Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895

Spalte:

518-522

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäder, Erich

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung des lebendigen Christus für die Rechtfertigung nach Paulus 1895

Rezensent:

Deissmann, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

5i7

Theolögifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 20.

durchgeführt und das pharifäifche Princip .... mit
einer alle Seiten des religiöfen Lebens umfpannenden
Folgerichtigkeit zur vollen Geltung gebracht1 (S. 15).
Welche Punkte diefe Umgeflaltung umfafste, kann ich
nicht beffer referiren, als mit den eigenen Worten des
Verfaffers, welcher S. 206 f. feine Refultate folgender-
mafsen zufammenfafst:

/Wir erfahren, dafs die vornehme Priefterfchaft, die
fich feit ältefter Zeit um den Opferdienft nicht gekümmert
hatte und in den Tempel nur gekommen war,
um zu befehlen und fich die Einkünfte der gewöhnlichen
Priefter anzueignen, ihres Einfluffes auf das Opfer-
wefen völlig beraubt wurde und an ihre Stelle pharifäifch
denkende Priefter traten. Neue Tempelbeamte wurden
flatt ihrer gewählt und das Amt des Segan gefchaffen,
damit derfelbe die Opferhandlungen des Hohenpriebers,
die zur Ausführung fadducäifcher Auffaffungen Gelegenheit
boten, überwache; diefem flehen die Vertreter
des pharifäifch geftalteten Gerichtshofes, namentlich
R. Jochanan b. Sakkai zur Seite, mit der Aufgabe, es
ebenfalls zu verhindern, dafs der Hohepriefter im Tempel
fadducäifch handle. Alles, was die Sadducäer im Opfer-
dienfte bebritten hatten, wurde jetzt mit grofser Feierlichkeit
und grofsem Schaugepränge vollzogen, fo das
Schneiden des Omer, das Wafferopfer am Laubhütten-
fefte, die Zubereitung der Reinigungsafche und andere
mit. Während vor dem Siege der Pharifäer alles mit
den Opfern Zufammenhängende ausfchliefslich von
Prieftern beforgt werden durfte, weil diefe keinen Laien
zulaffen wollten, wurden jetzt zu allen Opferhandlungen,
die dem Nichtpriefter geblattet waren, abfichtlich Laien
berufen und diefe Handlungen, die den Sieg des Volkes
über die ausfchliefsende Priefterfchaft zum Ausdruck
brachten, wurden gleichfalls öffentlich in Begleitung
grofser Feftlichkeiten vollzogen. Die Sprache des Opfer-
dienftes wird flatt der aramäifchen die hebräifche und
die dienftthuende Priefterfchaft, da fie pharifäifch gefinnt
war, wird von den leitenden Gefetzeslehrern in ihre alten
Rechte, deren fie die Gewalt der vornehmen Prielter beraubt
hatte, eingefetzt und es werden nebft den bändigen
Beamten des Tempels Amarkole und Gisbare aus der
Mitte der jeweiligen Dienbabtheilung gewählt. Auch
die Leviten, die fowohl als Sänger, als auch als Tempelthorhüter
bis zur Bedeutungslosigkeit hinabgedrückt wurden
, werden ein wenig gehoben und gelangen in den
Befitz einiger Aemter im Heiligthume. Selbbverbändlich
werden diefe Umgebaltungen in allen Einzelheiten des
Tempelvvefens von den Vertretern der ausfchliefsenden
Prieberfchaft auf das Entfchiedenbe bekämpft, wie es
das Targum Pfeudo-Jonathan und das Jubiläenbuch, die
diefem Kreife entbammen, zeigen; die Stellung der niedrigen
Prieberfchaft zu der hochbehenden beleuchtet
auch die Affumptio Mofis, und einen intereffanten Beitrag
zur Gefchichte der vornehmen Prieber bietet auch
das Evangelium in den Weherufen über die Pharifäer.
Andere Erkenntnifse haben fich uns in Bezug auf die
Prieber in den judäifchen Landbädten ergeben, indem
wir ihre Wohnorte ausfindig machten und befonders die
einflufsreiche Stellung der vornehmen in Jericho beleuchteten
, andererfeits das Verhältnifs der gewöhnlichen zu
dem Landvolke, in deffen Mitte fie lebten, zu bebimmen
verfuchten'.

Wenn wir fragen, woher denn der Verfaffer weifs,
dafs alle diefe Umgebaltungen im Jahre 63, nach der
Willkurherrfchaft des Ananos, battgefunden haben, fo
verweib er uns S. 57 auf Gr ätz, Gefchichte III, 747
(4. Aufl.) und Monatsfchrift 1881, S. 56-62. Dort handelt
Grätz von dem jüngeren Ananos, welchen wir aus Jo-
fephus Antt. XX, 9, 1 kennen. Auf ihn bezieht er einige
Traditionen der Tofephtha (Joma I, 8; Para III, 8), wor-
nach ein namenlofer Boethofäer oder Sadducäer das
Entfetzen der Pharifäer dadurch erregt haben foll, dafs
er ein paarmal gewiffe Ritualien nicht der pharifäifchen

| Anfchauung entfprechend vollzog. Gefetzt nun, damit
wäre wirklich Ananos gemeint, woher wiffen wir denn,
dafs infolge deffen alle jene Umgebaltungen in der Or-
ganifation der Prieberfchaft und des Tempelcultus battgefunden
haben, welche der Verfaffer annimmt? Nach
einer befriedigenden Antwort hierauf fucht man vergebens
. Bei keinem der angeführten Punkte giebt es
einen ausreichenden Beweis dafür, dafs im J. 63 oder
überhaupt in diefer fpäteren Zeit die vom Verfaffer angenommene
tiefgreifende, einfchneidende Umgebaltung'
battgefunden hat. Das ganze farbenreiche Bild entbammt
von Anfang bis Ende der divinatorifchen Phantafie des
Verfaffers. So viel wir wiffen, haben feit den Zeiten der
Alexandra .tiefgreifende, einfchneidende' Wandlungen in
fraglicher Beziehung überhaupt nicht mehr battgefunden.
Damals fetzten die Pharifäer die Reception ihrer Theorien
durch, und es darf mit grofser Wahrfcheinlichkeit an-
, genommen werden, dafs es feitdem, alfo während der
I letzten 140 Jahre des Tempelbebandes in der Hauptfache
dabei geblieben ib. Seitdem wurde von den Sad-
ducäern ,fo zu fagen nichts gethan, weil fie fich in der
Praxis widerwillig nach den Meinungen der Pharifäer
richteten, da die Menge fie fonb nicht ertragen würde'
(Jofeph. Antt. XVIII, 1, 4).

Referent bedauert, über die ebenfo fleifsige wie gelehrte
Arbeit nicht günbiger urtheilen zu können. Wie
Werthvolles könnte der Verfaffer bei feinem umfaffenden
Wiffen leiben, wenn er es in den Dienb einer nüchternen,
wiffenfchaftlichen Methode bellen wollte! Aber dadurch,
dafs man ein Luftfchlofs auf das andere baut, kommen
wir in der Erkenntnifs der wirklichen Gefchichte nicht
weiter. — Nur nebenbei fei noch erwähnt, dafs nach
S. 80—88 die ganze Polemik Jefu wegen des verkehrten
gefetzlichen Wefens fich nicht gegen die Pharifäer,
fondern gegen die damals herrfchende Prieberfchaft
richtete.

Göttingen. E. Schürer.

Schäder, Privatdoc. Lic. E., Die Bedeutung des lebendigen
Christus für die Rechtfertigung nach Paulus. Gütersloh,
Bertelsmann, 1893. (VIII, 194 S. gr. 8.) M. 2. 40

Wenn das Chribenthum Jefu und der Apobel in erber
Linie Religion gewefen ib, fo darf billig die Frage erhoben
werden, weshalb man im wiffenfchaftlichen Sprachgebrauche
die Darbellung diefes Chribenthums .Neuteba-
mentliche Theologie' nenne. In diefer Bezeichnung liegt,
von anderen Fehlern abgefehen, der Irrthum, als gelte es,
die ältebe, .neutebamentliche' Phafe der chriblichen
Theologie darzubellen. Die Thatfache, dafs man im
neunzehnten Jahrhundert jene Disciplin nun einmal fo
nenne, ib fchwerlich imponirend genug, um über die
Unzulänglichkeit der Begriffsbebimmung hinwegtäufchen
zu können, E.s kommt hier auf eine fcharfe Definition
fahr viel an, vorausgefetzt, dafs man davon überzeugt
ib, Theologie und Religion feien verfchiedene Dinge.
Unter diefer Vorausfetzung kann jene Disciplin nur als
.neutebamentliche Religionsgefchichte' oder beffer
noch als .Religionsgefchichte des älteben Chribenthums'
| charakterifirt werden. Die Gefchichte des Chribenthums
I überhaupt ib, wie mir fcheint, viel zu wenig als Gefchichte
der chriblichen Religion behandelt worden, das heifst
einer eigenthümlichen Art der Frömmigkeit, des Glaubens,
des Hoffens, der Stellung zur Welt. Kirche, Dogma,
Theologie find als hiborifche Objecte ja gewifs greifbarer
, als die Religiofität; auch finden wir die Frömmigkeit
, foweit wir überhaupt Denkmäler derfelben befitzen,
häufig nur in einer Vermifchung mit fremdartigen Ele-
i menten, insbefondere mit dogmatifchen und theolo-
| gifchen, — aber der treibende Factor der inneren Ge-
| fchichte des Chribenthums ib doch bets die praktifche
| Religiofität gewefen und nicht die theolögifche Theorie