dieVorftellungen
und Gebräuche, das individuelle Leben des arifchen
Volksftammes in feinem innern Zufammenhange zu er-
faffen, ohne Fremdartiges hineinzutragen.

In der Darftellung des Cultus hat der Herr Verf.
das arifche Cultrecht möglichft wenig herangezogen (vgl.
S. 461). Dadurch wird einerfeits der eigentlich religiös-
fittliche Hintergrund der alten .häuslichen' Riten nicht
recht fichtbar, die Ehe und Hausbegründung als Grundlage
von Cult und Cultrecht, die Stellung des Eheherrn
und der Ehefrau u. f. f., wie diefe fundamentalen Ordnungen
des alt-arifchen Lebens befonders von B. W. Leift,
über deffen tief greifende Unterfuchungen der Herr Verf.
(auf S. 464=) ein wenig leicht hinweggeht, dargelegt
worden find; u. A. tritt auch die Bedeutung des Herdfeuers
nicht fcharf genug heraus. Andrerfeits würde
bei ftärkerer Betonung des Cultrechtes die Eigenart
der arifchen Cultverhältnifse gegenüber unverwandten
Culten deutlicher zu Tage gekommen fein. Auf die
völkerpfychologifchen Speculationen über die Entftehung
der Ideen von Recht und Unrecht (S. 284), über die
Sündenfubftanz (S. 288) u. a. darf ich nicht näher eingehen
; doch wird noch ein kurzer Blick auf ein paar
ethnologifche Erklärungen indifchen Cultbrauches erlaubt
fein, die ich der Ueberficht auf der letzten Seite (597)
entnehme. Danach beruht das Upanayana, die Äuf-
nahmeceremonie des Brahmanenfchülers, auf der Pubertätsweihe
der Wilden. Die Ceremonie, bei welcher der I
junge Indier und Lanier mit der heiligen Schnur umgürtet
wird, bedeutet deren Aufnahme in die brahma-
nifche und mazdayasnifche Cult- und Volksgemeinde, j
Eine Aufnahmefeier des heranwachfenden Knaben in die I
Gemeinfchaft der Männer, zum Theil mit Umlegen des
Gürtels verbunden, wird von vielen .Naturvölkern' berichtet
; und wie beim indifchen Upanayana findet fich
bei den verfchiedenften Völkern auf diefen Act dieVor-
ftellung einer zweiten Geburt angewandt. Alfo ift die
indifch-iranifche Ceremonie unzweifelhaft, wie die Ethnologie
auch längft erkannt hat, nichts als eine befondere
Form der uralten Jünglingsweihe (S. 466). Im Sinne einer
einfachen Claffification liefse fich das zugeftehen; nur l
wäre der bedeutfame Zufatz ,uralt' zu ftreichen. Es
ift nicht gezeigt, ob und in welcher Form das Upanayana
ur-arifch fein möchte; noch ift das Alter oder der ge-
fchichtliche Zufammenhang der betreffenden Riten bei
den Naturvölkern aufgewiefen. Möglicher Fehlerquellen
giebt es bei folchen Schlüffen die Menge. — Eine andere
Erklärung führt das vedifche Opferfeuer auf das vorge-
fchichtliche Zauberfeuer zurück. Die Ethnologie lehrt
uns eine uralte Geftalt der religiöfen Riten kennen, in
welcher das Feuer noch nicht Opferfeuer war, fondern
nur erft als Zauberfeuer zur Verfcheuchung böfer Dämonen
diente; alle wichtigeren Acte werden in Gegenwart des |
Feuers vollzogen, doch gelangt die Opfergabe auf anderen
Wegen als durch das Feuer an den Gott oder Geift
(S. 336). Neben dem Zauberfeuer fcheint auch das Opferfeuer
in die arifche Zeit zurück zu gehen; im indo-iranifchen
Zeitalter ftand das Feuer im Mittelpunkt eines hoch entwickelten
Cultus, in welchem nicht nur durch das Feuer
den Göttern, fondern auch dem Feuer felbft geopfert '<
wurde (S. 102). So ift es fchwierig, im vedifchen Cultus i

das Zauberfeuer und das jüngere Opferfeuer auseinander
zu halten; doch erkennt der Herr Verf., auf Grund der
Verwendung des Zauberfeuers bei den ,Naturvölkern',
diefes in einer grofsen Anzahl auch folcher vedifcher
Obfervanzen, welche mit Darbringungen im Feuer verbunden
find, mit Sicherheit wieder. Nun zeigt die ge-
fchichtliche Vergleichung, dafs im Mittelpunkt des alt-
arifchen Haufes und der Hausfacra das Herdfeuer ftand;
und Alles fpricht mir dafür dafs das vedifche Opferfeuer
daher flammt (vgl. auch beim Herrn Verf. S. 130. 350).
Ein deutliches Ueberbleibfel des uralten Zufiandes findet
der Herr Verf. im Thieropfer (S. 341. 361). Nach Herodot
zünden die Perfer dabei kein Feuer an; das Fleifch wird
gekocht, auf hingebreitetes Gras gelegt, ein Magier fingt
den begleitenden Gefang, dann nimmt der Opferer das
Fleifch wieder weg. Das Ritual ift dem indifchen eng
verwandt, nur dafs die Indier ins Feuer opfern; bei den
Perfern hat fich der alte Ritus alfo klar erhalten, in
Indien erfcheint er modificirt. Doch brauchen wir den
Urfprung der iranifchen Abneigung, beim Thieropfer die
Darbringung im Feuer zu vollziehen, gegenüber dem
indifchen und griechifchen Cultbrauch nicht in altersgrauer
Zeit zu fuchen; fie erklärt fich ausreichend und
ohne Zwang aus der Beforgnifs des Mazdagläubigen, das
heilige Feuer zu beflecken. Weit eher würde fich das Zu-
fammentreffen des perfifchen Brauches mit der Opferungsweife
der .Naturvölker' dahin wenden laffen, dafs ähnliche
Bräuche aus recht verfchiedenen Vorftellungskreifen erwachten
können. —

Bis dahin habe ich befonders meine Bedenken gegen
die Anfchäuungen des Herrn Verf.'s über die Religion
des Veda und vor Allem über ihre Vorgefchichte begründen
müffen; des vielen Guten, der lebhaften Anregung,
die das Buch bringt, gebührend zu gedenken mangelt
jetzt der Raum. Es ift ein lebendiges und wohl abgerundetes
Bild von den vedifchen Göttern und Dämonen
und vom vielgeftaltigen Cultus mit feinen zahllofen minu-
tiöfen Obfervanzen, das uns hier gegeben wird; und nicht
allein die Ethnologie, fondern auch die jüngere Ueberlieferung
der Indier bis in die buddhiftifchen Schriften
hinein haben dem Herrn Verf. dazu dienen müffen die
Lücken im Bilde, oft recht glücklich, auszufüllen. Nicht
feiten habe ich's bedauert mich von dem ficheren Flufs
der Darftellung nicht blofs behaglich dahintragen laffen
zu dürfen, fondern dabei immer auch meffen und prüfen
zu follen, im Einzelnen wie im Ganzen; und wenn einmal
die moderne fpeculativ-ethnologifche Betrachtungsweife
, wie es ja zu erwarten ftand, in die altindifche
Religionsgefchichte einbrechen foll, fo dürfen wir's willkommen
heifsen dafs es durch einen Gelehrten gefchieht,
der das Werkzeug der indifchen Philologie zu handhaben
weifs; die fpeculative Behandlung indifcher Cultgefchichte
wird fo vielleicht langfamer, aber dafür um fo gründlicher
— wie ich glaube überwunden werden.

Giefsen. p. v. Bradke.

Girdlestone, hon. Canon Rob. B., M. A., Deuterographs.

Duplicate passages in the Old Testament, their bea-
ring on the text and compilation of the Hebrew scrip-
tures. Arranged and annotated by G. Oxford, at the
Clarendon Press, 1894. (XXXI, 172 S. gr. 8.) Geb.7s.6d.

Diefe Synopfe der im A. T. doppelt vorkommenden
Abfchnitte ift fchön und mit dem den Engländern eigenen
praktifchen Gefchick gedruckt, aber leider völlig unbrauchbar
, denn fie bietet nicht den hebräifchen Text,
fondern die englifche Ueberfetzung (Revised Version),
die der Verf. nur fehr flüchtig mit dem Urtexte, als deffen
Standard-Ausgabe ihm ,the 8vo Hebrew Bible of the
British and Foreign Bible Society' gilt (S. VI), verglichen
hat. So kommen einerfeits, wie natürlich, viele kleine